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»Laß gut sein, Sonja, genug! Quäl mich nicht!« bat er sie schmerzlich.

Er hatte es ihr nicht auf diese Weise sagen wollen, ganz und gar nicht, aber so war es eben gekommen.

Völlig verstört sprang sie auf und ging händeringend bis zur Mitte des Zimmers; doch gleich kam sie wieder zurück und setzte sich aufs neue neben Raskolnikow, so daß ihre Schulter beinahe die seine berührte. Plötzlich schrak sie zu-sammen, als hätte man sie mit einem Dolch durchbohrt, schrie auf und warf sich, ohne selbst zu wissen weshalb, vor ihm auf die Knie.

»Was haben Sie sich da angetan, warum?« stieß sie ver-zweifelt hervor.

Und sie sprang auf, warf sich ihm an den Hals, umfing ihn und preßte ihn fest, fest in ihren Armen.

Raskolnikow taumelte zurück und betrachtete sie mit traurigem Lächeln.

»Wie sonderbar du bist, Sonja – du umarmst und küßt mich, obgleich ich dir das gesagt habe. Du weißt nicht, was du tust!«

»Nein, jetzt gibt es keinen unglücklicheren Menschen auf der ganzen Welt als dich!« rief sie wie wahnsinnig; sie hatte seine Bemerkung nicht gehört und begann plötzlich zu schluchzen wie in einem hysterischen Anfall.

Ein schon lange nicht mehr gekanntes Gefühl durchströmte

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seine Seele und machte ihm das Herz weich. Er widersetzte sich dieser Regung nicht; zwei Tränen rollten aus seinen Augen und blieben an den Wimpern hängen.

»Du wirst mich also nicht verlassen, Sonja?« fragte er endlich und blickte sie beinahe hoffnungsvoll an.

»Nein, nein; niemals, unter keinen Umständen!« rief Sonja. »Ich werde dir folgen, überallhin folge ich dir! O Gott! ... Ach, ich Unglückliche! ... Warum, warum nur habe ich dich nicht eher gekannt? Weshalb bist du nicht früher gekommen? O Gott!«

»Jetzt bin ich ja gekommen.«

»Jetzt! Oh, was sollen wir jetzt machen! ... Gemeinsam, gemeinsam!« wiederholte sie, als hätte sie alles andere verges-sen, und wiederum umarmte sie ihn, »gemeinsam mit dir gehe ich nach Sibirien!«

Plötzlich traf es ihn wie ein Schlag; das haßerfüllte, fast anmaßende Lächeln von vorhin zeigte sich wieder auf seinen Lippen.

»Vielleicht will ich nicht nach Sibirien, Sonja«, sagte er.

Sonja blickte ihn rasch an.

Nach dem ersten leidenschaftlichen, qualvollen Ausbruch ihres Mitgefühls mit dem Unglücklichen erschütterte sie aufs neue die furchtbare Vorstellung des Mordes. In dem ver-änderten Ton seiner Worte hatte sie plötzlich den Mörder vernommen. In starrem Staunen sah sie ihn an. Sie wußte noch nichts – weder weshalb noch wie noch warum das ge-schehen war. Jetzt erhoben sich mit einemmal alle diese Fragen vor ihr. Und wieder vermochte sie es nicht zu glauben: er soll ein Mörder sein? Ja, ist denn das möglich?

»Was ist das? Wo bin ich nur?« sprach sie in tiefer Ver-wunderung, als wäre sie noch immer nicht recht bei sich. »Wie konnten Sie, Sie, ein solcher Mensch ... sich dazu ent-schließen? Wie konnte das geschehen?«

»Um sie zu berauben, wahrscheinlich! Hör auf, Sonja!« ant-wortete er müde, ja fast ärgerlich. Sonja stand da wie be-täubt, doch plötzlich schrie sie auf: »Du hast Hunger ge-litten? Du ... du wolltest deiner Mutter helfen? Nicht wahr?«

»Nein, Sonja, nein«, murmelte er, wandte sich ab und

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senkte den Kopf. »Ich war nicht so hungrig ... meiner Mutter wollte ich allerdings helfen, aber ... auch das stimmt nicht ganz ... quäl mich nicht, Sonja!«

Sonja rang die Hände.

