Wyzer schüttelte den Kopf, und als das Auto den Highway erreicht hatte, fuhr es sofort auf die Überholspur. Ralph streckte rasch die Hand aus und nahm eine Kurskorrektur vor, wobei er sich daran erinnerte, daß Joe in letzter Zeit wahrscheinlich auch nicht viel Schlaf bekommen hatte. Glücklicherweise war der Highway zumindest so weit von der Stadt entfernt weitgehend verlassen. Das ersparte ihm immerhin eine Angst, und davon hatte er heute weiß Gott schon genug gehabt.
»Wir sind alle durch den Plan zusammengebunden«, sagte Dorrance unvermittelt. »Das ist Ka-tet, was bedeutet eines aus vielen. So, wie viele Reime ein einziges Gedicht bilden. Verstanden?«
»Nein.« Ralph und Lois und Joe sagten es gleichzeitig, ein perfekter Chor, und dann lachten sie nervös. Die drei Schlaflosen der Apokalypse, dachte Ralph. Gott steh uns bei.
»Schon gut«, sagte Dor mit seinem breiten Grinsen. »Glaubt es mir einfach. Du und Lois… Helen und ihre kleine Tochter… Bill… Faye Chapin… Trigger Vachon… ich! Alle Teil des Plans.«
»Das ist schön, Dor«, sagte Lois, »aber wohin bringt uns der Plan jetzt? Und was sollen wir tun, wenn wir dort sind?«
Dorrance beugte sich nach vorne und flüsterte Joe Wyzer etwas ins Ohr, wobei er den Mund mit einer knotigen Hand voller Altersflecke abschirmte. Dann lehnte er sich wieder zurück und schien ungeheuer zufrieden mit sich selbst zu sein.
»Er sagt, wir fahren zum Bürgerzentrum«, sagte Joe.
»Zum Bürgerzentrum!« rief Lois erschrocken aus. »Nein, das kann nicht richtig sein! Die beiden kleinen Männer haben gesagt -«
»Vergiß sie vorerst mal«, sagte Dorrance. »Vergiß nur nicht, worum es geht - Mut. Wer ihn hat, und wer nicht.«
Fast eine Meile herrschte Schweigen in Joe Wyzers Ford. Dorrance schlug sein Buch mit Gedichten von Robert Creeley auf und fing an zu lesen, wobei er die Zeilen mit dem gelben Nagel eines Fingers nachfuhr. Ralph mußte an ein Spiel denken, das sie manchmal als Kinder gespielt hatten - kein besonders schönes. Es hieß Schnepfenjagd. Man nahm sich Kinder, die jünger und wesentlich leichtgläubiger als man selbst waren, tischte ihnen ein Lügenmärchen über die sagenhafte Schnepfe auf, und dann gab man ihnen Jutesäcke und ließ sie einen ganzen Nachmittag unter Mühen und Plagen durch Wald und Flur ziehen, um nach nicht existierenden Vögeln Ausschau zu halten. Dieses Spiel nannte man auch »Such die Wildgans«, und er hatte plötzlich das unausweichliche Gefühl, daß Klotho und Lachesis es auf dem Dach des Krankenhauses mit ihnen gespielt hatten.
Er drehte sich auf dem Sitz herum und sah den alten Dor direkt an. Dorrance knickte die obere Ecke der Seite um, die er gerade las, und betrachtete Ralph mit höflichem Interesse.
»Sie haben uns gesagt, wir sollten nicht mal in die Nähe von Ed Deepneau oder Doc Nr. 3 kommen«, sagte Ralph. Er sagte es langsam und sehr deutlich. »Sie haben uns unmißverständlich klargemacht, daß wir nicht einmal daran denken sollten, weil die die beiden in dieser Situation mit außergewöhnlichen Kräften versehen worden seien und wir zerquetscht würden wie die Fliegen. Ich glaube, Lachesis hat sogar angedeutet, wenn wir versuchen würden, uns Ed oder Atropos zu nähern, würden wir vielleicht Besuch von einem der Bosse der höheren Ebenen bekommen… jemand, den Ed den Scharlachroten König nennt. Nach allem, was man so hört, nicht unbedingt ein netter Kerl.«
»Ja«, sagte Lois mit schwacher Stimme. »Das haben sie uns auf dem Dach des Krankenhauses gesagt. Sie haben gesagt, wir sollten statt dessen nach High Ridge. Um die verantwortliche Frau davon zu überzeugen, daß sie die Veranstaltung mit Susan Day absagt.«
»Und ist Ihnen das gelungen?« fragte Wyzer.
»Selbstverständlich nicht! Eds verrückte Freunde sind vor uns dort gewesen, haben das Haus angezündet und mindestens zwei Frauen ermordet. Erschossen. Ich glaube, eine war genau die Frau, mit der wir reden sollten.«
»Gretchen Tillbury«, sagte Ralph.
