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»Und darum bin ich Ihnen, lieber Rodion Romanowitsch, auch so besonders dankbar, daß Sie meine Gastfreundschaft nicht verschmäht haben, trotz dieser Umgebung«, setzte sie fast laut hinzu; »allerdings bin ich davon überzeugt, daß nur Ihre besondere Freundschaft mit meinem armen verstorbenen Mann Sie bewogen hat, Ihr Wort zu halten.«

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Dann musterte sie noch einmal stolz und würdevoll ihre Gäste und erkundigte sich plötzlich mit ungewöhnlicher Für-sorge laut über den Tisch hinweg bei dem tauben alten Mann, ob er nicht noch etwas Braten wolle und ob man ihm auch Portwein eingeschenkt habe. Der Alte antwortete nicht und konnte die längste Zeit nicht verstehen, wonach er gefragt wurde, obgleich seine Nachbarn ihn des Spaßes halber so-gar mit den Ellbogen anstießen. Er blickte lediglich mit offe-nem Munde um sich, womit er die allgemeine Heiterkeit nur noch schürte.

»Sehen Sie, was für ein Klotz! Schauen Sie nur, schauen Sie nur! Wozu hat man ihn bloß mit hierhergebracht? Was übri-gens Pjotr Petrowitsch angeht, so habe ich immer gewußt, was wir an ihm haben«, fuhr Katerina Iwanowna, zu Ras-kolnikow gewandt, fort; »er ist natürlich etwas ganz anderes ...« sagte sie dann scharf und laut und mit unge-wöhnlich strenger Miene zu Amalja Iwanowna, worauf diese förmlich erschrak. »Er ist etwas ganz anderes als Ihre aufge-donnerten Weiber mit der Schleppe, die man in Papas Haus nicht einmal in die Küche gelassen hätte; mein verstorbener Mann hätte ihnen nur eine Ehre erwiesen, wenn er sie emp-fangen hätte, und auch das hätte er sicher nur in seiner un-ausschöpfbaren Güte getan.«

»Ja, ja, er hat gern getrunken; das hat er gern getan, getrunken hat er!« rief plötzlich der Proviantmeister im Ruhestand, während er das zwölfte Glas Schnaps leerte.

»Mein gottseliger Mann hatte wirklich diese Schwäche, und das wissen wir alle«, entgegnete Katerina Iwanowna kämpf-, bereit; »aber er war ein guter, edler Mensch, der seine Familie liebte und achtete; schlimm war nur, daß er in seiner Güte allerlei lasterhaften Leuten zu sehr vertraute und mit Gott weiß wem trank, mit Leuten, die nicht einmal seine Schuh-sohlen wert waren! Stellen Sie sich nur vor, Rodion Ro-manowitsch: in seiner Tasche fanden wir einen Lebkuchen-hahn; er war völlig betrunken, dachte aber doch an seine Kinder.«

»Einen Hahn? Sie sagten: einen Hahn?« rief der Herr vom Verpflegungswesen.

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Katerina Iwanowna würdigte ihn keiner Antwort. Sie seufzte gedankenvoll.

»Sie glauben gewiß, wie alle, ich sei zu streng mit ihm gewesen«, fuhr sie, zu Raskolnikow gewandt, fort. »Aber das stimmt nicht. Er achtete mich, er achtete mich aufrichtig! Er war ein Mensch mit einer guten Seele! Und wie leid er mir manchmal getan hat! Oft saß er in seiner Ecke und sah mich an; da bekam ich solches Mitleid mit ihm, und es drängte mich geradezu, freundlich zu ihm zu sein, aber dann dachte ich: Wenn du jetzt freundlich zu ihm bist, wird er sich sicher wie-der betrinken! Nur mit Strenge konnte man ihn ein bißchen zurückhalten.«

»Jawohl, meine Dame. Er wurde auch an den Haaren ge-zogen, mehr als einmal sogar, meine Dame«, grölte der Proviantbeamte wiederum und schenkte sich noch ein Glas Schnaps ein.

»Solche Dummköpfe sollte man nicht nur an den Haaren ziehen, sondern es wäre auch ganz angebracht, sie mit dem Besenstiel zu bearbeiten. Jetzt meine ich aber nicht den Ver-storbenen!« fiel Katerina Iwanowna dem Proviantbeamten ins Wort.

Die roten Flecke auf ihren Wangen wurden dunkler und dunkler. Ihre Brust hob und senkte sich. Noch ein Augen-blick, und sie wäre bereit gewesen, einen Skandal zu in-szenieren. Ein paar kicherten; den meisten war das alles sicht-lich angenehm. Die Nachbarn des Proviantbeamten stießen ihn mit dem Ellbogen an und flüsterten ihm etwas zu. Offen-bar wollten sie die beiden gegeneinanderhetzen.

»Er-er-erlauben Sie mir die Frage: wen meinen Sie mit Ihren Worten?« wandte sich der Proviantbeamte an sie; »das heißt, auf wen ... waren Ihre Worte jetzt ... Ach, lassen wir das! Unsinn! Eine Witwe! Eine arme Witwe! Ich ver-zeihe ihr ... Ich passe!«

Er stürzte abermals ein Glas Wodka hinunter.

