»Pjotr Petrowitsch!« schrie sie, »nehmen Sie mich in Schutz! Machen Sie diesem dummen Geschöpf klar, daß sie sich nicht unterstehen darf, mit einer ins Unglück geratenen vornehmen Dame so umzugehen, und daß es dagegen sogar einen gericht-lichen Schutz gibt ... Ich gehe zum Generalgouverneur per-sönlich ... Vor dem wird sie sich verantworten müssen ... Erinnern Sie sich doch der Gastfreundschaft meines Vaters und schützen Sie die Waisen!«
»Erlauben Sie, gnädige Frau ... erlauben Sie, erlauben Sie, gnädige Frau«, wehrte Pjotr Petrowitsch ab. »Wie Sie selbst wissen, hatte ich keineswegs die Ehre, Ihren Herrn Papa zu kennen ... Erlauben Sie, gnädige Frau!« Jemand lachte laut auf. »Aber ich habe nicht die mindeste Absicht, mich in Ihre ununterbrochenen Streitigkeiten mit Amalja Iwanowna zu mischen ... Ich komme in einer wichtigen Angelegenheit ... und möchte mich unverzüglich mit Ihrer Stieftochter, Sofja
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... Iwanowna ... das ist doch richtig? ... aussprechen. Bitte, lassen Sie mich vorbei ...«
Pjotr Petrowitsch machte einen Bogen um Katerina Iwanowna und ging in die entgegengesetzte Ecke, wo Sonja stand.
Katerina Iwanowna blieb wie vom Blitz getroffen stehen und rührte sich nicht vom Fleck. Sie konnte nicht fassen, wie Pjotr Petrowitsch es fertigbrachte, die Gastfreundschaft ihres Vaters zu verleugnen. Nachdem sie die Geschichte mit dieser Gastfreundschaft einmal erfunden hatte, glaubte sie jetzt dar-an wie ans Evangelium. Sie war auch von dem sachlichen, trockenen Ton Pjotr Petrowitschs, der geradezu eine gering-schätzige Drohung anklingen ließ, erschüttert. Auch die übri-gen Gäste waren bei seinem Erscheinen verstummt. Abge-sehen davon, daß dieser »nüchterne, seriöse« Mann überhaupt nicht in ihre Gesellschaft paßte, merkte man außerdem, daß er in einer wichtigen Sache gekommen war. Wahrscheinlich war es kein gewöhnlicher Grund, der ihn eine solche Gesell-schaft hatte aufsuchen lassen, und es mußte gleich irgend etwas geschehen. Raskolnikow, der neben Sonja stand, trat zur Seite, um ihn vorbeizulassen; Pjotr Petrowitsch schien ihn über-haupt nicht zu bemerken. Einen Augenblick später zeigte sich auch Lebesjatnikow auf der Schwelle; ins Zimmer trat er nicht, sondern er blieb ebenfalls in einer Art besonderer Neu-gier, beinahe mit Staunen, stehen; er lauschte, doch hatte es den Anschein, als könnte er lange Zeit nicht begreifen, was sich vor seinen Augen abspielte.
»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe, aber die Angelegen-heit ist ziemlich dringend«, sagte Pjotr Petrowitsch gleichsam zu allen, ohne sich an jemanden persönlich zu wenden. »Ich freue mich sogar, wenn ich mehrere Zuhörer habe. Amalja Iwanowna, ich bitte Sie ganz ergebenst, in Ihrer Eigenschaft als Inhaberin dieser Wohnung auf mein nun folgendes Ge-spräch mit Sofja Iwanowna ganz besonders achtzugeben. Sofja Iwanowna«, fuhr er fort, indem er sich unmittelbar an die völlig verblüffte und schon im voraus erschrockene Sonja wandte, »von meinem Tisch im Zimmer meines Freundes Andrej Semjonowitsch Lebesjatnikow ist, wie ich gleich nach
Ihrem Besuch entdeckte, eine mir gehörende Banknote im Wert von hundert Rubel verschwunden. Falls Sie wissen soll-ten und uns sagen könnten, wo dieser Geldschein jetzt ist, dann soll die Angelegenheit damit bereinigt sein. Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, und ich rufe alle Anwesenden da-für zu Zeugen auf. Im gegenteiligen Fall sähe ich mich leider gezwungen, höchst ernsthafte Maßnahmen zu ergreifen ... die Folgen hätten Sie sich selbst zuzuschreiben.«
Tiefes Schweigen herrschte in dem Zimmer. Sogar die weinenden Kinder waren still geworden. Sonja stand toten-blaß da, starrte auf Luschin und vermochte nichts zu antwor-ten. Sie schien gar nicht begriffen zu haben, was er wollte. Einige Sekunden verstrichen.
