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«Ihr Fluchen gefällt ihm nicht, das ist alles«, erklärte ich.

«Hier in Kalifornien gebraucht sie nicht mehr so oft harte Ausdrücke«, bemerkte Lynnie.»Sie trinkt auch nicht mehr, abgesehen von ein oder zwei Gläschen vor dem Essen und ein paar am Abend. Woher mag das wohl kommen?«

«Sie ist dem Käfig in Lexington entronnen.«

«Dieses himmlische Haus — ein Käfig?«

«Mhm.«

«Das neue Haus ist nicht halb so schön!«widersprach sie.

«Es wird aber so schön sein, wenn Eunice es eingerichtet hat. Dann werden ihr die Wände wieder auf den Kopf fallen.«

«Sie meinen, wieder ein Käfig?«

«Wieder ein Käfig.«

«Das Leben kann doch nicht nur darin bestehen, daß man aus einem Käfig in den nächsten flieht«, sagte sie explosiv. Eine so klägliche Aussicht wies sie unwillkürlich heftig von sich.

«Wir alle leben hinter Gittern«, sagte ich.»Es kommt nur darauf an, daß man gar nicht erst versucht auszubrechen.«

«Hören Sie auf!«sagte sie betroffen.»So etwas will ich gar nicht hören.«

«Früher hielt man Hänflinge in Käfigen, zur Zeit sind Wellensittiche Mode. Sie brauchen keine Angst zu haben, kleiner Hänfling, Ihnen geschieht nichts.«

«Bei Ihnen weiß man nie, wann Sie es ernst meinen.«

«Immer.«

«Aber meistens klingt das, was Sie sagen, so — so verrückt.«

«Das Leben ist ernst und verrückt zugleich. Alles Verrückte ist ernst, und alles Ernste ist verrückt. - Kommen Sie, sehen wir mal, wer schneller an der Strandhütte dort ist!«

Sie schlug mich, weil sie barfuß lief. Dann lehnte sie lachend und schwer atmend an der Holzwand, während ich eine halbe Tonne Sand aus meinen Schuhen kippte. Wir gingen noch ein Stück weiter, dann setzten wir uns in den warmen Sand und blickten über den dunklen, friedlichen Ozean hinweg. Kein Stückchen Land zwischen uns und Japan, und doch eine Welt dazwischen.

«Sind Sie hergekommen, um bei uns zu sein — oder um Allyx zu finden?«fragte sie.

«Beides.«

Sie schüttelte den Kopf.»Sie haben Walt mitgebracht. Also geht es nur um Allyx.«

«Walt wäre lieber woanders«, sagte ich lächelnd.»Wegen Allyx sind wir nach Kalifornien gekommen, Ihretwegen nach Santa Barbara. Zufrieden?«

Sie murmelte etwas Unverständliches, dann saßen wir wieder schweigend da.

«Glauben Sie, daß Sie ihn finden werden?«fragte sie schließlich.

«Allyx? Schon möglich.«

«Wann ungefähr?«

«Das weiß ich nicht. Vielleicht morgen.«

«Und dann — dann fliegen Sie wieder zurück?«

«Ich glaube schon.«»Zurück ins Büro…«Sie machte eine weit ausholende Geste, die den ganzen Himmel umfaßte. Zurück ins Büro, dachte ich kalt. Zurück zu den Schnüffeleien in anderer Leute Privatleben, zur Wut mancher abgewiesener Bewerber, zurück in den Nieselregen, nach Putney, in die Leere meiner Wohnung. Kurzum: zurück in mein normales Leben. Es kommt nur darauf an, daß man nicht ausbrechen will.

«Was werden Sie eigentlich machen, nachdem Sie die Schule nun verlassen haben?«fragte ich.

Sie holte tief Luft.»Nach dem hier erscheint mir alles von früher unheimlich trist.«

«Dave bekommt bald einen Gehgips.«

«Ich weiß!«heulte sie.»Natürlich weiß ich das. Ich sollte im September in einer Sekretärinnenschule anfangen. Aber jetzt will ich nicht mehr. Warum kann man nicht einfach am Strand leben und den ganzen Tag warm in der Sonne liegen. «Sie schlang die Arme um die Knie und schaukelte hin und her.

«Dafür gibt’s nicht genug Strände.«

Sie lachte leise.»Von allen Männern auf der Welt sind Sie wohl der unromantischste. Das kommt vermutlich davon, daß Sie Beamter sind. Wie Daddy.«

Nach einer Weile gingen wir zum Motel zurück. Am Rand des Wassers blieben wir noch einen Augenblick stehen. Sie legte mir die Hand auf den Arm und blieb einfach abwartend stehen. Ich gab ihr einen Kuß auf die Stirn, dann auf die Nase, schließlich auf den Mund. Alles sehr, sehr sanft und absolut entnervend.

