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»Das ist alles, was über die Erweckung des Lazarus geschrie-

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ben steht«, flüsterte sie stockend und abweisend, wandte sich zur Seite und blieb regungslos stehen, da sie nicht wagte – und sich wohl auch schämte –, den Blick zu ihm zu erheben. Sie zitterte noch immer wie im Fieber. Die Kerze in dem schiefen Leuchter war schon tief heruntergebrannt und beleuchtete trübe den Mörder und die Buhlerin in diesem armseligen Zimmer, die sich beim Lesen des Ewigen Buches so seltsam gefunden hatten. Fünf Minuten oder noch mehr vergingen.

»Ich bin gekommen, um mit dir eine wichtige Sache zu besprechen«, sagte Raskolnikow endlich mit abweisender Miene; dann erhob er sich und trat auf Sonja zu. Sie blickte schweigend zu ihm auf. Der Ausdruck seiner Augen war hart, und eine wilde Entschlossenheit spiegelte sich darin.

»Ich habe heute meine Familie verlassen«, sagte er, »Mutter und Schwester. Ich gehe nicht mehr zu ihnen. Ich habe alles hinter mir abgebrochen.«

»Weshalb?« fragte Sonja, starr vor Staunen.

Die Begegnung mit seiner Mutter und seiner Schwester hatte ihr tiefen Eindruck gemacht, wenngleich sie sich selbst nicht darüber Rechenschaft zu geben vermochte. Deshalb nahm sie die Nachricht von dem Bruch beinahe mit Entsetzen auf.

»Ich habe jetzt nur noch dich«, fuhr er fort. »Laß uns ge-meinsam weitergehen ... Ich bin zu dir gekommen. Beide sind wir verflucht, so wollen wir auch gemeinsam unsern Weg weitergehen.«

Seine Augen funkelten. Als wäre er wahnsinnig! dachte Sonja jetzt ihrerseits.

»Wohin?« fragte sie angstvoll und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

»Wie kann ich das wissen? Ich weiß nur, daß wir denselben Weg zu gehen haben. Das weiß ich gewiß – sonst nichts. Wir haben dasselbe Ziel!«

Sie blickte ihn an und verstand kein Wort. Sie verstand nur, daß er zutiefst, daß er unsagbar unglücklich war.

»Niemand würde dich verstehen, wenn du so zu ihnen sprechen wolltest«, fuhr er fort; »aber ich habe dich ver-standen. Ich brauche dich, und deshalb bin ich zu dir ge-kommen.«

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»Ich verstehe nicht ...« flüsterte Sonja.

»Später wirst du verstehen. Hast du denn nicht das gleiche getan? Auch du hast dich vergangen ... hast es über dich gebracht, dich zu vergehen. Du hast Hand an dich gelegt, du hast ein Leben vernichtet ... dein Leben – aber das gilt gleich! Du hättest ein Leben im Geist und in der Klarheit führen können und endest auf dem Heumarkt ... Aber du wirst dieses Leben nicht durchhalten können; und wenn du allein bleibst, wirst du verrückt wie ich. Du bist jetzt schon wie wahnsinnig; folglich müssen wir miteinander gehen, auf derselben Straße! Komm!«

»Wozu? Wozu das alles!« stieß Sonja hervor, von seinen Worten zutiefst getroffen und erregt.

»Wozu? Weil es so nicht bleiben darf – das ist der Grund! Wir müssen doch endlich ernsthaft und klar nachdenken und dürfen nicht wie Kinder jammern und schreien, daß Gott es nicht zulassen könne! Was wird denn geschehen, wenn man dich morgen wirklich ins Krankenhaus bringt? Katerina Iwanowna ist nicht bei vollem Verstand und ist schwindsüchtig; sie wird bald sterben, und was wird dann aus den Kindern? Wird Poljetschka etwa nicht untergehen? Hast du denn hier nicht an den Straßenecken die Kinder gesehen, die von ihren Müttern ausgeschickt werden, um betteln zu ge-hen? Ich habe mich erkundigt, wo und in welchen Ver-hältnissen diese Mütter leben. Dort können die Kinder nicht Kinder bleiben. Da ist ein Siebenjähriger schon lasterhaft und ein Dieb. Und die Kinder sind doch das Ebenbild Christi: ihrer ist das Himmelreich. Er hat geboten, sie zu behüten und zu lieben; sie sind das künftige Menschengeschlecht ...«

»Was soll ich denn tun, was?« rief Sonja immer wieder unter hysterischem Weinen und rang die Hände.

»Was du tun sollst? Alles, was zerbrochen werden muß, zerbrechen, ein für allemal, sonst nichts – und dein Leid auf dich nehmen! Du verstehst mich nicht? Später wirst du mich verstehen ... Freiheit und Macht, vor allem Macht! Über jegliche zitternde Kreatur, über den ganzen Ameisen-haufen! ... das ist das Ziel! Das mußt du verstehen! Das ist mein Abschiedswort an dich! Vielleicht spreche ich zum

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letztenmal mit dir. Wenn ich morgen nicht wiederkomme, wirst du von andern alles erfahren, und dann erinnere dich meiner jetzigen Worte. Und später einmal, nach Jahren viel-leicht, wirst du verstehen, was sie bedeuten. Wenn ich morgen wiederkomme, werde ich dir sagen, wer Lisaweta getötet hat. Leb wohl!«

Sonja zitterte vor Furcht.

