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»Sobald die göttliche Vorsehung ins Spiel kommt, kann man nichts mehr machen«, erklärte Raskolnikow mißmutig.

»Sagen Sie lieber geradeheraus, was Sie wollen!« rief Sonja gequält. »Sie wollen wieder auf irgend etwas hinaus ... Sind Sie denn wirklich nur gekommen, um mich zu quälen?«

Sie konnte sich nicht mehr beherrschen und fing plötzlich bitter zu weinen an. In düsterer Melancholie betrachtete er sie. Etwa fünf Minuten verstrichen.

»Du hast recht, Sonja«, sagte er endlich leise. Plötzlich war eine Veränderung mit ihm vorgegangen; sein gemacht drei-ster und kraftlos herausfordernder Ton war verschwunden. Sogar seine Stimme klang mit einemmal müde. »Ich habe dir gestern selbst gesagt, daß ich nicht kommen würde, dich um Verzeihung zu bitten, und jetzt habe ich beinahe damit ange-fangen, daß ich dich um Verzeihung bitte ... Mit all dem, was ich über Luschin und den Willen Gottes sagte, habe ich

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mich gemeint ... Das war meine Bitte um Verzeihung, Sonja ...«

Er wollte lächeln, aber es blieb bei einem schwachen, ohn-mächtigen Versuch. Er neigte den Kopf und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Und plötzlich zuckte ihm das seltsame, unerwartete Ge-fühl eines brennenden Hasses gegen Sonja durchs Herz. Als ob er selbst über dieses Gefühl staunte und sich davor ängstigte, hob er plötzlich den Kopf und sah sie unverwandt an; aber er begegnete ihrem Blick, der in qualvoller Sorge auf ihn gerichtet war; in diesem Blick lag Liebe; und sein Haß verschwand wie ein Spuk. Es war kein Haß gewesen; er hatte das eine Gefühl für das andere gehalten. Er hatte nur gespürt, daß der Augenblick gekommen war.

Wieder bedeckte er das Gesicht mit den Händen und neigte den Kopf. Plötzlich wurde er blaß, erhob sich von seinem Stuhl, sah Sonja an und setzte sich mechanisch, ohne ein Wort zu sprechen, auf ihr Bett.

Diese Minute erinnerte ihn in grauenvoller Weise an jenen Augenblick, da er hinter der Alten gestanden, sein Beil schon aus der Schlinge gezogen und gefühlt hatte, er dürfe »keine Sekunde mehr verlieren«.

»Was haben Sie?« fragte Sonja in tödlicher Verzagtheit.

Er brachte kein Wort über die Lippen. Er hatte sich seine Erklärung ganz, ganz anders vorgestellt, und er verstand selbst nicht, was jetzt mit ihm geschah. Leise trat sie zu ihm, setzte sich neben ihn auf das Bett und wartete, ohne den Blick von ihm zu wenden. Ihr Herz klopfte unregelmäßig. Es wurde unerträglich; er hatte ihr sein totenblasses Ge-sicht zugewandt; seine Lippen verzerrten sich ohnmächtig in dem Bemühen zu sprechen. Entsetzen griff Sonja ans Herz.

»Was haben Sie?« wiederholte sie, während sie ein wenig von ihm fortrückte.

»Nichts, Sonja. Erschrick nicht ... Es ist Unsinn! Allerdings, wenn man es richtig bedenkt ...« murmelte er mit der Miene eines Menschen, der nicht bei Sinnen ist und im Fieber redet. »Warum bin ich nur gekommen, dich zu peinigen?« fügte er

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plötzlich hinzu und sah sie an. »Wirklich! Warum? Die ganze Zeit frage ich mich das, Sonja ...«

Vielleicht hatte er sich diese Frage auch schon vor einer Viertelstunde gestellt, doch jetzt sprach er in völliger Ent-kräftung, kaum bei vollem Bewußtsein, und er fühlte, wie sein Körper unaufhörlich zitterte.

»Ach, wie Sie sich quälen!« sprach sie traurig und starrte ihn an.

»Das alles ist Unsinn! ... Höre, Sonja!« Plötzlich lächelte er aus irgendeinem Grunde, blaß und kraftlos, etwa zwei Sekunden lang. »Weißt du noch, was ich dir gestern gesagt habe?«

Sonja wartete unruhig.

»Ich sagte, als ich ging, ich nähme vielleicht für immer von dir Abschied, doch wenn ich heute noch einmal käme, würde ich dir sagen ... wer Lisaweta getötet hat.«

Sie erzitterte plötzlich am ganzen Körper.

