keinen Einwand und schwieg, wenn Andrej Semjonowitsch ihm die Absicht unterschob, zur möglichst baldigen Einrich-tung einer »Kommune« irgendwo in der Mestschanskaja uliza beitragen zu wollen, oder wenn er annahm, Pjotr Petrowitsch werde Dunjetschka nicht daran hindern, nach dem ersten Mo-nat ihrer Ehe einen Liebhaber zu nehmen, oder wenn er meinte, er werde seine Kinder nicht taufen lassen, und so weiter und so fort. Nach alter Gewohnheit erhob Pjotr Pe-trowitsch keinen Einwand gegen solche Unterstellungen und ließ sich sogar auf diese Art in den Himmel heben – so angenehm war ihm jedes Lob.
Pjotr Petrowitsch, der Gott weiß warum an diesem Vor-mittag einige fünfprozentige Wertpapiere verkauft hatte, saß am Tisch und zählte die Geldscheine und Banknoten nach. Andrej Semjonowitsch, der fast nie Geld hatte, ging im Zim-mer auf und ab und tat so, als ließen ihn all diese Scheine völlig kalt, ja, als verachtete er sie. Pjotr Petrowitsch jedoch hätte um nichts in der Welt geglaubt, daß Andrej Semjo-nowitsch soviel Geld wirklich mit Gleichmut ansehen könnte; Andrej Semjonowitsch hinwiederum dachte voll Bitterkeit, daß Pjotr Petrowitsch vielleicht tatsächlich imstande sei, so von ihm zu denken, und daß er seinen jungen Freund möglicherweise durch die ausgebreiteten Banknotenbündel är-gern und verhöhnen wolle, indem er ihm damit seine Be-deutungslosigkeit und den zwischen ihnen bestehenden Un-terschied in Erinnerung rief.
Andrej Semjonowitsch fand Pjotr Petrowitsch diesmal ungewöhnlich reizbar und unaufmerksam, obwohl er, An-drej Semjonowitsch, ihm sein Lieblingsthema zu entwickeln begonnen hatte: die Errichtung einer neuen, ganz einzigar-tigen »Kommune«. Die kurzen Einwände und Bemerkungen, die sich Pjotr Petrowitsch, sooft die klappernden Kugeln an dem Rechenbrett verstummten, abrang, atmeten den deut-lichsten und mit Absicht unhöflichen Hohn. Aber der »hu-mane« Andrej Semjonowitsch schrieb Pjotr Petrowitschs Stim-mung dem Eindruck zu, den der gestrige Bruch mit Dunjetschka auf ihn gemacht hatte, und brannte vor Begierde, möglichst rasch das Gespräch auf dieses Thema zu bringen; er hatte
- 467 -
dazu so manches Fortschrittliche und Propagandistische zu sagen, was seinen geehrten Freund sicher trösten und dessen weitere Entwicklung »ohne jeden Zweifel« fördern konnte.
»Was für ein Leichenschmaus wird hier eigentlich veran-staltet ... bei dieser ... Witwe?« fragte Pjotr Petrowitsch plötzlich, indem er Andrej Semjonowitsch an der interessan-testen Stelle unterbrach.
»Als ob Sie das nicht wüßten! Ich habe doch gestern mit Ihnen darüber gesprochen und Ihnen gesagt, was ich über alle diese Bräuche denke ... Sie selbst sind doch ebenfalls eingeladen, soviel ich weiß. Sie haben sich doch gestern mit ihr unterhalten ...«
»Ich hätte nie erwartet, daß diese bettelarme dumme Gans das gesamte Geld, das sie von diesem anderen Dummkopf ... von diesem Raskolnikow bekommen hat, für einen Lei-chenschmaus hinauswerfen würde. Ich war ganz erstaunt, als ich eben durch ihr Zimmer kam, so großartige Vorbereitun-gen wurden da getroffen; alle möglichen Weinsorten stehen bereit ... eine ganze Reihe Leute sind eingeladen – weiß der Teufel, was für einen Sinn das hat!« meinte Pjotr Petrowitsch; er schien mit seinen Fragen und mit diesem Gespräch irgend-eine bestimmte Absicht zu verfolgen. »Was? Sie sagen, ich sei gleichfalls eingeladen?« setzte er plötzlich hinzu und hob den Kopf. »Wann soll denn das gewesen sein? Ich kann mich nicht erinnern. Übrigens gehe ich nicht hin. Was habe ich denn dort zu suchen? Gestern habe ich nur flüchtig mit ihr über die Möglichkeit gesprochen, daß sie als völlig mittellose Beamtenwitwe vielleicht ein Jahresgehalt in Form einer ein-maligen Beihilfe bekommen könnte. Lädt sie mich am Ende deswegen ein? Hehehe!«
»Auch ich werde nicht hingehen«, versetzte Lebesjatnikow.
»Das will ich meinen! Sie haben sie doch einmal eigen-händig verprügelt. Versteht sich, daß Ihnen das peinlich ist, hehe!«
»Wer hat wen verdroschen?« begehrte Lebesjatnikow auf und wurde sogar rot.
»Sie! Sie haben doch Katerina Iwanowna vor einem Monat verprügelt, nicht wahr? Ich habe es gestern erst gehört ...
