Er dachte plötzlich an Dunjetschka, an die Gefahr, in der sie schwebte, und sein Herz blieb stehen. Er riß sich gleichsam los und begann zu laufen.
Sobald Rasumichin weggegangen war, stand Raskolni-kow auf, wandte sich zum Fenster, stieß sich an der einen Ecke seines Zimmers und dann an der anderen, als hätte er vergessen, wie eng seine Behausung war, und ... setzte sich wieder auf den Diwan. Er fühlte sich wie neugeboren: wieder gab es Kampf – also hatte sich ein Ausweg gefunden!
Ja, es hat sich ein Ausweg gefunden. Alles in mir war schon allzusehr erstickt und versperrt; ein qualvoller Druck lastete auf mir, und ich war wie benommen. Seit der Szene mit Ni-kolka und Porfirij hatte er hoffnungslos in Bedrängnis ge-keucht. Und nach dem Auftritt mit Nikolka, am selben Tage noch, hatte er mit Sonja gesprochen; er hatte das Gespräch in keiner Weise so geführt und beendet, wie er es sich vorge-nommen hatte, ganz und gar nicht ... er war also augen-blicklich schwach geworden, mit einem Schlag hatte er alle seine Kraft verloren! Und so hatte er damals Sonja darin zu-gestimmt, daß er mit einer solchen Tat auf dem Herzen allein nicht leben könne! Und Swidrigailow? Swidrigailow war ein Rätsel ... Swidrigailow beunruhigte ihn, das traf zu, aber es beunruhigte ihn in anderer Weise. Mit Swidrigailow mochte ihm ebenfalls noch ein Kampf bevorstehen. Auch Swidrigailow war vielleicht ein Ausweg; mit Porfirij aber war es eine völlig andere Sache.
Porfirij hat den Fall sogar selbst Rasumichin erklärt, er hat ihm das Ganze psychologisch erklärt! Schon wieder ist er mit seiner verdammten Psychologie gekommen! Porfirij? Ja, konnte Porfirij denn auch nur einen einzigen Augenblick lang geglaubt haben, daß Nikolka schuldig sei, nach dem, was zwischen ihm und Raskolnikow damals vorgefallen war, nach jener Szene unter vier Augen, ehe noch Nikolka gekommen
war, nach einer Szene, für die es nur eine einzige richtige Deu-tung gab? Raskolnikow waren während dieser Tage schon oft Bruchstücke der Szene mit Porfirij durch den Kopf gegan-gen; sich den ganzen Auftritt zu vergegenwärtigen hatte jedoch seine Kräfte überstiegen. Während ihrer Unterhaltung waren zwischen ihnen solche Worte gefallen, hatte es solche Bewegungen und Gesten gegeben, hatten sie solche Blicke getauscht, war so manches Wort in solchem Ton gesprochen worden, war das Ganze so sehr auf die Spitze getrieben wor-den, daß nach all dem Nikolka – den Porfirij schon beim ersten Wort und bei der ersten Gebärde durchschaut hatte –, daß Nikolka Porfirij bestimmt nicht in seiner Überzeugung zu erschüttern vermocht hatte.
Und dann! Sogar Rasumichin verdächtigte mich bereits! Die Szene im Korridor bei der Lampe ist damals also nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Und da lief er zu Porfirij ... aber weshalb hat ihn der so hinters Licht geführt? Was kann er damit bezwecken, daß er den Verdacht Rasumichins auf Nikolka ablenkt? Nein, er führt unbedingt etwas im Schilde; er verfolgt irgendwelche Absichten, aber welche? Frei-lich ist seit jenem Vormittag viel Zeit vergangen – zuviel, zuviel Zeit –, und Porfirij hat nichts von sich hören und sehen lassen. Nun ja, das ist selbstverständlich ein schlimmes Zei-chen ... Raskolnikow nahm seine Mütze und verließ nach-denklich das Zimmer. Es war der erste Tag in dieser ganzen Zeit, da er sich bei klarem Bewußtsein fühlte. Ich muß mit Swidrigailow zu einem Ende kommen, dachte er; um jeden Preis und so rasch wie möglich; Swidrigailow wartet anschei-nend, daß ich zu ihm komme. Und in diesem Augenblick stieg in seinem müden Herzen plötzlich solcher Haß auf, daß er vielleicht fähig gewesen wäre, einen der beiden zu töten: Swidrigailow oder Porfirij. Zumindest fühlte er, daß er, wenn schon nicht jetzt, so doch später dazu imstande wäre. Wir werden sehen, wir werden sehen, wiederholte er sich immer wieder.
