Katerina Iwanowna band sich jenes grüne Wolltuch, von dem der verstorbene Marmeladow erzählt hatte, um den Kopf, drängte sich durch die unruhige, betrunkene Schar der Mie-ter, die sich noch immer in ihrem Zimmer breitmachten, und lief schluchzend und tränenüberströmt auf die Straße – mit dem unklaren Ziel, irgendwo sofort und um jeden Preis Ge-rechtigkeit zu finden. Poletschka hatte sich voll Angst mit den Kindern auf die Truhe in der Ecke zurückgezogen, wo sie, am ganzen Körper zitternd und die Arme um die beiden Kleinen gelegt, auf die Rückkehr ihrer Mutter wartete. Amalja Iwa-nowna lief wie von Sinnen im Zimmer hin und her, kreischte, winselte, warf alles, was ihr unter die Hände kam, auf den Boden und machte einen fürchterlichen Lärm. Die Mieter krakeelten durcheinander; einige redeten über das, was eben passiert war, soweit sie etwas davon verstanden hatten, an-
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dere stritten und zankten, und ein paar wieder fingen zu sin-gen an ...
Nun ist es auch für mich Zeit, dachte Raskolnikow. Jetzt, Sofja Semjonowna, wollen wir einmal sehen, was Sie nun zu sagen haben!
Und er machte sich auf den Weg zu Sonjas Wohnung.
Raskolnikow war der tatkräftige, kühne Anwalt Sonjas gegen Luschin gewesen, obwohl er selbst soviel eigenes Grauen und Leid in der Seele trug. Doch er hatte am Vormittag so viel erlitten, daß er sich geradezu über die Gelegenheit gefreut hatte, durch neue Eindrücke das, was ihn fast uner-träglich bedrückte, für eine Weile vergessen zu können, gar nicht zu reden davon, wieviel ihm persönlich daran lag und welche Herzenssache es für ihn war, für Sonja einzutreten. Außerdem hatte er unaufhörlich und mit einer Sorge, die sich in manchen Augenblicken bis zum Entsetzen steigerte, an die bevorstehende Zusammenkunft mit Sonja gedacht; er mußte ihr nunmehr offenbaren, wer Lisaweta ermordet hatte, und er fühlte schon im voraus die furchtbare Qual, die ihm das bereiten würde, und setzte sich gegen diese Qual zur Wehr. Als er Katerina Iwanownas Wohnung verließ und im stillen ausrief: Jetzt, Sofja Semjonowna, wollen wir einmal sehen, was Sie nun zu sagen haben! da befand er sich offenbar noch immer in einem äußerlich erregten Zustand der Munterkeit und der Kampfeslust, in einem Taumel, in den ihn der eben erst errungene Sieg über Luschin versetzt hatte. Aber es war sonderbar: sowie er die Wohnung der Kapernaumow erreicht hatte, befielen ihn unvermutet Kraftlosigkeit und Angst. Nachdenklich blieb er vor der Tür stehen und stellte sich die seltsame Frage: Muß ich ihr sagen, wer Lisaweta ge-tötet hat? Die Frage war seltsam, weil er im selben Moment fühlte, daß es gar nicht möglich war, es ihr nicht zu sagen, ja, daß er sein Geständnis nicht einmal für kurze Zeit hin-auszögern durfte. Er wußte noch nicht, warum er das nicht
durfte; er fühlte es nur, und dieses qualvolle Bewußtsein der eigenen Ohnmacht gegenüber dem, was notwendig war, erdrückte ihn beinahe. Um nicht weiter nachzugrübeln und sich zu quälen, öffnete er rasch die Tür, und schon von der Schwelle aus erblickte er Sonja. Sie saß beim Tisch, hatte die Ellbogen aufgestützt und das Gesicht in den Händen verbor-gen, doch als sie Raskolnikow sah, stand sie rasch auf und ging ihm entgegen, als ob sie ihn erwartet hätte.
»Was wäre ohne Sie aus mir geworden!« sagte sie schnell, als sie in der Mitte des Zimmers mit ihm zusammentraf.
Das war es offenbar, was sie ihm so rasch wie möglich hatte sagen wollen und weshalb sie auf ihn gewartet hatte.
Raskolnikow ging zum Tisch und setzte sich auf den Stuhl, von dem sie sich gerade erhoben hatte. Sie stand zwei Schritte vor ihm, genauso wie gestern.
»Nun, Sonja«, sagte er, und er fühlte plötzlich, wie seine Stimme zitterte, »die ganze Geschichte stützte sich ja einzig auf Ihre gesellschaftliche Stellung und auf die damit verbun-denen Gewohnheiten'. Haben Sie das vorhin verstanden?«
Ihr Gesicht drückte tiefes Leid aus.
