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Schweigend sah Sonja den Besucher an, der ihr Zimmer so aufmerksam und ungeniert musterte, und schließlich begann sie vor Angst geradezu zu zittern, als stünde sie vor ihrem Richter, der über ihr Geschick zu entscheiden hätte.

»Ich komme spät ... ist es schon elf?« fragte er, noch immer ohne sie anzusehen.

»Ja«, murmelte Sonja. »Ach ja!« fuhr sie plötzlich hastig fort, als läge darin ihre ganze Zuflucht. »Eben hat die Uhr meiner Wirtsleute geschlagen ... Ich habe es selbst gehört ... Es ist elf.«

»Ich bin zum letztenmal zu Ihnen gekommen«, sprach Ras-kolnikow finster weiter, obgleich er doch zum erstenmal hier war; »ich werde Sie vielleicht nie wiedersehen ...«

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»Sie ... verreisen?«

»Das weiß ich nicht ... erst morgen entscheidet sich ...«

»So kommen Sie morgen nicht zu Jekaterina Iwanowna?« Sonjas Stimme zitterte.

»Ich weiß es nicht; alles entscheidet sich morgen vormit-tag ... Doch darum geht es jetzt nicht; ich bin gekommen, Ihnen etwas zu sagen ...«

Er sah sie nachdenklich von unten her an und merkte plötz-lich, daß er saß, während sie noch immer vor ihm stand.

»Warum stehen Sie denn? Setzen Sie sich doch«, sagte er plötzlich in verändertem, stillem, liebkosendem Ton.

Sie setzte sich. Freundlich und fast mit Mitleid sah er sie lange an.

»Wie mager Sie sind! Was für Hände Sie haben! Ganz durchsichtig. Finger wie eine Tote.«

Er nahm ihre Hand. Sonja lächelte matt.

»Ich war immer so«, antwortete sie.

»Auch als Sie noch zu Hause lebten?«

»Ja.«

»Nun, dann natürlich!« stieß er abgerissen hervor, und sein Gesichtsausdruck und der Tonfall seiner Stimme hatten sich plötzlich abermals verändert. Er blickte sich von neuem um.

»Sie leben bei den Kapernaumows?«

»Ja ...«

»Wohnen die hinter der Tür dort?«

»Ja ... sie haben ein ebensolches Zimmer.«

»Hausen alle in dem einen Raum?«

»Ja.«

»Ich würde mich in Ihrem Zimmer nachts fürchten«, be-merkte er düster.

»Die Hausleute sind sehr gut und freundlich«, entgegnete Sonja, die noch immer nach Fassung rang und nicht begriffen hatte. »Und alle Möbel und alles ... alles gehört den Haus-wirten. Sie sind sehr gut, auch die Kinder kommen oft zu mir ...«

»Das sind diese Stotterer?«

»Ja, er stottert, und außerdem ist er lahm. Und seine Frau stottert auch ... Übrigens stottert sie nicht eigentlich; sie

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spricht alles nur nicht richtig aus. Sie ist sehr gut. Und er war früher Knecht auf einem Gutshof. Sie haben sieben Kinder ... und nur das Älteste stottert, die anderen sind einfach krank ... stottern aber nicht ... Doch wieso wissen Sie davon?« schloß sie erstaunt.

»Mir hat seinerzeit Ihr Vater davon erzählt ... Er er-zählte mir von Ihnen ... auch wie Sie um sechs Uhr weg-gingen und um neun zurückkamen und wie Katerina Iwanowna vor Ihrem Bett auf den Knien lag.«

Sonja wurde verlegen.

»Mir war, als hätte ich ihn heute gesehen«, flüsterte sie scheu.

»Wen?«

»Meinen Vater. Ich ging die Straße entlang, ganz bei Ihnen in der Nähe, an der Ecke, gegen zehn Uhr, und er schien vor mir herzugehen ... genauso, als wäre er es wirklich. Ich wollte schon zu Katerina Iwanowna schauen ...«

»Sie gingen ... spazieren?«

»Ja«, flüsterte Sonja tonlos; sie war abermals verlegen ge-worden und blickte zu Boden.

»Katerina Iwanowna hat Sie doch, als Ihr Vater noch lebte, öfters geschlagen?«

»Ach nein, was reden Sie da! Niemals!« rief Sonja und starrte ihn geradezu erschreckt an.

