gen sind: Ihre Nerven waren aufs äußerste gespannt, und Ihre Kniekehlen zitterten; und auch meine Nerven waren aufs äußerste gespannt, und auch mir zitterten die Kniekehlen. Und wissen Sie, wie wir damals miteinander umgingen, das war gar nicht fein, gar nicht gentlemanlike. Und wir sind doch Gentlemen; in jedem Falle und zuallererst Gentlemen; das darf man nicht vergessen, mein Herr. Sie erinnern sich ja, wie weit es dann kam ... das war weiß Gott nicht mehr fein!«
Was will er denn? Wofür hält er mich nur? fragte sich Raskolnikow verwundert, während er den Kopf hob und Porfirij mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.
»Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es besser ist, wenn wir aufrichtig zueinander sind«, fuhr Porfirij Petrowitsch fort; er wandte das Gesicht ein wenig ab und schlug die Augen nie-der, als wollte er sein ehemaliges Opfer nicht durch seine Blicke in Verwirrung bringen und als verachtete er jetzt seine ein-stigen Methoden und Kniffe. »Ja, mein Herr, solche Ver-dächtigungen und Szenen dürfen nicht zu weit gehen. Die Lösung brachte uns damals Nikolka, sonst weiß ich nicht, wie weit es zwischen uns noch gekommen wäre. Dieser ver-dammte Kleinbürger saß damals hinter meiner Bretter-wand – können Sie sich das vorstellen? Aber Sie wissen das natürlich schon; auch mir ist bekannt, daß er hernach zu Ihnen ging; aber Ihre damalige Vermutung traf nicht zu: ich hatte nach niemandem geschickt und auch noch keinerlei Verfügun-gen getroffen. Sie werden fragen, warum ich das nicht getan habe? Ja, wie soll ich Ihnen das erklären: mich selbst hat da-mals alles gewissermaßen überrascht. Ich konnte kaum noch die Hausknechte holen lassen – Sie werden sie ja wohl im Vorbeigehen bemerkt haben. Damals zuckte mir ein Gedanke durch den Kopf, blitzschnell; wissen Sie, Rodion Romanytsch, ich war meiner Sache ganz sicher. Meinetwegen, dachte ich, du kannst die eine Sache für eine gewisse Zeit außer acht lassen, dafür packst du die andere beim Kragen – aber dein Ziel, dein Ziel verfehlst du nicht.
Sie sind von Natur sehr reizbar, Rodion Romanytsch; so-gar in zu hohem Maße reizbar, wenn man alle anderen grund-legenden Eigenschaften Ihres Charakters und Herzens in
Betracht zieht, die ich, wie ich mir schmeichle, zum Teil erkannt habe, mein Herr. Natürlich konnte ich nicht einmal damals damit rechnen, daß mein Plan in Erfüllung gehen würde; denn das geschieht selten, daß ein Mensch aufsteht und einem alle seine Geheimnisse ins Gesicht schleudert. Es kommt zwar vor, zumal wenn man jemanden um seine letzte Geduld bringt, aber das ist außerordentlich selten. Ich konnte nicht damit rechnen. Nein, dachte ich, du brauchst nur einen kleinen Fin-gerzeig! Wäre es auch nur der allerkleinste Anhaltspunkt, nur ein einziger, aber ein Hinweis, den man mit Händen greifen könnte, etwas Reales, nicht ewig diese Psychologie Denn wenn ein Mensch schuldig ist, dachte ich, dann kann man natürlich in jedem Falle irgend etwas Positives von ihm erwarten; es ist sogar erlaubt, mit den überraschendsten Er-gebnissen zu rechnen. Ich rechnete damals mit Ihrem Charak-ter, mein Herr, vor allem mit Ihrem Charakter. Ich setzte große Hoffnungen in Sie!«
»Aber ... aber warum sagen Sie mir das jetzt alles?« murmelte Raskolnikow schließlich, ohne recht zu wissen, was er da eigentlich sagte. Wovon redet er bloß? dachte er ver-wirrt. Hält er mich denn wirklich für unschuldig?
»Warum ich das sage? Ich bin doch gekommen, um Ihnen eine Erklärung zu geben, was ich sozusagen für meine heilige Pflicht halte. Ich will Ihnen ganz genau darlegen, wie alles war, die ganze Geschichte meiner damaligen Verblendung, wenn ich so sagen darf. Ich habe Ihnen viel Kummer gemacht, Rodion Romanytsch; aber ich bin kein Unmensch. Ich verstehe ja, wie einem Menschen zumute sein muß, der all das mit sich herumschleppt, einem bedrückten Menschen, der aber stolz, herrisch und ungeduldig ist, vor allem ungeduldig! Ich halte Sie auf jeden Fall für einen überaus edlen Menschen, der sogar Ansätze zur Großmut hat, obgleich ich nicht mit allen Ihren Überzeugungen übereinstimme, was Ihnen im voraus und in aller Offenheit zu erklären ich für meine Pflicht halte; denn vor allem liegt mir daran, Sie nicht zu täuschen. Als ich Sie kennenlernte, fühlte ich mich Ihnen verbunden. Sie lachen vielleicht über diese Worte? Das sei Ihnen unbenommen, mein Herr. Ich weiß, daß Sie mich schon auf den ersten Blick ver-
abscheuten, und es ist ja eigentlich auch gar kein Anlaß gege-ben, mich zu lieben. Aber denken Sie darüber, wie Sie wollen ... ich meinerseits möchte jedenfalls mit allen Mitteln den Eindruck, den Sie von mir haben, verwischen und Ihnen be-weisen, daß auch ich ein Mensch mit Herz und Gewissen bin. Ich spreche aufrichtig, mein Herr.«
Porfirij Petrowitsch hielt würdevoll inne. Raskolnikow fühlte, wie eine neue Welle von Furcht ihn übermannte. Der Gedanke, Porfirij könnte ihn für unschuldig halten, begann ihn plötzlich zu ängstigen.
