»Wie, Rodja, du willst schon weg?« fragte Pulcheria Ale-xandrowna geradezu erschrocken.
»Und das ausgerechnet jetzt!« rief Rasumichin.
Dunja blickte den Bruder in ungläubigem Staunen an. Er hatte die Mütze in Händen; er war im Aufbruch begriffen.
»Ihr tut ja geradezu, als ob ihr mich zu Grabe tragen oder für ewig Abschied von mir nehmen wolltet«, stieß er in einem merkwürdigen Tonfall hervor.
Er schien zu lächeln, aber sein Lächeln war kein Lächeln.
»Und wer weiß, vielleicht sehen wir uns wirklich zum letztenmal«, fügte er unvermutet hinzu.
Er hatte das eigentlich nur gedacht, es aber seltsamerweise ganz unwillkürlich laut ausgesprochen.
»Was hast du denn?« rief seine Mutter.
»Wohin gehst du, Rodja?« fragte Dunja betroffen.
»Nur so ... ich muß dringend weg«, antwortete er wirr, als wüßte er nicht recht, was er eigentlich hatte sagen wollen. Aber sein blasses Gesicht drückte düstere Entschlossenheit aus.
»Als ich herkam ... wollte ich sagen ... wollte ich Ihnen, Mama ... und dir, Dunja, sagen, daß es besser ist, wenn wir uns für einige Zeit trennen. Ich fühle mich nicht wohl; ich bin nicht ruhig ... ich werde später kommen, von selber, wenn ... ich kann. Ich werde an euch denken und euch lie-ben ... Laßt mich jetzt! Laßt mich allein! Ich habe das so beschlossen, schon früher ... fest beschlossen ... Was immer mit mir geschehen mag, ob ich zugrunde gehe oder nicht, ich will allein sein. Vergeßt mich. Das ist am besten ... Er-kundigt euch nicht nach mir. Wenn es nötig ist, komme ich selbst zu euch oder ... lasse euch rufen. Vielleicht wird alles wieder aufwärts gehen! ...Jetzt aber, wenn ihr mich liebt, verzichtet auf mich ... sonst müßte ich euch hassen; das fühle ich ... Lebt wohl!«
»O Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna.
Mutter und Schwester waren aufs tiefste erschrocken; Ra-sumichin ebenfalls.
»Rodja, Rodja! Versöhne dich mit uns; es soll alles wieder so sein wie früher!« rief die arme Mutter.
Er wandte sich langsam zur Tür und ging langsam aus dem Zimmer. Dunja eilte ihm nach.
»Bruder! Was machst du mit unserer Mutter?« flüsterte sie, und ihre Augen funkelten vor Entrüstung.
Er sah sie starr an.
»Es ist nichts; ich komme wieder; ich werde kommen!« murmelte er halblaut, als wüßte er selbst nicht recht, was er sagen wollte, und verließ den Raum.
»Du gefühlloser, kalter Egoist«, rief ihm Dunja nach.
»Er ist verrückt und nicht gefühllos! Er ist verrückt! Sehen Sie das nicht? Dann sind Sie selbst gefühllos! ...« flüsterte Rasumichin ihr ins Ohr, während er ihr fest die Hand drückte.
»Ich komme gleich zurück!« rief er der leichenblassen Pul-cheria Alexandrowna zu und lief aus dem Zimmer.
Raskolnikow erwartete ihn am Ende des Ganges.
»Ich habe ja gewußt, daß du mir nachkommen würdest«, sagte er. »Geh wieder zu ihnen und sei an ihrer Seite ... Sei auch morgen bei ihnen ... immer. Ich werde ... vielleicht wiederkommen ... wenn ich kann. Leb wohl!«
Und ohne ihm die Hand zu reichen, ließ er ihn stehen.
»Wohin gehst du denn? Was hast du? Was ist mit dir? Das ist doch nicht möglich! ...« murmelte Rasumichin fassungslos.
Raskolnikow blieb noch einmal stehen.
»Ein für allemaclass="underline" du darfst mich nie nach etwas fragen. Ich kann dir nicht antworten ... Komm nicht zu mir. Viel-leicht werde ich hierherkommen ... Laß mich, aber sie ... laß nicht im Stich. Verstehst du?«
Auf dem Korridor war es ziemlich dunkel; sie standen neben der Lampe. Etwa eine Minute lang blickten sie einander schweigend an. Rasumichin erinnerte sich sein ganzes spä-teres Leben hindurch an diese Minute. Der lodernde, starre Blick Raskolnikows schien von Sekunde zu Sekunde stärker zu werden; er drang Rasumichin in die Seele, ins Bewußt-sein. Plötzlich erschauerte Rasumichin. Etwas Seltsames schien zwischen ihnen vorzugehen ... Ein Gedanke huschte vorüber, eine Art Andeutung: etwas Entsetzliches, Abscheu-liches, das plötzlich beide verstanden hatten ... Rasumichin wurde totenblaß.
