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»Nicht deiner Ehrlosigkeit und deiner Sünde wegen habe ich das gesagt, sondern weil du ein so großes Leid trägst. Daß du eine große Sünderin bist, ist richtig«, fügte er fast triumphierend hinzu. »Vor allem bist du deswegen eine Sün-derin, weil du dich vergeblich getötet und preisgegeben hast. Das eben ist das Grauenvolle, das ist so grauenvoll, daß du in diesem Schmutz lebst, den du so sehr haßt, und dabei doch selbst weißt – du brauchst ja nur die Augen aufzu-machen –, daß du damit niemandem hilfst und niemanden vor irgend etwas rettest! So sag mir doch endlich«, stieß er wie besessen hervor, »wie kann sich in dir solche Schmach und Niedrigkeit mit den entgegengesetzten, den heiligsten Ge-fühlen vereinbaren? Es wäre doch richtiger, tausendmal rich-tiger und vernünftiger, kopfüber ins Wasser zu springen und mit einem Schlag allem ein Ende zu machen!«

»Und was wird dann aus ihnen?« fragte Sonja leise; sie blickte ihn schmerzlich an, schien sich aber doch über seinen Vorschlag keineswegs zu wundern.

Raskolnikow sah sie eigentümlich an.

Ihr Blick allein hatte ihm alles gesagt. Offenbar war ihr dieser Gedanke wirklich selbst schon gekommen. Vielleicht hatte sie in ihrer Verzweiflung bereits oft und ernsthaft darüber nachgedacht, wie es wäre, mit einem Schlag ein Ende zu machen, so ernsthaft darüber nachgedacht, daß sein Vorschlag sie nicht im mindesten überraschte. Sie merkte nicht

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einmal, wie grausam seine Worte waren – den Sinn seiner Vorwürfe und seine besonderen Ansichten über ihre Schmach hatte sie natürlich ebenfalls nicht begriffen, das sah er deut-lich. Aber er erkannte, bis zu welch ungeheuerlicher Qual – und zwar schon seit langem – sich der Gedanke an ihre ehr-lose, schmachvolle Lage gesteigert hatte. Was, was nur kann, so dachte er, sie bis jetzt abgehalten haben, allem mit einem Schlag ein Ende zu machen? Und jetzt erst erkannte er, was ihr diese armen, verwaisten kleinen Kinder und diese be-jammernswerte, halb verrückte, schwindsüchtige Katerina Iwanowna, die mit dem Kopf gegen die Wand schlug, be-deuteten.

Andererseits war ihm ebenso klar, daß Sonja mit ihrem Charakter und mit jener Erziehung, die sie, wenn auch ober-flächlich, genossen hatte, eigentlich auf keinen Fall so leben konnte, wie sie es tat. Und es drängte sich ihm geradezu die Frage auf: wie hatte sie so lange, allzulange schon, auf diese Weise leben können, ohne verrückt geworden zu sein, wenn sie schon nicht die Kraft besaß, ins Wasser zu springen? Natürlich sah er ein, daß Sonjas Situation, obwohl sie keine einzigartige Ausnahme im gesellschaftlichen Gefüge darstellte, doch von mancherlei Zufälligkeiten bestimmt war. Aber ge-rade diese Zufälligkeit und dazu ihre Bildung, so mittelmä-ßig sie sein mochte, und ihr ganzes vorhergegangenes Leben hätten sie, wie ihm schien, schon beim ersten Schritt auf einem so abstoßenden Wege töten müssen. Was also hielt sie auf-recht? Doch nicht das Laster? All diese Schmach berührte sie offenbar nur rein äußerlich; das wirkliche Laster hatte noch nicht Eingang in ihr Herz gefunden; er sah das; er durch-schaute sie bis ins Innerste ...

Ihr stehen drei Wege offen, dachte er. Sie kann in den Kanal springen, im Irrenhaus enden oder ... oder sich schließ-lich dem Laster ergeben, das den Geist verdüstert und das Herz versteinert. Dieser letzte Gedanke stieß ihn am mei-sten ab; aber Raskolnikow war Skeptiker, er war jung, mit abstrakten Gedanken vertraut und wohl auch grausam; und darum mußte ihm der letzte Weg, das heißt der Weg ins Laster, als der wahrscheinlichste vorkommen.