»Lieben Sie sie vielleicht?«

»Katerina Iwanowna? Aber freilich!« erwiderte Sonja gedehnt und kläglich und faltete plötzlich leiderfüllt die Hände. »Ach, Sie kennen sie ja nicht ... wenn Sie sie nur kennten! Sie ist wie ein Kind ... Ihr Verstand ist gleichsam getrübt ... vor Kummer. Und wie klug sie war ... wie großherzig ... wie gut! Sie wissen ja nichts, nichts ... Ach!«

Sonja sagte das wie in Verzweiflung, erregt und beküm-mert, und rang die Hände. Ihre blassen Wangen waren rot geworden; in ihren Augen lag ein Ausdruck von Qual. Man sah, daß vieles in ihr angerührt worden war, daß es sie drängte, etwas auszusprechen, etwas zu sagen, für jemanden einzutreten. Ein nicht zu stillendes Mitleiden, wenn man sich

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so ausdrücken darf, spiegelte sich mit einem Schlag in ihren Zügen.

»Geschlagen! Was sagen Sie da? Du lieber Gott, geschlagen hätte sie mich?! Und selbst wenn sie es getan hätte, was wäre dabei? Nun, was wäre dabei? Sie wissen nichts, gar nichts ... Sie ist eine so unglückliche Frau, ach, wie unglücklich! Und krank ... Sie sucht Gerechtigkeit ... sie ist rein. Sie glaubt felsenfest daran, daß in allem Gerechtigkeit walten muß, sie fordert es . .. Und wenn man sie auch folterte, sie würde nichts Unrechtes tun. Sie selbst merkt gar nicht, wie unmög-lich es ist, daß es unter den Menschen gerecht zugehe, und sie wird zornig ... wie ein Kind, wie ein Kind! Sie ist ge-recht, gerecht!«

»Und was soll jetzt aus Ihnen werden?«

Sonja sah ihn fragend an.

»Sie müssen doch jetzt für alle sorgen. Freilich lag auch bisher die ganze Last auf Ihren Schultern, und der Verstor-bene kam trotzdem zu Ihnen und bat Sie um Geld, damit er seinen Katzenjammer ertränken konnte. Aber was wird jetzt?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Sonja traurig.

»Bleiben sie dort wohnen?«

»Das weiß ich nicht; sie sind der Wirtin schon die Miete schuldig, und heute hörte ich, daß sie ausziehen müssen. Katerina Iwanowna sagt selbst, daß sie keine Minute länger bleiben würde.«

»Woher nimmt sie diesen Mut? Verläßt sie sich auf Sie?«

»Ach nein, so dürfen Sie nicht sprechen! ... Wir gehören doch zusammen«, sagte Sonja, plötzlich wieder erregt, ja geradezu gereizt, genauso, als wäre ein Kanarienvogel oder ein anderes kleines Vögelchen böse geworden. »Und was soll sie denn machen? Was denn, was?« fragte sie eifrig und auf-geregt. »Und wie sehr sie heute geweint hat, wie sehr! Sie ist ganz wirr im Kopfe, haben Sie das nicht gemerkt? Völlig wirr: bald macht sie sich Sorgen wie ein kleines Kind, daß morgen auch alles in Ordnung sei, daß es einen Imbiß gebe und so fort ... bald ringt sie die Hände, hustet Blut, weint und schlägt plötzlich mit dem Kopf gegen die Wand, als wäre sie

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verzweifelt. Und dann tröstet sie sich wieder; sie hofft auf Sie; sie sagt, Sie seien jetzt ihre Hilfe, und sie werde irgend-wo ein wenig Geld aufnehmen, mit mir in ihre Heimatstadt fahren und dort ein Pensionat für vornehme Mädchen er-öffnen; ich soll dort die Aufsicht führen, und dann werde für uns ein ganz neues, herrliches Leben anfangen; und sie küßt mich, umarmt mich, tröstet mich, und sie glaubt ja so fest an diese Phantasien, so fest! Kann ich ihr denn da wider-sprechen? Heute wäscht sie den ganzen Tag, macht sauber, flickt; mit ihren schwachen Kräften hat sie selber den Wasch-trog ins Zimmer geschleppt; sie war ganz außer Atem und fiel nur so aufs Bett; und am Vormittag sind wir beide noch auf den Markt gegangen, um Schuhe für Poljetschka und Lena zu kaufen; denn die Schuhe der Kinder sind schon ganz zerfetzt; nur reichte das Geld, das wir ausgerechnet hatten, nicht; es fehlte sehr viel, und sie hatte so hübsche Schuhe aus-gesucht ... sie hat nämlich Geschmack, Sie kennen sie nur nicht ... Dort im Laden fing sie vor den Verkäufern zu wei-nen an, weil das Geld nicht reichte ... Ach, es war ein trau-riger Anblick.«