»Verstehst du jetzt?« sagte Raskolnikow plötzlich mit schmerzlich verzerrtem Gesicht. »Geh zurück, bleib bei ihnen«, fügte er mit einemmal hinzu, wandte sich rasch um und ver-ließ das Haus ...
Ich will jetzt nicht beschreiben, was an jenem Abend bei Pulcheria Alexandrowna geschah, wie Rasumichin zu den beiden zurückkam, wie er sie beruhigte, wie er schwor, man müsse Rodja sich von seiner Krankheit erholen lassen, wie er schwor, Rodja werde unbedingt wiederkommen, jeden Tag kommen; seine Nerven seien sehr, sehr zerrüttet; man dürfe ihn nicht reizen; er, Rasumichin, werde ihn beobachten, ihm einen guten Arzt beschaffen, den besten Arzt, ein ganzes
Konsilium ... Mit einem Wort: von diesem Abend an war Rasumichin den zwei Frauen Sohn und Bruder.
Raskolnikow suchte unverzüglich das Haus am Kanal auf, wo Sonja wohnte. Es war drei Stockwerke hoch, ziemlich alt und grün angestrichen. Er suchte den Hausknecht auf und erhielt von ihm nur eine unklare Auskunft, wo der Schneider Kapernaumow wohne. Nachdem er in der Ecke des Hofes den Eingang zu der schmalen, dunklen Treppe gefunden hatte, stieg er endlich in den zweiten Stock hinauf und ge-langte auf eine Galerie, die auf der Hofseite um das Haus herumlief. Während er im Dunkeln suchte, wo wohl die Ein-gangstür zu Kapernaumows Wohnung sein könnte, wurde plötzlich, drei Schritt von ihm entfernt, eine Tür geöffnet; mechanisch griff er nach der Klinke.
»Wer ist da?« fragte eine Frauenstimme beunruhigt.
»Ich bin's ... ich komme zu Ihnen«, erwiderte Raskolni-kow und trat in die winzige Diele. Dort stand auf einem durchgesessenen Stuhl in einem verbogenen Messingleuchter eine Kerze.
»Sie sind es! Ach du lieber Gott!« rief Sonja leise und stand da wie angewurzelt.
»Wo ist der Eingang? Hier?«
Und Raskolnikow trat, bemüht, Sonja nicht anzusehen, möglichst rasch in das Zimmer.
Gleich darauf folgte ihm Sonja mit der Kerze, stellte sie hin und trat vor ihn, ganz verwirrt, in unaussprechlicher Er-regung und durch seinen unerwarteten Besuch sichtlich er-schreckt. Mit einemmal übergoß eine dunkle Röte ihr blasses Gesicht, und es traten ihr sogar Tränen in die Augen. Ihr war bange, und sie schämte sich, und es war so süß ... Ras-kolnikow wandte sich rasch ab und setzte sich auf einen Stuhl vor den Tisch. Mit einem flüchtigen Blick musterte er das Zimmer.
Es war groß, aber außerordentlich niedrig, das einzige
Zimmer, das von der Familie Kapernaumow vermietet wurde; links führte eine jetzt geschlossene Tür zu den an-deren Räumen. Auf der anderen Seite, in der rechten Wand, war noch eine Tür, die immer fest verriegelt war. Sie führte in die Nachbarwohnung, die eine eigene Türnummer hatte. Das Zimmer Sonjas sah wie eine Scheune aus; es hatte den Grundriß eines sehr unregelmäßigen Vierecks, und das machte es häßlich. Die eine Wand mit drei Fenstern, die auf den Kanal hinausgingen, schloß den Raum schräg ab, wes-halb die sehr spitze Ecke ganz in der Tiefe verschwand und bei der schwachen Beleuchtung nicht einmal richtig zu erken-nen war; die andere Ecke bildete einen häßlich stumpfen Winkel. Der ganze große Raum war fast unmöbliert. In der Ecke rechts stand das Bett, daneben, näher zur Tür hin, ein Stuhl. An derselben Wand wie das Bett stand dicht vor der Tür zu der Nachbarwohnung ein einfacher Brettertisch mit einer blauen Decke; neben dem Tisch standen zwei Rohr-stühle. An der gegenüberliegenden Wand, nahe dem spitzen Winkel, stand schließlich noch eine kleine Kommode aus ein-fachem Holz, die sich in dieser Öde zu verlieren schien. Das war das gesamte Mobiliar. Die vergilbten, schäbigen, zerris-senen Tapeten waren in den Ecken ganz schwarz geworden; offenbar war es hier im Winter feucht und muffig. Die Armut sprang in die Augen; nicht einmal das Bett hatte einen Vorhang.