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»Da ist es verständlich, wenn Sie ... dieses Leben führen«, meinte Raskolnikow mit bitterem Lächeln.

»Haben Sie etwa kein Mitleid mit ihr? Kein Mitleid?« rief Sonja. »Ich weiß doch, daß Sie Ihr letztes Geld hergegeben haben, ohne daß Sie auch nur eine Ahnung von ihr hatten! Und wenn Sie alles wüßten, ach du mein Gott! Und wie oft, wie oft hat sie um mich Tränen vergossen! Noch vor acht Tagen! Ach, ich bin ... eine Woche vor seinem Tod! ... Ich war so grausam! Und so oft, so oft war ich das! Ach, wie weh hat es mir getan, sooft ich heute daran gedacht habe!«

Sonja rang die Hände, während sie das sagte, so sehr schmerzte sie die Erinnerung.

»Sie sind grausam gewesen?«

»Ja, ich, ich! Ich kam damals zu ihnen«, sprach sie weinend weiter, »und da sagte der Verstorbene zu mir: ,Lies mir vor, Sonja, ich habe Kopfschmerzen, lies mir vor ... dort liegt das Buch'; es war irgendein Buch, das er von Andrej Semjo-nytsch bekommen hatte, von Lebesjatnikow; der wohnt auch

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dort, und er hat ihm immer so komische Bücher verschafft. Da sagte ich: ,Ich muß weggehen', weil ich ihm nicht vor-lesen wollte; ich war aber vor allem deswegen zu ihnen gegangen, um Katerina Iwanowna Kragen zu zeigen; Lisa-weta, die Händlerin, hatte mir billig Kragen und Man-schetten besorgt, und die waren sehr schön und noch ganz neu und hatten ein hübsches Muster. Sie gefielen Katerina Iwanow-na sehr; sie legte sie um und besah sich im Spiegel, und die Kragen gefielen ihr außerordentlich gut. ,Schenk sie mir, Sonja', sagte sie, ,bitte.' Bitte sagte sie, und sie hätte die Kragen so gerne gehabt! Aber was hätte sie damit anfangen sollen? Es kamen ihr eben nur die einstigen glücklichen Zeiten in Erinnerung! Sie sah in den Spiegel und freute sich, aber sie besitzt ja kein einziges Kleid, zu dem der Kragen paßte, nichts, rein gar nichts, schon seit vielen Jahren nicht mehr! Und niemals bittet sie jemanden um etwas; sie ist zu stolz dazu. Eher gibt sie selbst ihr Letztes her, und jetzt bat sie mich – so sehr gefielen ihr die Kragen! Und mir tat es leid, sie herzugeben. ,Wozu wollen Sie sie haben, Katerina Iwanowna?' So sagte ich wörtlich: ,wozu?' Das hätte ich nicht sagen dürfen! Sie schaute mich an, und es wurde ihr ganz traurig zumute, ganz traurig, weil ich ihr die Bitte ab-geschlagen hatte; es war jammervoll, das mit anzusehen ... Und nicht wegen der Kragen kränkte sie sich, sondern weil ich ihr ihre Bitte abgeschlagen hatte, das merkte ich. Ach, wie gern möchte ich jetzt alles wiedergutmachen, alles zurückneh-men, alle meine Worte ... Ach, ich ... aber was! ... Ihnen ist das ja gleichgültig!«

»Haben Sie diese Händlerin Lisaweta gekannt?«

»Ja ... Haben Sie sie denn auch gekannt?« fragte Sonja mit einigem Staunen.

»Katerina Iwanowna hat die Schwindsucht; sie wird bald sterben«, sagte Raskolnikow, der eine Weile geschwiegen und auf Sonjas Frage nicht geantwortet hatte.

»Ach nein, nein, nein!« Und mit einer unbewußten Geste nahm ihn Sonja bei beiden Händen, als wollte sie ihn an-flehen, daß das nicht geschehe.

»Aber es ist doch besser, wenn sie stirbt!«

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»Nein, es ist nicht besser, nicht besser, ganz und gar nicht besser!« rief sie erschrocken, und ohne zu zögern.

»Und die Kinder? Wo wollen Sie die denn unterbringen, wenn nicht bei sich selbst?«

»Ach, ich weiß nicht!« rief Sonja beinahe verzweifelt und griff sich an den Kopf. Man sah, daß diese Frage sie schon oft und oft gequält hatte und daß er diesen Gedanken jetzt nur wieder aufgeschreckt hatte.

»Und wenn Sie selbst noch zu Katerina Iwanownas Leb-zeiten erkranken und ins Spital müssen, was dann?« beharrte er erbarmungslos.

