Выбрать главу

ber bemerken, die mit ihren eigenen kleinen Sorgen beschäf-tigt waren, und dazu irgendwelche anderen Leute; und keiner von ihnen kümmerte sich auch nur im geringsten um ihn. Er hätte sofort gehen können, wohin er nur wollte. Mehr und mehr festigte sich in ihm der Gedanke, daß man ihn jetzt doch gewiß nicht hier stehen und ruhig warten ließe, falls dieser rätselhafte Mann von gestern, dieses Gespenst, das aus dem Erdboden aufgestiegen war, wirklich alles wußte und alles gesehen hatte. Und hätte man dann auch bis elf Uhr auf ihn gewartet – bis er selber es für gut befand, sich herzubemühen? Jener Mann hatte also entweder noch gar keine Anzeige gemacht, oder ... oder er wußte eben nichts und hatte nichts mit eigenen Augen gesehen ... Und wie hätte er auch etwas sehen können? Also mußte alles, was gestern gewesen und ihm, Raskolnikow, widerfahren war, wiederum nur eine Halluzination gewesen sein, von seiner krankhaft gereizten Phantasie ins Maßlose übersteigert. Diese Vermutung hatte sich schon gestern, als er völlig ver-zweifelt gewesen war, in ihm festgesetzt. Jetzt, da er das alles überdachte und sich auf einen neuen Kampf vorberei-tete, fühlte er plötzlich, daß er zitterte – und bei dem Gedanken, daß er vielleicht aus Furcht vor dem verhaßten Porfirij Petrowitsch zitterte, kochte er geradezu vor Empö-rung. Für ihn war es das Entsetzlichste, jetzt wieder mit diesem Menschen zusammenzukommen; er haßte ihn abgrund-tief, haßte ihn ohne Maß und Ziel und hatte sogar Angst, sich durch seinen Haß irgendeine Blöße zu geben. Und seine Empörung war so groß, daß sein Zittern sofort verging; er nahm sich vor, mit kalter, dreister Miene einzutreten, und ermahnte sich, möglichst viel zu schweigen, dafür aber Augen und Ohren offenzuhalten und wenigstens dieses eine Mal seine krankhaft gereizte Natur um jeden Preis zu bezwin-gen. In diesem Augenblick wurde er in Porfirij Petrowitschs Zimmer gerufen.

Porfirij Petrowitsch war allein in seinem Arbeitszimmer. Dieses Zimmer war weder groß noch klein; ein großer Schreib-tisch vor einem mit Wachstuch bespannten Diwan stand darin, ein Schreibpult, ein Schrank in der Ecke und einige

- 423 -

Stühle – das übliche Mobiliar aus poliertem gelbem Holz, wie es der Staat zur Verfügung zu stellen pflegt. In der Ecke war in die hintere Wand, die man besser einen Bretterverschlag hätte nennen können, eine geschlossene Tür eingelassen; dort mußten sich also noch weitere Räume anschließen. Sowie Raskolnikow eingetreten war, schloß Porfirij Petrowitsch die Tür, durch die der Besucher gekommen war, und sie blieben allein. Er empfing ihn mit der fröhlichsten und freundlich-sten Miene von der Welt, und erst einige Minuten später konnte Raskolnikow an einigen Anzeichen merken, daß der andere gewissermaßen verwirrt war – als hätte man ihn plötzlich aus der Fassung gebracht oder bei einer geheimnis-vollen, ganz privaten Beschäftigung ertappt.

»Ach, Verehrtester! da sind Sie ja ... in unseren Gefil-den ...« begrüßte ihn Porfirij und streckte ihm beide Hände entgegen. »Setzen Sie sich doch, mein Freund! Oder haben Sie es vielleicht nicht gern, wenn man Sie Verehrtester und ... Freund nennt – sozusagen tout court? Halten Sie das aber bitte nicht für eine Vertraulichkeit ... Hier, bitte, set-zen Sie sich auf den Diwan.«

Raskolnikow nahm Platz, ohne den Blick von Porfirij Petrowitsch zu wenden.

»In unseren Gefilden«, die Entschuldigung wegen der ver-traulichen Anrede, der französische Ausdruck »tout court« und so weiter und so weiter – das alles war höchst bezeich-nend. Er hat mir zwar beide Hände entgegengestreckt, aber keine gegeben; er hat sie rechtzeitig zurückgezogen, dachte Raskolnikow mißtrauisch. Beide beobachteten einander, doch sobald sich ihre Blicke trafen, sahen sie blitzschnell weg.