»Ja«, stimmte Lois zu. »Aber wir müssen ganz bestimmt nichts mehr tun - ich kann mir nicht vorstellen, daß die Veranstaltung stattfinden wird. Ich meine, wie könnten sie das jetzt noch tun? Mein Gott, mindestens vier Menschen wurden getötet! Sie müssen die Rede absagen oder verschieben. Ist es nicht so?«
Weder Dorrance noch Joe antworteten. Ralph antwortete auch nicht - er mußte an Helens blutunterlaufene, wütende Augen denken. Wie kannst du das fragen? hatte sie gesagt. Wenn sie uns jetzt aufhalten, haben sie gewonnen.
Wenn sie uns jetzt aufhalten, haben sie gewonnen.
Gab es eine rechtliche Möglichkeit, daß die Polizei es ihnen verbieten konnte? Wahrscheinlich nicht. Der Stadtrat? Vielleicht. Vielleicht konnten sie eine Sondersitzung einberufen und die Genehmigung widerrufen, die sie Woman-Care erteilt hatten. Aber würden sie das tun? Wenn zwei-oder dreitausend erboste, trauernde Frauen vor dem Rathaus auf und ab marschierten und unisono brüllten: Wenn sie uns jetzt aufhalten haben sie gewonnen, würde der Stadtrat es dann wagen, die Genehmigung zu widerrufen?
Ralph spürte, wie allmählich eine tiefe Niedergeschlagenheit von ihm Besitz ergriff.
Helen hielt die Veranstaltung heute abend eindeutig für wichtiger denn je, und damit stand sie sicher nicht allein. Es ging nicht mehr nur um freie Entscheidung und wer das Recht hatte, zu bestimmen, was eine Frau mit ihrem eigenen Körper tat; jetzt ging es um Belange, die wichtig genug waren, dafür zu sterben, und das Andenken der Freunde zu ehren, die bereits gestorben waren. Die Einsätze des Pokerspiels waren sprunghaft in die Höhe geschnellt. Jetzt ging es nicht mehr um Politik, sondern um eine Art weltliche Totenmesse für die Gefallenen.
Lois packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn heftig. Ralph kehrte ins Hier und Jetzt zurück, aber langsam, wie ein Mann, der mitten in einem unglaublich wirklichkeitsnahen Traum geweckt wird.
»Sie werden doch absagen, oder nicht? Und selbst wenn nicht, wenn sie es aus einem verrückten Grund nicht tun, wird kaum jemand hingehen, richtig? Nach allem, was in High Ridge passiert ist, werden sie Angst davor haben, zu kommen.«
Ralph dachte darüber nach, dann schüttelte er den Kopf. »Die meisten werden denken, daß die Gefahr vorüber ist. In den Nachrichten werden sie sagen, daß zwei der Radikalen, die den Anschlag begangen haben, tot sind, und daß der dritte katatonisch ist, oder so was.«
»Aber Ed! Was ist mit Ed?« schrie sie. »Er ist derjenige, der sie zu dem Anschlag angestiftet hat, um Himmels willen! Er ist doch derjenige, der sie überhaupt erst dorthin geschickt hat!«
»Das mag stimmen, wird wahrscheinlich stimmen, aber wie könnten wir es beweisen?« fragte Ralph. »Weißt du, was die Cops meiner Meinung nach in Charlie Pickerings Bleibe finden werden? Einen Abschiedsbrief, in dem steht, daß alles seine Idee war. Ein Brief, der Ed wahrscheinlich unter dem Vorwand einer Anklage völlig entlasten wird… wie Ed sie im Stich gelassen hat, als sie ihn am nötigsten brauchten. Und wenn sie diesen Brief nicht bei Charlie Pickering finden, dann bei Frank Feiton. Oder Sandra McKay.«
»Aber das… das -« Lois verstummte und biß sich auf die Unterlippe. Dann sah sie mit hoffnungsvollem Blick zu Wyzer. »Was ist mit Susan Day? Wo ist sie? Weiß das jemand? Sie? Ralph und ich werden sie anrufen und ihr sagen -«
»Sie ist schon in Derry«, sagte Wyzer, »aber ich bezweifle, daß selbst die Polizei genau weiß, wo sie sich aufhält. Aber als der alte Mann und ich dorthin gefahren sind, habe ich in den Nachrichten gehört, daß die Veranstaltung heute abend stattfinden wird… und das angeblich aus dem Mund der Dame höchstpersönlich.«
Klar, dachte Ralph. Logisch. Die Show geht weiter, die Show muß weitergehen, und das weiß sie. Jemand, der all die Jahre auf der Welle der Frauenbewegung reitet - verdammt, seit der Convention in Chicago 1968 -, weiß genau, wann ein entscheidender Augenblick gekommen ist. Sie hat das Risiko abgeschätzt und akzeptabel gefunden. Entweder das, oder sie hat sich überlegt, daß der Verlust der Glaubwürdigkeit untragbar wäre, wenn sie einfach wieder abzieht. Vielleicht von beidem etwas. Wie ckm auch sei, sie ist genauso Gefangene der Ereignisse - des Ka-tet - wie wir alle.