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Lebesjatnikow hätte noch weitergesprochen, aber Sonja, die ihm mit angehaltenem Atem zugehört hatte, packte plötz-lich Hut und Mantel und eilte aus dem Zimmer; noch im Laufen zog sie sich an. Raskolnikow ging hinter ihr her; Lebesjatnikow folgte als letzter.

»Sie ist ohne Zweifel übergeschnappt!« sagte er zu Raskol-nikow, als er mit ihm auf die Straße trat. »Ich wollte Sofja Semjonowna nur nicht erschrecken und sagte darum: ,Es scheint', aber es kann kein Zweifel daran bestehen. Es heißt, daß sich bei Schwindsucht Knötchen im Gehirn bilden. Schade,

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daß ich nichts von Medizin verstehe. Übrigens versuchte ich ihr gut zuzureden, aber sie hört ja auf niemanden.«

»Haben Sie ihr von diesen Knötchen erzählt?«

»Nicht gerade von den Knötchen. Außerdem hätte sie das auch gar nicht begriffen. Aber ich meine: wenn man einen Menschen logisch davon überzeugt, daß er eigentlich keinen Grund hat zu weinen, hört er zu weinen auf. Das ist sonnen-klar. Oder glauben Sie, er hört nicht auf?«

»Dann wäre das Leben allzu einfach«, entgegnete Raskol-nikow.

»Erlauben Sie, erlauben Sie; natürlich ist es für Katerina Iwanowna schwer, irgend etwas zu verstehen; aber wissen Sie, daß in Paris schon ernsthafte Experimente durchgeführt wurden ... indem man versuchte, Irre nur durch logische Überredung zu heilen? Ein dortiger Professor, der unlängst gestorben ist, ein seriöser Gelehrter, war der Meinung, daß man sie dadurch heilen könne. Seine Grundidee ist, daß bei Irren keine besondere organische Störung vorliege und daß der Wahnsinn sozusagen ein logischer Irrtum sei, ein Irrtum des Denkens, eine unrichtige Art, die Dinge zu betrachten. So versuchte er also, die Anschauungen seiner Patienten zu widerlegen, und stellen Sie sich vor, er soll damit sogar ge-wisse Erfolge gehabt haben! Doch da er nebenbei auch Duschen anwandte, sind die Resultate dieser Kur natürlich zweifel-haft ... Wenigstens scheint es so ...«

Raskolnikow hatte schon längst nicht mehr zugehört. Als sie jetzt an seinem Haus vorbeikamen, nickte er Lebesjatni-kow zu und trat ins Tor. Lebesjatnikow kam zur Besinnung, blickte sich um und eilte weiter.

Raskolnikow betrat seine Kammer und blieb mitten im Zimmer stehen. Weshalb bin ich hierher zurückgekommen? Er betrachtete die vergilbten, zerrissenen Tapeten, den Staub, sein Lager ... Vom Hof klang unablässig ein scharfes Klop-fen herauf, offenbar wurde irgendwo irgend etwas einge-schlagen, vielleicht ein Nagel ... Er trat zum Fenster, stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute lange und mit ge-spannter Miene auf den Hof hinunter. Aber der Hof lag verlassen da, und man sah niemanden hämmern. Links, im

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Nebengebäude, waren einige Fenster geöffnet; auf den Fen-sterbrettern standen Blumentöpfe mit kümmerlichen Geranien. Hinter den Fenstern hing Wäsche ... All das kannte er aus-wendig. Er wandte sich um und setzte sich auf den Diwan.

Noch nie, noch nie hatte er sich so furchtbar einsam ge-fühlt.

Ja, er fühlte wiederum, daß er Sonja vielleicht wirklich hassen werde, gerade jetzt, da er sie noch unglücklicher ge-macht hatte. Weshalb bin ich nur zu ihr gegangen? Um sie um ihre Tränen zu bitten? Weshalb mußte ich unbedingt ihr Leben zerstören? Oh, welche Gemeinheit!

Ich will allein bleiben, sagte er plötzlich entschlossen. Und sie wird mich im Gefängnis nicht besuchen!

Nach etwa fünf Minuten hob er den Kopf und lächelte seltsam. Ein sonderbarer Einfall war ihm gekommen: Viel-leicht ist es in Sibirien wirklich besser!

