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Schließlich hatten alle Platz genommen. Raskolnikow war fast im selben Augenblick eingetreten, als die Familie vom Friedhof zurückkehrte. Katerina Iwanowna freute sich schrecklich über sein Kommen, erstens weil er der einzige »ge-bildete Gast« war und »sich bekanntlich vorbereitete, in zwei Jahren an der hiesigen Universität einen Lehrstuhl zu über-nehmen«, und zweitens weil er sich sogleich auf die ehrer-bietigste Weise bei ihr entschuldigte, daß er entgegen seinen Wünschen dem Begräbnis nicht habe beiwohnen können. Sie stürzte sich geradezu auf ihn und wies ihm am Tisch den Platz zu ihrer Linken an – rechts von ihr saß Amalja Iwanowna –; und trotz ihrer ununterbrochenen Geschäftig-keit und ihrer Sorge, daß die Speisen auch richtig aufge-tragen würden und daß jeder etwas erhielte, trotz dem quälenden Husten, der jeden Augenblick ihre Worte unter-brach und sie beinahe erstickte – er schien in diesen letzten zwei Tagen besonders hartnäckig geworden zu sein –, wandte sie sich in einem fort an Raskolnikow und beeilte sich, ihm halb-laut alle Gefühle zu offenbaren, die sich in ihr angesammelt

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hatten, und vor ihm ihre ganze gerechte Entrüstung über die mißlungene Leichenfeier auszuschütten. Freilich wechselte ihre Entrüstung oft mit dem fröhlichsten, unaufhaltsamsten Lachen über die versammelten Gäste, hauptsächlich jedoch über die Hauswirtin, ab.

»An allem ist diese Pute schuld, Sie verstehen schon, wen ich meine – sie, sie!« Und Katerina Iwanowna nickte mit dem Kopf zu der Hauswirtin hin. »Sehen Sie nur: da hat sie die Augen aufgerissen und merkt, daß wir von ihr reden, aber sie kann mich nicht hören und glotzt bloß. Pfui, diese Eule! Hahaha!... Kch-kch-kch! Und was will sie bloß mit ihrer Haube! Kch-kch-kch! Haben Sie gemerkt: sie möchte allen weismachen, daß sie uns begönnert und mir durch ihre Anwesenheit eine Ehre erweist. Ich habe sie, weil ich sie für anständig hielt, gebeten, möglichst gute Leute einzuladen, ins-besondere solche, die der Verstorbene gekannt hat, aber sehen Sie nur, wen sie da alles herbeigeschleppt hat: Hanswürste! Mistfinken! Sehen Sie sich nur diesen da mit dem unsauberen Gesicht an; eine Rotznase auf zwei Beinen! Und diese Po-lacken ... hahaha! Kch-kch-kch! Kein Mensch hat sie je hier gesehen, auch ich nicht; warum sind sie also gekommen, frage ich Sie? Da sitzen sie artig nebeneinander. – Pane, he!« rief sie plötzlich einem der Polen zu, »haben Sie schon Pfann-kuchen genommen? Nehmen Sie doch noch! Trinken Sie Bier, trinken Sie! Wollen Sie keinen Schnaps? – Schauen Sie bloß: da ist er aufgesprungen und verbeugt sich ... Schauen Sie bloß: die Leute müssen ja ganz ausgehungert sein, die Armen! Macht nichts, mögen sie nur essen! Wenigstens machen sie kei-nen Lärm, nur ... nur fürchte ich freilich für die Silberlöffel der Hauswirtin ... Amalja Iwanowna!« wandte sie sich mit einemmal fast für alle hörbar laut an ihre Nachbarin, »falls man Ihnen vielleicht Löffel stiehlt, bin ich dafür nicht ver-antwortlich, ich mache Sie schon jetzt darauf aufmerksam! – Hahaha!« platzte sie heraus, wandte sich wieder Raskolnikow zu, deutete mit dem Kopf abermals auf die Hauswirtin und freute sich über ihren Angriff. »Sie hat mich nicht verstanden; schon wieder hat sie mich nicht verstanden! Da sitzt sie und sperrt den Mund auf, sehen Sie nur: eine Eule, eine richtige

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Eule, ein Waldkauz mit neuen Bändern an der Haube, hahaha!«

