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merkwürdigsten Träume, es lohnt sich gar nicht zu erzählen, was für Träume das waren! Und da erst kam mir der Ge-danke, daß ... Aber nein, so war es auch nicht! Wieder er-zähle ich nicht richtig! Siehst du, ich fragte mich damals immer wieder: Wenn die anderen schon dumm sind und wenn du ganz gewiß weißt, daß sie dumm sind – warum bist du dann ebenso dumm, indem du nicht klüger sein willst? – Später habe ich erfahren, Sonja, daß es wohl allzu lange dauern würde, wollte man darauf warten, daß alle klug werden ... Später sah ich ein, daß dieser Fall niemals eintreten wird, daß die Menschen sich nicht ändern, daß niemand sie anders machen kann und daß es sich nicht lohnt, irgendeine Mühe daranzuwenden! Ja, so ist es! Das ist ihr Gesetz . . . ein Gesetz, Sonja! So ist es! ... Und jetzt weiß ich, Sonja, daß der, der stark ist und machtvoll an Geist und Verstand, über die Menschen gebieten kann! Wer vieles wagt, ist bei den Menschen im Recht. Wer auf das meiste spucken kann, der ist ihr Gesetzgeber, und wer am meisten wagt, genießt die mei-sten Rechte! So war es bisher, und so wird es immer sein! Nur ein Blinder sieht das nicht!«

Als Raskolnikow das sagte, blickte er zwar Sonja an, küm-merte sich aber nicht mehr darum, ob sie ihn verstand oder nicht. Das Fieber hatte ihn gepackt. Er sprach in einer Art düsterer Begeisterung – und wirklich, er hatte schon allzu lange mit niemandem mehr gesprochen! Sonja erkannte, daß dieser finstere Katechismus für ihn Glaube und Gesetz war.

»Damals ahnte ich, Sonja«, fuhr er begeistert fort, »daß die Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich zu bücken und sie aufzuheben. Hier ist nur eines wichtig, nur eines: es kommt einzig darauf an, es zu wagen! Damals hatte ich einen Gedanken – zum erstenmal in meinem Leben einen Ge-danken, den vor mir noch nie jemand gedacht hatte! nie-mand! –, und mir war plötzlich sonnenklar: Warum hat bis heute noch keiner gewagt und wagt es auch jetzt noch nicht, wenn er all diesen Irrsinn mit ansieht, den ganzen Kram schlicht und einfach beim Schwanz zu packen und zum Teufel zu jagen? Ich ... ich wollte mir Mut machen zu diesem Wag-

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nis, und deshalb mordete ich ... Ich wollte mir nur Mut machen, Sonja, das war der ganze Grund!«

»Oh, schweigen Sie, schweigen Sie!« rief Sonja und rang die Hände. »Sie haben sich von Gott abgewandt, und Gott hat Sie geschlagen und dem Teufel ausgeliefert! ...«

»Ja, nicht wahr, Sonja – als ich so im Dunkel lag und mir das alles ausdachte, da hat mich der Teufel verwirrt? Nicht wahr?«

»Schweigen Sie! Spotten Sie nicht, Sie lästern Gott! Nichts verstehen Sie, nichts! O Gott! Nichts, nichts versteht er!«

»Sei still, Sonja, ich spotte nicht; ich weiß ja selbst, daß der Teufel mich verführt hat. Sei still, Sonja, sei still«, wiederholte er finster und hartnäckig. »Ich weiß das alles. Ich habe es mir wieder und wieder überlegt, als ich damals im Dunkel lag ... All das diskutierte ich bis in die letzte, kleinste Einzelheit mit mir selber, und ich weiß alles, alles! Dieses Geschwätz hing mir damals schon zum Hals heraus! Ich wollte alles vergessen, Sonja, und von neuem beginnen und aufhören zu schwatzen. Und glaubst du etwa, ich wäre so einfach dort-hin gelaufen wie ein Dummkopf, auf gut Glück? Ich habe mich wie ein kluger Mann ans Werk gemacht, und das hat mich zugrunde gerichtet! Und glaubst du etwa, ich hätte zum Beispiel nicht wenigstens das eine gewußt: sobald ich anfing, mich zu fragen und zu erforschen, ob ich das Recht hätte, Macht zu besitzen – daß ich im selben Moment schon das Recht auf Macht verwirkt hatte? Sobald ich mir die Frage stellte, ob der Mensch eine Laus sei, war der Mensch schon für mich keine Laus mehr; er ist es nur für den, dem so eine Frage gar nicht in den Sinn kommt und der, ohne zu fragen, handelt ... Wenn ich mich also so viele Tage damit abquälte, ob Napoleon so gehandelt hätte wie ich oder nicht, fühlte ich schon mit aller Deutlichkeit, daß ich kein Napoleon war ... Ich erlitt alle, alle Qualen dieses Geschwätzes, Sonja, und ich wollte diese Last abschütteln; ich wollte töten, Sonja, ohne Kasuistik, nur für mich töten, für mich allein! Ich wollte mir dabei nicht einmal etwas vorlügen! Nicht um meiner Mutter zu helfen, habe ich getötet – Unsinn! ... Nicht darum habe ich getötet, um zu Geld und zu Macht zu kommen und dann

