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»Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Wohltätigkeit?« fragte Raskolnikow.

»Ach, ach! Sie sind ein argwöhnischer Mensch!« lachte Swidrigailow auf. »Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich das Geld nicht brauche. Und daß ich das schlicht und einfach aus Menschlichkeit tue, vermögen Sie nicht zu glauben? Sie war doch keine ,Laus'« – er zeigte mit dem Finger in die Ecke, in der die Verstorbene lag – »wie irgendeine alte Wucherin. Und Sie müssen doch selbst zugeben: ,Soll Luschin wirklich am

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Leben bleiben und Schurkereien begehen, oder soll sie ster-ben?' Wenn ich nicht hülfe, würde doch zum Beispiel auch ,Poljetschka der gleiche Weg bevorstehen ...'«

Er sagte das mit der Miene einer augenzwinkernden, fröh-lichen Verschlagenheit, ohne den Blick von Raskolnikow zu wenden. Raskolnikow erblaßte, und ihm wurde kalt, als er seine eigenen Worte hörte, die er zu Sonja gesagt hatte. Er wich zurück und sah Swidrigailow verwirrt an.

»Wo-wo-woher ... wissen Sie das?« flüsterte er; er ver-mochte kaum Atem zu holen.

»Ich wohne doch hier, gleich hinter dieser Wand, bei Madame Röslich. Hier wohnt Kapernaumow, und dort nebenan haust Madame Röslich, eine alte, mir sehr ergebene Freundin. Ich bin Sonjas Nachbar.«

»Sie?«

»Ja«, erwiderte Swidrigailow und schüttelte sich vor Lachen; »und ich kann Ihnen auf Ehre versichern, liebster Rodion Romanowitsch, daß Sie mich im höchsten Maße in-teressieren. Ich habe Ihnen doch gesagt, daß wir noch näher miteinander bekannt werden würden; ich habe es Ihnen vor-ausgesagt – und sehen Sie, jetzt ist es so weit. Und Sie wer-den sehen, was für ein umgänglicher Mensch ich bin. Sie wer-den sehen, daß man mit mir auskommen kann ...«

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SECHSTER TEIL

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Für Raskolnikow brach eine seltsame Zeit an: es war, als hätte sich plötzlich ein Nebel über ihn gesenkt und ihn in eine ausweglose, drückende Vereinsamung eingeschlossen. Wenn er sich später, nach vielen Jahren, dieser Tage erinnerte, ahnte er, daß sein Bewußtsein zeitweise getrübt gewesen sein mußte und daß das mit einigen Unterbrechungen bis zur endgül-tigen Katastrophe so geblieben war. Er war fest davon über-zeugt, daß er sich damals in vielem täuschte, zum Beispiel in der Reihenfolge und der Dauer einiger Ereignisse. Jedenfalls konnte er, wenn er später über diese Zeit nachdachte und seine Erinnerungen zu klären versuchte, vieles über sich selbst nur durch die Aussagen anderer Leute erfahren. Er verwech-selte beispielsweise häufig zwei Ereignisse miteinander; man-ches hielt er für die Folge eines Vorfalls, der nur in seiner Einbildung existierte. Zuweilen befiel ihn eine krankhaft-qualvolle Unruhe, die geradezu in panische Angst überging. Aber er erinnerte sich auch, daß es Minuten, Stunden und vielleicht sogar Tage gab, die erfüllt waren von einer Apa-thie, die ihn gleichsam als Gegensatz zu der früheren Angst überkommen hatte und dem krankhaft-gleichgültigen Zu-stand mancher Sterbender glich. Überhaupt trachtete er sel-ber in diesen letzten Tagen, einer klaren, vollständigen Er-kenntnis seiner Lage auszuweichen; einige Dinge, die drin-gend nach einer unverzüglichen Klärung verlangten, be-drückten ihn ganz besonders; wie froh wäre er gewesen, wenn er sich hätte freimachen und manchen Sorgen tatsächlich hätte entfliehen können! Aber diese Dinge zu vergessen hätte ihn in seiner Lage mit dem endgültigen, unvermeidlichen Untergang bedroht.

Besonders Swidrigailow beunruhigte ihn; man konnte so-gar sagen, daß sein Denken einzig um Swidrigailow kreiste. Seit jenen drohenden und unmißverständlichen Worten, die