»Aber ist es denn wirklich wahr, ist es wirklich wahr? O Gott, wie kann das nur wahr sein! Wer vermag das zu glau-ben? ... Und wieso, wieso geben Sie das Letzte her und haben dabei gemordet, um zu stehlen? Wie? ...« fuhr sie plötzlich auf, »jenes Geld, das Sie Katerina Iwanowna gaben ... jenes Geld . . . O Gott, war etwa auch jenes Geld ...?«

»Nein, Sonja«, unterbrach er sie hastig, »das stammte nicht von dort, beruhige dich! Das hatte mir meine Mutter durch einen Kaufmann geschickt, und ich war krank, als ich es er-hielt, am selben Tag, an dem ich es hergab ... Rasumichin hat es gesehen ... er hat es für mich in Empfang genommen ... es war mein Geld, mein eigenes Geld, wirklich mein Geld.«

Sonja hörte ihm verwundert zu und nahm alle ihre Kräfte zusammen, um sich über etwas klarzuwerden.

»Und jenes Geld . .. ich weiß übrigens nicht einmal, ob auch Geld dabei war«, fügte er leise und gleichsam nachdenk-lich hinzu. »Ich nahm ihr wohl einen Beutel vom Hals, einen Beutel aus Sämischleder ... er war prall gefüllt ... aber ich sah gar nicht hinein; ich fand wohl nicht die Zeit dazu ... Nun, und die Sachen . . . es waren Manschettenknöpfe und Ketten und solche Dinge ... Alle diese Sachen und den Beutel versteckte ich in einem Hof am W.-Prospekt unter einem Stein, gleich am nächsten Morgen ... Dort liegen sie auch heute noch ...«

Sonja hatte angespannt zugehört.

»Nun, aber weshalb denn ... Sie sagten doch, Sie wollten sie berauben, und trotzdem haben Sie nichts genommen?« fragte sie rasch, als klammerte sie sich an einen Strohhalm.

»Ich weiß nicht ... ich bin mir noch nicht klar darüber ge-worden, ob ich das Geld nehme oder nicht«, entgegnete er, wiederum gleichsam grübelnd, und plötzlich kam er zur Be-sinnung und lachte kurz und trocken auf. »Ach, was für eine Dummheit ich da eben gesagt habe, nicht wahr?«

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Sonja durchzuckte der Gedanke: Ist er am Ende wahn-sinnig? Aber sogleich ließ sie ihn wieder fallen: Nein, es ist etwas anderes. Nichts begriff sie von all dem, nichts!

»Weißt du, Sonja«, sagte er plötzlich wie in einer Ein-gebung, »weißt du, was ich dir sagen wilclass="underline" hätte ich sie nur deshalb umgebracht, weil ich Hunger litt«, fuhr er fort, wobei er jedes Wort nachdrücklich betonte und sie rätselhaft, aber aufrichtig ansah, »ich wäre jetzt ... glücklich! Das mußt du wissen! Und was hast du davon, was hast du davon«, rief er nach einem Augenblick geradezu verzweifelt, »was hast du davon, wenn ich dir jetzt gestehe, ich hätte schlecht gehandelt? Nun, was hättest du von diesem dummen Triumph über mich? Ach, Sonja, bin ich etwa deswegen jetzt zu dir gekommen?«

Sonja wollte abermals etwas sagen, schwieg jedoch.

»Deshalb habe ich gestern zu dir gesagt, du sollst mit mir gehen; denn du bist der einzige Mensch, den ich noch habe.«

»Wohin soll ich mit dir gehen?« fragte Sonja schüchtern.

»Nicht um zu stehlen und um zu morden, sei ganz ohne Sorge, nicht deshalb«, sagte er mit bitterem Lächeln. »Wir sind Menschen zu verschiedener Art ... Weißt du, Sonja, ich habe doch erst heute, erst jetzt erkannt, wohin du mit mir gehen sollst! Als ich das gestern zu dir sagte, wußte ich selbst noch nicht wohin. Aus einem einzigen Grunde habe ich dich ge-rufen, aus einem einzigen Grund bin ich gekommen: verlaß mich nicht. Bleibst du bei mir, Sonja?«

Sie drückte ihm fest die Hand.

»Ach, weshalb, weshalb nur habe ich es ihr gesagt, weshalb es ihr gestanden?« rief er nach einer Weile verzweifelt und blickte sie in grenzenlosem Leid an. »Da wartest du, daß ich dir alles erkläre, Sonja; da sitzt du und wartest, ich sehe es ...! Und was kann ich dir sagen? Du verstehst doch nichts davon, sondern wirst nur furchtbar leiden, meinetwegen leiden! Nun weinst du und umarmst mich abermals – weshalb umarmst du mich? Weil ich es selbst nicht mehr ertragen konnte und gekommen bin, alles auf einen anderen abzuwälzen: Leide auch du, dann wird mir leichter sein! ... Kannst du denn einen solchen Schurken lieben?«

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»Quälst du dich nicht auch?« rief Sonja.

Von neuem brandete jenes Gefühl gleich einer hohen Woge in seiner Seele auf und stimmte ihn für einen Augenblick weich.