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Sie hatten die Randbezirke von Derry erreicht. Ralph konnte das Bürgerhaus am Horizont sehen.

Jetzt wandte sich Lois an den alten Dor. »Wo ist sie? Weißt du das? Es spielt keine Rolle, wieviel Leibwächter sie um sich hat; Ralph und ich können unsichtbar sein, wenn wir es wollen… und wir können sehr überzeugend auf die Leute wirken.«

»Oh, es würde überhaupt nichts ändern, wenn ihr Susan Day umstimmen würdet«, sagte Dor. Er stellte immer noch das breite, nervtötende Grinsen zur Schau. »Sie werden zum Bürgerzentrum kommen, was auch geschehen mag. Und wenn sie vor verschlossenen Türen stehen, werden sie sie aufbrechen und ihre Veranstaltung trotzdem abhalten. Um zu zeigen, daß sie keine Angst haben.«

»Geschehenes läßt sich nicht ungeschehen machen«, sagte Ralph düster.

»Richtig, Ralph!« sagte Dor fröhlich und tätschelte Ralphs Arm.

Fünf Minuten später fuhr Joe mit dem Ford an der scheußlichen Plastikstatue von Paul Bunyan vorbei, die vor dem Bürgerzentrum stand, und bog an einem Schild mit der Aufschrift KOSTENLOS PARKEN BEI IHREM BÜRGERZENTRUM! ab.

Der einen Morgen große Parkplatz lag zwischen dem Gebäude des Bürgerzentrums selbst und der Rennbahn des Bassey Parks. Wäre die heutige Veranstaltung ein Rock-Konzert oder eine Bootsschau oder ein Ringkampf gewesen, hätten sie den Parkplatz um diese Zeit noch ganz für sich allein gehabt, aber das Ereignis des heutigen Abends war offensichtlich meilenweit von einem Basketballspiel oder einem Monstertruck-Rennen entfernt. Sechzig bis siebzig Autos standen bereits auf dem Parkplatz, überall standen kleine Gruppen beisammen und betrachteten das Gebäude. Die meisten waren Frauen. Einige hatten Picknickkörbe dabei, manche weinten, fast alle trugen einen schwarzen Trauerflor am Arm. Ralph sah eine Frau mittleren Alters mit einem erschöpften, intelligenten Gesicht und einem dichten grauen Haarschopf, die die schwarzen Bänder aus einer Tragetasche verteilte. Sie trug ein T-Shirt mit dem Gesicht von Susan Day darauf und dem Schriftzug

WE SHALL VERC ME.

Auf der Durchfahrt vor den Eingangstüren des Bürgerhauses herrschte noch emsigere Betriebsamkeit als auf dem Parkplatz. Nicht weniger als sechs Übertragungswagen diverser Fernsehsender parkten dort, und verschiedene Techniker standen in kleinen Gruppen unter dem dreieckigen Baldachin und unterhielten sich darüber, wie sie das Ereignis des heutigen Abends anpacken wollten. Und laut dem bettlakengroßen Banner, das von dem Baldachin herabhing und träge im Wind flatterte, würde ein Ereignis stattfinden. GROSSVERANSTALTUNG, stand in großen, verschwommenen Buchstaben aus Spraydosenfarben darauf. 20:00 UHR. BEWEISEN SIE IHRE SOLIDARITÄT, ZEIGEN SIE IHRE WUT, TRÖSTEN SIE IHRE SCHWESTERN.

Joe schob den Schalthebel des Ford auf Parken, dann drehte er sich zu dem alten Dor um und zog die Brauen hoch. Dor nickte, worauf Joe Ralph ansah. »Ich schätze, hier müssen Sie und Lois aussteigen, Ralph. Viel Glück. Ich würde mit Ihnen kommen, wenn ich könnte - ich habe ihn sogar darum gebeten -, aber er sagt, ich bin nicht richtig ausgerüstet.« »Schon gut«, sagte Ralph. »Wir danken Ihnen für alles, was Sie getan haben, nicht wahr, Lois?«

»Ganz bestimmt«, sagte Lois.

Ralph griff nach der Türklinke, dann ließ er sie wieder los. Er drehte sich zu Dorrance um. »Worum geht es hier? Ich meine, wirklich? Es geht nicht darum, die zweitausend Menschen zu retten, die laut Klotho und Lachesis heute abend hier anwesend sein werden, soviel steht fest. Für diese ewigen Mächte, von denen sie gesprochen haben, sind zweitausend Menschenleben wahrscheinlich nichts weiter als ein Tropfen auf den heißen Stein. Also worum geht es? Warum sind wir hier?«

Nun verschwand Dorrance’ Grinsen endlich; ohne das sah er jünger und seltsam eindrucksvoll aus. »Hiob hat Gott dieselbe Frage gestellt«, sagte er, »und keine Antwort bekommen. Du wirst auch keine bekommen, aber so viel kann ich dir verraten: Du bist zum Angelpunkt gewaltiger Ereignisse und Kräfte geworden. Das Wirken des höheren Universums ist fast vollständig zum Stillstand gekommen, da sowohl der Plan wie auch der Zufall ihr Augenmerk darauf richten, welche Fortschritte du machst.«

»Das ist prima, aber ich verstehe es nicht«, sagte Ralph mehr resigniert als wütend.

