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Ein andermal flogen zwei Sturmschwalben ganz nah am Boot vorüber, so niedrig, dass ihre Füße die Wellen berührten. Auch sie schenkten uns keine Beachtung und ließen mich ebenso staunend zurück.

Schließlich erregten wir die Aufmerksamkeit eines Sturmtauchers. Er kreiste über uns und stieß dann hinab. Er steckte die Beine nach vorn, drehte die Flügel zum Landen und schwamm leicht wie ein Korken auf dem Wasser. Dabei musterte er mich mit neugierigen Blicken. Ich steckte rasch ein Stückchen Fisch als Köder auf einen Angelhaken und warf die Angelschnur in seine Richtung. Ich hatte keine Gewichte an der Schnur befestigt, und es war schwer, den Haken weit genug zu werfen. Beim dritten Versuch schwamm der Vogel zu dem sinkenden Köder und tauchte den Kopf ins Wasser, um danach zu schnappen. Mein Herz hämmerte vor Erregung. Ich wartete einige Sekunden, bevor ich an der Schnur zog. Doch als ich es tat, antwortete der Vogel nur mit einem Kreischen und würgte den Köder wieder heraus. Und noch ehe ich einen neuen Versuch unternehmen konnte, breitete er die Schwingen aus und erhob sich in die Lüfte. Mit zwei, drei Flügelschlägen nahm er seine Reise wieder auf.

Mehr Glück hatte ich mit einem Tölpel. Er tauchte wie aus dem Nichts plötzlich auf, schwebte auf uns zu, mit einer Flügelspannweite von gut einem Meter, und landete auf dem Bootsrand - so nah, dass ich ihn mit Händen greifen konnte. Seine runden Augen musterten mich mit verblüfftem, ernsthaftem Blick. Er war ein großer Vogel mit schneeweißem Gefieder, nur die Flügel hatten pechschwarze Spitzen und Ränder. An dem großen, runden Kopf saß ein extrem spitzer, orangegelber Schnabel, und mit den roten Augen hinter der schwarzen Maske sah er aus wie ein Dieb nach einer langen Nacht. Nur die zu groß geratenen Schwimmfüße passten nicht recht zu seiner Erscheinung. Der Vogel zeigte überhaupt keine Scheu. Minutenlang zupfte er mit dem Schnabel an seinen Federn, sodass man die weichen Daunen darunter sehen konnte. Als er damit fertig war, hob er den Kopf und sah wieder aus wie neu: ein elegantes aerodynamisches Luftschiff. Als ich ihm ein Stückchen Doradenfleisch hinhielt, pickte er es mir aus der Hand, und sein Schnabel berührte meine Handfläche.

Ich brach ihm das Genick, indem ich seinen Kopf wie einen Hebel nach hinten bog: Mit einer Hand drückte ich den Schnabel nach oben, die andere umschloss den Hals. Die Federn saßen so fest, dass sich beim Versuch, sie herauszuziehen, die Haut mit ablöste - ich rupfte den Vogel nicht, ich riss ihn in Stücke. Er war ohnehin sehr leicht, ein Körper ohne Gewicht. Also nahm ich das Messer und häutete ihn. Trotz seiner Größe hatte er enttäuschend wenig Fleisch, nur ein bisschen an der Brust. Es war zäher als das Fleisch der Doraden, aber ich fand, dass es kaum anders schmeckte. Im Magen des Vogels fand ich außer dem Stückchen Dorade, das ich ihm gerade gegeben hatte, drei kleine Fische. Nachdem ich die Verdauungssäfte abgespült hatte, aß ich sie. Ich aß Herz, Leber und Lungen des Vogels. Ich spülte seine Augen und Zunge mit einem Schluck Wasser hinunter. Ich zertrümmerte den Kopf und löste das kleine Gehirn heraus. Ich aß die Schwimmhäute an seinen Füßen. Der Rest war nichts als Haut, Knochen und Federn. Ich warf ihn über den Rand der Plane hinunter zu Richard Parker, der die Ankunft des Vogels nicht bemerkt hatte. Eine orangefarbene Pranke griff danach.

Tage später wirbelten immer noch Federn und Daunen aus Richard Parkers Unterschlupf und wurden aufs Meer hinaus getragen. Wenn sie im Wasser landeten, schnappten die Fische danach.

Ein Vogel, der Land verkündet hätte, kam nie.

