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Ich lachte. Jetzt wusste ich es. Ich hörte keine Geisterstimmen. Ich war nicht verrückt geworden. Das war Richard Parker, der da mit mir sprach! Der alte Räuber. Die ganze Zeit hatten wir zusammengesessen, und erst jetzt, in unserer Todesstunde, machte er den Mund auf. Ich war begeistert, dass ich mich mit einem Tiger unterhalten konnte. Mit einem Mal war ich schrecklich neugierig, die Art von Neugier, mit der Verehrer den Filmstars das Leben schwer machen.

»Sag mal, hast du schon einmal einen Menschen umgebracht?«

Ich konnte es mir nicht vorstellen. Menschenfresser unter den Tieren sind genauso rar wie Mörder unter den Menschen, und Richard Parker war ja schon als Baby in den Zoo gekommen. Aber war es nicht denkbar, dass seine Mutter, bevor sie Durstig in die Falle ging, einen Menschen getötet hatte?

»Was ist denn das für eine Frage?«, protestierte Richard Parker.

»Liegt doch nahe.«

»Tatsächlich?«

»Ja.«

»Warum?«

»Es wird euch nachgesagt.«

»Uns?«

»Ja natürlich. Wusstest du das nicht?«

»Nein.«

»Dann lass es dir gesagt sein. Ihr geltet als Menschenfresser. Also, hast du schon einmal einen umgebracht?«

Schweigen.

»Antworte.«

»Ja.«

»Oh! Da läuft es mir kalt den Rücken herunter. Wie viele?«

»Zwei.«

»Du hast zwei Menschen getötet?«

»Einen Mann und eine Frau.«

»Zusammen?«

»Nein. Zuerst den Mann, dann die Frau.«

»Du Untier! Und wahrscheinlich hat es dir auch noch Spaß gemacht. Du fandest es lustig, wie sie schrien und strampelten.«

»Eigentlich nicht.«

»Und wie schmeckten sie?«

»Wie sie schmeckten?«

»Ja. Nun tu doch nicht so. Schmecken sie gut?«

»Nein, überhaupt nicht.«

»Dachte ich mir schon. Ich habe mir erzählen lassen, dass ihr sie nur mit Widerwillen fresst. Und warum hast du sie dann umgebracht?«

»Aus Not.«

»Die Not eines Untiers. Und tut es dir jetzt Leid?«

»Entweder sie oder ich.«

»Das nenne ich Not in all ihrer amoralischen Schlichtheit. Aber heute, tut es dir da Leid?«

»Es war ein Impuls. Die Umstände.«

»Instinkt nennt man das. Aber die Frage bleibt: Tut es dir heute Leid?«

»Ich denke nicht daran.«

»Du bist wirklich ein Tier, weißt du das?«

»Und du, was bist du?«

»Ich bin ein Mensch, darauf bestehe ich.«

»Was für ein Hochmut.«

»Die reine Wahrheit.«

»Und du bist also einer von denen, die den ersten Stein werfen.«

»Hast du mal Oothappam probiert?«

»Nein, aber erzähl mir davon. Oothappam, was ist das?«

»Oh, das schmeckt wunderbar.«

»Hört sich gut an. Erzähl mehr.«

»Oothappam wird aus übrig gebliebenem Teig gemacht, aber ich kann mir kein Resteessen vorstellen, das besser schmeckt.«

»Ich spüre es schon auf der Zunge.«

Ich schlief ein. Oder besser gesagt, ich verfiel in das Delirium des Todes.

Aber etwas beschäftigte mich. Ich wusste nicht was, aber ein quälender Gedanke störte mich beim Sterben.

Ich kam wieder zu mir. Jetzt wusste ich, was es war.

»Sag mal.«

»Ja?«, fragte Richard Parkers Stimme schwach.

»Wieso sprichst du mit diesem Akzent?«

»Tue ich überhaupt nicht. Du sprichst mit Akzent.«

»Stimmt nicht. Aber du, du kannst kein h sprechen. Du hast eben 'ochmut statt Hochmut gesagt.«

»Ich sage 'ochmut, wie es sich gehört. Du, du sprichst, als 'ättest du Murmeln verschluckt. Du 'ast einen indischen accent.«

»Und du sprichst, als wären die Wörter aus Holz und du wolltest sie zersägen. Du sprichst wie ein Franzose.«

Ich verstand überhaupt nichts mehr. Richard Parker stammte aus Bangladesh und war in Tamil Nadu aufgewachsen. Woher hätte er denn da einen französischen Akzent haben sollen? Zugegeben, Pondicherry war ja einmal eine französische Kolonie gewesen, aber das konnte mir nun wirklich keiner weismachen, dass unsere Zootiere bei der Alliance Française an der rue Dumas ein- und ausgegangen waren.

