Er spürte, wie die tödliche Aura, die diesen Ort umgab, auf ihm lastete, sie wollte ihn ersticken wie ein Plastikbeutel, und ihm fiel etwas ein, das McGovern über May Lochers Emphysem gesagt hatte - daß es eine der Krankheiten sei, von denen man immer etwas hatte. Jetzt hatte er eine ziemlich gute Vorstellung, wie sich May Locher in den letzten Lebensjahren gefühlt haben mußte. Es spielte keine Rolle, wie fest er die schwarze Luft einsog oder wie tief in die Lungen er sie pumpte; sie befriedigte nicht. Sein Herz und sein Kopf pochten unablässig, und er fühlte sich, als hätte er den schlimmsten Kater seines Lebens.
Er wollte gerade den Mund aufmachen und ihr sagen, daß er sie zurückbringen würde, als sie selbst atemlos keuchend das Wort ergriff. »Ich glaube, ich schaffe es… aber ich hoffe… es wird nicht lange dauern. Ralph, wie kommt es, daß wir etwas so Schlimmes nicht spüren können, auch wenn wir die Farben nicht sehen? Warum können sie es nicht?« Sie deutete auf die Presseleute, die sich vor dem Bürgerzentrum drängten. »Sind wir Kurzfristigen so unempfindlich? Der Gedanke gefällt mir nicht.«
Er schüttelte den Kopf, um anzudeuten, daß er es nicht wußte, aber er überlegte sich, daß die Nachrichtensprecher, Videotechniker und das Wachpersonal vor den Türen und unter dem Banner, das vom Baldachin hing, möglicherweise doch etwas spürten. Er sah eine Menge Leute, die Kaffeetassen aus Plastik in den Händen hielten, aber niemand trank tatsächlich etwas davon. Ein Karton mit Krapfen stand auf der Haube eines Kombis, aber nur ein einziger war herausgeholt worden, und der lag angebissen auf einer Serviette daneben. Ralph betrachtete ein Dutzend Gesichter und sah nicht ein einziges Lächeln. Die Nachrichtenleute gingen ihrer Arbeit nach - sie justierten die Kameras, markierten Stellen, wo die Moderatoren ins Bild kamen, verlegten Koaxialkabel und befestigten sie mit Klebeband auf dem Beton -, aber sie taten es ohne die Aufregung, die Ralph bei einer Geschichte dieser Größenordnung erwartet hätte.
Connie Chung kam mit einem bärtigen, gutaussehenden Kameramann unter dem Baldachin hervor - MICHAEL ROSENBERG stand auf dem Namensschild an seiner CBS-Jacke - und hob die Arme, wobei sie mit den Händen einen Rahmen bildete, um ihm zu zeigen, wie sie das Banner aufgenommen haben wollte, das von dem Baldachin herunterhing. Rosenberg nickte. Chungs Gesicht war blaß und ernst, und einmal im Verlauf ihrer Unterhaltung mit dem bärtigen Kameramann sah Ralph, wie sie verstummte und unsicher eine Hand an die Schläfe hielt, als hätte sie den Faden verloren oder fühlte sich schwach.
Er fand, daß sämtlichen Mienen, die er sah, unterschwellig ein Zug gemeinsam war - ein roter Faden gleichsam -, und er glaubte, daß er wußte, was es war: Sie litten alle an etwas, das man Melancholie genannt hatte, als er noch ein Kind war, und Melancholie war nur ein besseres Wort für den Blues.
Ralph erinnerte sich an Zeiten in seinem Leben, als er das emotionale Äquivalent von einer kalten Strömung beim Schwimmen oder Turbulenzen beim Fliegen erlebt hatte. Man schleppte sich so durch seinen Tag, fühlte sich manchmal großartig, manchmal nur so lala, aber man kam zurecht und brachte es hinter sich… und dann stürzte man plötzlich ohne ersichtlichen Grund ab und ging in Flammen auf. Ein Gefühl von Scheiße, was soll’s überkam einen - in dem Moment ohne Zusammenhang mit einem bestimmten Ereignis im Leben, aber trotzdem ungeheuer stark ausgeprägt -, und man wollte einfach nur wieder ins Bett kriechen und die Decke über den Kopf ziehen.
Vielleicht wird dieses Gefühl von so etwas verursacht, dachte er. Vielleicht liegt es daran, daß wir mit so etwas konfrontiert werden - ein gewaltiges Chaos von Tod oder Trauer lag in der Luft, das sich ausbreitete wie ein Festzelt aus Spinnweben und Tränen statt Segeltuch und Seilen. Wir sehen es nicht, nicht auf unserer kurzfristigen Ebene, aber wir spüren es. O ja, wir spüren es. Und jetzt…
Jetzt versuchte es, sie auszusaugen. Vielleicht waren sie selbst keine Vampire, wie sie anfangs befürchtet hatten, aber dieses Ding war auf jeden Fall einer. Das Leichentuch verfügte über ein träges, halbintelligentes Leben, und es würde sie aussaugen, wenn es konnte. Wenn sie es zuließen.