»Reden Sie bitte nicht wieder so mit mir wie gestern!« unterbrach sie ihn. »Bitte, fangen Sie nicht wieder davon an. Ich habe ohnedies genug Kummer ...«
Sie lächelte flüchtig, da sie befürchtete, dieser Vorwurf könne ihm vielleicht mißfallen.
»Es war sicher dumm von mir, vorhin wegzulaufen. Was ist jetzt dort los? Ich wollte schon wieder zurückgehen, aber ich dachte, daß ... daß vielleicht Sie kämen.«
Er erzählte ihr, daß Amalja Iwanowna die Familie aus dem Hause gejagt habe und daß Katerina Iwanowna weg-gelaufen sei, um irgendwo »Gerechtigkeit zu suchen«.
»O Gott!« rief Sonja. »Rasch! Gehen wir zurück ...«
Und sie ergriff ihren Mantel.
»Es ist immer und ewig das gleiche!« rief Raskolnikow ge-reizt. »Sie denken an nichts anderes als an sie! Bleiben Sie doch bei mir!«
»Und ... Katerina Iwanowna?«
»Katerina Iwanowna läuft Ihnen nicht davon; sie kommt
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von selbst zu Ihnen, wenn sie schon aus dem Haus gelaufen ist«, fügte er geringschätzig hinzu. »Und wenn sie Sie dann nicht antrifft, sind Sie selbst schuld daran ...«
In qualvoller Unschlüssigkeit setzte sich Sonja auf einen Stuhl. Raskolnikow schwieg, blickte zu Boden und dachte über etwas nach.
»Nehmen wir an, Luschin hat das jetzt nicht gewollt«, be-gann er, ohne zu Sonja aufzusehen. »Aber wenn es in seiner Absicht gelegen oder irgendwie in seine Pläne gepaßt hätte, hätte er Sie jetzt ins Gefängnis gebracht, wären nicht ich und Lebesjatnikow dagewesen! Nicht wahr?«
»Ja«, erwiderte sie matt. »Ja!« wiederholte sie dann zer-streut und beunruhigt.
»Und es wäre doch durchaus möglich gewesen, daß ich nicht dagewesen wäre! Und auch Lebesjatnikow kam ganz zufällig hinzu.«
Sonja schwieg.
»Nun, und wenn Sie jetzt im Gefängnis säßen, was wäre dann? Erinnern Sie sich an das, was ich Ihnen gestern gesagt habe?«
Sonja antwortete auch jetzt nicht. Er wartete.
»Und ich dachte schon, Sie würden abermals schreien: Ach, sprechen Sie nicht davon, hören Sie auf!« fuhr Raskolnikow fort und lachte; aber sein Lachen klang gezwungen. »Wie, schon wieder schweigen Sie?« fragte er nach einer Weile. »Über irgend etwas müssen wir doch sprechen? Beispielsweise wäre es für mich interessant zu sehen, wie Sie ein .Problem', um Lebesjatnikows Worte zu gebrauchen, lösen!« Er schien in Ver-wirrung zu geraten. »Nein, ich rede wirklich im Ernst. Stel-len Sie sich vor, Sonja, Sie hätten die Absichten Luschins früher gekannt, Sie hätten gewußt – das heißt, unzweifel-haft gewußt –, daß durch Luschins Pläne Katerina Iwanowna und die Kinder völlig zugrunde gerichtet werden mußten; obendrein übrigens auch Sie ... da Sie sich selbst ja für nichts achten, sage ich obendrein ... Poljetschka desgleichen ... denn ihr bliebe kein anderer Weg als der Ihre. Nun also: wenn man Ihnen jetzt plötzlich zur Entscheidung anheimgestellt hätte: Soll er oder sollen sie alle auf Erden leben, das heißt,
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soll Luschin am Leben bleiben und Schurkereien begehen, oder soll Katerina Iwanowna sterben — wie hätten Sie sich dann entschieden? wer hätte sterben sollen? Das möchte ich von Ihnen wissen.«
Sonja blickte ihn unruhig an; aus seiner stockenden Rede, mit der er sich an irgend etwas heranzutasten schien, hatte sie einen besonderen Klang herauszuhören vermeint.
„Ich habe schon geahnt, daß Sie mich etwas Derartiges fragen würden«, sagte sie schließlich und blickte ihn forschend an.
»Schön, das mag sein; aber immerhin: wie würden Sie hier entscheiden?«
»Weshalb fragen Sie nach Dingen, die unmöglich geschehen können?« fragte Sonja widerwillig.
»Wäre es also besser, wenn Luschin am Leben bliebe und Schurkereien beginge? Wagen Sie auch diese Fragen nicht zu beantworten?«
»Aber ich kenne doch die göttliche Vorsehung nicht ... Und weshalb fragen Sie Dinge, die man nicht fragen darf? Wozu so törichte Fragen? Wie wäre es möglich, daß das von meiner Entscheidung abhinge? Und wer hätte mich hier zum Richter darüber gesetzt, wer leben soll und wer nicht?«