Doch was konnte es zwischen ihnen Gemeinsames geben? Nicht einmal ihre Verbrechen hätten von gleicher Art sein können. Swidrigailow war außerdem ein sehr unangeneh-mer Mensch, offenbar außerordentlich lasterhaft, unbedingt hinterlistig und ein Betrüger, und vielleicht war er sogar bösartig. Man erzählte sich allerlei über ihn. Freilich hatte er für Katerina Iwanownas Kinder gesorgt; aber wer konnte wissen, was dahintersteckte? Swidrigailow verfolgte unent-wegt irgendwelche dunklen Absichten und Pläne.
Ein Gedanke beschäftigte Raskolnikow in den letzten Ta-gen immer wieder, und obwohl er sich die größte Mühe gab, ihn zu unterdrücken, beunruhigte und ängstigte er ihn im höchsten Maße. Und zwar war es folgende Überlegung: Swi-drigailow hatte sich ständig in seiner, Raskolnikows, Nähe aufgehalten, und er tat das auch jetzt noch; Swidrigailow kannte sein, Raskolnikows, Geheimnis; Swidrigailow hatte
Dunja einst mit seinen Anträgen verfolgt. Und vielleicht hatte er auch jetzt noch Absichten auf sie? Man konnte diese Frage fast mit Sicherheit bejahen. War es da nicht mög-lich, daß er jetzt, nachdem er Raskolnikows Geheimnis ent-deckt und so eine gewisse Macht über ihn gewonnen hatte – daß er diese seine Macht jetzt als Waffe gegen Dunja ver-wendete?
Dieser Gedanke verfolgte Raskolnikow bisweilen bis in den Schlaf, aber noch nie war er ihm mit so brennender Klarheit zu Bewußtsein gekommen wie jetzt, da er sich auf dem Wege zu Swidrigailow befand. Diese Vorstellung versetzte ihn in blinde Wut. Wenn seine Vermutung zutraf, dann änderte das seine ganze Lage, und er mußte unverzüglich Dunja sein Geheimnis offenbaren. Vielleicht mußte er sich sogar selbst stellen, um Dunjetschka von irgendeinem unvorsichtigen Schritt abzuhalten. Der Brief? Heute vormittag hatte Dunja einen Brief erhalten. Von wem konnte sie hier in Petersburg Briefe bekommen? Am Ende von Luschin? Freilich, Rasumi-chin paßte auf sie auf; doch Rasumichin wußte ja nichts. Vielleicht sollte er sich auch Rasumichin anvertrauen? Raskol-nikow wies diese Möglichkeit voll Abscheu von sich.
Jedenfalls galt es, Swidrigailow möglichst rasch zu spre-chen – zu diesem endgültigen Schluß war er mittlerweile gekommen. Gottlob waren, was das anging, die Einzelheiten nicht so wichtig wie vielmehr die Sache selbst; aber wenn er, wenn er es nur fertigbrachte ... Falls Swidrigailow irgend etwas gegen Dunja im Schilde führte, dann ...
Raskolnikow hatte die letzte Zeit, der ganze vergangene Monat, so erschöpft, daß er solche Fragen jetzt nicht mehr anders lösen konnte als durch den einzigen Entschluß: Dann bringe ich ihn um. Er faßte diesen Vorsatz in kalter Ver-zweiflung. Ein drückendes Gefühl preßte ihm das Herz zu-sammen; er blieb mitten auf der Straße stehen und sah sich um, wo er denn gehe und wohin er geraten sei. Er befand sich auf dem A.-Prospekt, etwa dreißig oder vierzig Schritt vom Heumarkt entfernt, den er bereits überquert hatte. Das ganze erste Stockwerk eines Hauses zu seiner linken Seite wurde von einem Gasthaus eingenommen. Alle Fenster stan-
den weit offen; das Lokal mußte, nach den Gestalten zu schließen, die sich hinter den Fenstern bewegten, überfüllt sein. Im Saal wurden Lieder gesungen; eine Klarinette du-delte, es wurde Geige gespielt, und eine türkische Trommel dröhnte. Man hörte Frauen kreischen. Raskolnikow, ver-blüfft, daß er auf den A.-Prospekt gelangt war, wollte schon umkehren, als er plötzlich in einem der letzten offenen Fenster des Gasthauses Swidrigailow erkannte, der am Tee-tisch dicht beim Fenster saß, die Pfeife zwischen den Zähnen. Das erschütterte Raskolnikow und entsetzte ihn. Swidrigai-low starrte ihn schweigend an und beobachtete ihn und schien, was Raskolnikow besonders befremdete, aufstehen zu wol-len, um heimlich wegzugehen, ehe man ihn bemerkt hätte. Raskolnikow tat sofort so, als hätte er ihn gar nicht gesehen, und blickte nachdenklich zur Seite, doch beobachtete er ihn weiterhin aus den Augenwinkeln. Sein Herz klopfte unruhig. Es war wahrhaftig so: Swidrigailow wollte offenbar nicht, daß man ihn bemerke; er hatte die Pfeife aus dem Mund ge-nommen und wollte sich zurückziehen, doch als er aufge-standen war und den Stuhl zurückgeschoben hatte, merkte er offenbar, daß Raskolnikow ihn entdeckt hatte und beobach-tete. Zwischen den beiden spielte sich jetzt etwas ab, das ihrer ersten Begegnung in Raskolnikows Wohnung, als Rodion ge-schlafen hatte, glich. Ein verschmitztes Lächeln glitt über Swi-drigailows Gesicht und zog es in die Breite. Beide wußten, daß sie einander sahen und beobachteten. Schließlich brach Swidrigailow in lautes Lachen aus.