»Ach, was reden Sie da, was reden Sie da! Das kann ja gar nicht sein!« Sonjas Gesicht verzerrte sich in furchtbarem Entsetzen.

»Wieso kann das nicht sein?« fuhr Raskolnikow mit bösem Lächeln fort. »Sie sind doch dagegen nicht gefeit? Was wird dann aus Ihrer Familie? Sie werden alle miteinander auf die Straße gehen; sie wird husten und betteln und irgendwo ihren Kopf gegen die Mauer schlagen wie heute, und die Kinder werden weinen ... Und sie wird zusammenbrechen; man bringt sie aufs Revier und ins Krankenhaus; dort stirbt sie, und die Kinder ...«

»Ach nein! ... Gott wird das nicht zulassen!« entrang es sich endlich der bedrängten Brust Sonjas. Flehend hatte sie ihn angeblickt, während sie ihm zuhörte, und hielt die Hände in einer stummen Bitte gefaltet, als hinge alles von ihm ab.

Raskolnikow erhob sich und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Etwa eine Minute verstrich. Sonja stand unbe-weglich, Kopf und Arme gesenkt, in namenlosem Elend.

»Und können Sie nichts sparen? Geld für schlechte Zeiten zurücklegen?« fragte er, während er plötzlich vor ihr stehen-blieb.

»Nein«, flüsterte Sonja.

»Natürlich nicht! Haben Sie es schon versucht?« fuhr er beinahe höhnisch fort.

»Ja.«

»Und es wurde nichts daraus?! Nun ja, versteht sich! Wo-zu fragen!«

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Und wieder ging er im Zimmer auf und ab. Abermals ver-strich eine Minute.

»Verdienen Sie nicht jeden Tag etwas?«

Sonjas Verlegenheit wuchs, und wieder stieg ihr die Röte ins Gesicht.

»Nein«, flüsterte sie mit qualvoller Anstrengung.

»Poletschka wird wahrscheinlich ebenso enden wie Sie«, sagte er plötzlich.

»Nein! Nein! Das darf nicht geschehen, niemals!« schrie Sonja verzweifelt, als hätte man sie mit einem Messer ver-wundet. »Gott wird etwas so Grauenvolles nicht zulassen!«

»Bei andern läßt er es auch zu!«

»Nein, nein! Gott wird sie schützen, Gott! ...« sagte sie immer wieder, ganz außer sich.

»Aber vielleicht gibt es Gott gar nicht«, entgegnete Ras-kolnikow fast mit einer Art Schadenfreude, lachte und sah sie an.

Das Gesicht Sonjas hatte sich plötzlich erschreckend ver-ändert; krampfhafte Zuckungen liefen über ihre Züge. Unsagbar vorwurfsvoll blickte sie ihn an, wollte spre-chen, brachte aber kein Wort hervor und begann mit einem-mal bitterlich zu schluchzen, die Hände vors Gesicht ge-schlagen.

»Sie haben gesagt, Katerina Iwanowna verliere den Ver-stand, aber Sie selbst verlieren ihn ja«, sagte er, nachdem er einen Augenblick geschwiegen hatte.

Es vergingen fünf Minuten. Er ging noch immer schweigend, und ohne sie anzusehen, hin und her. Schließlich trat er auf sie zu; seine Augen funkelten. Mit beiden Händen nahm er sie bei den Schultern und schaute ihr in das tränennasse Gesicht. Der Blick seiner brennenden Augen war scharf und durch-dringend; seine Lippen zuckten ... Plötzlich beugte er sich rasch bis zum Boden und küßte ihr den Fuß. Sonja taumelte entsetzt zurück, als wäre er wahnsinnig. Und wahrhaftig, er starrte sie an wie ein völlig Wahnsinniger.

»Was tun Sie da? Was tun Sie? Vor mir!« murmelte sie totenblaß, und schmerzhaft, schmerzhaft preßte sich plötz-lich ihr Herz zusammen.

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Er stand sofort wieder auf.

»Ich habe mich nicht vor dir gebeugt, sondern ich habe mich vor allem menschlichen Leid gebeugt«, sagte er mit einer selt-samen Scheu und ging zum Fenster. »Höre«, fügte er hinzu, als er nach einem Augenblick zu ihr zurückkam, »ich habe heute zu einem Menschen, der mich beleidigt hatte, gesagt, daß er deinen kleinen Finger nicht wert sei ... und daß ich meiner Schwester eine Ehre erwiesen hätte, als ich sie neben dir sitzen ließ.«

»Ach, weshalb haben Sie das gesagt! Und vielleicht gar in Gegenwart Ihrer Schwester?« rief Sonja erschreckt. »Neben mir! Eine Ehre! Ich bin doch ... ehrlos ... Ach, warum haben Sie das gesagt!«