Raskolnikow saß da und lauschte schweigend und ange-ekelt. Nur aus Höflichkeit aß er ein paar Bissen von dem, was ihm Katerina Iwanowna jeden Augenblick auf den Teller häufte; und auch das tat er nur, um sie nicht zu be-

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leidigen. Unverwandt sah er Sonja an. Sonja aber wurde im-mer unruhiger und sorgenvoller; auch sie sah voraus, daß der Leichenschmaus kein friedliches Ende nehmen werde, und be-obachtete voll Angst die wachsende Gereiztheit Katerina Iwanownas. Es war ihr übrigens bekannt, daß die beiden fremden Damen die Einladung Katerina Iwanownas vor allem ihret-, Sonjas, wegen so geringschätzig übergangen hat-ten. Sie hatte von Amalja Iwanowna gehört, daß die ältere Dame über die Einladung geradezu beleidigt gewesen war und die Frage gestellt hatte, wie sie denn ihre Tochter neben ein solches Mädchen setzen könnte. Sonja ahnte, daß Katerina Iwanowna auf irgendeine Art schon davon erfahren hatte, und eine Sonja zugefügte Beleidigung bedeutete für Katerina Iwanowna mehr als eine Beleidigung ihrer eigenen Person, ihrer Kinder, ihres Papas; sie war mit einem Wort eine töd-liche Beleidigung, und Sonja war sich darüber im klaren, daß Katerina Iwanowna jetzt nicht ruhen noch rasten werde, bis sie diesen Haubenstöcken gezeigt hatte, daß sie beide ... und so weiter und so fort. Wie aus böser Absicht reichte gerade in diesem Moment jemand vom anderen Ende des Tisches Sonja einen Teller herauf, auf dem zwei aus schwar-zem Brot geknetete Herzen lagen, von einem Pfeil durch-bohrt. Katerina Iwanowna fuhr auf und rief sofort mit sehr lauter Stimme über den Tisch hinweg, der Absender sei gewiß »ein betrunkener Esel«. Amalja Iwanowna, der ebenfalls Böses schwante und die gleichzeitig bis in die tiefste Seele durch den Hochmut Katerina Iwanownas beleidigt war, be-gann plötzlich, um die gereizte Stimmung der Gesellschaft zu besänftigen und sich nebenbei in der allgemeinen Meinung ein besseres Ansehen zu verschaffen, ganz ohne ersichtlichen Grund von einem ihrer Bekannten zu erzählen. »Karl aus der Apotheke«, wie er hieß, sei nachts in einer Droschke gefahren, und da habe der Kutscher ihn umbringen wollen; aber Karl habe sehr, sehr schön gebeten, er möge ihn am Leben lassen, und habe viel geweint und die Hände gerungen und sich ge-fürchtet, und vor Angst sei ihm das Herz ganz »durchbohrt« gewesen. Katerina Iwanowna lächelte zwar, bemerkte aber gleich darauf, Amalja Iwanowna sollte keine Geschichten auf

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russisch erzählen. Amalja Iwanowna war noch mehr beleidigt und wandte ein, ihr Vater aus Berlin sei ein sehr, sehr wich-tiger Mann gewesen und sei immer »mit die Hände in die Taschen gegangen«. Katerina Iwanowna konnte sich nicht mehr zurückhalten und begann furchtbar zu lachen, so daß Amalja Iwanowna ihre letzte Geduld verlor und sich kaum noch zu beherrschen fähig war.

»Sehen Sie sich bloß diese Eule an!« flüsterte Katerina Iwanowna beinahe fröhlich Raskolnikow zu. »Sie wollte sagen, daß er seine Hände in der Tasche behielt, und es hörte sich so an, als ob er anderen in die Taschen gegriffen hätte, kch-kch-kch. Ist Ihnen schon aufgefallen, Rodion Romano-witsch, daß diese Ausländer, die in Petersburg leben, zumal die Deutschen, die aus irgendwelchen Gründen zu uns kom-men, alle ohne Ausnahme dümmer sind als wir? Sie müssen doch selber zugeben: kann man denn so etwas erzählen, daß .Karls Herz vor Angst durchbohrt' gewesen sei und daß er, diese Rotznase, statt den Droschkenkutscher zu fesseln, ,die Hände gerungen und geweint und sehr schön gebeten habe'? Ach, diese dumme Ziege! Und sie meint noch, das sei sehr rührend, und ahnt gar nicht, wie dumm sie ist! Meiner An-sicht nach ist dieser betrunkene Proviantmensch weit klüger als sie; wenigstens sieht man gleich auf den ersten Blick, daß er ein liederlicher Kerl ist und seinen letzten Verstand ver-soffen hat, aber die andern sind alle so gesittet und so ernst ... Da sitzt sie jetzt da und reißt die Augen auf. Sie kocht vor Zorn! Sie kocht! Hahaha! Kch – kch – kch!«