Lois stolperte gegen ihn, und Ralph mußte alle Kraft aufbieten, damit sie nicht beide zu Boden fielen. Dann hob sie den Kopf (langsam, als wäre ihr Haar in Zement getaucht worden), bildete mit einer Hand einen Trichter am Mund und atmete tief ein. Gleichzeitig flackerte sie ein wenig. Unter anderen Umständen hätte Ralph dieses Flackern als optische Täuschung abgetan, aber jetzt nicht. Sie war emporgestiegen. Nur ein klein wenig. Nur so weit, daß sie sich gütlich tun konnte.
Er hatte nicht gesehen, wie Lois die Aura der Kellnerin angezapft hatte, aber jetzt spielte sich alles vor seinen Augen ab. Die Auren der Medienleute waren wie kleine, aber hell erleuchtete Papierlampions, die tapfer in einer riesigen, dunklen Höhle strahlten. Nun fuhr ein gebündelter violetter Lichtstrahl aus einem heraus - aus Connie Chungs bärtigem Kameramann Michael Rosenberg. Vor Lois’ Gesicht teilte er sich in zwei Strahle. Der obere teilte sich wieder zweimal und fuhr in ihre Nasenlöcher; der untere zwischen ihre geöffneten Lippen und in den Mund. Er konnte ein schwaches Leuchten hinter ihren Wangen erkennen, das sie von innen erhellte wie eine Kerze eine Kürbislaterne.
Ihr Griff um ihn lockerte sich, und plötzlich war die Last ihres Gewichts von ihm genommen. Einen Moment später verschwand der violette Lichtstrahl. Sie drehte sich zu ihm um.
Ihre bleigrauen Wangen hatten wieder etwas Farbe angenommen - nicht viel, aber etwas.
»Schon besser - viel besser. Jetzt du, Ralph!«
Er zögerte - ihm kam es immer noch wie Diebstahl vor -, aber es mußte sein, wenn er nicht hier und jetzt zusammenbrechen wollte; er konnte fast spüren, wie der letzte Rest der geborgten Energie des Nirvana-Jungen durch seine Poren entwich. Er legte die Hand um den Mund, wie er es heute morgen auf dem Parkplatz des Dunkln Donuts getan hatte, und drehte sich auf der Suche nach einem Opfer leicht nach links. Connie Chung war einige Schritte auf sie zu gekommen; sie sah immer noch zu dem Banner hinauf und unterhielt sich mit Rosenberg darüber (dem es nach Lois’ Anleihe auch nicht schlechter zu gehen schien als vorher). Ohne weiter nachzudenken, inhalierte Ralph heftig durch den Trichter seiner Finger.
Chungs Aura hatte denselben lieblichen Elfenbeinfarbton eines Brautkleids wie die, welche Helen und Nat an dem Tag umgeben hatten, als sie mit Gretchen Tillbury bei ihm zu Hause gewesen waren. Aber statt eines Lichtstrahls schoß so etwas wie ein langes, gerades Band aus Chungs Aura. Ralph spürte, wie ihn fast augenblicklich Kraft durchdrang und die quälende Erschöpfung aus seinen Gelenken und Muskeln vertrieb. Und er konnte wieder klar denken, als wäre eine gewaltige Menge Matsch gerade aus seinem Gehirn gespült worden.
Connie Chung verstummte, sah kurz zum Himmel und unterhielt sich dann weiter mit dem Kameramann. Ralph drehte sich um und stellte fest, daß Lois ihn ängstlich ansah. »Besser?« flüsterte sie.
»Viel besser«, sagte er, »aber ich komme mir immer noch vor wie unter einem Leichentuch.«
»Ich glaube -«, begann Lois, aber dann fiel ihr Blick auf etwas links vom Eingang des Bürgerzentrums. Sie schrie und preßte sich mit so weit aufgerissenen Augen an Ralph, daß es aussah, als würden sie aus ihren Höhlen quellen. Er folgte ihrem Blick, und der Atem schien ihm in der Kehle zu stocken. Die Architekten hatten versucht, die kahlen Backsteinseiten des Gebäudes aufzulockern und immergrüne Büsche daran entlang gepflanzt. Diese waren entweder vernachlässigt worden, oder man hatte sie absichtlich wachsen lassen, so daß sie ineinander verschlungen waren und den schmalen Grasstreifen zwischen sich und dem betonierten Bürgersteig zu überwuchern drohten, der neben der Durchfahrt verlief.