Er staunte und war geradezu erschüttert von dieser uner-warteten Begeisterung.
„Meinst du damit die Zwangsarbeit, Sonja? Muß ich mich selbst stellen?« fragte er düster.
»Du mußt dein Leid auf dich nehmen und damit deine Tat sühnen, das sollst du tun.«
»Nein! Ich gehe nicht zu ihnen, Sonja!«
»Aber leben? Wie willst du weiterleben? Womit leben?« rief Sonja. »So ist es doch nicht möglich! Und wie willst du mit deiner Mutter sprechen? Oh, was wird jetzt aus ihnen, was wird aus den beiden! Aber was rede ich da! Du hast ja Mutter und Schwester schon verlassen! Verlassen hast du sie, verlassen. O Gott!« rief sie. »Doch er weiß das ja alles selbst! Aber wie kann man denn ohne einen Menschen leben? Was wird jetzt aus dir?«
»Sei kein Kind, Sonja«, erwiderte er leise. »Welche Schuld
habe ich denn vor den Menschen? Weshalb soll ich hingehen? Was ihnen sagen? Das alles ist ja nur ein Spuk ... Sie selbst bringen Menschen zu Millionen um und betrachten das noch als Wohltat. Sie sind Hanswurste und Schurken, Sonja! ... Ich gehe nicht hin. Und was sollte ich ihnen auch sagen? Daß ich getötet habe, das Geld aber nicht zu nehmen wagte und es unter einem Stein versteckte?« fügte er mit höhnischem La-chen hinzu. »Sie werden mich nur auslachen und sagen: Ein Dummkopf, daß er es nicht genommen hat. Ein Feigling und ein Dummkopf! Nichts werden sie verstehen, Sonja, nichts; sie sind unwürdig, es zu verstehen. Weshalb sollte ich hingehen? Ich gehe nicht. Sei kein Kind, Sonja ...«
»Wie du dich quälst, wie du dich quälst«, sagte sie, wäh-rend sie ihm in verzweifeltem Flehen die Hände entgegen-streckte.
»Vielleicht habe ich mich auch bloß verleumdet«, fuhr er düster fort, gleichsam in tiefem Sinnen. »Vielleicht bin ich doch ein Mensch und keine Laus, vielleicht habe ich mich vorschnell verurteilt ... Noch werde ich kämpfen.«
Ein anmaßendes Lächeln spielte um seine Lippen.
»Eine solche Qual zu ertragen! Das ganze Leben lang, das ganze Leben! ...«
»Ich werde mich daran gewöhnen ...« entgegnete er fin-ster. »Höre«, begann er eine Minute später, »jetzt ist genug geweint, jetzt ist es Zeit, zur Sache zu kommen. Ich bin hier, um dir zu sagen, daß man mich verfolgt, daß man hinter mir her ist ...«
»Ach!« rief Sonja geängstigt.
„Was schreist du da? Du willst ja selbst, daß ich nach Si-birien gehe, und jetzt hast du Angst? Aber eines muß ich dir noch sagen: ich werde mich ihnen nicht ergeben. Ich will kämpfen, und sie können mir nichts anhaben. Sie haben keine richtigen Beweise. Gestern war ich in großer Gefahr und hielt mich schon für verloren; heute steht die Sache besser. Alle ihre Beweise sind zweischneidig, das heißt, ich kann ihre Anschuldigungen auch zu meinen Gunsten auslegen, verstehst du? Und das werde ich tun; denn ich habe es inzwischen ge-lernt ... Aber ins Gefängnis bringen sie mich bestimmt. Wäre
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nicht ein Zufall dazwischengekommen, ich säße vielleicht heute schon hinter Schloß und Riegel, ganz gewiß, vielleicht wird man mich sogar noch heute verhaften ... Aber das macht nichts, Sonja, ich bleibe eine Zeitlang eingesperrt, und dann müssen sie mich wieder freilassen ... weil sie keinen einzigen richtigen Beweis in Händen haben; und sie werden auch keinen bekommen, darauf gebe ich dir mein Wort. Und mit dem, was sie aufzuweisen haben, kann man niemanden zur Strecke bringen ... Aber genug davon ... Ich sage dir das nur, damit du es weißt ... Was meine Schwester und meine Mutter angeht, so will ich es möglichst so einrichten, daß ich sie von meiner Unschuld überzeuge und sie nicht ängstige ... Meine Schwester scheint übrigens jetzt versorgt zu sein ... folglich auch meine Mutter ... So, das wäre alles. Sei übrigens vorsichtig. Wirst du mich im Gefängnis besuchen, wenn man mich einsperrt?«
»O ja! Ja!«
Beide saßen nebeneinander, traurig und geschlagen, als wären sie von einem Sturm an ein ödes, einsames Gestade verschlagen worden. Er sah Sonja an und fühlte, wieviel Liebe sie ihm entgegenbrachte, und seltsam, mit einemmal bedrückte ihn ihre Liebe in geradezu schmerzhafter Weise. Ja, es war ein seltsames, ein entsetzliches Gefühl! Als er auf dem Wege zu Sonja gewesen war, hatte er gemeint, alle seine Hoff-nung und sein einziger Ausweg lägen in ihr; er hatte gedacht, wenigstens einen Teil seiner Qualen loswerden zu können; doch jetzt, da sich ihr Herz ihm plötzlich zugewandt hatte, fühlte und erkannte er, daß er nur noch viel, viel unglück-licher geworden war als vorher.