Verblüffend. Meine Sinne versanken wieder im Nebel.

Mit einem Mal war ich hellwach, erschrocken. Da war jemand dort draußen! Diese Stimme, die ich da hörte, das war kein Wind mit Akzent und auch kein Tier, das plötzlich sprach. Da war jemand! Mein Herz raste wie wild, versuchte ein letztes Mal, noch Blut durch den fast zerfallenen Körper zu pumpen. Noch einmal bäumte mein Verstand sich auf und versuchte zu begreifen.

»Wohl nur ein Echo, mehr nicht«, hauchte die Stimme, kaum noch zu hören.

»Warte«, rief ich, »hier bin ich!«

»Ein Echo, nichts als Flausen ...«

»Nein, ich bin hier draußen!«

»Nach wie vor bin ich allein.«

»Nein, wir sind zu zwein!«

»Was bleibt, ist immer nur der Tod.«

»Hier drüben bin ich, hier im Boot!«

Die Stimme verlor sich.

Ich stieß einen Schrei aus.

Er schrie zurück.

Es war zu viel. Ich verlor den Verstand.

Dann kam mir ein Gedanke.

»ICH HEISSE«, brüllte ich mit letzten Kräften hinaus aufs Meer, »PISCINE MOLITOR PATEL.« Das würde ihm klarmachen, dass ich kein Echo war. »Hörst du mich? Ich bin Piscine Molitor Patel, genannt Pi Patel!«

»Was? Ist da jemand?«

»Ja, hier draußen!«

»Was! Ist das denn die Möglichkeit! Bitte, hast du etwas zu essen? Ganz egal was. Ich habe überhaupt nichts mehr. Schon seit Tagen habe ich nichts mehr gegessen. Ich muss etwas essen. Alles, was du entbehren kannst, ganz egal was. Ich flehe dich an.«

»Aber ich habe auch nichts mehr«, antwortete ich verzweifelt. »Ich habe auch schon seit Tagen nichts mehr gegessen. Ich hatte gehofft, dass du vielleicht etwas hast. Hast du Wasser? Ich habe kaum noch etwas.«

»Nein, ich habe nichts mehr. Und du hast überhaupt nichts zu essen? Keinen Bissen?«

»Nichts.«

Es folgte Schweigen, ein bedrückendes Schweigen.

»Wo bist du?«, fragte ich.

»Hier drüben«, antwortete er schlaff.

»Wo drüben? Ich kann dich nicht sehen.«

»Wieso kannst du mich nicht sehen?«

»Ich bin blind geworden.«

»Was!«, rief er.

»Ich bin blind. Um mich ist nur noch Dunkel. Ich spüre meine Lider, aber ich sehe nichts. Seit zwei Tagen, wenn die Haut zum Zeitmessen taugt. Sie sagt mir ja nur, ob die Sonne scheint oder nicht.«

Ich hörte ein entsetzliches Heulen.

»Was ist?«, fragte ich. »Was hast du, mein Freund?«

Noch einmal stieß er sein Heulen aus.

»Antworte mir, bitte. Was ist? Ich bin blind, wir haben keine Nahrung und kein Wasser, aber wir haben einander. Das ist doch auch etwas. Ein Geschenk. Was fehlt dir, mein Bruder?«

»Auch ich bin blind!«

»Was?«

»Auch ich spüre, wie du sagst, meine Lider und sehe nichts.«

Wieder kam der Klagelaut. Ich war fassungslos. Ich hatte einen zweiten blinden Schiffbrüchigen in einem zweiten Rettungsboot gefunden, mitten auf dem Pazifik!

»Aber wieso bist du blind geworden?«, murmelte ich.

»Vermutlich aus dem gleichen Grund wie du. Zu wenig Hygiene, zu viele Entbehrungen.«

Das war für uns beide zu viel. Er heulte, ich schluchzte. Es war nicht mehr auszuhalten, wir waren endgültig am Ende.

»Lass mich eine Geschichte erzählen«, sagte ich nach einer Weile.

»Eine Geschichte?«

»Ja.«

»Was soll ich denn mit einer Geschichte? Ich will essen.«

»Es ist eine Geschichte über Essen.«

»Worte haben keinen Nährwert.«

»Suche deine Nahrung, wo du sie finden kannst.«