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alles übrige zur Verfügung zu stellen und in ihrer Küche die Speisen zubereiten zu lassen. Katerina Iwanowna hatte ihr sozusagen eine Generalvollmacht gegeben und sie in der Wohnung zurückgelassen, während sie selbst sich auf den Friedhof begab. Und wirklich war alles prächtig hergerich-tet: der Tisch war sogar recht hübsch gedeckt, obwohl das Geschirr, die Gabeln, die Messer, die Schnapsgläser, die Wein-gläser, die Teeschalen ... obwohl das alles natürlich nicht zusammenpaßte und von verschiedener Form und verschiede-ner Größe war, da man es von einer ganzen Reihe Mietern ausgeborgt hatte. Aber alles stand zur bestimmten Stunde auf dem richtigen Platz, und Amalja Iwanowna empfing die vom Friedhof Zurückkehrenden in dem Gefühl, ihre Sache vortrefflich gemacht zu haben, sogar mit einigem Stolz; sie hatte sich ganz festlich angezogen und trug eine Haube mit neuen Trauerbändern und ein schwarzes Kleid. Ihr Stolz war zwar nicht unbegründet, mißfiel aber Katerina Iwanowna aus irgendeinem Grund – wahrhaftig, als ob man ohne Amalja Iwanowna den Tisch nicht hätte decken können! Ihr mißfiel auch die Haube mit den neuen Bändern – ist diese dumme Deutsche am Ende stolz darauf, daß sie die Haus-wirtin ist und sich aus Gnade herabließ, den armen Mietern zu helfen? Aus Gnade! Da muß ich schon sehr bitten! Bei Katerina Iwanownas Papa, der Oberst gewesen war und beinahe Gouverneur geworden wäre, war der Tisch manchmal für vierzig Personen gedeckt gewesen, so daß man irgendeine Amalja Iwanowna oder, besser gesagt, Ludwigowna dort nicht einmal in die Küche gelassen hätte ... Übrigens wollte Katerina Iwanowna vorläufig ihren Gefühlen nicht die Zügel schießen lassen, obgleich sie im tiefsten Herzen entschlossen war, unbedingt heute noch Amalja Iwanowna kleinzukriegen und auf den richtigen Platz zu verweisen, sonst könnte sich die vielleicht weiß Gott was einbilden; einstweilen begnügte sich Katerina Iwanowna jedoch damit, sie kühl zu behandeln. Eine andere Unannehmlichkeit kam noch hinzu und trug nicht wenig Schuld an Katerina Iwanownas Gereiztheit: von allen Mietern, die dazu eingeladen worden waren, hatte außer dem Polen, der es sogar noch fertigbrachte, auch auf den
Friedhof zu eilen, fast keiner am Begräbnis teilgenommen; und was die Leichenfeier anging, das heißt das Gedächtnisessen, so hatten sich auch dazu nur die Unscheinbarsten und Ärm-sten eingefunden, viele von ihnen nicht einmal in nüchternem Zustand: richtiges Gesindel. Die würdigeren und angesehene-ren Mieter waren dem Essen ausnahmslos ferngeblieben, wie mit Absicht, als hätten sie sich verabredet. Pjotr Petro-witsch Luschin zum Beispiel, der, wie man wohl sagen konnte, angesehenste unter allen Mietern, fehlte, und dabei hatte Ka-terina Iwanowna noch am gestrigen Abend aller Welt, das heißt Amalja Iwanowna, Poletschka, Sonja und dem Polen, erzählt, daß Luschin, ein überaus vornehmer, großherziger Mann mit gewaltigen Verbindungen und großem Vermögen, der einst ein Freund ihres ersten Mannes und auch im Haus ihres Vaters ein gerngesehener Gast gewesen sei, verspro-chen habe, alles in Bewegung zu setzen, um ihr eine erheb-liche Pension zu erwirken. Wir wollen einflechten, daß Kate-rina Iwanowna, sooft sie mit den Beziehungen und dem Vermögen irgend jemandes prahlte, das ohne jede eigennüt-zige Absicht tat, ohne jede Berechnung, sozusagen nur aus übervollem Herzen, nur um des Vergnügens willen, das Ge-lobte noch mehr zu loben und ihm noch höheren Wert zu verleihen. Ebenso wie Luschin und wahrscheinlich »infolge seines Beispiels« war auch »dieser abscheuliche Schurke Lebe-sjatnikow« nicht erschienen. Wofür hielt sich denn dieser Kerl? Er war doch nur aus Gnade eingeladen worden, und auch das lediglich, weil er mit Pjotr Petrowitsch in einem Zimmer wohnte und dessen Bekannter war, so daß »es