Sonja trat auf Raskolnikows sonderbares Geheiß unschlüs-sig zum Tisch; sie war voll Mißtrauen. Trotzdem nahm sie das Buch zur Hand.
»Haben Sie die Geschichte denn noch nicht gelesen?« fragte sie, während sie ihn über den Tisch hinweg ungläubig ansah. Ihre Stimme war immer strenger geworden.
»Vor langer Zeit ... als ich noch zur Schule ging. Lies!«
»Und in der Kirche haben Sie sie nicht gehört?«
»Ich gehe nicht zur Kirche. Du gehst wohl oft hin?«
»N-nein«, flüsterte Sonja.
Raskolnikow verzog das Gesicht zu einem Lächeln.
»Ich verstehe ... Da kommst du wohl morgen auch nicht zum Begräbnis deines Vaters?«
»O doch. Ich war auch vorige Woche in der Kirche ... Ich ließ eine Seelenmesse lesen.«
»Für wen?«
»Für Lisaweta. Sie ist mit dem Beil erschlagen worden.«
Seine Nerven spannten sich, der Kopf begann sich ihm zu drehen.
»Warst du mit Lisaweta befreundet?«
»Ja ... sie war gerecht ... Sie besuchte mich manchmal ... es ging nicht anders ... wir beide lasen ... und plauderten. Sie wird Gott schauen.«
Diese Bibelworte berührten ihn seltsam, und wiederum er-fuhr er etwas Neues: sie hatte geheimnisvolle Zusammen-künfte mit Lisaweta gehabt ... und beide waren sie När-rinnen in Gott.
Hier wird man ja selbst zu einem Gottesnarren! Das ist ansteckend! dachte er. »Lies!« rief er plötzlich eigensinnig und ärgerlich.
Sonja zögerte noch immer. Das Herz schlug ihr bis zum Halse. Aus irgendwelchen Gründen wagte sie nicht, ihm
vorzulesen. Mit einer qualvollen Empfindung betrachtete er »die unglückliche Irre«.
»Wozu wollen Sie das? Sie sind doch nicht gläubig?« flü-sterte sie leise und stockend.
»Lies! Ich will es!« wiederholte er. »Du hast doch auch Lisaweta vorgelesen!«
Sonja öffnete das Buch und suchte die Stelle. Ihre Hände zitterten; die Stimme versagte ihr. Zweimal setzte sie an und vermochte doch das erste Wort nicht auszusprechen.
»Es lag aber einer krank mit Namen Lazarus, von Betha-nien ...« sagte sie schließlich mühsam, doch plötzlich, schon beim dritten Wort, brach ihr die Stimme und sprang wie eine zu straff gespannte Saite. Der Atem versagte ihr, und ihre Brust schnürte sich zusammen.
Raskolnikow begriff bis zu einem gewissen Grade, warum sich Sonja nicht entschließen konnte, ihm vorzulesen, und er verstand dies um so mehr, je dringender und gereiz-ter er auf dem Vorlesen beharrte. Er begriff nur allzugut, wie schwer es ihr fiel, ihr Innerstes preiszugeben und zu enthül-len. Er erkannte, daß diese Gefühle ihr seit langem gehü-tetes tiefes Geheimnis waren, vielleicht seit ihrer Kindheit schon, als sie noch im Kreis ihrer Familie, an der Seite ihres unglücklichen Vaters und ihrer vor Kummer verrückt gewor-denen Stiefmutter, gelebt hatte, mitten unter den hungern-den Kindern, unter häßlichem Geschrei und unter ständigen Vorwürfen. Doch gleichzeitig wußte er, und er wußte es mit Sicherheit, daß sie sich zwar fürchtete und sich vor irgend etwas entsetzte, wenn sie ihm jetzt vorlesen sollte, daß sie dabei aber selbst den qualvollen Wunsch hegte, ihm trotz aller Furcht und trotz allem Entsetzen vorzulesen, gerade ihm, damit er es höre, und unbedingt jetzt – »was auch daraus später werden möge! ...« Er sah das ihren Augen an; er erriet es aus ihrer begeisterten Erregung ... Sie bezwang sich, unterdrückte den Krampf in ihrer Kehle, der ihr zu Beginn des Verses die Stimme erstickt hatte, und setzte die Vorle-sung aus dem elften Kapitel des Johannes-Evangeliums fort. Sie kam zum neunzehnten Vers.