»Nun also, wie steht die Sache?« fragte Luschin und sah sie unverwandt an.
»Ich weiß nicht ... ich weiß von nichts ...« stieß Sonja endlich mit matter Stimme hervor.
»Nein? Sie wissen von nichts?« fragte Luschin und schwieg abermals einige Sekunden. »Denken Sie nach Mademoiselle«, fügte er dann streng hinzu, als wollte er ihr gut zureden; »überlegen Sie sich's genau; ich bin bereit, Ihnen noch eine Bedenkzeit zu geben. Sehen Sie, wenn ich meiner Sache nicht so sicher wäre, würde ich es bei meiner Erfahrung selbstver-ständlich nicht wagen, Sie so geradeheraus zu beschuldigen; denn sollte eine so unmittelbare und öffentliche Beschuldigung falsch sein oder auf einem Irrtum beruhen, müßte ich ja dafür geradestehen. Das ist mir sehr wohl bekannt. Heute morgen habe ich für meine persönlichen Bedürfnisse einige fünfpro-zentige Wertpapiere im Nennwert von dreitausend Rubel verkauft. Die Abrechnung habe ich mir notiert, sie befindet sich in meiner Brieftasche. Als ich nach Hause kam, zählte ich - Andrej Semjonowitsch kann das bezeugen – das Geld nach, und nachdem ich zweitausenddreihundert Rubel gezählt hatte, steckte ich das Geld in meine Brieftasche und die Brief-tasche in die Seitentasche meines Rocks. Auf dem Tisch blie-ben ungefähr fünfhundert Rubel in Banknoten liegen, dar-unter drei Hundertrubelscheine. In diesem Augenblick kamen Sie herein – auf meine Bitte hin –, und die ganze Zeit, die
Sie dann bei mir verbrachten, waren Sie ungewöhnlich ver-wirrt, so daß Sie sogar dreimal mitten im Gespräch aufstan-den und aus unbekannten Gründen weglaufen wollten, ob-gleich unser Gespräch noch gar nicht beendet war. Andrej Semjonowitsch kann das alles ebenfalls bestätigen. Wahr-scheinlich, Mademoiselle, werden auch Sie sich nicht weigern, meine Worte zu bekräftigen und zu erklären, daß ich Sie durch Andrej Semjonowitsch rufen ließ, einzig und allein um mit Ihnen über die verzweifelte, hilflose Lage Ihrer Ver-wandten Katerina Iwanowna, zu deren Leichenfeier ich nicht kommen konnte, zu sprechen sowie darüber, daß es ange-bracht wäre, zu ihren Gunsten so etwas wie eine Sammlung oder eine Lotterie zu veranstalten. Sie dankten mir und ver-gossen sogar Tränen ... ich erzähle alles so, wie es war; erstens um es Ihnen in Erinnerung zu rufen; und zweitens um Ihnen zu zeigen, daß mir auch nicht die kleinste Einzelheit ent-fallen ist. Dann nahm ich einen Zehnrubelschein vom Tisch und gab ihn Ihnen, damit Sie ihn in meinem Namen Ihrer Verwandten als erste Hilfe überreichten. Andrej Semjono-witsch hat das alles gesehen. Schließlich begleitete ich Sie zur Tür – Sie waren noch immer ganz verwirrt –, worauf ich mit Andrej Semjonowitsch allein blieb und etwa zehn Mi-nuten mit ihm sprach; Andrej Semjonowitsch verließ endlich das Zimmer, und ich wandte mich wieder dem Tisch zu, auf dem das Geld lag, in der Absicht, es zu zählen und es, wie ich mir schon vorher vorgenommen hatte, gesondert zu verwahren. Zu meinem Erstaunen fehlte ein Hundertrubel-schein. Bedenken Sie bitte: Andrej Semjonowitsch kann ich in keinem Falle verdächtigen; der bloße Gedanke daran läßt mich vor Scham rot werden. Ich kann mich auch nicht ver-zählt haben; denn eine Minute, ehe Sie eintraten, hatte ich schon alles nachgezählt, und die Summe hatte gestimmt. Sie müssen selbst zugeben, daß ich, wenn ich Ihre Verwirrung, Ihr hastiges Bestreben wegzulaufen sowie den Umstand be-dachte, daß Sie die Hand eine Zeitlang auf dem Tisch liegen hatten; wenn ich schließlich Ihre gesellschaftliche Stellung und die damit verbundenen Gewohnheiten in Betracht zog ... daß ich dann sozusagen mit Entsetzen und geradezu gegen