»Und was, wenn ...?«
Ich wagte nicht, es zu sagen. Aber gab es denn nicht vielleicht doch Hoffnung, dass Vater und Mutter und Ravi noch am Leben waren? Die Tsimtsum hatte doch schließlich mehr als nur das eine Rettungsboot gehabt. Vielleicht waren sie schon vor Wochen in Kanada angekommen und warteten sehnlich auf ein Lebenszeichen von mir. Vielleicht war ich das einzige Schiffbruchsopfer, dessen Schicksal ungewiss war.
»Gott, was ist so ein Öltanker groß!«
Es war ein ganzer Berg, der da auf uns zukam.
»Vielleicht sind sie schon alle in Winnipeg. Ich bin gespannt, wie unser neues Haus aussieht. Was meinst du, Richard Parker, haben die Häuser in Kanada Innenhöfe, so wie die alten tamilischen Häuser? Wahrscheinlich nicht. Im Winter würden sie bis obenhin zuschneien. Schade. Nichts auf der Welt ist so friedlich wie ein Innenhof an einem sonnigen Tag. Was wohl in Manitoba für Gewürze wachsen?«
Das Schiff war jetzt schon sehr nahe. Es wurde Zeit, dass sie die Maschinen stoppten oder den Kurs änderten.
»Was würde wachsen, so hoch im Norden ...? Liebe Güte!«
Entsetzt begriff ich, dass der Tanker sich uns nicht nur näherte, sondern direkt Kurs auf uns hielt. Die gewaltige Stahlwand des Bugs wurde von Sekunde zu Sekunde größer. Eine mächtige Bugwelle lief unerbittlich auf uns zu. Auch Richard Parker bemerkte nun das Monstrum, das uns niederwalzen würde. Er drehte sich zu ihm hin und stieß ein »Wuff! Wuff!« aus - aber keinen Hunde-, sondern einen Tigerlaut: mächtig, angsteinflößend, der Gefährlichkeit unserer Lage rundum angemessen.
»Richard Parker, sie werden uns rammen! Was sollen wir machen? Schnell, eine Rakete, schnell! Nein! Lieber rudern. Einhaken... los! UMPF! UMPF! UMPF! UMPF! UMPF! UM —«
Die Bugwelle erfasste uns. Richard Parker duckte sich, jedes einzelne Haar aufgerichtet. Das Boot hüpfte über die Welle, und der Bug des Tankers ging keinen halben Meter an uns vorbei.
Der Schiffsrumpf glitt vorüber, und es kam mir wie eine ganze Meile vor, eine ganze Meile hoher, schwarzer Wand wie in einer Schlucht, eine Meile Burgmauer mit nicht einem einzigen Wachposten, der uns bemerkt hätte, wie wir aus dem Graben riefen. Ich zündete eine Signalrakete, aber sie war schlecht gezielt. Statt dass sie hinauf zur Brücke schoss und direkt vor der Nase des Kapitäns explodierte, prallte sie von der Schiffswand ab und ging geradewegs in den Pazifik, wo sie mit einem Puffen verlosch. Ich blies meine Pfeife mit aller Macht. Ich brüllte mir die Lunge aus dem Leib. Aber es war alles vergebens.
Mit gewaltig rumpelnden Maschinen, mit dem wütenden Brodeln der Schrauben unter Wasser, stampfte das Schiff an uns vorbei, und das Rettungsboot hüpfte und tanzte im schäumenden Kielwasser. Nach so vielen Wochen, in denen ich nur Naturlaute gehört hatte, war der Maschinenlärm fremd und angsteinflößend, so bedrohlich, dass es mir die Sprache verschlug.
Es dauerte keine zwanzig Minuten, und ein Schiff von dreihunderttausend Tonnen war zum Fleck am Horizont geschrumpft. Als ich mich wieder dem Boot zuwandte, sah Richard Parker ihm noch immer nach. Doch nach ein paar Sekunden wandte auch er sich ab, und für einen kurzen Augenblick trafen sich unsere Blicke. In meinen Augen stand Sehnsucht, Schmerz, Verzweiflung, Einsamkeit geschrieben. Er wusste nur, dass etwas Bedeutendes, Bedrückendes geschehen war, etwas, das über seinen Verstand ging. Dass es die knapp verfehlte Rettung war, verstand er nicht. Er wusste nur, dass das Alphatier, dieser merkwürdige, unberechenbare Tiger, sehr aufgeregt gewesen war. Er ließ sich zu seinem nächsten Nickerchen nieder. Das Einzige, was er zu dem Vorfall zu sagen hatte, war ein halbherziges Miau.
