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Koslow brach in Tränen aus. „Tarassow“ war ein Verteilungsheini, aus dem der Weg direkt ins „Kloster“ führte. „Die allgemeine Versammlung ist geschlossen“, erklärte Vikniksor. Die Jungen trotteten aus dem Eßraum.

Nur Zigeuner blieb sitzen. Er hatte das Gesicht in den Armen vergraben und schluchzte.

Mehrere Tage später fand die „erste Entlassung“ statt. Sie verlief ohne jedes Gepränge. Beim Mittagessen hielt Vikniksor den Entlassenen eine versöhnliche Abschiedsrede. Sie hatten sich mit dem Verlassen der Schule abgefunden: Kutscher, weil er es gewohnt war, von Heim zu Heim zu wandern; Ustinowitsch, der den Spitznamen Ochse hatte, aus angeborener Kaltblütigkeit und der Gewissenlose, weil er sich über die Versetzung ins landwirtschaftliche Technikum sogar ein wenig freute, denn er liebte das Landleben. Nur Zigeuners Gesicht hellte sich bis zum Schluß nicht mehr auf. Er schüttete zwar niemandem sein Herz aus, aber die Jungen hörten ihn in den letzten Nächten häufig weinen. Nach dem Mittagessen verabschiedeten sich die Entlassenen von ihren Kameraden und den Propheten. Dann ging es zum Baltischen Bahnhof. Jankel, Ljonka, Japs und Dse begleiteten sie. Sie gingen die AltPetershofer Chaussee hinunter, bogen in die Straße am Obwodny-Kanal ein. Die vier Reisenden trugen „Entlassungssachen“, die sie von der Abteilung Volksbildung bekommen hatten — Tuchmantel, Hose und Jacke — und schleppten Säcke mit Wäsche und ihren sonstigen ärmlichen Habseligkeiten auf der Schulter. Zigeuner marschierte als letzter, von seinen Klassenkameraden umringt.

„Na, Zigeuner, hast du keine Lust wegzugehen?“ fragte Jankel. Zigeuner antwortete nicht gleich.

„Ich türme!“ rief er dann dumpf. „Ehrenwort, ich türme. Ich hält's nicht aus.“

„Laß das, Zigeuner“, sagte Japs herzlich. „Du gewöhnst dich ein. Schreib uns oft, wir schreiben dir auch. Natürlich macht der Abschied keinen Spaß, wir waren doch schließlich drei Jahre zusammen, aber…“

Japs stockte. Ein Kloß saß ihm in der Kehle. Jeder versuchte Zigeuner zu trösten, so gut er nur konnte. Auf dem Bahnhof wurden die Entlassenen von Kostalmed, der gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt war, erwartet. Er brachte sie zu ihren Plätzen, händigte ihnen die Fahrkarten ein und ging zur Schule zurück, nachdem er sich verabschiedet hatte.

Bis zum Abfahrtssignal saßen die Jungen bei den Entlassenen im Abteil. Zigeuner kamen wieder die Tränen. Auch Jankel und Ljonka weinten.

„Glückliche Reise!“ rief Jankel und rannte auf den Bahnsteig hinaus. „Schreibt bald!“

„Glückliche Reise!“ wiederholten die übrigen.

Der Zug fuhr ab. Schweigend saßen die Verjagten da. Sie wußten nicht, worüber sie reden sollten. Der Vergangenheit zu gedenken war schrecklich und schmerzhaft, und das Neue lag noch vor ihnen. Im Abteil war es schwül. Es roch nach Stearinkerzen und Mottenpulver. Die Räder ratterten, am Fenster glitten Birken vorbei. Sie sahen wie Menschen aus — wie junge, übermütige Mädchen in weißen Spitzenkleidern.

SPALTUNG IM ZK

Filmträume * Eine prinzipielle Frage * Der Rauchkonflikt * Der „Tag“ * Sein oder Nichtsein * Spaltung im ZK * Der Kampf um die Massen * Waffenstillstand.

Eine Stunde nach Mitternacht. Von den Anstrengungen des Tages erschöpft, liegen die Schkider in tiefem, gesundem Schlaf. Im Raum ist es still. Ruhig atmen die Schläfer. Der leichte Nachtwind bringt durch das offene Fenster einen frischen Hauch herein. Nur Ljonka und Jankel sind noch wach. Verträumt sehen sie in die Nacht hinaus und unterhalten sich flüsternd. Die Blutsbrüder mögen noch nicht schlafen. Ihre Betten stehen dicht am Fenster, und die Luft kühlt den erhitzten Körper. „Was für'n Wetter!“ seufzt Jankel. „Ja, schön“, antwortet Ljonka. Jankel kratzt sich schweigend den Kopf.

„Ach, Ljonka“, fängt er plötzlich an. „Ob ich es dir sage? Ich hab' mir was ausgedacht.“

„Was denn?“

„Du darfst mich aber nicht auslachen.“

„Warum sollte ich?“ Ljonka ist empört. „Wir sind doch Blutsbrüder.“

„Stimmt. Beinahe richtige Brüder.“

„Na?“

„Was heißt 'na'?“

„Was hast du dir ausgedacht?“

„Weißt du, ich hab' einen Traum…“ Jankel blickt entrückt auf das Stückchen Himmel hinter dem Fensterkreuz. „Ich will Filmschauspieler werden, Mann.“

Ljonka fährt zusammen und hebt hastig den Kopf vom Kissen. „Du auch?“

„Wieso?“

„Das willst du auch werden?“ „Du etwa ebenfalls?“ staunt Jankel.