Hier ging ihr Lachen aufs neue in einen unerträglichen Husten über, der etwa fünf Minuten dauerte. Ihr Taschen-tuch war etwas blutig geworden; Schweißtropfen traten ihr auf die Stirn. Schweigend zeigte sie Raskolnikow das Blut, doch kaum hatte sie sich erholt, als sie ihm wieder mit außer-ordentlicher Lebhaftigkeit, rote Flecke auf den Wangen, zu-flüsterte: »Sehen Sie, ich gab ihr auf die allerfeinste Weise, wie man wohl sagen kann, den Auftrag, diese Dame und ihre Tochter einzuladen ... Sie wissen doch, von wem ich spreche? Da hätte sie ungemein zartfühlend vorgehen und die Sache auf die kunstvollste Art in Angriff nehmen müssen. Aber sie hat es so verkehrt angefangen, daß diese erst neulich zuge-reiste dumme Gans, diese anmaßende Kreatur, diese nichts-würdige Provinzlerin nur deshalb, weil sie die Witwe irgend-eines Majors ist und sich in die Hauptstadt begeben hat, um wegen ihrer Pension vorzusprechen und in allen Ämtern ihren Rocksaum abzuwetzen, und weil sie sich mit fünfundfünfzig Jahren die Lider schwärzt und sich weiß und rot anmalt – das ist bekannt! ... daß also diese Kreatur es nicht für nötig hielt, meiner Einladung zu folgen, ja, daß sie nicht einmal, wenn sie schon nicht kommen konnte, eine Entschuldigung ge-schickt hat, wie es in solchen Fällen doch die primitivste Höf-lichkeit erfordert! – Ich kann mir gar nicht erklären, warum Pjotr Petrowitsch nicht gekommen ist. Und wo bleibt Sonja denn? Wo ist sie nur hingegangen? Ah, da ist sie ja endlich! Nun, Sonja, wo warst du denn? Merkwürdig, daß du sogar bei der Leichenfeier für deinen Vater so unpünktlich bist. Rodion Romanowitsch, lassen Sie sie an Ihrer Seite Platz neh-men. Dort ist ein Stuhl, Sonjetschka ... nimm dir, was du willst. Nimm dir von der Sülze, die ist am besten. Gleich wer-den die Pfannkuchen aufgetragen. Haben die Kinder schon bekommen? Poljetschka, habt ihr alles? Kch-kch-kch! Ja, gut. Sei artig, Lenja, und du, Kolja, wippe nicht mit den Beinen; sitz, wie ein artiger Junge zu sitzen hat. Was sagst du, Sonjetschka?«

Sonja richtete ihr rasch die Entschuldigung Pjotr Petro-

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witschs aus. Sie gab sich Mühe, möglichst laut zu sprechen, da-mit alle es hören konnten, und gebrauchte die ehrerbietigsten und ausgesuchtesten Ausdrücke, die sie Pjotr Petrowitsch ab-sichtlich in den Mund legte, indem sie seine Sätze ausschmückte. Sie fügte hinzu, Pjotr Petrowitsch lasse vor allem bestellen, daß er, sobald ihm das möglich sei, unverzüglich kommen werde, um mit Katerina Iwanowna unter vier Augen über die geschäftlichen Dinge zu sprechen und mit ihr zu verab-reden, was man in Zukunft tun und unternehmen könne, und so weiter und so weiter.

Sonja wußte, daß das Katerina Iwanowna versöhnen und beruhigen werde, daß es ihr schmeichelte und daß dann vor allem ihrem Stolz Genüge getan war. Sie saß neben Raskolni-kow, vor dem sie sich rasch verbeugt hatte, und musterte ihn neugierig von der Seite. Übrigens vermied sie es während der ganzen folgenden Zeit, ihn anzusehen und mit ihm zu sprechen. Sie schien geradezu zerstreut, obgleich sie unentwegt Katerina Iwanowna ins Gesicht sah, um ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Weder sie noch Katerina Iwanowna trugen Trauer, weil sie keine entsprechenden Kleider hatten; Sonja hatte ein dunkelbraunes Kleid an, und Katerina Iwanowna hatte ihr einziges Kleid, ein dunkles, gestreiftes Kattunkleid, angezogen. Die Mitteilung über Pjotr Petro-witsch tat Katerina Iwanowna sichtlich wohl. Sie hörte Sonja mit gewichtiger Miene zu und erkundigte sich mit der gleichen Wichtigkeit, wie es Pjotr Petrowitsch gehe. Unverzüglich dar-auf flüsterte sie Raskolnikow beinahe laut zu, es wäre auch merkwürdig gewesen, wenn sich ein so geachteter und ange-sehener Mann wie Pjotr Petrowitsch in eine »so ungewöhn-liche Gesellschaft« verirrt hätte, trotz all seiner Ergebenheit ihrer Familie gegenüber und trotz seiner alten Freundschaft mit ihrem, Katerina Iwanownas, Papa.