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»Wie hätte ich es nicht hören sollen?«

»Hehe! Sie sind äußerst scharfsinnig, mein Herr, wirklich scharfsinnig! Sie merken auch alles! Ein wahrhaft lebhafter Geist! Und immer verstehen Sie es, die komische Seite einer Sache herauszufinden ... Hehe! Man sagt doch, daß unter

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unsern Schriftstellern besonders Gogol diese Gabe besessen habe?«

»Ja, Gogol hatte sie.«

»Jawohl, Gogol, mein Herr ... Auf ein fröhliches Wieder-sehen!«

»Auf ein fröhliches Wiedersehen ...«

Raskolnikow ging ohne Umweg nach Hause. Er war so verwirrt und erschöpft, daß er, als er schon daheim war und sich auf den Diwan hatte fallen lassen, eine gute Viertelstunde lang dasaß, nur ausruhte und sich bemühte, wenigstens irgendwie Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Über Nikolaj dachte er überhaupt nicht nach; er fühlte, daß er er-schüttert war, daß an dem Geständnis Nikolajs etwas Uner-klärliches, Erstaunliches war, das er jetzt nicht zu fassen ver-mochte. Aber Nikolajs Geständnis war eine Tatsache. Die Folgen dieser Tatsache wurden ihm sogleich klar: Nikolajs Lüge mußte aufgedeckt werden, und dann nahm man ihn, Raskolnikow, von neuem vor. Aber bis dahin wenigstens war er frei; also mußte er unbedingt etwas in seinem eigenen In-teresse unternehmen, denn die Gefahr war unabwendbar.

Aber bis zu welchem Grade bestand überhaupt eine Ge-fahr? Die Lage hatte sich zu klären begonnen. Wenn er sich in groben Umrissen die ganze Szene mit Porfirij vergegen-wärtigte, mußte er abermals vor Entsetzen erstarren. Selbst-verständlich hatte er bei weitem nicht Porfirijs Absichten durchschaut und konnte dessen Überlegungen nicht folgen. Aber zum Teil hatte jener seine Karten aufgedeckt, und natürlich vermochte niemand besser als er, Raskolnikow, zu ermessen, wie furchtbar für ihn dieser »Schachzug« in Por-firijs Spiel gewesen war. Es hatte nur wenig gefehlt, und er hätte sich völlig preisgegeben, unwiderruflich. Porfirij, der wußte, wie krankhaft reizbar Raskolnikows Charakter war, und der ihn auf den ersten Blick schon richtig eingeschätzt und durchschaut hatte, handelte entschlossen und des Erfolges so gut wie sicher. Ohne Zweifel hatte sich Raskolnikow be-reits zusehr kompromittiert, aber immerhin war noch nichts bewiesen; noch immer war alles nur relativ. Aber faßte er das alles jetzt auch richtig auf? Täuschte er sich nicht? Zu

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welchem Ergebnis hatte Porfirij heute kommen wollen? Hatte er wirklich etwas vorbereitet gehabt? Und was war es ge-wesen? Hatte er tatsächlich auf etwas gewartet oder nicht? Wie wären sie heute wohl auseinander gegangen, wäre es nicht durch den Auftritt mit Nikolaj zu dieser unerwarteten Katastrophe gekommen?

Porfirij hatte fast sein ganzes Spiel aufgedeckt, was natür-lich ein Wagnis gewesen war, aber er hatte es aufgedeckt; und - so schien es Raskolnikow wenigstens – hätte Porfirij mehr gewußt, er hätte wohl auch das gezeigt. Worin hatte diese »Überraschung« bestanden? Hatte er ihn damit nur verspot-ten wollen? War dem eine Bedeutung zuzumessen oder nicht? Konnte sich etwas dahinter verbergen, das wenigstens irgend-wie einem Beweis, einer positiven Beschuldigung ähnlich sah? Der Mann von gestern? Wohin war der wohl verschwunden? Wo war er heute? Denn wenn Porfirij irgend etwas Positives in der Hand hatte, stand das natürlich mit dem Mann von gestern in Verbindung ...

Er saß auf dem Diwan, hatte den Kopf gesenkt, die Ell-bogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben. Ein nervöses Zittern lief noch immer über seinen ganzen Körper. Endlich stand er auf, nahm seine Mütze und ging nach kurzem Grübeln zur Tür.

Er hatte das Gefühl, daß er sich wenigstens für heute als fast in Sicherheit betrachten durfte. Plötzlich empfand er so etwas wie Freude im Herzen: er wollte möglichst rasch zu Katerina Iwanowna gehen. Für das Begräbnis war es natür-lich schon zu spät, aber zum Leichenschmaus konnte er gerade noch zurechtkommen, und dabei würde er Sonja wiedersehen.