»Nein, so etwas! Kommen Sie doch herauf, wenn Sie wol-len; ich bin hier!« rief er vom Fenster herunter.
Raskolnikow stieg die Treppe hinauf.
Swidrigailow saß in einem sehr kleinen, einfenstrigen Hin-terzimmer neben dem großen Saal, in dem an zwanzig kleinen Tischchen zu dem verzweifelten Geplärre eines Sängerchors eine Menge Gäste, Kaufleute, Beamte und andere, Tee tran-ken. Von irgendwo war der Anprall von Billardkugeln zu vernehmen. Auf Swidrigailows Tisch stand eine Flasche Cham-pagner, daneben ein halbvolles Glas. Außer ihm waren noch ein kleiner Leierkastenjunge mit einer tragbaren Drehorgel
im Zimmer und ein stämmiges, rotbackiges Mädchen in einem aufgeschürzten gestreiften Rock, einen Tirolerhut mit Bän-dern auf dem Kopf; sie war etwa achtzehn Jahre alt, eine Art Straßensängerin, und sang trotz dem Chor im Nebenzimmer zur Begleitung des kleinen Leierkastens in ziemlich heiserem Alt einen Gassenhauer.
»Na, Schluß jetzt!« unterbrach Swidrigailow das Mädchen, als Raskolnikow eintrat.
Sie hörte sogleich auf und blieb in ehrerbietiger Erwartung stehen. Auch ihren schmissigen Gassenhauer hatte sie mit einem sonderbar ernsten, respektvollen Gesichtsausdruck ge-sungen.
»He, Filipp, noch ein Glas!« rief Swidrigailow.
»Ich trinke keinen Wein«, erklärte Raskolnikow.
»Wie Sie wollen; ich habe das Glas auch nicht für Sie bestellt. Trink, Katja, heute brauche ich euch nicht mehr, geht jetzt!«
Er schenkte ihr das zweite Glas voll und gab ihr eine gelbe Banknote. Katja leerte das Glas auf einen Zug, aber so, wie Frauen Wein zu trinken pflegen: ohne abzusetzen, jedoch in etwa zwanzig kleinen Schlucken; dann nahm sie den Geld-schein, küßte Swidrigailow die Hand, was er sich mit höchst ernster Miene gefallen ließ, und verließ das Zimmer, worauf sich auch der Knabe mit dem Leierkasten trollte. Man hatte sie beide von der Straße heraufgeholt. Swidrigailow war noch keine volle Woche in Petersburg, und doch stand alles in seiner Umgebung bereits irgendwie auf patriarchalischem Fuße mit ihm. Auch der Kellner Filipp war schon ein »Be-kannter« von ihm und schwänzelte unablässig um ihn herum. Die Tür zum Saal wurde geschlossen; Swidrigailow war in diesem kleinen Zimmer wie zu Hause und verbrachte viel-leicht ganze Tage dort. Das Gasthaus war schmutzig, schäbig und höchst drittrangig.
»Ich war auf dem Wege zu Ihnen; ich wollte Sie besuchen«, begann Raskolnikow, »und weiß gar nicht, weshalb ich vom Heumarkt plötzlich auf den A.-Prospekt abgebogen bin. Ich tue das nie und komme nie hierher. Vom Heumarkt biege ich immer nach rechts ab. Und auch der Weg zu Ihnen führt