Выбрать главу
- 477 -

flimmerten wieder vor ihren Augen; aber sie wandte rasch das Gesicht ab und sah Pjotr Petrowitsch an; plötzlich fand sie es entsetzlich unanständig, besonders für sie, fremdes Geld anzusehen. Sie starrte auf das goldene Lorgnon, das Pjotr Petrowitsch in der linken Hand hielt, und betrachtete gleich-zeitig auch den großen, massiven, außerordentlich schönen Ring mit dem grünen Stein, der an dem Ringfinger dersel-ben Hand steckte – aber schnell wandte sie auch davon den Blick ab, und da sie nicht mehr wußte, wohin sie schauen sollte, starrte sie aufs neue Pjotr Petrowitsch unverwandt in die Augen. Dieser schwieg noch eine Weile, dann sprach er weiter: »Ich hatte gestern Gelegenheit, im Vorbeigehen zwei Worte mit der unglücklichen Katerina Iwanowna zu wech-seln. Diese zwei Worte genügten, um mich davon zu über-zeugen, daß sie sich in einem – wenn man sich so ausdrücken darf – naturwidrigen Zustand befindet.«

»Ja, mein Herr ... in einem naturwidrigen Zustand«, be-stätigte Sonja hastig.

»Oder einfacher und verständlicher gesagt: daß sie krank ist.«

»Ja, mein Herr, einfacher und verstand ... ja, mein Herr, sie ist krank.«

»So ist es. Ich möchte ihr also aus Humanität und ... und sozusagen aus Mitgefühl in irgendeiner Weise nützlich sein, da ich das unvermeidlich unselige Los dieser Frau vor-aussehe. Offenbar ist diese ganze Familie, die in bitterster Armut lebt, jetzt einzig und allein auf Sie angewiesen?«

»Gestatten Sie mir die Frage«, unterbrach ihn Sonja und stand plötzlich auf, »was haben Sie ihr gestern über die Mög-lichkeit einer Pension gesagt? Sie hat mir noch gestern erzählt, Sie hätten sich anerboten, ihr eine Pension zu verschaffen. Ist das richtig?«

»Keineswegs; in gewissem Sinne ist es sogar eine Albern-heit. Ich deutete nur an, daß die Witwe eines im Dienst ver-storbenen Beamten möglicherweise eine einmalige Beihilfe erhalten kann – natürlich nur, falls sie irgendwelche Protek-tion hat. Aber mir scheint, als hätte Ihr verstorbener Herr Vater gar nicht seine volle Dienstzeit abgeleistet, ja, als hätte

- 478 -

er in der letzten Zeit überhaupt keine Anstellung mehr ge-habt. Mit einem Wort, eine gewisse Hoffnung hätte wohl bestanden, aber nur eine sehr vage Hoffnung, weil genau-genommen keinerlei Recht auf eine Unterstützung vorliegt, sondern im Gegenteil ... Und sie hat schon an eine Pension gedacht, hehehe! Eine flinke Dame!«

»Ja, mein Herr, an eine Pension ... weil sie leichtgläubig und gut ist und in ihrer Güte alles glaubt und ... und ... und ... weil ihr Verstand ... ja ... entschuldigen Sie, mein Herr«, erwiderte Sonja und stand abermals auf, um wegzu-gehen.

»Erlauben Sie, Sie haben mich nicht zu Ende sprechen lassen.«

»Gewiß, ich habe Sie nicht zu Ende sprechen lassen«, mur-melte Sonja.

»So setzen Sie sich doch!«

Sonja war furchtbar verlegen und setzte sich zum dritten-mal.

»Im Hinblick darauf, wie entsetzlich ihre Lage mit den unglücklichen Kindern ist, möchte ich ihr – wie schon gesagt - helfen, soweit es meine Kräfte zulassen, mehr nicht. Man könnte zum Beispiel für Katerina Iwanowna eine Samm-lung veranstalten oder eine Art Lotterie ... oder sonst etwas dieser Art, wie das in ähnlichen Fällen von Seiten Naheste-hender oder auch Fremder, die helfen wollen, immer geschieht. Davon wollte ich Ihnen Mitteilung machen. Das könnte man versuchen.«

»Ja, mein Herr, das wäre gut ... Gott soll es Ihnen ...« lispelte Sonja, während sie Pjotr Petrowitsch unverwandt ansah.