peinlich gewe-sen wäre, ihn nicht zu dem Mahl aufzufordern«. Ferner wa-ren auch eine vornehme Dame und ihre »überreife Tochter« nicht erschienen, zwei Frauen, die zwar erst seit etwa zwei Wochen bei Amalja Iwanowna wohnten, sich aber schon mehrmals über den Lärm und das Geschrei im Zimmer der Familie Marmeladow beschwert hatten, zumal wenn der Ver-storbene betrunken nach Hause gekommen war. Katerina Iwanowna hatte von diesen Beschwerden bereits durch Ama-lja Iwanowna erfahren, als diese bei einem Streit drohte, sie werde die ganze Familie hinauswerfen, und aus voller Kehle
schrie, sie störten »vornehme Mieter, deren kleinen Finger sie nicht wert« seien. Katerina Iwanowna hatte daraufhin diese Dame und ihre Tochter, deren kleinen Finger sie angeblich nicht wert war, absichtlich eingeladen, vor allem, da jene sich bisher bei zufälligen Begegnungen hochmütig umgedreht hatte. Diese Person sollte wissen, daß man hier »vornehmer dachte und fühlte und jemanden einlud, ohne ihm etwas nachzutragen«, und die beiden sollten sehen, daß Katerina Iwanowna nicht gewohnt war, in einer solchen Umgebung zu leben. Das gedachte sie unbedingt den beiden Damen bei Tisch zu erklären, ebenso wie sie von der Gouverneurskandi-datur ihres verstorbenen Papas erzählen und dabei gleich-zeitig die Andeutung fallen lassen wollte, daß gar kein Grund vorliege, sich bei einem Zusammentreffen umzudrehen, sondern daß das bloß außerordentlich dumm sei. Auch der dicke Oberstleutnant – in Wirklichkeit war er Stabska-pitän im Ruhestand – war nicht gekommen, aber es stellte sich heraus, daß er schon seit dem gestrigen Vormittag sinn-los betrunken war. Kurz und gut, erschienen waren nur der Pole; ferner ein widerlicher Kanzleibeamter in einem ver-schmierten Frack, ein Kerl, der das Gesicht voll Pusteln hatte, abscheulich roch und kein Wort sprach; ein taubes und fast völlig blindes altes Männchen, das seinerzeit einmal in einem Postamt gedient hatte und dem von irgend jemandem seit undenklichen Zeiten und aus unbekannten Gründen der Aufenthalt bei Amalja Iwanowna bezahlt wurde; schließlich ein völlig betrunkener Leutnant im Ruhestand, der in Wirk-lichkeit Proviantbeamter war, ein Mensch mit einem höchst unanständigen, lauten Lachen, der – »stellen Sie sich das nur vor!« – nicht einmal eine Weste trug! Ein weiterer Gast hatte sich gleich zu Tisch begeben und hingesetzt, ohne Katerina Iwanowna auch nur zu begrüßen, und zuletzt er-schien ein Kerl im Schlafrock, der keinen Anzug besaß. Aber das ging wahrhaftig zu weit, so daß er dank den Bemühun-gen Amalja Iwanownas und des Polen aus dem Zimmer ge-führt wurde. Der Pole hatte übrigens noch zwei andere Polen mitgebracht, die noch nie bei Amalja Iwanowna ge-wohnt hatten und die bisher niemand im Hause kannte. All
das reizte Katerina Iwanowna im höchsten Maße. Für wen sind bloß alle diese Vorbereitungen getroffen worden? Sogar die Kinder hatte man, um Platz zu gewinnen, nicht an den Tisch gesetzt, der ohnedies schon das ganze Zimmer einnahm, sondern es war für sie in der hinteren Ecke auf einer Truhe gedeckt worden; die beiden Kleinen hatte man auf eine nie-dere Bank gesetzt, und Poljetschka als die Größte sollte auf sie aufpassen, ihnen zu essen geben und ihnen, »wie es sich für vornehme Kinder gehört«, die Nase putzen. Mit einem Wort, es war kein Wunder, daß Katerina Iwanowna jetzt unwill-kürlich glaubte, alle mit verdoppelter Würde, ja sogar mit Hochmut behandeln zu müssen. Einige musterte sie besonders streng und lud sie von oben herab ein, sich zu Tisch zu setzen. Da sie aus irgendwelchen Gründen der Meinung war, daß für alle Nichterschienenen Amalja Iwanowna die Verantwor-tung zu tragen habe, begann sie diese plötzlich höchst gering-schätzig zu behandeln, was Amalja Iwanowna unverzüglich bemerkte und was sie sofort zutiefst beleidigte. Ein solcher Anfang verhieß kein gutes Ende.