Kapitel 85

Einmal gab es ein Gewitter. Der Himmel war am helllichten Tag so schwarz wie sonst in der Nacht. Es goss in Strömen. Von ferne hörte ich Donner. Ich dachte, dabei würde es auch bleiben. Dann aber frischte der Wind auf und peitschte den Regen kreuz und quer. Gleich darauf fuhr ein grellweißer Keil vom Himmel herab und bohrte sich in das Wasser. Er schlug in einiger Entfernung ein, doch der Effekt war deutlich zu sehen. Eine Art weißes Wurzelwerk durchzog das Wasser; für kurze Zeit ragte ein riesiger Himmelsbaum aus dem Ozean. Das hatte ich nie für möglich gehalten: ein Blitzeinschlag im Meer. Der nachfolgende Donner war gewaltig. Der Blitz unvorstellbar hell.

Ich drehte mich zu Richard Parker um und sagte: »Sieh nur, Richard Parker, ein Blitz.« Es war deutlich genug, was er davon hielt. Er lag mit ausgestreckten Beinen flach auf dem Boden und zitterte.

Auf mich hatte das Ereignis genau die gegenteilige Wirkung. Es war etwas, das mich aus meinem eng begrenzten Dasein riss und in einen Zustand verzückten Staunens versetzte.

Plötzlich schlug ein Blitz unmittelbar neben uns ein. Vielleicht war er für uns bestimmt: Wir hatten gerade eine Welle überwunden und waren wieder auf dem Weg nach unten, als der Wellenkamm getroffen wurde. Es war wie eine Explosion, eine Wolke von heißer Luft und heißem Wasser. Zwei, vielleicht drei Sekunden lang tanzte ein riesengroßer, leuchtender Splitter von einer zerborstenen kosmischen Fensterscheibe am Himmel, körperlos und doch überwältigend kraftvoll. Zehntausend Trompeter und zwanzigtausend Trommler hätten nicht einen solchen Lärm machen können wie dieser Blitzschlag; er klang noch lange in den Ohren nach. Die See war gleißend hell, und sämtliche Farben verschwanden. Es gab nur noch schneeweißes Licht oder pechschwarzen Schatten. Das Licht strahlte die Dinge nicht an, es durchdrang sie. Ebenso schnell wie er aufgetaucht war, verschwand der Blitz - die heiße Gischt schwebte noch in der Luft, da war bereits alles vorbei. Die getroffene Welle hatte wieder die alte Farbe und setzte ihre Reise fort, als sei nichts geschehen.

Ich saß wie gelähmt, gebannt vom Donnerschlag. Aber Angst hatte ich keine.

»Lob und Preis sei Allah, dem Herrn aller Weltenbewohner, dem gnädigen Allerbarmer, der da herrscht am Tag des Gerichts!«, murmelte ich. Und Richard Parker rief ich zu: »Fürchte dich nicht! Es ist ein Wunder. Ein Zeichen Gottes. Es ist ... es ist ...« Ich fand keine Worte, es zu beschreiben, dieses gewaltige, phantastische Etwas. Ich war atemlos und sprachlos. Ich lehnte mich zurück auf die Plane, die Arme und Beine gespreizt. Der Regen war eiskalt. Doch ich lächelte. Um Haaresbreite war ich dem tödlichen Stromschlag, den schwersten Verbrennungen entgangen, aber es war einer der wenigen Momente meiner langen Reise, in denen ich wirklich glücklich war.

In solchen Augenblicken des Wunders ergeben sich die großen, weltumspannenden Gedanken ganz von selbst, Gedanken, die den Donnerschlag und das Wimmern einschließen, das Große und das Kleine, Nah und Fern.

Kapitel 86

»Richard Parker, ein Schiff!«

Einmal hatte ich das Vergnügen und konnte das tatsächlich rufen. Ich war überwältigt vor Glück. Aller Schmerz, alle Enttäuschung waren wie weggeblasen, jede Faser in mir jubilierte.

»Wir haben es geschafft! Wir sind gerettet! Hörst du, was ich sage, Richard Parker? WIR SIND GERETTET! Ha, ha, ha, ha!«

Ich versuchte meine Aufregung im Zaum zu halten. Was, wenn das Schiff so weit ab blieb, dass niemand uns sah? Ob ich eine Signalrakete schießen sollte? Unsinn!

»Sie kommen zu uns her, Richard Parker! O Gott Ganesha, ich danke dir! Gesegnet seist du in all deinen Erscheinungen, Allah-Brahman!«

Unmöglich, dass sie uns übersahen. Konnte es ein größeres Glück geben als das Glück der Errettung aus der Not? Die Antwort - das versichere ich - lautet Nein. Ich stellte mich aufrecht hin, das erste Mal seit langem, dass ich mir die Mühe machte.

»Ist das zu glauben, Richard Parker? Menschen, Essen, ein Bett. Wir kehren ins Leben zurück. Welche Glückseligkeit!«

Das Schiff kam immer näher. Allem Anschein nach war es ein Öltanker. Man konnte schon den Bug sehen. Der Retter kam in Schwarz, mit weißen Zierlinien.