»Nun, und jetzt bin ich gekommen, es dir zu sagen.«

»Haben Sie das gestern denn wirklich ...« flüsterte sie mit Anstrengung. »Wissen Sie es denn?« fragte sie dann rasch, als ob sie auf einmal zur Besinnung gekommen wäre.

Sonja atmete schwer. Ihr Gesicht wurde immer blasser.

»Ich weiß es.«

Sie schwieg einen Augenblick.

»Hat man ihn denn gefunden?« fragte sie schließlich schüchtern.

»Nein, man hat ihn nicht gefunden.«

»Wieso wissen Sie dann davon?« fragte sie kaum hörbar, nach einem Schweigen, das wieder fast eine Minute gedauert hatte.

Er wandte sich ihr zu und musterte sie starr.

»Rate einmal«, antwortete er dann mit dem gleichen ver-zerrten, kraftlosen Lächeln wie vorhin.

Es war, als krampfte sich ihr ganzer Körper zusammen.

»Aber ... warum ... warum ... erschrecken Sie mich so?« stieß sie endlich hervor und lächelte wie ein Kind.

»Offenbar bin ich mit ihm gut befreundet, wenn ich es weiß«, fuhr Raskolnikow fort, während er ihr noch immer

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unentwegt ins Gesicht sah, als hätte er nicht mehr die Kraft, seinen Blick abzuwenden. »Er wollte ... Lisaweta ... gar nicht töten ... er tötete sie ... aus Versehen ... er wollte die Alte töten ... als sie allein war ... und ging hin ... doch plötzlich kam Lisaweta ... und da hat er ... auch sie er-schlagen.«

Abermals verstrich eine grauenvolle Minute. Beide sahen einander an.

»Kannst du es denn nicht erraten?« fragte er plötzlich, und er hatte das Gefühl, als stürzte er sich von einem hohen Turm.

»N-n-nein«, flüsterte Sonja; ihre Stimme war kaum zu vernehmen.

»Sieh mich an!«

Und kaum hatte er das gesagt, ließ wieder jenes Gefühl, das er schon kannte, seine Seele zu Eis erstarren: er blickte sie an, und da war ihm mit einemmal, als erkennte er in ihrem Gesicht gleichsam das Gesicht Lisawetas. Mit greller Deutlich-keit sah er den Gesichtsausdruck Lisawetas vor sich, als er da-mals mit dem Beil auf sie zuging und sie vor ihm zur Wand zurückwich und die Hände vorstreckte, mit völlig kindlichem Entsetzen in den Zügen ... genauso wie kleine Kinder aus-sehen, wenn sie plötzlich vor irgend etwas Angst bekommen, regungslos, aber unruhig auf den Gegenstand starren, der sie ängstigt, zurückweichen, die Händchen vorstrecken und an-fangen wollen zu weinen. Fast das gleiche geschah jetzt auch mit Sonja. Ebenso ohnmächtig, mit der gleichen Angst sah sie ihn eine Zeitlang an, streckte plötzlich die Linke vor, stieß ihn leicht mit dem Finger gegen die Brust, stand langsam vom Bett auf und wich mehr und mehr vor ihm zurück, wobei ihr Blick, den sie auf ihn gerichtet hielt, immer starrer wurde. Ihr Entsetzen teilte sich auch ihm mit; genau der gleiche Schreck spiegelte sich auch auf seinem Antlitz wider; in der-selben Weise begann er sie jetzt anzusehen, und seine Züge zeigten dabei sogar fast das gleiche kindliche Lächeln.

»Hast du es jetzt erraten?« flüsterte er endlich.

»O Herr und Gott!« schrie sie plötzlich aus tiefster Brust auf.

Kraftlos fiel sie aufs Bett, das Gesicht in die Kissen

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gepreßt. Doch sofort sprang sie wieder auf, rückte zu ihm hin, nahm ihn bei beiden Händen, drückte sie mit ihren zarten Fingern fest wie in einem Schraubstock und sah ihm aber-mals unbeweglich, wie erstarrt, ins Gesicht. Mit diesem ver-zweifelten Blick wollte sie vielleicht noch eine letzte Hoffnung erhäschen. Aber es gab keine Hoffnung mehr; es blieb kein Zweifeclass="underline" alles war so! Sogar später, sooft sie sich dieses Augenblickes entsann, war es ihr seltsam und verwunderlich, wie sie so auf einmal hatte sehen können, daß kein Zweifel mehr bestand. Sie konnte doch nicht zum Beispiel sagen, daß sie irgend etwas Derartiges geahnt hätte? Trotzdem schien ihr plötzlich, sobald er ihr das gesagt hatte, als hätte sie gerade das vorausgeahnt.