»Ich ebensowenig, aber zweitausend Menschenleben sind ausreichend für mich«, sagte Lois leise. »Ich könnte nicht mehr weiterleben, wenn ich nicht mindestens versuchen würde, zu verhindern, was geschehen soll. Ich würde den Rest meines Lebens vom Leichentuch um dieses Gebäude herum träumen. Selbst wenn ich nur eine Stunde pro Nacht schlafen könnte, würde ich davon träumen.«

Ralph dachte darüber nach, dann nickte er. Er machte die Tür auf und schwang einen Fuß heraus. »Das ist ein gutes Argument. Außerdem wird Helen da sein. Möglicherweise bringt sie sogar Nat mit. Vielleicht ist das für unbedeutende kurzfristige Fürze wie uns schon genug.«

Und vielleicht, dachte er, möchte ich eine Revanche mit Doc Nr. 3.

O Ralph, stöhnte Carolyn. Clint Eastwood? Schon wieder?

Nein, nicht Clint Eastwood. Und auch nicht Sylvester Stallone oder Arnold Schwarzenegger. Nicht einmal John Wayne. Er war kein großer Action-Held oder Filmstar; er war nur der gute alte Ralph Roberts aus der Harris Avenue. Aber deshalb war der Groll, den er gegen den Doc mit dem rostigen Skalpell hegte, nicht weniger real. Und bei diesem Groll ging es um wesentlich mehr als einen streunenden Hund und einen alten Geschichtslehrer, der die letzten zehn Jahre oder so ein Stockwerk unter ihm gewohnt hatte. Ralph mußte immerzu an den Salon in High Ridge denken, und an die Frauen, die unter dem Plakat von Susan Day an die Wand gelehnt worden waren. Aber vor seinem geistigen Auge tauchte nicht der Bauch der schwangeren Merrilee auf, sondern Gretchen Tillburys Haar -ihr wunderschönes blondes Haar, das durch den Schuß aus nächster Nähe, der sie das Leben gekostet hatte, größtenteils verbrannt war. Charlie Pickering hatte abgedrückt, und Ed Deepneau hatte ihm möglicherweise die Waffe in die Hand gegeben, aber Ralph gab Atropos die alleinige Schuld, Atropos dem Springseilräuber, Atropos dem Huträuber, Atropos dem Kammräuber.

Atropos dem Ohrringräuber.

»Komm, Lois«, sagte er. »Gehen -«

Aber sie legte ihm eine Hand auf den Arm und schüttelte den Kopf. »Noch nicht - komm wieder rein und mach die Tür zu.«

Er sah sie eindringlich an, dann tat er, was sie gesagt hatte. Sie machte eine Pause, sammelte ihre Gedanken, und als sie weitersprach, sah sie den alten Dor direkt an.

»Ich verstehe immer noch nicht, warum wir nach High Ridge geschickt worden sind«, sagte sie. »Und das will ich verstehen. Wenn wir hier sein sollten, warum mußten wir dann dorthin. Ich meine, wir konnten einige Menschenleben retten, und darüber bin ich froh, aber ich glaube, Ralph hat recht ein paar Menschenleben sind bedeutungslos für die Leute, die hier das Sagen haben.«

Einen Augenblick herrschte Stille, dann sagte Dorrance: »Sind dir Klotho und Lachesis wirklich weise und allwissend vorgekommen, Lois?«

»Nun… sie waren klug, aber ich glaube, Genies waren sie nicht gerade«, sagte sie nach einem Augenblick des Nachdenkens. »Einmal haben sie sich Arbeiter genannt, die ganz weit unten auf der Leiter stehen, viel weiter unten als die leitenden Angestellten, die die Entscheidungen treffen.«

Der alte Dor nickte und lächelte. »Klotho und Lachesis sind selbst fast Kurzfristige im großen Weltenplan. Sie haben ihre eigenen Ängste und geistigen toten Winkel. Außerdem können sie falsche Entscheidungen treffen… was letztlich aber keine Rolle spielt, weil sie auch dem Plan dienen. Und dem Ka-tet.«

»Sie haben gedacht, wir würden verlieren, wenn wir Atropos direkt gegenübertreten, richtig?« fragte Ralph. »Darum haben sie sich selbst eingeredet, wir könnten tun, was erforderlich ist, indem wir nach High Ridge gingen, statt hierher zu kommen.«

»Ja«, sagte Dor. »So ist es.«

»Prima«, sagte Ralph. »Ich mag ein offenes Wort. Besonders, wenn es -«