»Das kann man versuchen, aber ... damit wollen wir uns später befassen ... das heißt, wir könnten es auch heute schon in die Wege leiten. Heute abend wollen wir uns noch einmal zusammensetzen und die Sache besprechen und sozu-sagen einen Anfang machen. Kommen Sie also gegen sieben Uhr wieder hierher. Andrej Semjonowitsch wird, wie ich hoffe, ebenfalls an unserem Gespräch teilnehmen ... Aber da gibt es einen Umstand, den wir vorher noch eingehend

- 479 -

erörtern müssen. Darum habe ich Sie auch hierherbemüht, Sofja Semjonowna. Ich bin nämlich der Ansicht, daß es falsch, ja gefährlich wäre, Katerina Iwanowna selbst Geld in die Hand zu geben; das beweist allein schon dieser Lei-chenschmaus von heute. Obwohl sie sozusagen keinen Bis-sen Brot für morgen im Hause hat und ... und obwohl es an Schuhwerk und allem Nötigen fehlt, wurden heute Ja-maika-Rum und sogar, wie mir scheint, Madeira und Kaf-fee gekauft. Ich habe das im Vorbeigehen gesehen. Morgen liegt die ganze Last wieder auf Ihnen; bis zum letzten Stück Brot müssen Sie für alles aufkommen; das ist doch unver-nünftig. Und darum müßte die Sammlung, das ist jedenfalls meine Meinung, so durchgeführt werden, daß die unglückliche Witwe von dem Geld gar nichts weiß, sondern daß zum Bei-spiel nur Sie eingeweiht sind. Habe ich recht?«

»Ich weiß nicht, mein Herr ... Sie wollte doch nur heute ... nur einmal in ihrem Leben .. . Sie wollte so gern dem Toten die letzte Ehre erweisen und sein Andenken feiern ... Sonst ist sie doch so klug. Aber wie Sie wollen ... Ich bin Ihnen sehr, sehr, sehr ... alle werden wir Ihnen ... und Gott wird Sie ... und auch die Waisen ...«

Sonja konnte nicht zu Ende sprechen. Sie brach in Tränen a us.

»Also gut. Merken Sie sich, was ich Ihnen gesagt habe, und haben Sie jetzt die Güte, im Interesse Ihrer Verwandten fürs erste von mir persönlich eine Summe anzunehmen, die meinen Kräften entspricht. Ich wünsche aber, daß mein Name dabei nicht genannt wird. Hier ... Da ich sozusagen selber Sorgen habe, kann ich leider keine höhere ...«

Pjotr Petrowitsch reichte Sonja einen Zehnrubelschein, den er sorgsam auseinandergefaltet hatte. Sonja nahm das Geld, wurde über und über rot, stand auf, murmelte etwas und verabschiedete sich möglichst rasch. Pjotr Petrowitsch begleitete sie feierlich bis zur Tür. Endlich schlüpfte sie aus dem Zimmer, ganz erregt und beschämt, und in größter Ver-wirrung kehrte sie zu Katerina Iwanowna zurück.

Während dieser ganzen Szene hatte Andrej Semjonowitsch teils am Fenster gestanden, teils war er im Zimmer auf und

- 480 -

ab gegangen, weil er das Gespräch nicht hatte stören wollen; doch sobald Sonja das Zimmer verlassen hatte, trat er zu Pjotr Petrowitsch und reichte ihm feierlich die Hand.

»Ich habe alles gehört und alles gesehen«, sagte er, wobei er das letzte Wort besonders betonte. »Das ist edel, das heißt ... ich wollte sagen: human! Sie wollten ihrer Dankbarkeit aus dem Wege gehen; das habe ich wohl verstanden! Und obgleich ich sagen muß, daß ich im Prinzip für private Wohl-tätigkeit nichts übrig habe, weil sie das Übel nicht mit der Wurzel ausrottet, sondern im Gegenteil sogar fördert, kann ich doch nicht umhin, zuzugeben, daß ich Ihre Handlungs-weise mit dem größten Vergnügen beobachtet habe – ja, ja, das gefällt mir.«

»Ach, das ist doch Unsinn!« murmelte Pjotr Petrowitsch. Er war einigermaßen erregt und starrte Lebesjatnikow selt-sam prüfend an.

»Nein, das ist kein Unsinn! Ein Mensch, der beleidigt und verärgert ist, so wie Sie es sind durch das, was gestern ge-schehen ist, und der gleichzeitig doch an das Unglück anderer zu denken vermag ... ein solcher Mensch ist ... obgleich er durch sein Vorgehen einen sozialen Mißgriff begeht ... trotzdem aller Hochachtung wert! Ich hätte das von Ihnen nie erwartet, Pjotr Petrowitsch, um so weniger, als Ihre An-sichten ... oh, wie Ihre Ansichten Sie doch behindern! Wie zum Beispiel dieses Mißgeschick von gestern Sie aufregt«, rief der gutmütige Andrej Semjonowitsch, der sich jetzt wieder stärker zu Pjotr Petrowitsch hingezogen fühlte. »Und wozu, wozu brauchen Sie denn unbedingt diese Ehe, diese gesetz-liche Ehe? Wenn Sie wollen, können Sie mich verprügeln, aber ich freue mich, ich freue mich wirklich, daß diese Ehe nicht zustande gekommen ist, daß Sie noch nicht ganz für die Menschheit verloren sind. Ich freue mich ... Sehen Sie, das ist meine Meinung!«