»Ich bringe Ihnen das Gesuch ... wegen der Uhr ... hier. Ist es so richtig aufgesetzt, oder muß ich es noch einmal schreiben?«

»Was? Das Gesuch? Ach so ... machen Sie sich nur keine Sorgen! Sehr gut«, erwiderte Porfirij Petrowitsch, als hätte er es eilig, nahm sofort das Blatt Papier zur Hand und las es durch. »Ja, genau richtig. Mehr ist nicht nötig«, bestä-tigte er hastig und legte das Schreiben auf den Tisch.

Einen Augenblick später, als er schon von etwas anderem

- 424 -

redete, nahm er das Gesuch wieder vom Tisch und legte es auf sein Schreibpult.

»Mir scheint, Sie haben gestern gesagt, daß Sie mich ... in aller Form ... über meine Bekanntschaft mit dieser ... Ermordeten verhören wollten?« nahm Raskolnikow das Gespräch wieder auf. Aber weshalb sage ich: »mir scheint«? fuhr es ihm blitzschnell durch den Kopf. Und warum beun-ruhige ich mich so, weil ich »mir scheint« gesagt habe? dachte er gleich darauf ebenso schnell.

Plötzlich hatte er das Gefühl, daß sein Argwohn allein schon, weil er mit Porfirij in Berührung gekommen war, allein durch die ersten zwei Worte, durch die ersten zwei Blicke zu ungeheuerlichen Ausmaßen angewachsen war ... und daß das eine schreckliche Gefahr bedeutete: seine Nerven spannten sich, seine Erregung wuchs ... Ein Jammer! Ein Jammer! ... Ich werde mich wieder verplappern.

»Ja, ja, ja! Machen Sie sich nur keine Sorgen! Wir haben Zeit, wir haben Zeit, mein Herr«, murmelte Porfirij Petro-witsch, während er neben dem Schreibtisch ziellos auf und ab wanderte, manchmal zum Fenster, manchmal zum Pult und dann wieder zum Tisch. Bald wich er dem argwöhni-schen Blick Raskolnikows aus, bald blieb er stehen und sah seinen Besucher starr an. Dabei wirkte seine kleine, dicke, rundliche Gestalt außerordentlich komisch, als ob ein Ball nach verschiedenen Richtungen rollte und sogleich von allen Wänden und Ecken wieder zurückspränge.

»Wir haben genug Zeit, genug Zeit! ... Rauchen Sie? Haben Sie etwas zu rauchen? Hier, nehmen Sie bitte«, fuhr er fort, während er dem Besucher eine Zigarette reichte. »Wis-sen Sie, ich empfange Sie hier, aber meine Wohnung ist gleich nebenan, dort, hinter dieser Bretterwand ... eine Dienst-wohnung; vorläufig jedoch wohne ich noch privat. Ich muß noch einige Reparaturen vornehmen lassen. Jetzt ist aller-dings alles schon fast fertig ... Wissen Sie, eine Dienstwoh-nung ist eine prächtige Sache, nicht wahr? Was meinen Sie?«

»Ja, eine prächtige Sache«, antwortete Raskolnikow, wäh-rend er ihn beinahe höhnisch ansah.

»Eine prächtige Sache, eine prächtige Sache ...« wiederholte

- 425 -

Porfirij Petrowitsch, als dächte er plötzlich über etwas ganz anderes nach. »Ja! Eine prächtige Sache!« schrie er schließlich beinahe, während er zwei Schritt vor Raskolnikow stehen-blieb und ihm plötzlich einen forschenden Blick zuwarf. Diese alberne, immer aufs neue wiederholte Bemerkung, daß eine Dienstwohnung eine prächtige Sache sei, stand in stärkstem Widerspruch zu dem ernsten, gedankenvollen, rätselhaften Blick, mit dem Porfirij jetzt seinen Besucher musterte.

Doch das brachte den Zorn Raskolnikows zum Kochen, und er konnte eine höhnische, ziemlich unvorsichtige Herausfor-derung nicht unterdrücken.

»Wissen Sie was?« fragte er plötzlich, während er den anderen beinahe frech anstarrte und an der eigenen Frech-heit Genuß zu haben schien, »es gibt doch, glaube ich, eine kriminalistische Regel, eine kriminalistische Methode für alle denkbaren Untersuchungsbeamten ... daß man zuerst mit nebensächlichen Dingen beginnt, mit Kleinigkeiten oder auch mit ernsten Sachen, die aber gar nichts mit dem Fall zu tun haben, damit man den Verhörten ermutigt oder, besser gesagt, ablenkt und seine Vorsicht einschläfert, um ihn dann plötz-lich mit irgendeiner verhängnisvollen und gefährlichen Frage wie mit einem Beil auf den Kopf zu schlagen; ist's nicht so? Das gilt, glaube ich, auch heute noch als strenge Regel und steht in allen Vorschriften und Instruktionen?«