Doch bei dem Anblick, der sich mir bot, wünschte ich fast, ich wäre blind geblieben. Der zerfleischte, verstümmelte Leib lag am Boden des Bootes. Richard Parker hatte sich ausgiebig darüber hergemacht, auch über das Gesicht, und so erfuhr ich nie, wer mein Bruder gewesen war. Die gebrochenen Rippen sahen aus wie die Spanten eines Schiffs, und der blutlose, entsetzlich zugerichtete Torso kam mir wie ein Modell unseres Rettungsboots vor.
Ich will gestehen, dass ich einen seiner Arme mit dem Fischhaken angelte und das Fleisch als Köder verwendete. Und ich will auch gestehen, dass ich in meiner entsetzlichen Not und dem Wahnsinn, in den sie mich trieb, etwas von seinem Fleisch aß. Kleine Stückchen wohlgemerkt, schmale Streifen, die ich eigentlich auf den Fischhaken spießen wollte und die, nachdem sie in der Sonne getrocknet waren, aussahen wie gewöhnliches Tierfleisch. Sie rutschten mir beinahe unbemerkt in den Mund. Die Not war erbarmungslos, und er war schließlich schon tot. Ich aß nichts mehr von ihm, als ich wieder Fisch hatte.
Ich bete jeden Tag für seine Seele.
Kapitel 92
Ich machte eine bemerkenswerte botanische Entdeckung. Viele werden der folgenden Episode keinen Glauben schenken. Ich erzähle sie trotzdem, weil sie Teil meiner Geschichte ist und sich tatsächlich so zugetragen hat.
Ich lag auf der Seite. Es war ein oder zwei Stunden nach Mittag an einem ruhigen, sonnigen Tag, und es wehte eine sanfte Brise. Ich hatte ein Weilchen geschlafen - ein leichter Schlaf, der mir weder Erquickung noch Träume bescherte. Ich drehte mich auf die andere Seite, vorsichtig, damit es so wenig Energie wie möglich kostete. Dann schlug ich die Augen auf.
Nicht weit von uns sah ich Bäume. Ich reagierte nicht. Ich war sicher, dass es eine Illusion war, die nach ein paar Lidschlägen verschwinden würde.
Die Bäume verschwanden nicht. Im Gegenteiclass="underline" es wurde ein ganzer Wald daraus. Sie standen auf einer flachen Insel. Ich richtete mich auf. Noch immer traute ich meinen Augen nicht. Doch es war aufregend-eine Sinnestäuschung von solcher Perfektion. Die Bäume waren wunderschön. Ich hatte solche Bäume noch nie gesehen. Ihre Rinde war blass, die gleichmäßig verteilten Äste mit erstaunlich dichtem Laub besetzt. Das Laub war leuchtend grün, ein so intensives Smaragdgrün, dass selbst das Grün der Monsunmonate im Vergleich matt und bräunlich schien.
Ich blinzelte mit den Augen und rechnete damit, dass mein Lidschlag die Bäume zu Fall bringen würde. Aber sie fielen nicht.
Ich ließ den Blick nach unten schweifen. Was ich sah, bestätigte mir meine Erwartung, enttäuschte mich aber auch. Die Insel hatte keinen Grund. Nicht dass die Bäume im Wasser gestanden hätten. Sie wuchsen anscheinend auf einem undurchdringlichen Geflecht von Pflanzen, die ebenso leuchtend grün waren wie das Laub. Wer hatte je von einem Land ohne Erdboden gehört? Wo Bäume auf anderen Pflanzen wuchsen? Ich war erleichtert, denn das bestätigte meine Überzeugung, dass diese Insel nur eine Chimäre sein konnte, ein reines Hirngespinst. Zugleich aber war ich enttäuscht, denn eine Insel, jede noch so merkwürdige Insel, wäre mir hochwillkommen gewesen.
Da die Bäume blieben, blieb auch mein Blick. Nach so viel Blau war der Anblick von etwas Grünem wie Musik für meine Augen. Grün ist eine wunderbare Farbe. Die Farbe des Islam. Meine Lieblingsfarbe.
Eine sanfte Strömung trug das Rettungsboot näher an die Illusion heran. Von einem Strand konnte nicht die Rede sein, denn es gab weder Sand noch Kiesel und auch keine Brandung, weil die Wellen, sobald sie auf die Insel trafen, einfach in der porösen Oberfläche versickerten. Von einer rund dreihundert Meter landeinwärts gelegenen Anhöhe fiel das Land zum Meer hin und bis etwa vierzig Meter über den Uferstreifen hinaus sanft ab, danach ging es steil hinab in die Tiefen des Pazifiks; es musste der kleinste Kontinentalsockel der Welt sein.
