»Nein«, sagte Dor. »Das ist es nicht.«
Ralph und Lois wechselten einen bestürzten Blick.
»Wovon redest du?«
»Es ist beides zugleich. Das ist häufig der Fall mit Sachen innerhalb des Plans. Seht ihr… nun…« Er seufzte. »Ich hasse diese Fragen. Ich beantworte so gut wie niemals Fragen, hab ich das nicht schon gesagt?«
»Ja«, sagte Lois. »Das hast du.«
»Ja. Und jetzt, bingo! So viele Fragen. Schlimm! Und sinnlos!«
Ralph sah Lois an, und sie erwiderte den Blick. Keiner machte Anstalten, aus dem Auto auszusteigen.
Dor stieß einen Seufzer aus. »Nun gut… aber es ist die letzte Auskunft, die ich geben werde, also hört gut zu. Klotho und Lachesis haben euch vielleicht aus den falschen Gründen nach High Ridge geschickt, aber der Plan hat euch aus den richtigen Gründen dorthin geschickt. Ihr habt eure Aufgabe dort erfüllt.«
»Indem wir die Frauen gerettet haben«, sagte Lois.
Aber Dorrance schüttelte den Kopf.
»Was haben wir dann getan?« schrie sie fast. »Was? Haben wir kein Recht zu erfahren, welchen Teil des gottverdammten Plans wir erfüllt haben?« »Nein«, sagte Dorrance. »Jedenfalls jetzt noch nicht. Weil ihr es noch einmal tun müßt.«
»Das ist verrückt«, sagte Ralph.
»Keineswegs«, antwortete Dorrance. Er drückte For Love jetzt fest an die Brust, knickte es hin und her und sah Ralph ernst an. »Der Zufall ist verrückt. Der Plan ist normal.«
Na gut, dachte Ralph, was haben wir in High Ridge getan, außer die Leute im Keller zu retten? Und natürlich John Leydecker - ich glaube, Pickering hätte ihn genau wie Chris Nell getötet, wenn ich nicht eingegriffen hätte. Könnte es etwas mit Leydecker zu tun haben?
Möglicherweise schon, aber das schien nicht der Punkt zu sein.
»Dorrance«, sagte er »könntest du uns nicht bitte noch ein paar Informationen geben? Ich meine -«
»Nein«, sagte der alte Dor nicht unfreundlich. »Keine Fragen mehr, keine Zeit. Wenn dies alles vorbei ist, gehen wir zusammen einmal gut essen… das heißt, wenn es uns dann noch gibt.«
»Du weißt echt, wie man jemanden aufmuntert, Dor.« Ralph machte die Tür auf. Lois ebenfalls, und sie stiegen beide aus und standen auf dem Parkplatz. Ralph bückte sich und sah Joe Wyzer an. »Gibt es sonst noch etwas? Etwas, das Ihnen einfällt?«
»Nein, ich glaube nicht -«
Dor beugte sich wieder nach vorne und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Joe hörte stirnrunzelnd zu.
»Nun?« fragte Ralph, als sich Dorrance zurücklehnte. »Was hat er gesagt?«
»Er hat gesagt, ihr sollt meinen Kamm nicht vergessen«, sagte Joe. »Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht, aber das ist ja nichts Neues.«
»Schon gut«, sagte Ralph und lächelte verhalten. »Das ist eines der wenigen Dinge, die ich verstehe. Komm mit, Lois sehen wir uns um. Mischen wir uns ein wenig unter das Volk.«
Auf halbem Weg über den Parkplatz stieß sie ihm mit dem Ellbogen so fest in die Rippen, daß Ralph stolperte. »Sieh doch!« flüsterte sie. »Gleich da drüben! Ist das nicht Connie Chung?«
Ralph sah hin. Ja; die Frau im beigen Mantel, die zwischen zwei Technikern mit dem Emblem von CBS an den Jacketts stand, war mit ziemlicher Sicherheit Connie Chung. Er hatte ihr hübsches, intelligentes Gesicht und freundliches Lächeln bei so vielen Tassen Kaffee bewundert, daß kaum ein Zweifel bestehen konnte.
»Entweder sie oder ihre Zwillingsschwester«, sagte er.
Lois schien alles über den alten Dor und High Ridge und die kahlköpfigen Docs vergessen zu haben; in diesem Moment war sie wieder die Frau, die Bill McGovern immer »unsere Lois« genannt hatte… stets mit der sarkastisch hochgezogenen Augenbraue. »Hol’s der Teufel! Was macht sie denn hier?«
»Nun«, begann Ralph, und dann hielt er sich die Hand vor den Mund, um ein gewaltiges Gähnen zu verbergen, »ich schätze, was in Derry los ist, sorgt inzwischen landesweit für Schlagzeilen. Sie muß hier sein, um einen Livebericht vor dem Bürgerzentrum für die Abendnachrichten zu machen. In jedem Fall -«
Plötzlich und ohne Vorwarnung kamen die Auren zurück. Ralph stöhnte.