»Und viele Juden waren zu Martha und Maria gekom-
men, sie zu trösten über ihren Bruder. Als Martha nun hörte, daß Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen. Da sprach Martha zu Jesus: Herr, wärest du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben! Aber ich weiß auch noch, daß, was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.«
Hier hielt sie abermals inne, weil sie beschämt fühlte, daß ihre Stimme wieder zittern und versagen werde.
»Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder soll auferstehen. Martha spricht zu ihm: Ich weiß wohl, daß er auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm ...«
Und Sonja, die gleichsam unter Schmerzen Atem holte, las deutlich und voll Kraft weiter, als predigte sie, damit alle es hörten: »Herr, ja, ich glaube, daß du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.«
Sie schwieg, hob rasch den Blick zu ihm, bezwang sich aber sofort wieder und las weiter. Raskolnikow saß da und lauschte unbeweglich, ohne sich umzudrehen, und schaute, auf den Tisch gestützt, zur Seite. Sie kamen zum zweiunddreißigsten Vers.
»Als nun Maria kam, da Jesus war, und sah ihn, fiel sie zu seinen Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärest du hier ge-wesen, mein Bruder wäre nicht gestorben! Als Jesus sie sah weinen und die Juden auch weinen, die mit ihr kamen, er-grimmte er im Geist und betrübte sich selbst und sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie sprachen zu ihm: Herr, komm und sieh es! Und Jesus gingen die Augen über. Da sprachen die Juden: Siehe, wie hat er ihn so liebgehabt! Etliche aber unter ihnen sprachen: Konnte, der dem Blinden die Augen aufge-tan hat, nicht verschaffen, daß auch dieser nicht stürbe?«
Raskolnikow wandte sich ihr zu und betrachtete sie erregt. Ja, so war es! Sie zitterte am ganzen Körper in richtigem Fieber. Er hatte das erwartet. Sie gelangte nun zu dem Be-richt über das größte, unerhörteste Wunder, und ein Gefühl
gewaltigen Triumphes hatte sie erfaßt. Ihre Stimme klang wie Metall; Triumph und Freude schwangen darin mit und festig-ten sie. Die Zeilen verschwammen ihr vor dem Blick, weil ihr dunkel vor Augen wurde, aber sie kannte das, was sie las, auswendig. Bei dem letzten Vers: »Konnte, der dem Blinden die Augen auf getan bat ...« gab sie mit gesenkter Stimme, lodernd und leidenschaftlich, den Zweifel, den Vor-wurf und den Tadel der ungläubigen, blinden Juden wieder, die jetzt gleich, im nächsten Augenblick, wie vom Blitz ge-troffen niederstürzen, aufschluchzen und glauben mußten ... Auch er, er, ebenfalls blind und ungläubig, auch er wird es hören; auch er wird glauben, ja, ja! Jetzt, jetzt gleich! träumte sie und zitterte in freudiger Erwartung.
»Da ergrimmte Jesus abermals in sich selbst und kam zum Grabe. Es war aber eine Kluft und ein Stein draufgelegt. Jesus sprach: Hebt den Stein ab! Spricht zu ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon; denn er ist vier Tage gelegen.«
Das Wort vier hob sie besonders hervor.
»Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen? Da hoben sie den Stein ab, da der Verstorbene lag. Jesus aber hob seine Augen empor und sprach: Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast. Doch ich weiß, daß du mich allezeit hörst; aber um des Volks willen, das umhersteht, sage ich's, daß sie glauben, du habest mich gesandt. Da er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm her-aus! Und der Verstorbene kam heraus ...«
Sonja las diese Worte laut und verzückt, zitternd und in Kälte erschauernd, als sähe sie alles mit eigenen Augen.
»... gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen und sein Angesicht verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: Löset ihn auf und lasset ihn gehen!
Viele nun der Juden, die zu Maria gekommen waren und sahen, was Jesus tat, glaubten an ihn.«
Weiter las sie nicht; sie konnte nicht mehr lesen; sie schloß das Buch und stand rasch auf.