„Ja“, bekennt Ljonka verlegen. „Aber Regisseur, nicht Schauspieler.

Das hab' ich einmal in Menselinsk probiert, aber es war 'n Reinfall — ich hab' keine richtige Diktion.“

„Und ich? Hab' ich eine richtige?“ erkundigt sich Jankel, der von Wesen und Wirkung des Begriffes „Diktion“ nur eine reichlich dunkle Vorstellung hat.

„Du ja“, erklärt Ljonka. „Du sprichst alle Buchstaben richtig aus. Ich nicht.“ Trotz der Dunkelheit ist zu erkennen, daß er errötet. Jankel hat Mitleid mit ihm.

„Macht nichts“, sagt er, um den Blutsbruder zu trösten. Nach kurzer Pause fügt er großzügig hinzu: „Dafür kann ich nicht malen. Ich bin farbenblind.“

Das ist noch schlimmer als die Sache mit der Diktion. Ljonka ist erschüttert. Er überlegt.

„Bist du kurzsichtig?“ fragt er dann.

„Nein, ich kann nur nicht unterscheiden, was rot und was grün ist. Aber weißt du, ich freue mich wirklich, daß wir beide den gleichen Berufswunsch haben.“

„Natürlich!“ stimmt Ljonka zu. „Zu Zweit kommen wir schneller ans Ziel. Ich hab' nämlich schon lange den Entschluß gefaßt, gleich nach meiner Entlassung nach Odessa zum Filmstudio zu gehen. Sie sollen mich da wenigstens als Lehrling einstellen. Dann kann ich Regisseur lernen.“

„Nimmst du mich mit?“

„Wohin?“

„Nach Odessa.“

„Klar. Ich nehme dich nicht nur nach Odessa mit, ich geb' dir auch die Hauptrolle.“

„Was für Filme willst du denn machen?“

„Darüber zerbrechen wir uns noch den Kopf. Revolutionsfilme selbstverständlich.“

„Wie die 'Roten Teufel'?“ „Sicher! Sogar noch bessere.“ Jankel ist Feuer und Flamme. „Weißt du, das ist gar nicht schwierig. Mit dem Entlassungsschein der Schkid fahren wir sofort nach Süden. Großartiger Gedanke!.. Sonne… Palmen… Weintrauben… und das Schwarze Meer… Ein prima Leben werden wir führen, Ljonka, was?“

Jankel ist bisher noch nicht weiter aus Petrograd herausgekommen als bis Ligow und Petershof. Er macht sich deshalb recht rosige Vorstellungen von einer Reise in den Süden. Der lebenserfahrene Ljonka dämpft seinen Eifer.

„Und das Geld?“ fragt er mit ironischem Lächeln. „Was für Geld?“

„Ja, wovon sollen wir denn leben? Und auch die Reise kostet einen Haufen Geld. Als Schwarzfahrer wollen wir doch nicht reisen.“

„Ist das so schwierig?“

„Mir langt's.“ Ljonkas Gesicht verdüstert sich.

Tief beeindruckt von den gewichtigen Argumenten seines Blutsbruders, starrt Jankel nachdenklich in den blauen Nachthimmel Petrograds. „Ich hab's!“ ruft er plötzlich vergnügt. „Wir müssen das Geld zusammensparen.“

„Vielen Dank! Ich bin Ihnen außerordentlich verbunden. Eine sehr geistreiche Idee.“

„Natürlich, was denn sonst! Mit dem Sparen fangen wir gleich jetzt, in diesem Augenblick, an. Paß auf, dann haben wir bei unserer Entlassung eine anständige Summe zusammen.“

Jankel springt aus dem Bett, nimmt seine Hose vom Schemel und wühlt sachlich in den Taschen. Dann fördert er zwei Geldscheine zutage und zeigt sie dem Blutsbruder.

„Da. Vom Wort zur Tat. Dies ist mein erster Sparbeitrag. Zwei 'Eier'. Wenn du auch welche hast, dann zahl sie in die gemeinsame Kasse.“ Ljonka zahlt drei Millionen Rubel in die gemeinsame Kasse. „Der Grundstein ist gelegt“, erklärt Jankel feierlich und steckt die fünf Millionen Rubel in eine zerschrammte Streichholzschachtel. Um der noch größeren Feierlichkeit willen bestätigen die Blutsbrüder ihre Abmachung mit einem kräftigen Händedruck. Lange tuscheln sie noch in der Stille, lange bleiben sie noch wach, um alles zu besprechen, um Pläne zu schmieden und von der Zukunft zu träumen. Zuweilen wird ihre Unterhaltung von Hundegebell unterbrochen, vom Pfiff eines Milizionärs oder vom Grölen eines Trunkenboldes, der sich im Rausch hierher verirrt hat.