»Es ist wohl kaum nötig, der Reihe nach genau zu erzäh-len, wie das damals plötzlich begonnen hat«, fuhr Porfirij Petrowitsch fort. »Ich halte es sogar für überflüssig und wäre dazu wohl auch kaum in der Lage. Denn wie sollte man so etwas ausführlich erklären? Zunächst tauchten einige Gerüchte auf. Was das für Gerüchte waren, von wem sie stammten und wann das war ... und weshalb die Sache ge-rade auf Sie hinwies – auch davon zu sprechen ist meiner Meinung nach überflüssig. Mich persönlich brachte ein Zufall auf diesen Gedanken, eine sozusagen ganz zufällige Zufällig-keit, die nun einmal da war, wie sie ebensogut auch nicht hätte dazusein brauchen. Was das war? Hm! Ich glaube, auch darüber brauche ich nicht zu reden. All das, die Gerüchte und die Zufälle, brachte mich damals auf einen ganz bestimmten Gedanken. Ich gebe das aufrichtig zu; denn wenn man schon ein Geständnis ablegt, muß man auch alles gestehen ... ich war der erste, der damals an Sie dachte. Die Notizen zum Beispiel, die die Alte auf den Pfändern vermerkt hatte, und so weiter und so weiter – das ist alles belanglos, gewiß. Derartige Dinge können hundertfach vorkommen. Ich hatte damals auch Gelegenheit, den Vorfall im Polizeirevier mit allen Einzelheiten zu erfahren – ebenfalls zufällig, mein Herr, und keineswegs nur so beiläufig, sondern von einem beson-deren, sehr zuverlässigen Gewährsmann, der diese Szene, ohne es zu wissen, erstaunlich gut schilderte. Und so fügte sich das eine zum andern, das eine zum andern, Rodion Romanytsch, mein Lieber! ... Nun, wie hätte ich da nicht eine ganz be-stimmte Richtung in meinen Überlegungen einschlagen sollen?
Aus hundert Kaninchen kann man niemals ein Pferd machen und aus hundert Verdachtsmomenten niemals einen Beweis, wie ein englisches Sprichwort lautet, doch das sagt nur die Vernunft; man versuche einmal, mit seinen Leidenschaften fertigzuwerden ... und ein Untersuchungsrichter ist schließ-lich auch nur ein Mensch! Da fiel mir Ihr Artikel ein, erinnern Sie sich? In dieser Zeitschrift ... bei Ihrem ersten Besuch hat-ten wir ja ausführlich darüber gesprochen. Damals zog ich das Ganze ein wenig ins Lächerliche, aber das geschah nur, um Sie zu weiteren Äußerungen herauszufordern. Ich sage Ihnen noch einmal, Rodion Romanytsch, daß Sie sehr unge-duldig und krank sind. Daß Sie kühn sind, begabt, ernst und ... und viel, viel empfunden haben, das wußte ich schon längst. Mir sind alle diese Empfindungen bekannt, und als ich Ihren Artikel las, war mir, als kennte ich ihn schon. In schlaflosen Nächten und in rasender Besessenheit haben Sie ihn ersonnen, mit wehem, hämmerndem Herzen, mit unterdrücktem Enthu-siasmus. Aber dieser unterdrückte, stolze Enthusiasmus der Jugend ist gefährlich! Ich machte mich damals darüber lustig, doch jetzt will ich Ihnen gestehen, daß ich, sozusagen als Amateur, diese erste jugendliche, leidenschaftliche Talent-probe sehr liebe. Da ist Rauch, da ist Nebel, und in diesem Nebel erklingt eine Saite. Ihr Artikel ist albern und phanta-stisch, aber er zeugt von viel Aufrichtigkeit; es liegt ein ju-gendlicher, unbestechlicher Stolz darin und die Kühnheit der Verzweiflung; es ist ein düsterer Artikel, aber das ist gut, mein Herr. Ich habe damals Ihren Artikel gelesen und zur Seite gelegt, und . . . als ich ihn damals zur Seite legte, dachte ich: Dieser Mensch wird noch einmal Aufsehen erregen! Jetzt sagen Sie mir: wie hätte ich mich nach diesen Voraussetzun-gen nicht von dem, was später geschah, mitreißen lassen sollen? Ach, du lieber Gott! Sage ich am Ende jetzt etwas? Behaupte ich vielleicht irgend etwas? Damals wurde ich nur aufmerk-sam. Was steckt dahinter? dachte ich. Nichts, wirklich gar nichts, vielleicht im höchsten Maße nichts. Folglich gehörte es sich für mich in keiner Weise, daß ich mich so hinreißen ließ; ich habe ja auch Nikolka am Hals, und zwar mit Tatsachen - sagen Sie, was sie wollen, aber es sind Tatsachen! Und er