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Aber ist das wirklich wahr? dachte er weiter. Wird sich denn auch dieses Geschöpf, das noch die ganze Lauterkeit seines Gemüts bewahrt hat, schließlich in diese widerliche, stinkende Grube hineinziehen lassen? Ist sie vielleicht schon auf dem Wege dazu, und hat sie nur deshalb durchhalten können, weil das Laster für sie seine Schrecken verloren hat? Nicht doch, nicht doch, das kann ja nicht sein! dachte er, wie es vorhin Sonja ausgedrückt hatte. Nein, vom Kanal wurde sie bis jetzt durch den Gedanken an die Sünde und an sie, an jene abgehalten ... Wenn sie bis jetzt noch nicht verrückt geworden ist ... Aber wer sagt denn, daß sie nicht schon verrückt ist? Ist sie denn noch bei klarem Verstand? Kann man dann so sprechen wie sie? Kann man bei klarem Ver-stand so denken wie sie? Kann man am Rande des Verder-bens stehen, am Rand der stinkenden Grube, in die sie bereits hineingezogen wird, und mit den Händen abwehren und sich die Ohren zuhalten, wenn jemand über die Gefahr spricht? Was will sie nur? Wartet sie auf ein Wunder? Ganz gewiß! Sind das etwa nicht die ersten Zeichen des Wahn-sinns?

Hartnäckig verbohrte er sich in diesen Gedanken. Eine solche Erklärung leuchtete ihm sogar mehr ein als jede andere. Er musterte sie aufmerksam.

»Du betest also viel, Sonja?« fragte er endlich.

Sonja schwieg; er stand neben ihr und wartete auf ihre Antwort.

»Was wäre ich ohne Gott?« flüsterte sie dann rasch und mit Nachdruck, während sie ihn mit aufblitzenden Augen schnell ansah und ihm fest die Hand drückte.

Tatsächlich, es ist so! dachte er.

»Und was tut Gott für dich?« fragte er, um sie weiter aus-zuforschen.

Sonja schwieg lange Zeit, als brächte sie es nicht fertig zu antworten. Ihre zarte Brust hob und senkte sich vor Erre-gung.

»Schweigen Sie! Fragen Sie nicht! Sie sind es nicht wert! ...« rief sie auf einmal und funkelte ihn streng und zornig an.

Es ist so! Es ist so! wiederholte er im stillen.

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»Alles tut er!« flüsterte sie hastig, während sie wieder zu Boden blickte.

Das ist ihr Ausweg! Das ist auch die Erklärung für ihren Ausweg! folgerte er in Gedanken, während er sie mit gieri-gem Interesse beobachtete.

Mit einem neuen, seltsamen, fast krankhaften Gefühl starrte er dieses blasse, magere, unregelmäßige, eckige Gesichtchen an, diese sanften blauen Augen, die in solchem Feuer, in einem so strengen, lodernden Gefühl funkeln konnten, diesen zarten Körper, der noch vor Entrüstung und Zorn zitterte, und das alles kam ihm noch sonderbarer vor, fast unmöglich. Eine Gottesnärrin! Eine Gottesnärrin! sagte er sich immer wieder.

Auf der Kommode lag ein Buch. Sooft er daran vorbei-gegangen war, hatte er es bemerkt; jetzt nahm er es in die Hand und sah es aufmerksam an. Es war das Neue Testament in russischer Übersetzung. Das Buch, in Leder gebunden, war alt und zerlesen.

»Woher hast du das?« rief er ihr durch das Zimmer zu.

Sie stand noch immer an der alten Stelle, drei Schritte vom Tisch entfernt.

»Irgend jemand hat es mir gegeben«, antwortete sie gleich-sam widerstrebend, und ohne ihn anzusehen.

»Wer hat es dir gegeben?«

»Lisaweta; ich bat sie darum.«

Lisaweta? Seltsam! dachte er.

Alles an Sonja war ihm auf unbegreifliche Weise von Minute zu Minute merkwürdiger und wunderbarer geworden. Er trug das Buch zu der Kerze und begann darin zu blättern.

»Wo steht die Geschichte von Lazarus?« fragte er schließ-lich.

Sonja blickte hartnäckig zu Boden und antwortete nicht. Sie stand ein wenig abgewandt vom Tisch.

»Wo steht die Geschichte von der Erweckung des Lazarus? Such sie mir heraus, Sonja!«

Sie blickte ihn von der Seite an.

»Nein, nicht da ... sie steht im vierten Evangelium! ...« flüsterte sie streng, ohne sich zu rühren.

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»Such sie und lies sie mir vor«, sagte er, setzte sich, stützte die Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hände und starrte finster zur Seite, bereit, zuzuhören.

In etwa drei Wochen ist sie im Irrenhaus! Und ich bin wahrscheinlich auch dort, wenn es nicht noch schlimmer kommt, murmelte er vor sich hin.