»Sonja«, sagte er, »komm lieber nicht zu mir, wenn ich im Gefängnis bin.«
Sonja antwortete nicht; sie weinte. Es vergingen einige Minuten.
»Hast du ein Kreuz?« fragte sie ihn dann unvermittelt, als wäre ihr das plötzlich eingefallen.
Er verstand zuerst gar nicht, was sie meinte.
»Nein? Du hast keins? Da, nimm dieses hier, es ist aus Zypressenholz. Ich habe noch ein zweites, aus Kupfer; es
gehörte Lisaweta. Ich habe mit Lisaweta getauscht; sie gab mir ihr Kreuz, und ich gab ihr mein Heiligenbildchen. Jetzt will ich das Kreuz Lisawetas tragen, und das da soll dir ge-hören. Nimm es ... es ist ja mein Kreuz! Es ist meines!« flehte sie. »Wir werden miteinander leiden, und so wollen wir auch miteinander das Kreuz tragen! ...«
»Gib her!« sagte Raskolnikow. Er wollte sie nicht kränken. Doch sofort zog er die Hand, die er nach dem Kreuz ausge-streckt hatte, wieder zurück.
»Nicht jetzt, Sonja ... lieber später«, setzte er hinzu, um sie zu beruhigen.
»Ja, ja, das ist besser, besser«, stimmte sie ihm leidenschaft-lich zu. »Wenn du deinen Leidensweg antrittst, wirst du das Kreuz nehmen. Komm dann zu mir, ich will es dir um den Hals hängen; dann wollen wir beten und gehen.«
In diesem Augenblick klopfte jemand dreimal an die Tür.
»Sofja Semjonowna, darf ich eintreten?« fragte eine be-kannte höfliche Stimme.
Sonja eilte erschrocken zur Tür. Das Gesicht des blonden Herrn Lebesjatnikow schaute ins Zimmer.
Lebesjatnikow sah recht aufgeregt aus.
»Entschuldigen Sie, daß ich zu Ihnen komme, Sofja Semjo-nowna ... Ich wußte ja, daß ich Sie hier treffen würde«, wandte er sich dann unvermittelt an Raskolnikow; »das heißt, ich wußte nichts ... nichts dergleichen ... aber ich dachte mir eben ... Katerina Iwanowna ist verrückt geworden«, sagte er darauf zu Sonja, indem er Raskolnikow keine weitere Beachtung schenkte.
Sonja schrie auf.
»Das heißt, es scheint wenigstens so. Übrigens ... keiner weiß, was wir mit ihr anfangen sollen, das ist es! Sie kam zurück, offenbar hat man sie irgendwo hinausgeworfen, viel-leicht auch geschlagen ... wenigstens hat es den Anschein ... Sie lief zu Semjon Sacharytschs Vorgesetztem; sie traf ihn
zu Hause nicht an; er war zu Tisch bei einem anderen General ... und stellen Sie sie sich nur vor: sie ist ihm sofort nachgelaufen ... zu diesem anderen General, und tatsächlich, sie setzte ihren Willen durch, sie ließ den Vorgesetzten Se-mjon Sacharytschs herausrufen, vom Essen weg, glaube ich. Sie können sich ausmalen, was darauf geschah. Natürlich wurde sie hinausgeschmissen, aber sie erzählte, sie selbst habe den General beschimpft und etwas nach ihm geworfen. Das er-scheint ziemlich glaubhaft ... ich verstehe bloß nicht, warum man sie nicht festgenommen hat! Jetzt erzählt sie allen Leu-ten diese Geschichte, auch Amalja Iwanowna; aber man kann sie nur schwer verstehen; sie tobt und schlägt um sich ... Ach ja – sie schreit und sagt, sie werde jetzt, da sie von allen verlassen sei, die Kinder nehmen und auf die Straße gehen und Leierkasten spielen, und die Kinder sollen mit ihr zu-sammen singen und tanzen, und sie werde Geld sammeln; sie wolle dann jeden Tag vor die Fenster des Generals gehen ... ,Sollen die Leute nur sehen', sagt sie, ,wie vornehme Kinder, deren Vater Beamter war, auf der Straße betteln müssen!' Sie schlägt die Kinder, alle drei, und sie weinen. Sie lehrt Lenja, den ,Meierhof' zu singen, und dem Knaben bringt sie das Tanzen bei, Polina Michailowna ebenfalls; sie zer-reißt alle Kleider und macht den Kindern Mützen daraus, wie sie die Schauspieler tragen; sie selbst will ein Gong mitnehmen, um statt der Musik den Takt darauf zu schla-gen ... sie hört auf niemanden ... Stellen Sie sich nur vor, wo soll denn das hinführen? Das ist doch einfach un-m öglich!«