Riesige Insekten, die wie prähistorische Trilobiten aussahen, krabbelten in Scharen durch dieses Gestrüpp, krochen übereinander, stellten sich manchmal auf und hieben mit den Vorderbeinen nacheinander wie Hirsche, die in der Bruftzeit die Geweihe ineinander verkeilen. Sie waren nicht durchsichtig, wie der Vogel auf der Satellitenschüssel, hatten aber dennoch etwas Geisterhaftes und Unwirkliches an sich. Ihre Auren flackerten fiebrig (und hirnlos, fand Ralph) durch das gesamte Farbspektrum; sie waren so grell und dabei so kurzlebig, daß man sie fast für unheimliche Glühwürmchen hätte halten können.
Aber das sind sie nicht. Du weißt, daß sie das nicht sind.
»He!« Das war Rosenberg, Chungs Kameramann, der sie ansprach, aber fast alle vor dem Gebäude sahen her. »Alles in Ordnung mit ihr, Kollege?«
»Ja«, rief Ralph zurück. Er hatte immer noch die zu einer Röhre gekrümmte Hand vor dem Mund, ließ sie aber rasch sinken, weil er sich albern vorkam. »Sie ist nur -«
»Ich habe eine Maus gesehen!« rief Lois, die ein albernes, benommenes Grinsen zustande brachte… ein »Unsere Lois« Grinsen, wie Ralph es noch nicht gesehen hatte. Er war sehr stolz auf sie. Sie deutete mit einem Finger, der fast nicht zitterte, auf die immergrünen Büsche links von der Tür. »Sie ist da rein verschwunden. Mann, war die riesig! Hast du sie gesehen, Norton?«
»Nein, Alice.«
»Bleiben Sie hier, Lady«, rief Michael Rosenberg. »Heute abend werden Sie hier alle möglichen wilden Tiere sehen.« Es folgte ein gekünsteltes, fast gequältes Lachen, worauf sie sich alle wieder an die Arbeit machten.
»O Gott, Ralph!« flüsterte Lois. »Diese… diese Kreaturen…«
Er nahm ihre Hand und drückte sie. »Ganz ruhig, Lois.«
»Sie wissen es, richtig? Deshalb sind sie hier. Sie sind wie die Geier.«
Ralph nickte. Vor seinen Augen kamen mehrere Insekten aus den Büschen heraus und krochen rastlos an der Wand herum. Sie bewegten sich benommen und träge - wie Fliegen im November auf einer Fensterscheibe - und hinterließen farbige Schleimspuren. Diese verblaßten rasch und verschwanden. Andere Insekten krochen unter den Büschen hervor auf den schmalen Grasstreifen.
Der Nachrichtenkommentator eines lokalen Senders schlenderte auf die verseuchte Stelle zu, und als er den Kopf drehte, konnte Ralph sehen, daß es sich um John Kirkland handelte. Er unterhielt sich mit einer gutaussehenden Frau in Bürokleidung Marke »Power Look«, die Ralph unter normalen Umständen extrem sexy gefunden hätte. Er vermutete, daß sie Kirklands Produzentin war, und fragte sich, ob Lisette Bensons Aura in Gegenwart dieser Frau grün werden würde.
»Sie gehen auf diese Käfer zu!« flüsterte Lois ihm panisch zu. »Wir müssen sie aufhalten, Ralph - wir müssen!«
»Wir werden überhaupt nichts tun.«
»Aber -«
»Lois, wir können nicht anfangen, über Insekten zu reden, die außer uns keiner sehen kann. Wir würden in der Klapsmühle enden. Außerdem sind die Käfer für sie gar nicht da.« Nach einer Pause fügte er hinzu: »Hoffe ich.«
Sie sahen zu, wie Kirkland und seine gutaussehende Kollegin auf den Rasen gingen… mitten hinein in einen gallertartigen Klumpen der zuckenden, krabbelnden Trilobiten. Einer glitt über Kirklands auf Hochglanz polierten Halbschuh, verharrte reglos, bis Kirkland einen Moment stehenblieb, und kroch dann sein Hosenbein hinauf.
»Susan Day ist mir ziemlich scheißegal«, sagte Kirkland. »Woman-Care ist die große Story hier, nicht sie - weinende Tussis mit schwarzen Armbinden.«
»Gib acht, John«, sagte die Frau trocken. »Man merkt, wie empfindsam du bist.«
»Wirklich? Gottverdammt.« Der Käfer an Kirklands Hosenbein schien sich seinen Schritt als Ziel vorgenommen zu haben. Ralph kam der Gedanke, wenn Kirkland plötzlich sehen könnte, was da gleich über seine Hoden kriechen würde, würde er wahrscheinlich den Verstand verlieren.