Das nenne ich Grundsätze! ... Und wie steht es mit der Frauenfrage? Hehehe!«
Und als wäre er gleichsam getröstet, fing Pjotr Petrowitsch wieder mit dem Rechenbrett zu klappern an.
»Das ist nichts als Unsinn und üble Verleumdung!« erei-ferte sich Lebesjatnikow, dem immer ängstlich zumute wurde, sooft man ihn an diese Geschichte erinnerte. »Das verhielt sich ganz anders! So war es nicht ... Sie haben das nicht richtig gehört; das ist nichts als eine böswillige Verleumdung! Ich habe mich damals nur verteidigt. Sie stürzte sich auf mich und wollte mich kratzen ... Sie riß mir den ganzen Backenbart aus ... jeder Mensch darf doch, wie ich hoffen will, die eigene Person verteidigen. Außerdem lasse ich mir keine Gewalttätigkeit gefallen ... aus Prinzip nicht. Denn das ist ja beinahe schon Despotismus. Was hätte ich denn tun sollen? Etwa ruhig stehenbleiben? Ich schob sie nur zurück.«
»Hehehe!« lachte Luschin nur boshaft weiter.
»Sie sticheln, weil Sie selber zornig und böse sind ... Das Ganze ist Unsinn und hat nichts, aber auch nicht das gering-ste mit der Frauenfrage zu tun! Sie verstehen das nicht rich-tig; ich habe sogar schon gedacht, wenn nun einmal fest-steht, daß die Frau dem Manne in allem gleichgestellt ist, selbst was die physische Kraft anbelangt – was bereits ver-schiedentlich behauptet wurde –, so muß wohl auch hierin Gleichheit herrschen. Natürlich kam ich später zu der Schluß-folgerung, daß diese Frage eigentlich gegenstandslos ist, weil Prügeleien überhaupt unzulässig und in der zukünftigen Gesellschaft völlig undenkbar sind ... und natürlich wäre es sonderbar, in einer Schlägerei Gleichberechtigung zu suchen. Ich bin nicht so dumm ... obgleich Prügeleien selbstverständ-lich vorkommen können ... das heißt, später wird es sie nicht mehr geben, aber jetzt gibt es sie noch ... uff! hol's der Teufel! Bei Ihnen verliert man ja völlig den Faden! Ich bleibe jedenfalls nicht dieses unangenehmen Vorfalls wegen der Leichenfeier fern. Ich gehe einfach aus Prinzip nicht hin, weil ich mich nicht an einer Sache beteiligen will, die in meinen Augen auf einem abscheulichen Vorurteil basiert, das ist alles! Übrigens könnte ich ja hingehen, um etwas zum Lachen
zu haben ... schade nur, daß keine Popen zugegen sein wer-den. Dann ginge ich unbedingt hin.«
»Das heißt, Sie würden sich an einen fremden Tisch set-zen und ihn bespucken und zugleich auch jene bespucken, die Sie eingeladen haben. Ist's nicht so?«
»Ich will keineswegs spucken, sondern protestieren. Ich habe einen nützlichen Zweck im Auge. Ich kann dadurch mittelbar den Fortschritt und die Propaganda fördern. Jeder Mensch ist verpflichtet, den Fortschritt zu fördern und Propaganda zu treiben, und je rigoroser er vorgeht, desto besser ist es vielleicht. Ich kann eine Idee aussäen, ein Samenkorn ... und aus diesem Korn wächst dann eine Tatsache. Womit beleidige ich die Leute? Anfangs sind sie vielleicht beleidigt, aber dann werden sie selber einsehen, daß ich ihnen einen Dienst erwiesen habe. So hat man bei uns zum Beispiel die Terebjewa, die jetzt in einer Kommune lebt, angegriffen, weil sie, als sie ihre Familie verließ und sich ... einem Manne hingab, ihrer Mutter und ihrem Vater schrieb, sie wolle sich nicht länger von Vorurteilen leiten lassen und gehe eine freie Ehe ein. Man behauptete, das wäre den Eltern gegenüber zu schroff gewesen; sie hätte sie schonen und freundlicher schreiben können. Meiner Meinung nach ist das jedoch Un-sinn; sie hätte keinesfalls schonender vorgehen dürfen, im Gegenteil, ganz im Gegenteiclass="underline" an Ort und Stelle hätte sie protestieren sollen. Oder zum Beispiel die Warenz: sieben Jahre war sie mit ihrem Mann verheiratet, und trotzdem ließ sie ihre zwei Kinder im Stich und machte mit einem Schlag Schluß mit ihrem Mann, indem sie ihm folgendes schrieb: ,Ich habe erkannt, daß ich mit Ihnen nicht glück-lich sein kann; niemals werde ich Ihnen verzeihen, daß Sie mich hintergangen haben, indem Sie mir die Tatsache ver-heimlichten, daß es noch eine andere Gesellschaftsordnung gibt, nämlich die Kommune. Ich habe das erst vor kurzem von einem großherzigen Mann erfahren, dem ich mich auch hingab, und gemeinsam werden wir eine Kommune aufbauen. Ich sage das ganz offen, weil ich es für ehrlos halte, Sie zu betrügen. Leben Sie weiterhin, wie es Ihnen beliebt. Hoffen Sie nicht darauf, daß ich zu Ihnen zurückkehre; Sie sind all-