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formal gedacht und trifft nicht den Kern der Sache; nicht, weil er nirgend hin kann, entflieht er mir nicht; er flieht nicht, weil das psychologisch unmöglich ist, hehe! Was für ein Ausdruck das ist! Ein Naturgesetz hindert ihn an einer Flucht vor mir, selbst wenn er wüßte, wohin er fliehen kann. Sie haben doch schon gesehen, wie ein Schmetterling sich vor einer brennenden Kerze benimmt? Nun, genauso wird er die ganze Zeit um mich herumflattern wie um eine Kerze; er wird seiner Freiheit nicht froh werden; er wird sich den Kopf zer-brechen und sich in Grübeleien verstricken; er verstrickt sich überall wie in einem Netz und wird sich zu Tode ängstigen! ... Und nicht genug damit: er selbst wird mir irgendeinen mathematisch unanfechtbaren Beweis wie zweimal zwei ist vier in die Hand geben – wenn ich ihm nur eine genügend lange Atempause gönne ... Und immerzu, immerzu wird er um mich Kreise ziehen, und der Radius seiner Kreise wird kleiner und kleiner werden, und auf einmal – schnapp! – fliegt er mir geradenwegs in den Mund, und ich verschlucke ihn, und das ist höchst angenehm, hehehe! Glauben Sie nicht?«

Raskolnikow antwortete nichts; er saß blaß und regungslos da und blickte noch immer mit der gleichen Anspannung Por-firij ins Gesicht.

Die Lektion ist gut! dachte er, während ihn ein Kälte-schauer überlief; das ist nicht mehr das Katz- und Maus-spiel von gestern. Er zeigt mir nicht grundlos seine Stärke und ... gibt nicht ohne Absicht seine Geheimnisse preis; dazu ist er viel zu klug ... Er verfolgt ein anderes Ziel, aber welches? Ach, Unsinn, du willst mich nur erschrecken und über-listen, mein Lieber! Du hast keine Beweise, und der Mann von gestern existiert gar nicht! Oder willst du mich einfach nur verwirren und mich vorzeitig reizen und mich dann erledigen? Aber da irrst du, damit kommst du nicht zum Ziel, bestimmt nicht! Doch weshalb deckt er seine Karten auf, weshalb nur? ... Er rechnet wohl mit meinen kranken Nerven! ... Nein, mein Lieber, da täuschst du dich, damit fängst du mich nicht, magst du auch noch so viele Trümpfe im Ärmel haben ... Na, wir wollen einmal sehen, welches Geschütz du noch auffährst.

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Und er nahm alle Kraft zusammen, um sich auf die furcht-bare, unbekannte Katastrophe vorzubereiten. Zuzeiten über-kam ihn das Verlangen, sich auf Porfirij zu stürzen und ihn an Ort und Stelle zu erdrosseln. Schon als er hereingekommen war, hatte er vor diesem Jähzorn Angst gehabt. Er fühlte, wie seine Lippen ganz trocken waren, wie sein Herz häm-merte, wie ihm Schaum auf die Lippen trat. Dennoch war er entschlossen, zu schweigen und vorläufig kein Wort zu sprechen. Er hatte erkannt, daß das in seiner Lage die beste Taktik war, weil er sich auf diese Weise nicht verraten konnte, sondern im Gegenteil den Feind durch solches Schwei-gen sogar reizte, so daß dieser sich vielleicht verriet. Zumin-dest hoffte er das.

»Nein, ich sehe, daß Sie mir nicht glauben; Sie meinen in einem fort, ich brächte nur harmlose Spaße vor«, nahm Porfirij das Gespräch wieder auf, wobei er immer heiterer wurde, ohne Aufhören kicherte und wieder im Zimmer her-umzulaufen begann. »Natürlich haben Sie recht; der liebe Gott hat mir nun einmal eine Gestalt gegeben, die auf andere unbedingt komisch wirkt; ich sehe aus wie ein Possenreißer, mein Herr; aber ich werde Ihnen etwas sagen und wiederhole noch einmaclass="underline" Sie, verehrtester Rodion Romanowitsch – Sie müssen mir altem Mann schon verzeihen –, sind noch ein junger Mensch, stehen sozusagen in der ersten Jugend und schätzen daher am höchsten den menschlichen Geist, wie es die Jugend stets tut. Das scharfsinnige Spiel des Geistes und die abstrakten Argumente des Verstandes verführen Sie. Das ist haargenauso wie mit dem früheren österreichi-schen Hofkriegsrat zum Beispiel – wenigstens soweit ich mili-tärische Ereignisse beurteilen kann: auf dem Papier hatte er Napoleon schon geschlagen und gefangengenommen; er hatte alles auf die scharfsinnigste Weise in seinen Büros vorausbe-rechnet und überlegt, aber siehe da, General Mack ergab sich mit seiner ganzen Armee, hehehe! Ich sehe, mein lieber Ro-dion Romanowitsch, Sie lachen mich aus, weil ich als Zivilist meine Beispiele immer aus der Kriegsgeschichte wähle. Aber was kann ich machen; das ist nun eben meine schwache Seite; ich liebe das Militärwesen und lese alle diese Kriegsberichte