»Okay, aber vergiß nicht, mit den Frauen zu reden, die hier in der Gegend das Sagen haben«, sagte die Produzentin. »Nachdem diese Tillbury tot ist, sind das Maggie Petrowsky, Barbara Richards und Sallyann Rimbar. Rimbar wird heute abend den großen Kahuna ansagen, glaube ich… in diesem Fall wohl besser die große Kahunette.« Die Frau ging einen Schritt vom Bürgersteig herunter und zertrat einen der Käfer mit ihrem hohen Absatz. Ein Regenbogen von Eingeweiden wurde herausgequetscht, zusammen mit einer wachsähnlichen weißen Substanz, die wie verdorbenes Kartoffelpüree aussah. Ralph nahm an, daß es sich bei der weißen Substanz um Eier handelte.
Lois drückte das Gesicht gegen seinen Arm.
»Und halten Sie Ausschau nach einer Frau namens Helen Deepneau«, sagte die Produzentin und machte einen Schritt auf das Gebäude zu. Der Käfer blieb an ihrem Absatz kleben und wand sich und zuckte, während sie ging.
»Deepneau«, sagte Kirkland. Er klopfte sich mit den Knöcheln an die Stirn. »Irgendwo tief da drinnen klingelt es.«
»Nee, das ist nur deine letzte aktive Gehirnzelle, die herumkullert«, sagte die Produzentin. »Ed Deepneaus Frau. Sie leben getrennt. Wenn du Tränen willst, ist sie der sicherste Tip. Sie und Tillbury waren gute Freundinnen. Möglicherweise besonders gute Freundinnen, wenn du verstehst, was ich meine.«
Kirkland grinste lüstern - ein Ausdruck, der in so krassem Gegensatz zu seiner Bildschirmpersönlichkeit stand, daß Ralph sich leicht desorientiert fühlte. Derweil hatte einer der Farbkäfer den Weg auf den Schuh der Frau gefunden und krabbelte an ihrem Bein hinauf. Ralph beobachtete mit hilfloser Faszination, wie er unter dem Rocksaum verschwand. Er sah, wie die Wölbung unter dem Stoff sich weiterbewegte, und es war, als würde man einem Kätzchen zusehen, das unter ein Badetuch gekrochen ist. Und wieder hatte man den Eindruck, als würde Kirklands Kollegin etwas spüren; sie griff, als sie sich mit ihm über mögliche Interviews während Susan Days Rede unterhielt, nach unten und kratzte geistesabwesend an der Wölbung, die inzwischen fast ihre rechte Hüfte erreicht hatte. Ralph konnte das glibberige Plopp! nicht hören, welches das weiche, empfindliche Geschöpf beim Zerplatzen von sich gab, aber er konnte es sich vorstellen. Schien nicht anders zu können, als es sich vorzustellen. Und er konnte sich vorstellen, wie die Gedärme wie Eiter auf den Nylonstrümpfen am Bein der Frau hinunterliefen. Dort würden sie mindestens bis zur abendlichen Dusche bleiben, unsichtbar, unbemerkt, unbeachtet.
Nun unterhielten die beiden sich darüber, wie sie über die für heute nachmittag angesetzte Demonstration der Abtreibungsgegner berichten sollten… das heißt, sollte sie tatsächlich stattfinden. Die Frau war der Ansicht, nicht einmal die Friends of Life wären dumm genug, nach den Vorfällen in High Ridge vor dem Bürgerzentrum aufzumarschieren. Kirkland sagte ihr, daß man die Dummheit von Fanatikern unmöglich unterschätzen könnte; Leute, die in der Öffentlichkeit soviel Polyester tragen konnten, seien eindeutig eine Kraft, mit der man rechnen müsse. Und die ganze Zeit, während sie sich unterhielten, Tips und Einfälle und Klatsch austauschten, schwärmten weitere bunte, aufgedunsene Läuse an ihren Beinen und Oberkörpern hinauf. Ein Pionier schaffte es bis zu Kirklands roter Krawatte und hatte es offensichtlich auf sein Gesicht abgesehen.
Eine Bewegung rechts von ihm zog Ralphs Aufmerksamkeit auf sich. Er drehte sich zu den Türen um und sah gerade noch, wie einer der Techniker einen Kollegen mit dem Ellbogen anstieß und auf ihn und Lois zeigte. Ralph konnte sich plötzlich nur allzugut vorstellen, was sie sahen: zwei Leute, die keinen ersichtlichen Grund hatten, hier zu sein (sie trugen keinen schwarzen Trauerflor und hatten eindeutig nicht mit den Medien zu tun), die einfach am Rand des Parkplatzes herumhingen. Die Lady, die schon einmal geschrien hatte, hatte das Gesicht am Arm des Herrn vergraben… und der fragliche Herr gaffte wie ein Irrer, obwohl es nichts zu sehen gab.
Ralph sprach leise aus dem Mundwinkel wie ein Sträfling, der sich in einem alten Gefängnisstreifen von Warner Brothers über einen Ausbruch unterhält. »Nimm den Kopf hoch. Wir ziehen mehr Aufmerksamkeit auf uns, als wir uns leisten können.«