»Wissen Sie denn, wer sie umgebracht hat?« fragte sie in eiskaltem Entsetzen und sah ihn verstört an.

»Ich weiß es und werde es dir sagen ... dir, nur dir! Dich habe ich auserwählt. Ich werde nicht kommen, dich um Vergebung zu bitten, sondern um dir die Wahrheit zu sagen. Ich habe dich schon lange auserwählt, um es dir zu sagen; schon damals, als dein Vater von dir sprach und als Lisaweta noch am Leben war, dachte ich daran. Leb wohl. Gib mir nicht die Hand. Auf morgen!«

Er ging. Sonja sah ihm nach wie einem Irren; aber auch sie war gleichsam von Sinnen und fühlte das. Ihr schwindelte. O Gott! Wieso weiß er, wer Lisaweta getötet hat? Was bedeuten seine Worte? Das ist furchtbar! Doch trotzdem kam ihr ein Gedanke nicht in den Kopf. Keineswegs! Auch nicht von ferne! ... Oh, er muß grauenvoll unglücklich sein! ... Er hat Mutter und Schwester verlassen. Weshalb? Was ist geschehen? Und was hat er vor? Was hat er mir gesagt? Er hat mir den Fuß geküßt und gesagt ... gesagt - ja, er hat das klar ausgesprochen –, daß er ohne mich nicht mehr leben könne ... Oh, mein Gott und Herr!

Sonja verbrachte die ganze Nacht in Fieberphantasien. Manchmal sprang sie auf, weinte, rang die Hände, dann ver-sank sie wieder in unruhigen Schlaf, und ihr träumte von Poljetschka, Katerina Iwanowna, Lisaweta, von der Vorle-sung des Evangeliums und von ihm ... von ihm mit seinem blassen Gesicht und den brennenden Augen ... Er küßte ihr die Füße, er weinte ... O Gott!

Hinter der Tür rechter Hand, hinter ebenjener Tür, die zu der Wohnung Gertruda Karlowna Röslichs führte, war eine kleine Stube, die schon lange leerstand und zu den Räumen der Frau Röslich gehörte; Gertruda Karlowna vermietete

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das Zimmer, was sie durch ein kleines Plakat im Tor und durch Zettel bekanntgab, die an die Scheiben der auf den Kanal hinausgehenden Fenster geklebt waren. Sonja war seit langem gewohnt, das Zimmer als leerstehend zu betrachten. Indes hatte während der ganzen Zeit hinter der Tür, die in die leere Stube führte, Herr Swidrigailow gestanden und heimlich gelauscht. Er blieb noch stehen, als Raskolnikow fortgegangen war, dachte eine Zeitlang nach, ging auf den Fußspitzen in sein Zimmer, das an den leeren Raum grenzte, holte einen Stuhl herbei und trug ihn, ohne Lärm zu machen, zu der Tür, die in Sonjas Gemach führte. Das Gespräch hatte ihn gefesselt und ihm sehr, sehr gut gefallen – so gut gefallen, daß er sogar den Stuhl holte, damit er das nächstemal, zum Beispiel schon morgen, nicht wieder die Unannehmlichkeit auf sich nehmen müßte, eine ganze Stunde lang zu stehen. So konnte er es sich bequem einrichten, um in jeder Hin-sicht ein vollkommenes Vergnügen zu haben.

5

Als Raskolnikow am nächsten Morgen, Punkt elf Uhr, das Polizeirevier betrat, die Kriminalabteilung aufsuchte und sich bei Porfirij Petrowitsch anmelden ließ, wunderte er sich gera-dezu darüber, wie lange man ihn warten ließ: es vergingen mindestens zehn Minuten, ehe man ihn hereinrief. Seiner Ansicht nach hätten sich jetzt alle nur so auf ihn stürzen müssen. Indessen stand er im Wartezimmer, und ständig kamen und gingen Leute an ihm vorbei, ohne sich über-haupt um ihn zu kümmern. In dem anstoßenden Raum, offen-bar einer Kanzlei, saßen einige Schreiber bei der Arbeit, und offensichtlich hatte keiner von ihnen auch nur den geringsten Begriff davon, wer und was Raskolnikow war. Unruhig und argwöhnisch sah er sich um, ob nicht irgendein Polizist in der Nähe stünde, um ihn zu bewachen, ob er nicht irgend-einen geheimnisvollen Blick auffangen könnte, der ihn beob-achtete und am Fortgehen hinderte. Aber nichts dergleichen war zu entdecken: er konnte einzig und allein einige Schrei-- 422 -