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so gern ... ich habe entschieden die falsche Laufbahn ein-geschlagen. Ich hätte wahrhaftig zum Militär gehen sollen. Ein Napoleon wäre ich wahrscheinlich nicht geworden, aber zum Major hätte ich es sicher gebracht, hehehe! Nun, mein Lieber, ich will Ihnen jetzt einmal die volle Wahrheit sagen, ganz ungeschminkt, was nämlich den Einzelfall betrifft: die Wirklichkeit und die Natur sind äußerst wichtige Faktoren, und wie sehr können sie manchmal die umsichtigste Berech-nung durchkreuzen! Ach, hören Sie auf einen alten Mann, im Ernst, Rodion Romanowitsch« – bei diesen Worten schien der kaum dreißigjährige Porfirij Petrowitsch wahr-haftig mit einemmal ganz alt geworden zu sein; sogar seine Stimme hatte sich verwandelt, und er sah geradezu gebeugt aus –, »zudem bin ich sehr aufrichtig ... Bin ich aufrichtig oder nicht? Was meinen Sie? Es scheint, daß ich völlig auf-richtig bin: ich teile Ihnen unentgeltlich so viele interessante Dinge mit und fordere nicht einmal etwas dafür, hehehe! Aber genug, ich fahre fort: Scharfsinn ist meiner Ansicht nach etwas Großartiges; er ist sozusagen die Zierde der Na-tur und der Trost des Lebens, und oft bringt er solche Zau-berkunststückchen zuwege, daß ein armer Untersuchungs-richter sie beim besten Willen nicht erraten kann, vor allem, wenn er sich von der eigenen Phantasie mit fortreißen läßt, was ja stets geschieht; denn auch er ist ja nur ein Mensch. Aber die Natur rettet den armen Untersuchungsrichter, das ist das Malheur! Und daran denkt die von ihrem Scharfsinn begeisterte Jugend nicht, die ,sich über alle Hindernisse hin-wegsetzt', wie Sie sich gestern höchst geistvoll und tiefsin-nig auszudrücken beliebten. Nehmen wir an, er lügt, der Mensch nämlich, dieser Einzelfall, dieses Inkognito; er lügt vortrefflich und aufs raffinierteste; deshalb könnte er viel-leicht triumphieren und die Früchte seines Scharfsinns genie-ßen, aber pardautz – gerade bei der interessantesten, der kompromittierendsten Stelle fällt er in Ohnmacht. Natür-lich – die Krankheit ... Manchmal ist es auch in den Zim-mern sehr schwül, aber trotzdem! Trotzdem hat er einen auf eine bestimmte Vermutung gebracht. Er hat meisterhaft gelogen – aber die Natur hat er nicht in Rechnung stellen

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können. Hier liegt er, der Fehler, hier! Ein andermal läßt er sich von seinem allzu lebhaften Scharfsinn hinreißen, be-ginnt den Mann, der ihn verdächtigt, dumm zu machen, erblaßt gleichsam absichtlich, weil das zu seiner Rolle gehört, doch er wird zu natürlich blaß, es wirkt zu echt, und da hat er den andern auf einen neuen Gedanken gebracht. Wenn sich der auch zuerst täuschen läßt, er besinnt sich doch über Nacht, falls er nicht allzu leicht hinters Licht zu führen ist. Und so geht es auf Schritt und Tritt! Zum Beispieclass="underline" er kommt selbst zu einem; er steckt seine Nase in Sachen, nach denen man ihn gar nicht gefragt hat; er redet unablässig von Din-gen, über die er im Gegenteil lieber schweigen sollte; er führt verschiedene Allegorien an, hehehe! Schließlich kommt er selbst angelaufen und fragt: ,Warum nimmt man mich noch immer nicht fest?' Hehehe! Und das kann dem gescheite-sten Menschen passieren, einem Psychologen und Literaten! Die Natur ist ein Spiegel, gewiß, ein Spiegel, der klarste, den es gibt! Man braucht nur hineinzusehen und sich selbst zu bewundern, das ist alles! – Warum sind Sie denn so blaß geworden, Rodion Romanowitsch, ist es Ihnen am Ende hier zu schwül, soll ich vielleicht das Fenster öffnen?«