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Swidrigailow in dem Augenblick, da Katerina Iwanowna ge-storben war, in Sonjas Wohnung zu ihm gesagt hatte, schien der gewöhnliche Gang seiner Gedanken unterbrochen zu sein. Doch obgleich diese neue Tatsache ihn aufs äußerste beun-ruhigte, beeilte er sich doch aus irgendwelchen Gründen keineswegs, den Fall zu klären. Wenn er sich manchmal irgendwo in einem abgelegenen, einsamen Stadtteil aufhielt, in irgendeiner armseligen Kneipe, allein am Tisch und in tiefem Sinnen, kaum dessen bewußt, wie er hierhergeraten war, fiel ihm plötzlich Swidrigailow ein; es kam ihm mit einemmal klar und mit zermürbender Deutlichkeit zu Bewußtsein, daß er sich möglichst bald mit diesem Menschen einigen und, wenn es irgendwie anging, einen endgültigen Entschluß fassen mußte. Als er einmal irgendwo über die Stadtgrenze hinaus-gekommen war, bildete er sich sogar ein, Swidrigailow warte hier auf ihn und sie hätten hier ein Zusammentreffen ver-abredet. Ein andermal erwachte er vor dem Morgengrauen irgendwo in einem Gebüsch auf der blanken Erde und wußte nicht mehr, wie er dorthin geraten war. Übrigens hatte er Swidrigailow in diesen zwei, drei Tagen nach Katerina Iwanownas Tod schon ein paarmal getroffen, zumeist in Sonjas Wohnung, wohin Raskolnikow wie ohne Absicht und fast immer nur für einen Sprung gekommen war. Sie wech-selten jedesmal ein paar flüchtige Worte miteinander und brachten die Sprache niemals auf den wesentlichen Punkt, als wäre es zwischen ihnen als selbstverständlich vereinbart, dar-über vorläufig zu schweigen. Der Leichnam Katerina Iwanow-nas lag noch auf der Bahre. Swidrigailow sorgte für das Begräbnis und erledigte alle Wege. Auch Sonja war sehr be-schäftigt. Bei ihrer letzten Begegnung hatte Swidrigailow ihm erklärt, daß er die Angelegenheit mit Katerina Iwanow-nas Kindern bereits erfolgreich zu Ende geführt habe; dank einigen Verbindungen habe er etliche Leute ausfindig gemacht, mit deren Hilfe er alle drei Waisen unverzüglich in sehr an-ständigen Waisenhäusern unterbringen könne; auch das Geld, das er für sie angelegt habe, sei dabei sehr förderlich gewesen, da es weit leichter falle, Waisen, die ein Kapital besäßen, irgendwo unterzubringen als ganz arme Kinder. Er sagte

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auch etwas über Sonja, versprach, irgendeinmal in der näch-sten Zeit zu Raskolnikow zu kommen, und erwähnte, er möchte sich »mit ihm beraten; denn er habe sehr dringend mit ihm zu sprechen, es gebe da einige Angelegenheiten ...« Dieses Gespräch fand im Hausflur statt, unten an der Treppe. Swidrigailow sah Raskolnikow fest in die Augen, und nach-dem er eine Weile geschwiegen hatte, fragte er mit gesenkter Stimme: »Aber was haben Sie denn, Rodion Romanytsch? Sie sind ja ganz verändert! Wahrhaftig! Da hören Sie zu und schauen einen an, und es kommt einem vor, als ob Sie gar nichts verstünden! Fassen Sie Mut! Wir wollen uns doch ein-mal richtig aussprechen; nur schade, daß ich so viele Geschäfte zu erledigen habe, fremde sowohl wie eigene ... Ach, Ro-dion Romanytsch«, fügte er plötzlich hinzu, »alle Menschen brauchen Luft, Luft, Luft! Das ist das wichtigste!«

Plötzlich trat er zur Seite, um dem Priester und dem Vor-sänger, die die Treppe hinauf wollten, Platz zu machen. Die beiden kamen, um eine Seelenmesse zu lesen; denn auf Swi-drigailows Verfügung hin wurde pünktlich zweimal am Tag eine Seelenmesse für Katerina Iwanowna gehalten. Swidri-gailow ging gleich darauf fort, Raskolnikow dagegen ver-weilte noch ein wenig, dachte nach und folgte dann dem Prie-ster in Sonjas Wohnung.

Er blieb in der Tür stehen. Der Gottesdienst begann: leise, würdig und traurig. In der Vorstellung des Todes und in dem Gefühl, daß der Tod nahe sei, hatte für Raskolnikow seit jeher, seit seiner Kindheit schon, etwas Bedrückendes und mystisch Grauenvolles gelegen; zudem hatte er schon lange keine Seelenmesse mehr gehört. Schließlich kam hier auch noch etwas anderes hinzu, etwas Entsetzliches, Beängstigendes. Er sah die Kinder an – sie knieten vor dem Sarg; Poljetschka weinte. Hinter ihnen betete Sonja, die leise und gleichsam schüchtern vor sich hinschluchzte. Sie hat mich in all den Tagen kein einziges Mal angesehen und kein Wort zu mir ge-sagt, dachte Raskolnikow. Die Sonne schien hell ins Zimmer; der Weihrauch stieg in Wolken auf; der Priester las: »Schenk ihr die ewige Ruhe, Herr!« Raskolnikow blieb bis zum Ende des Gottesdienstes. Der Priester sah ihn, während er den