Allmählich gewöhnte ich mich an die Sinnestäuschung. Ich stellte sie nicht auf die Probe, denn ich wollte sie nicht vertreiben, und als das Rettungsboot sanft an die Insel stieß, regte ich mich nicht und träumte einfach weiter. Das Material, aus dem die Insel bestand, war offenbar ein dichtes Knäuel aus röhrenförmigem Seetang, im Durchmesser gut zwei Finger dick. Was für eine verrückte Insel, dachte ich.
Nach einigen Minuten kroch ich auf die Seite des Bootes. »Halten Sie Ausschau nach allem, was grün ist«, riet das Überlebenshandbuch. Nun, grün war diese Insel allerdings. Ein wahres Chlorophyllparadies. Ein Grün, das intensiver leuchtete als Lebensmittelfarben und Leuchtreklamen. Ein Grün, das trunken machte. »Letztlich kann nur der Fuß beurteilen, ob Sie auf festem Boden stehen«, fuhr das Handbuch fort. Wenn ich den Fuß ausstreckte, konnte ich die Insel berühren. Probieren - und enttäuscht werden - oder nicht probieren, das war die Frage.
Ich entschied mich für das Probieren. Ich vergewisserte mich, dass keine Haie in der Nähe waren. Ich drehte mich auf den Bauch, hielt mich an der Plane fest und streckte langsam ein Bein nach unten. Mein Fuß tauchte ins Wasser. Es war angenehm kühl. Die Insel lag nur ein klein wenig tiefer und schimmerte im Wasser. Ich streckte mich. Ich rechnete damit, dass die Illusion jeden Augenblick zerplatzen würde wie eine Seifenblase.
Aber das tat sie nicht. Mein Fuß tauchte ins klare Wasser und traf auf federnden, doch festen Grund. Ich verlagerte mehr Gewicht auf den Fuß. Die Illusion verschwand noch immer nicht. Jetzt stellte ich mich ganz darauf. Und sank nach wie vor nicht ein. Ich konnte es nicht glauben.
Am Ende war es doch nicht der Fuß, sondern die Nase, die entschied, dass ich Land gefunden hatte. Üppig und frisch und überwältigend eroberte er meine Geruchsnerven: der Duft der Vegetation. Ich sog ihn tief ein. Nach Monaten, in denen alles, was meine Nase zu riechen bekam, nach Salzwasser gerochen hatte, war der organische Geruch von grünen Pflanzen geradezu betörend. Nun war ich überzeugt, und das Einzige, was ins Schwimmen geriet, war mein Verstand; meine Gedanken wurden immer wirrer. Das Bein zitterte.
»Mein Gott! Mein Gott!«, stöhnte ich.
Ich fiel über Bord.
Der doppelte Schock von festem Untergrund und kühlem Wasser brachte mich genügend zur Besinnung, dass ich mich auf die Insel schleppen konnte. Ich stammelte noch ein paar unzusammenhängende Worte als Dank an Gott, dann sank ich zusammen.
Aber ich konnte nicht ruhig liegen bleiben. Dazu war ich zu aufgeregt. Ich mühte mich, wieder auf die Beine zu kommen. Alles Blut strömte aus meinem Kopf. Der Boden unter mir schwankte heftig. Die Welt verschwamm mir vor den Augen. Ich dachte, ich würde ohnmächtig. Ich atmete tief durch. Zu mehr als Keuchen schien ich nicht fähig. Immerhin konnte ich mich wieder aufsetzen.
»Land, Richard Parker!«, rief ich. »Land! Wir sind gerettet!«
Der Pflanzengeruch war außerordentlich stark. Und das Grün hatte etwas so Frisches, Beruhigendes, dass es war, als strömten Trost und Stärke im wahrsten Sinne des Wortes durch meine Augen in mich ein.
Was war dieses merkwürdige Röhren-Seegras mit seinen endlosen Windungen? Konnte man es essen? Es schien eher eine Art Alge, aber weitaus kräftiger als die Algen, die man sonst im Meer findet. Wenn man es anfasste, fühlte es sich feucht und frisch an. Ich zog daran. Ranken ließen sich ohne allzu große Mühe abbrechen. Sie bestanden aus zwei konzentrischen Röhren: der feuchten, ein wenig rauen und so betörend grünen äußeren Hülle und einer zweiten etwa auf halbem Wege zwischen Außenwand und Mittelpunkt. Da die innere weiß war, war deutlich zu sehen, wo die eine Röhre endete und die andere begann; die Intensität des Grüns der äußeren Röhre nahm nach innen hin ab. Ich roch an einem Stück Alge. Es roch angenehm nach Gemüse, aber einen besonderen Geruch hatte es nicht. Ich leckte daran. Mein Puls schlug schneller. Süßwasser tropfte heraus.