Doch kaum hatte er die Tür zur Treppe geöffnet, als er mit Porfirij zusammenstieß. Porfirij wollte ihn gerade besu-chen. Raskolnikow war für einen Augenblick wie versteinert,
aber nur für einen ganz kurzen Moment. Seltsam war, daß er sich kaum über Porfirijs Erscheinen wunderte und sich fast nicht vor ihm fürchtete. Er fuhr nur zusammen, war aber rasch, im Nu, wieder gefaßt. Vielleicht ist das die Lösung! Aber wie leise er sich herangeschlichen hat, wie eine Katze! Ich habe nichts gehört! Hat er am Ende gelauscht?
»Sie haben wohl keinen Gast erwartet, Rodion Roma-nytsch«, rief Porfirij fröhlich. »Ich wollte Sie schon lange einmal aufsuchen; jetzt kam ich bei Ihnen vorbei und dachte: Warum soll ich ihm nicht für fünf Minuten guten Tag sagen? Sie wollten gerade weggehen? Ich werde Sie nicht aufhalten. Ich will nur eine Zigarette hier bei Ihnen rauchen, wenn Sie erlauben.«
»So nehmen Sie doch Platz, Porfirij Petrowitsch, nehmen Sie Platz ...« erwiderte Raskolnikow und bot seinem Gast mit einer sichtlich so zufriedenen, freundschaftlichen Miene einen Stuhl an, daß er wahrhaftig über sich selbst gestaunt hätte, hätte er sich sehen können.
Er hatte seine letzten Kräfte zusammengerafft. So ge-schieht es manchmal, daß ein Mensch, der von einem Räuber überfallen wird, eine halbe Stunde der Todesangst durch-lebt; sobald ihm aber das Messer endgültig an der Kehle sitzt, verspürt er plötzlich nicht einmal mehr Furcht. Ras-kolnikow setzte sich Porfirij gegenüber und blickte ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, an. Porfirij kniff die Augen zu-sammen und zündete sich eine Zigarette an.
Nun, so sprich doch schon, sprich doch! schrie es in Raskol-nikow. Warum sprichst du denn nicht? Warum sprichst du nicht endlich?
»Ach, diese Zigaretten!« sagte Porfirij Petrowitsch schließ-lich, als seine Zigarette brannte und er ein wenig verschnauft hatte. »Das Zeug ist schädlich, das reine Gift, aber ich kann das Rauchen nicht lassen! Ich huste; ich kriege keine Luft und keuche. Wissen Sie, ich bin feige; und da fuhr ich neulich zu B. – jeden Patienten untersucht er mindestens eine halbe
Stunde lang –, aber als er mich sah, lachte er, klopfte und horchte mich ab und meinte dann: ,Übrigens ist Tabak nichts für Sie; Ihre Lungen sind erweitert'; aber wie soll ich das Rauchen aufgeben? Wodurch es ersetzen? Ich trinke nicht ... das ist der ganze Jammer, hehehe; daß ich nicht trinke, ist ein Jammer! Alles ist eben relativ, Rodion Romanytsch, al-les ist relativ!«
Worauf will er denn hinaus? Fängt er wieder mit solchen Mätzchen an wie neulich? dachte Raskolnikow angeekelt. Ihre ganze letzte Unterredung stand mit einemmal wieder vor ihm, und das gleiche Gefühl wie damals brandete wie eine Woge an sein Herz.
»Ich war schon vorgestern einmal hier; wissen Sie das nicht?« fuhr Porfirij Petrowitsch fort und sah sich im Zimmer um. »Hierher bin ich gekommen, in ebendieses Zimmer, genauso wie heute; ich kam vorbei und dachte: Du solltest ihm doch einmal einen Besuch machen! Ich stieg hinauf, und das Zimmer stand weit offen; ich sah mich um und wartete und meldete mich nicht einmal bei Ihrem Dienstmädchen, son-dern ging einfach wieder weg. Sperren Sie nie Ihre Tür ab?«
Raskolnikows Gesicht wurde immer finsterer. Porfirij er-riet die Gedanken des jungen Mannes genau.
»Ich bin gekommen, um Ihnen eine Erklärung zu geben, liebster Rodion Romanytsch! Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig, unbedingt, mein Herr«, fügte er mit einem Lächeln hinzu und schlug Raskolnikow mit der flachen Hand leicht aufs Knie. Aber fast im selben Augenblick setzte er plötzlich eine ernste, besorgte Miene auf; es schien sogar, als spräche sich Trauer darin aus, was Raskolnikow in Staunen versetzte. Er hatte an Porfirij noch nie einen solchen Ausdruck gesehen und auch nicht vermutet.
»Eine seltsame Szene hat sich das letztemal zwischen uns abgespielt, Rodion Romanytsch. Vielleicht kann man das auch von unserem ersten Zusammentreffen behaupten, doch da-mals ... Aber das ist jetzt ganz gleichgültig! Hören Sie: ich bin Ihnen gegenüber vielleicht sehr schuldig; ich fühle das, mein Herr. Erinnern Sie sich nur, wie wir auseinander gegan-