Er wußte nicht mehr, wie lange er, in unklare Gedanken versunken, in seinem Zimmer gesessen hatte. Mit einemmal öffnete sich die Tür, und Awdotja Romanowna trat ein. Zu-erst blieb sie in der Tür stehen und sah ihn an, so wie er vorhin Sonja angesehen hatte; dann trat sie näher und setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl, auf denselben Platz, auf dem sie gestern gesessen hatte. Schweigend und gedankenver-loren sah er sie an.

»Sei nicht zornig, Bruder, ich bin nur für einen Augenblick gekommen«, sagte Dunja. Ihre Miene war nachdenklich, aber nicht streng, ihr Blick klar und ruhig. Er sah, daß auch sie aus Liebe zu ihm gekommen war.

»Bruder, ich weiß jetzt alles, alles. Dmitrij Prokofjitsch hat es mir erzählt und erklärt. Man verfolgt und quält dich mit diesem dummen, abscheulichen Verdacht ... Dmitrij Proko-fjitsch sagt, daß keinerlei Gefahr bestünde und daß du gar keinen Grund hättest, so entsetzt zu sein. Ich bin nicht seiner Ansicht und verstehe vollauf, wie sehr in dir alles auf-gewühlt ist, und daß diese Entrüstung für immer ihre Spuren in dir zurücklassen muß. Das eben fürchte ich. Ich verurteile dich nicht, weil du uns verlassen hast, ich wage dich nicht zu verurteilen; deshalb verzeih mir, wenn ich dir Vorwürfe

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gemacht habe. Ich fühle ja selbst, daß ich mich genauso, wenn mir ein so großes Unglück widerfahren wäre, von allen ab-sondern würde. Unserer Mutter will ich davon nichts erzählen, aber ich will unablässig von dir sprechen und ihr in deinem Namen sagen, daß du sehr bald zu uns zurückkommen wirst. Mach dir keine Sorgen um sie; ich will sie beruhigen; aber auch du darfst sie nicht zu sehr quälen – komm wenigstens einmal zu uns; denk daran, daß sie deine Mutter ist! Und jetzt bin ich nur hier, um dir zu sagen« – Dunja erhob sich –, »daß du, falls du mich irgendwie brauchst, wäre es auch ... mein ganzes Leben oder sonst irgend etwas ... daß du mich dann rufen mußt; ich werde kommen. Leb wohl!«

Sie wandte sich rasch um und ging zur Tür.

»Dunja!« hielt Raskolnikow sie zurück; er war aufgestan-den und ging auf sie zu. »Dieser Rasumichin, Dmitrij Proko-fjitsch, ist ein sehr guter Mensch.«

Dunja wurde ein wenig rot.

»Und?« fragte sie nach einer Weile.

»Er ist tüchtig, fleißig und ehrenhaft und vermag leiden-schaftlich zu lieben ... Leb wohl, Dunja.«

Dunja wurde dunkelrot, dann geriet sie plötzlich in Sorge.

»Was soll das, Bruder? Trennen wir uns denn für immer, daß du mir ... so ein Vermächtnis hinterläßt?«

»Ganz gleich ... leb wohl ...«

Er wandte sich ab und trat zum Fenster. Sie blieb eine Weile stehen, sah ihn unruhig an und verließ dann voll Sorge das Zimmer.

Nein, er war nicht kalt gegen sie. Es hatte einen Augen-blick – ganz zum Schluß – gegeben, da er das kaum zu stillende Verlangen verspürt hatte, sie innig zu umarmen und von ihr Abschied zu nehmen, da er es ihr sogar hatte sagen wollen; aber er hatte sich nicht einmal entschließen können, ihr die Hand zu geben.

Später würde sie am Ende noch erschrecken, wenn sie sich daran erinnert, wie ich sie jetzt umarmt habe, und sie würde vielleicht sagen, ich hätte ihr diesen Abschiedskuß gestohlen!

Würde sie es ertragen oder nicht? setzte er nach einigen Minuten für sich hinzu. Nein, sie würde es nicht ertragen;

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solche Menschen ertragen das nicht! Menschen wie sie können so etwas niemals ertragen ... Und er dachte an Sonja.