Ich kam zu dem traurigen Schluss, dass ich nicht mehr in der Lage war, für Richard Parker zu sorgen. Als Zoowärter hatte ich versagt. Dass er sterben sollte, machte mir mehr aus als mein eigener nahender Tod. Aber ich musste es einsehen, dass ich, mutlos und krank wie ich war, nichts mehr für ihn tun konnte.
Meine Kräfte nahmen rapide ab. Ich spürte, wie die Schwäche des Todes in mich hineinkroch. Den Nachmittag würde ich nicht überleben. Ich beschloss, dass ich mir den Abschied ein wenig leichter machen und wenigstens den quälenden Durst lindern würde, mit dem ich so lange gelebt hatte. Ich goss so viel Wasser in mich hinein, wie ich schlucken konnte. Hätte ich doch nur einen allerletzten Bissen zu essen gehabt. Aber das sollte wohl nicht sein. Ich lehnte mich an das zusammengerollte Ende der Plane. Ich schloss die Lider und wartete auf meinen letzten Seufzer. »Leb wohl, Richard Parker«, murmelte ich. »Verzeih mir, dass ich dich verlasse. Ich habe getan, was ich konnte. Behüt dich Gott. Vater, Mutter, Ravi, seid mir gegrüßt. Euer liebender Sohn und Bruder kehrt zu euch heim. Keine Stunde ist vergangen, in der ich nicht an euch gedacht hätte. Der Augenblick, in dem ich euch wiedersehe, wird der glücklichste meines Lebens sein. Und nun lege ich alles in die Hände Gottes, der Liebe ist und den ich liebe.«
Ich hörte eine Stimme sagen: »Ist da jemand?«
Es ist erstaunlich, was man alles hört, allein in der Finsternis eines sterbenden Verstands. Ein Geräusch ohne Form oder Farbe hört sich merkwürdig an. Blinde hören anders als Sehende.
Die Stimme fragte noch einmaclass="underline" »Ist da jemand?«
Ich kam zu dem Schluss, dass ich den Verstand verloren hatte. Traurig, aber es konnte nicht anders sein. Das Elend wünscht sich einen Gefährten, und der Wahnsinn ruft ihn herbei.
»Ist da jemand?«, fragte die Stimme zum dritten Mal, nun schon strenger.
Verblüffend, wie klar mein Verstand im Delirium war. Die Stimme hatte ein ganz eigenes Timbre, einen schweren, müden, schleppenden Klang. Ich ging auf sie ein.
»Natürlich ist da jemand. Jemand ist immer da. Woher sollte denn sonst die Frage kommen?«
»Ich hatte gehofft, dass da vielleicht noch jemand ist.«
»Was soll das heißen, noch jemand? Begreifst du eigentlich, wo du hier bist? Wenn dir diese Frucht deiner Phantasie nicht schmeckt, dann pflück dir eben eine andere. Die sind hier so reichlich wie dein Entbehren.«
Hmmm. Entbehren? Erdbeeren. Das wäre jetzt genau das Richtige.
»Da ist also niemand?«
»Pssst ... ich träume von Erdbeeren.«
»Erdbeeren! Hast du etwa welche? Bitte, kann ich eine haben? Ich flehe dich an. Oder ein Stückchen. Ich bin fast verhungert.«
»Und ob ich welche habe. Es könnte ein Erdbeben geben von so viel Erdbeeren.«
»Ein Erdbeben von Erdbeeren! Bitte, kann ich welche haben? Mein Entbehren ...«
Die Stimme, oder was es sonst als Täuschung von Wind und Wellen sein mochte, verklang.
»Dicke, runde, saftige, duftende Erdbeeren«, fuhr ich fort. »Ich habe sie direkt hier vor meinem Mund, so schwer hängen sie an ihren Stängeln. Die ganze Pflanze liegt am Boden, so schwer lasten sie auf ihr. Da sind bestimmt dreihundert Erdbeeren in meinem Beet.«
Schweigen.