»Ich liebe dich!« Die Worte brachen aus mir heraus, ungeschminkt, ungehindert, grenzenlos. Das Gefühl wallte in mir auf. »Wahrlich, das tue ich. Ich liebe dich, Richard Parker. Wärst du in diesem Augenblick nicht hier, ich wüsste nicht, was ich tun würde. Ich glaube nicht, dass ich weiterkönnte. Nein, mit Sicherheit nicht. Die Hoffnungslosigkeit wäre mein Tod. Gib nicht auf, Richard Parker, gib nicht auf. Ich bringe dich an Land, das verspreche ich! Das verspreche ich.«
Kapitel 87
Zu meinen liebsten Zerstreuungen zählte eine Art milder Erstickungszustand. Dazu nahm ich ein Stück Stoff, das ich aus den Überresten einer Decke herausgeschnitten hatte. Ich nannte es mein Traumtuch. Ich befeuchtete es mit Meerwasser, bis es gut durchnässt war, aber nicht tropfte. Ich legte mich bequem auf die Plane, bedeckte mein Gesicht mit dem Traumtuch und drückte es an, bis es saß wie eine Maske. Danach fiel ich in eine Art Dämmerzustand - kein großes Kunststück für jemanden in einem so fortgeschrittenen Stadium der Lethargie. Aber das Traumtuch verlieh diesem Dämmerzustand eine ganz besondere Qualität. Es lag wohl daran, dass es die Sauerstoffzufuhr drosselte. Jedenfalls verhalf es mir zu wahrhaft außergewöhnlichen Träumen, Trancezuständen, Visionen, Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen. Und die Zeit verging wie im Flug. Wenn ein Zucken oder ein zu tiefer Atemzug mich störte und das Tuch herunterrutschen ließ, kam ich wieder zu mir, glücklich, dass so viel Zeit vergangen war. Ein Beweis dafür war die Trockenheit des Tuches. Aber mehr noch das Gefühl, dass sich etwas verändert hatte, dass der gegenwärtige Augenblick anders war als der gegenwärtige Augenblick zuvor.
Kapitel 88
Einmal schwamm Müll vorbei. Erste Anzeichen waren schillernde Öllachen auf dem Wasser. Wenig später kamen Haus- und Industrieabfälle: überwiegend Kunststoffmüll in den unterschiedlichsten Formen und Farben, aber auch Holz, Bierdosen, Weinflaschen, Stoffreste, Seilstücke, alles umgeben von einem gelblichen Schaumkranz. Wir steuerten mitten hinein. Ich wollte nachsehen, ob etwas Nützliches dabei war, und fischte eine leere Weinflasche mit Korken heraus. Das Rettungsboot stieß gegen einen Kühlschrank, der seinen Motor verloren hatte. Er dümpelte mit der Tür nach oben im Wasser. Ich streckte die Hand aus, packte den Griff und öffnete die Tür. Der Gestank, der mir entgegenschlug, war so ekelerregend, dass ich das Gefühl hatte, selbst die Luft hätte sich davon verfärbt. Ich hielt mir die Hand vor den Mund und sah hinein. Der Kühlschrank war innen voller Schimmelflecke und brauner Flüssigkeit und enthielt neben allerlei verfaultem Gemüse und verdorbener Milch, die schon zu einer grünen, gallertartigen Masse geronnen war, vier Teile eines Tierkadavers in einem so fortgeschrittenen Stadium der Verwesung, dass ich nicht mehr sagen konnte, was es war. Der Größe nach zu urteilen war es wohl ein Lamm gewesen. In der abgeschlossenen, feuchten Atmosphäre des Kühlschranks hatte der Gestank in aller Ruhe reifen können und war so widerlich und beißend, dass er meine Sinne mit einer aufgestauten Wut attackierte, von der mir schwindelte; der Magen drehte sich mir um und meine Knie wurden weich. Zum Glück füllte die See den übelriechenden Hohlraum bald aus, und das ganze Ding verschwand unter der Wasseroberfläche. An der Lücke, die der versunkene Kühlschrank hinterließ, schwamm schon bald anderer Unrat.
Wir ließen den Müll hinter uns. Ich konnte ihn noch lange riechen, wenn der Wind aus dieser Richtung wehte. Die See brauchte einen ganzen Tag, um die ölverschmierten Seiten des Rettungsboots wieder reinzuwaschen.
Ich steckte eine Botschaft in die Flasche: »Japanischer Frachter Tsimtsum unter Panamaflagge, gesunken 2.Juli 1977, Pazifik, vier Tagesreisen von Manila. Sitze im Rettungsboot. Name Pi Patel. Habe etwas Nahrung, etwas Wasser, aber bengalischer Tiger ein ernstes Problem. Bitte Familie in Winnipeg, Kanada, benachrichtigen. Hilfe sehr erwünscht. Danke.« Ich verschloss die Flasche mit dem Korken und zog ein Stück Plastik darüber, das ich mit Nylonschnur am Flaschenhals befestigte. Dann schleuderte ich die Flasche ins Wasser.