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ein Wohltäter der Menschheit zu werden – das ist alles Un-sinn. Ich habe einfach nur getötet; für mich habe ich ge-tötet, für mich allein; und ob ich dann der Wohltäter irgend-eines Menschen sein oder mein ganzes Leben lang wie eine Spinne alle in meinem Netz fangen und aus allen die Le-benssäfte saugen würde, das war mir in jenem Augenblick sicher völlig gleichgültig! Und nicht das Geld brauchte ich, Sonja, als ich tötete, nicht das Geld, sondern etwas anderes ... Jetzt ist mir das alles klar ... Versteh mich recht: vielleicht hätte ich, wäre ich auf diesem Weg weitergegangen, auch über-haupt nicht getötet. Aber ich mußte etwas anderes wissen, etwas anderes trieb mich ... ich mußte wissen, und zwar so rasch wie möglich, ob ich eine Laus bin wie alle anderen oder ein Mensch; ich mußte wissen, ob ich jene Grenze über-schreiten kann oder nicht, ob ich es wagen würde, mich zu bücken und die Macht zu packen; ob ich eine zitternde Krea-tur bin oder ob ich das Recht habe ...«

»Zu töten? Sie hätten das Recht zu töten?« rief Sonja händeringend.

»Ach, Sonja!« schrie er gereizt; er wollte ihr etwas entgeg-nen, verstummte aber verächtlich. »Unterbrich mich nicht, Sonja. Ich wollte dir nur das eine klarmachen: daß mich da-mals der Teufel verleitet hat und daß er mir nachher er-klärte, ich hätte gar nicht das Recht gehabt, diesen Weg zu gehen, weil ich ebenso eine Laus bin wie alle andern! Er lachte mich aus, und siehe, jetzt bin ich zu dir gekommen! Empfange deinen Gast! Wäre ich keine Laus – wäre ich dann zu dir gekommen? Höre: als ich damals zu der Alten ging, da wollte ich ja nur eine Probe anstellen ... Nun weißt du es!«

»Und Sie haben gemordet! Gemordet!«

»Aber wie habe ich gemordet? Begeht man vielleicht einen Mord auf eine solche Art? Wenn man einen andern erschlagen will, geht man dann so zu ihm, wie ich hinging? ... Ich werde dir einmal erzählen, wie ich hinging ... Habe ich etwa das alte Weib umgebracht? Mich selbst habe ich doch umgebracht, nicht die Alte! Mit einem Schlag habe ich mich getötet, für alle Zeiten! ... Das alte Weib, das hat der Teufel

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erschlagen, nicht ich ... Genug davon, genug, Sonja, genug! Laß mich!« schrie er plötzlich, als hätte ihn ein Krampf ge-packt.

Er hatte die Ellbogen auf die Knie gestützt und preßte seinen Kopf zwischen den Händen wie mit einer Zange.

»Was für ein Leid!« entrang es sich ihr in einem qualvollen Schrei.

»Was soll ich jetzt machen? Sag mir das!« fragte er, wäh-rend er plötzlich den Kopf hob und sie, das Gesicht vor Ver-zweiflung grauenhaft verzerrt, ansah.

»Was du machen sollst?« rief sie und sprang auf; ihre Augen, die bisher voll Tränen gewesen waren, begannen zu funkeln. »Steh auf!« Sie packte ihn bei der Schulter; er erhob sich und blickte sie fast verwundert an. »Geh jetzt, geh noch im selben Augenblick, stell dich an die Straßenecke, beuge dich nieder, küsse zuerst die Erde, die du geschändet hast, und dann verneige dich nach den vier Seiten vor aller Welt und sage laut: Ich habe getötet! Dann wird dir Gott dein Leben wiederschenken. Gehst du? Gehst du?« fragte sie ihn, und sie zitterte am ganzen Leib wie in einem Anfall, nahm seine beiden Hände, drückte sie fest in den ihren und sah ihn mit einem lodernden Blick an.