Die Stimme kehrte zurück. »Lass uns über Essen reden ...«
»Das ist eine gute Idee.«
»Was würdest du gern essen, wenn du haben könntest, was du willst?«
»Ausgezeichnete Frage. Ich würde mir ein riesiges Büfett aufbauen. Anfangen würde ich mit Reis und Sambar. Es gäbe Reis mit Kichererbsen und Pulau-Reis und -«
»Ich hätte gern -«
»Ich bin noch nicht fertig. Zu meinem Reis gäbe es einen würzigen Tamarindensambar und einen Frühlingszwiebelsambar und -«
»Noch mehr?«
»Wart's nur ab. Ich würde noch Sagu mit gemischten Gemüsen nehmen und Gemüsekorma und Kartoffelmasala und Weißkohlvadai und Masala Dosai und scharfen Linsenrasam und -«
»Ah ja.«
»Warte. Und Porial mit gefüllten Auberginen und Kokosnuss-Jamswurzel-Kootu und Idlireis und Dani Vadai und Gemüsebhaji und -«
»Das hört sich —«
»Und Chutneys, habe ich das schon gesagt? Kokosnusschutney und Minzchutney und eingelegte Paprika und eingelegte Stachelbeeren, alles natürlich mit Nans, Papadams, Parathas und Puris serviert, wie es sich gehört.«
»Hört sich —«
»Die Salate! Mango- und Okrasalat und frischer Gurkensalat. Und als Nachtisch Mandelhalva und Bananenhalva und gezuckerte Pfannkuchen. Und Erdnusstoffee und Kokosnussburfi und Vanilleeis mit dicker, heißer Schokoladensoße.«
»Sonst noch etwas?«
»Abschließen würde ich den Imbiss mit einem Zehnliterglas frischen, sauberen, kühlen Wassers mit Eisstückchen drin und einer Tasse Kaffee.«
»Hört sich wunderbar an.«
»Allerdings.«
»Was ist ein Kokosnuss-Jamswurzel-Kootu?«
»Das ist das Paradies auf Erden. Man braucht Jamswurzeln dazu, Kokosraspeln, grüne Bananen, Chilipulver, zerstoßenen schwarzen Pfeffer, Kurkuma, Kreuzkümmel, Senfkörner und ein wenig Kokosnussöl. Man röstet die Kokosraspeln, bis sie goldbraun sind —«
»Darf ich etwas vorschlagen?«
»Was?«
»Wie wäre es statt Kokosnuss-Jamswurzel-Kootu mit gekochter Ochsenzunge in Senfsoße?«
»Hört sich nicht vegetarisch an.«
»Alles andere als das. Als zweiten Gang Kutteln.«
»Kutteln? Zuerst isst du die Zunge des armen Tiers und dann auch noch seine Innereien?«
»Und ob! Ich träume von tripes ä la mode de Caen - warm - mit Kalbsmilch.«
»Kalbsmilch? Schon besser. Was ist Kalbsmilch?«
»Kalbsmilch wird aus der Bauchspeicheldrüse des Kalbs gemacht.«
»Der Bauchspeicheldrüse!«
»Geschmort mit Champignonsoße - eine Delikatesse.«
Woher kamen diese ekelerregenden, gotteslästerlichen Vorschläge? War ich wirklich mittlerweile so verroht, dass ich davon träumte, mich an einer Kuh und ihrem Kalb zu vergreifen? Was waren das für entsetzliche Abwege, auf die ich da geraten war? War das Rettungsboot zurück in den Müllhaufen gedriftet?
»Und die nächste Beleidigung?«
»Kalbshirn mit brauner Butter.«
»Aha, noch mehr vom Kopf?«
»Hirnsoufflé!«
»Mir wird schlecht. Gibt es überhaupt etwas, was du nicht essen würdest?
»Ach, was gäbe ich für Ochsenschwanzsuppe. Für Spanferkel, gefüllt mit Reis, Würsten, Aprikosen und Rosinen. Für Kalbsnierchen in einer Soße aus Butter, Senf und Salbei. Für mariniertes Kaninchen, in Rotwein gedünstet. Für gebratene Hühnerleber. Für Leberpastete mit Kalbfleisch. Für Froschschenkel. Gebt mir Froschschenkel, gebt mir Froschschenkel!«
»Jetzt aber genug!«
Die Stimme schwand. Ich bebte am ganzen Leib vor Ekel. Ein irrsinniger Verstand, das mochte angehen, aber es war wirklich nicht fair, dass er einem auch noch auf den Magen schlug.
Mit einem Mal begriff ich, was vorging.
»Würdest du dein Rindfleisch auch roh essen?«, fragte ich.
»Aber natürlich! Ein blutiges Steak, was gibt es Besseres?«
»Würdest du das geronnene Blut eines toten Schweins essen?«
»Jederzeit, mit Apfelmus!«
»Würdest du alles von einem Tier essen, auch das letzte Fitzelchen?«
»Schweinskopfsülze! Davon hätte ich jetzt gern einen Riesenteller!«
»Und eine Karotte? Wie wäre es mit einer einfachen rohen Karotte?«
Keine Antwort.
»Hast du gehört? Würdest du auch eine Karotte essen?«
»Ich habe dich gehört. Um ehrlich zu sein, wenn ich die Wahl hätte, lieber nicht. So etwas ist nicht mein Fall. Ich finde sogar, es schmeckt grässlich.«