«Das hat keinen Sinn«, sagte ich und nahm meine Hände von ihren Schultern.»Überhaupt keinen Sinn!«

«Es ist nicht mein erster Kuß«, sagte sie beunruhigt.

«Wirklich nicht.«

«Das meine ich jetzt nicht. «Beinahe mußte ich lachen.

«Dafür würden Sie fast ein Diplom bekommen. Nein, kleine Lynnie. Wir sind nur weit weg von zu Hause, und an Freitagen bekommen brünette Mädchen nie mehr als einen Kuß. «Ich wandte mich zum Motel und bat sie mit einem Wink, mir zu folgen. Die besten Vorsätze der Welt zerfließen gegenüber einem Mädchen wie Lynnie wie Butter auf einer heißen Herdplatte. Da hilft nur sofortige Flucht. Lynnie schien nicht dieser Meinung zu sein, doch da konnte ich ihr nicht helfen. Mit raschen Schritten begleitete ich sie das letzte Stück zum Motel und machte einen Witz darüber, was Walt wohl mit Eunice reden mochte. So kamen wir halbwegs gefaßt zurück und fanden, daß unsere Besorgnis unbegründet war. Die beiden saßen einander am Tisch gegenüber, durch Meilen getrennt, und schwiegen sich gegenseitig an. Eunice betrachtete uns eingehend und kühl, und Walt waren scheinbar alle Illusionen vergangen. Lynnie wurde dabei völlig unnötigerweise rot und bestätigte damit Eunices offenkundigen Verdacht. Der harmlose kleine Spaziergang war keine gute Idee, gleichgültig von welchem unserer vier Standpunkte aus man ihn auch betrachtete.

Am nächsten Morgen fuhren Walt und ich schweigend zur Orpheus-Farm. Wenn einer etwas sagte, dann war er es. Fachsimpelei über ein versicherungstechnisches Meisterstück. Wegen der Bearbeitung einer neuen Feuerversicherung, so erklärte er überzeugend, sei es erforderlich, daß wir uns die ganze Anlage genauer ansähen.

Das taten wir auch. Jede Box in jedem Stall, jeden Strohhalm, jeden Zoll. Wir sahen Moviemaker. Und wir sahen Centigrade. Wir machten uns sehr viele Notizen.

Culham James Offen geleitete uns persönlich in den kühlsten Stall, in dem seine vier Hengste standen. Selbstzufriedenheit umflatterte ihn wie ein weiter Mantel. Ich bemerkte es mit Unruhe und Argwohn.

Onkel Bark war nicht nur ein Mann von Mitte fünfzig mit weißem Haar, er hatte auch einen grauen Kombi in der dritten Garage einer langen Reihe stehen. Ich merkte, wie Walt den Wagen mit einem Seitenblick streifte. Zweifellos war es Onkel Bark gewesen, der den Möbelanhänger der Firma >Snail Express< in Rock Springs bei >dem alten Hagstrom seinem Jungen< abgeliefert hatte. Höchstwahrscheinlich war er auch Sam Hengelmans Pferdetransporter über die Autobahn nachgefahren. Aber das ließ sich unmöglich beweisen.

Sein Haar hatte sich vorzeitig verfärbt. Das glatte, sonnenbraune Gesicht war nur von wenigen Falten gezeichnet. Die Augenbrauen hoben sich davon wie Schneeflocken ab. Sie wuchsen über der Nase fast zusammen.

Er trug den Kopf hoch erhoben auf seinen kräftigen Schultern, und der muskulöse Körper unter dem luftigen weißen Hemd wirkte ganz und gar nicht verweichlicht. Einen solchen Mann kann man nirgends übersehen. Sein Äußeres sprach deutlich von Erfolg. Dieser Erfolg hatte seinem Benehmen eine Arroganz verliehen, wobei ihm Bescheidenheit viel besser zu Gesicht gestanden hätte.

Der ganzen Farm sah man deutlich an, daß Geld hier keine Rolle spielte. Schnurgerade, schneeweiß gestrichene Zaunpfähle begrenzten die Koppeln. Rings um das im spanischen Stil errichtete Haus erstreckten sich gepflegte, bewässerte Rasenflächen mit Palmen und dazwischengestreuten Beeten voller seltener Blumen. Im Haus hatten wir nichts zu suchen. Walts Feuerversicherung erstreckte sich nur auf die Stallungen.

Nachdem wir die Hengste besichtigt hatten, vertraute uns Offen seinem Stallmeister an, einem überraschend jungen Mann, den er Kiddo rief. Er sprach einen langsamen, rollenden Western-Dialekt und machte ganz den Eindruck, als habe er es seit seiner Geburt noch nie eilig gehabt. Nach jedem zweiten Wort machte er >äh<, und er bewegte sich grundsätzlich nur im ersten Gang fort.