Er blieb stehen, überlegte, und ein schmerzliches Lächeln spielte um seine Lippen.

Heute! Heute! wiederholte er für sich. Ja, noch heute! Es muß sein ...

Er wollte eben die Tür öffnen, als diese plötzlich von selbst aufging. Er schrak zusammen und sprang zurück. Die Tür wurde langsam und leise geöffnet, und plötzlich stand da eine Gestalt – der Mann von gestern, aufgestiegen aus der Erde.

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Der Fremde blieb auf der Schwelle stehen, blickte Ras-kolnikow schweigend an und tat einen Schritt ins Zimmer. Er sah genauso aus wie gestern – dieselbe Gestalt, dieselbe Kleidung –, aber sein Gesicht und sein Blick hatten sich völ-lig verwandelt: er schaute jetzt seltsam bedrückt drein, blieb eine Weile stehen und seufzte tief. Es fehlte nur noch, daß er die flache Hand an die Wange gelegt und den Kopf zur Seite geneigt hätte, und er hätte aufs Haar einem Bauernweib ge-glichen.

»Was wollen Sie?« fragte Raskolnikow, bis ins Mark getroffen.

Der Mann schwieg, und plötzlich verneigte er sich tief vor ihm, fast bis zur Erde. Zumindest berührte er mit den Fin-gern der rechten Hand den Fußboden.

»Was wollen Sie?« rief Raskolnikow.

»Ich bitte Sie um Verzeihung«, antwortete der Mann leise.

»Wofür?«

»Für meine bösen Gedanken.«

Beide blickten einander an.

»Ich hatte mich geärgert. Als Sie damals kamen, vielleicht im Rausch, und die Hausknechte aufforderten, mit aufs Polizeirevier zu gehen, und als Sie nach dem Blut fragten, da ärgerte ich mich, daß man Sie laufen ließ und für einen Betrunkenen hielt. Ich ärgerte mich so, daß ich nicht schlafen konnte. Und da ich mir Ihre Adresse gemerkt hatte, kam ich gestern hierher und fragte ...«

»Wer kam her?« unterbrach ihn Raskolnikow, der sich zu erinnern begann.

»Ich; das heißt, ich habe Sie beleidigt.«

»Sie wohnen also in jenem Hause?«

»Ja; damals stand ich mit den anderen im Torgang, oder haben Sie das schon vergessen? Ich habe dort auch meine Werkstatt, seit langem schon. Ich bin Kürschner, ein Klein-bürger, und arbeite zu Haus... Ich ärgerte mich so ...«

Plötzlich entsann sich Raskolnikow deutlich der ganzen Szene, die sich vorgestern in dem Torweg abgespielt hatte; er erinnerte sich, daß damals außer den Hausknechten noch einige andere Leute, auch Frauen, da gestanden hatten. Es fiel

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ihm ein, wie jemand verlangt hatte, man solle ihn unverzüg-lich aufs Revier bringen. An das Gesicht jenes Mannes konnte er sich nicht mehr erinnern, und er erkannte ihn auch jetzt nicht wieder, aber er wußte noch, daß er ihm damals etwas geantwortet und sich zu ihm umgedreht hatte ...

Das also war die Erklärung für das ganze Grauen von gestern! Am entsetzlichsten war ihm der Gedanke, daß er eines so unbedeutenden Umstandes wegen beinahe zugrunde gegangen wäre, sich beinahe zugrunde gerichtet hätte. Dieser Mann konnte also außer dem Besuch in der Wohnung und außer den Gesprächen über das Blut nichts gegen ihn vor-bringen. Demnach hatte auch Porfirij nichts Positives in Händen, nichts außer diesem Fieberwahn, nur seine Psycho-logie, die zwei Seiten hatte! Wenn also keine anderen Tat-sachen mehr zutage kamen – und sie durften nicht zutage kommen, sie durften nicht, sie durften nicht! ... was konnte man ihm dann anhaben? Wessen konnte man ihn eindeutig überführen, selbst wenn man ihn verhaftete? Und Porfirij hatte wohl erst jetzt, erst heute von der Wohnung erfahren und bisher nichts davon gewußt ...

»Sie haben wohl heute Porfirij erzählt ... daß ich dort war?« fragte er, von seinem unvermuteten Einfall zutiefst betroffen.

»Welchem Porfirij?«

»Dem Untersuchungskommissar.«

»Dem habe ich allerdings davon berichtet. Die Haus-knechte sind nicht zu ihm gegangen, und so habe ich ihn auf-gesucht.«