»Großer Gott! Lois, siehst du das?«
Aber er glaubte es nicht. Wenn sie es gesehen hätte, dann hätte Connie Chung wahrscheinlich nicht einmal ehrenhalber Erwähnung in Lois’ Aufmerksamkeit gefunden. Dies war unsagbar schrecklich, und Ralph wurde zum erstenmal voll und ganz bewußt, daß selbst die helle Welt der Auren ihre Schattenseite hatte, bei der ein normaler Mensch auf die Knie gesunken wäre und Gott für seine eingeschränkte Wahrnehmung gedankt hätte.
Und dabei ist dies nicht einmal ein Schritt auf der Leiter hinauf, dachte er. Jedenfalls glaube ich es nicht. Ich sehe diese größere Welt nur wie ein Mann, der durch ein Fenster schaut. Ich bin nicht in ihr.
Und er wollte auch gar nicht darin sein. Wenn man so etwas nur vor sich sah, wünschte man sich fast, man wäre blind.
Lois sah ihn stirnrunzelnd an. »Was, die Farben? Nein. Sollte ich es versuchen? Stimmt etwas nicht mit ihnen?«
Er versuchte zu antworten, konnte es aber nicht. Einen Augenblick später spürte er, wie sie seinen Arm über dem Ellbogen mit einem schmerzhaften Klammergriff packte, und wußte, daß eine Erklärung nicht mehr nötig war. Ob gut oder schlecht, Lois sah es nun mit eigenen Augen.
»O Gott«, wimmerte sie mit einer atemlosen dünnen Stimme, kurz davor, in Tränen auszubrechen. »O Gott, o Gott, ojeh.«
Vom Dach des Derry Home hatte die Aura, die über dem Bürgerzentrum hing, wie ein riesiger Schirm ausgesehen - wie das Emblem der Travellers’ Insurance, das ein Kind mit Wachsmalstift schwarz angemalt hatte. Hier, auf dem Parkplatz, war es, als stünde man in einem großen und unvorstellbar häßlichen Moskitonetz, so alt und verwahrlost, daß der Gazestoff von schwarz-grünem Mehltau verunstaltet wurde. Die helle Oktobersonne wurde zu einer trüben Scheibe angelaufenen Silbers. Die Atmosphäre wurde düster und verhangen und erinnerte Ralph an Fotos von London gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Sie sahen nicht nur das Leichentuch des Bürgerzentrums vor sich, nicht mehr; sie waren lebendig darin begraben. Ralph konnte spüren, wie es sich gierig an ihn schmiegte und versuchte, ihn mit Gefühlen von Verlust, Verzweiflung und Niedergeschlagenheit zu ersticken.
Warum das alles? fragte er sich und verfolgte apathisch, wie Joe Wyzers Ford mit dem alten Dor auf dem Rücksitz die Main Street entlangfuhr. Ich meine, wirklich, was soll das? Wir können es nicht verändern, völlig unmöglich. Vielleicht konnten wir in High Ridge etwas ausrichten, aber der Unterschied zwischen dem, was dort vor sich ging, und dem, was sich hier abspielt, ist wie der zwischen einem Klecks und einem schwarzen Loch. Wenn wir versuchen, uns hier einzumischen, werden wir zerquetscht.
Er hörte ein Stöhnen neben sich und stellte fest, daß Lois weinte. Er nahm seine ganze schwindende Energie zusammen und legte ihr einen Arm um die Schultern. »Durchhalten, Lois«, sagte er. »Wir können es damit aufnehmen.« Aber er hatte seine Zweifel.
»Wir atmen es ein!« schluchzte sie. »Es ist, als würden wir den Tod einatmen! O Ralph, laß uns von hier fortgehen! Bitte, laß uns einfach fortgehen!«
Das klang so verlockend für ihn wie Wasser auf einen Verdurstenden in der Wüste wirken mußte, aber er schüttelte den Kopf. »Heute abend werden hier zweitausend Menschen sterben, wenn wir nichts unternehmen. Ich bin ziemlich verwirrt, was den Rest der Angelegenheit angeht, aber das sehe ich ohne Schwierigkeiten ein.«
»Okay«, flüsterte sie. »Laß nur den Arm um mich gelegt, damit ich mir den Schädel nicht aufschlage, wenn ich ohnmächtig werde.«
Es war die reine Ironie, dachte Ralph. Sie hatten nun Gesichter und Körper von vitalen Menschen mittleren Alters, schlurften aber über den Parkplatz wie zwei alte Leute, deren Muskeln zu Brei und deren Knochen zu Glas geworden sind. Er konnte Lois schwer und keuchend atmen hören, wie eine Frau, die gerade schwer verletzt worden ist.
»Ich bringe dich zurück, wenn du willst«, sagte Ralph, und das war sein Ernst. Er würde sie zum Parkplatz zurückbringen, er würde sie zu der orangefarbenen Bank der Bushaltestelle bringen, die er von hier sehen konnte. Und wenn der Bus kam, wäre es das Einfachste von der Welt, einfach einzusteigen und zur Harris Avenue zurückzufahren. Zwei Vierteldollarmünzen konnten den Trick bewerkstelligen.