Выбрать главу
- 596 -

nicht hier vorüber. Doch kaum kam ich hier vorbei, saßen Sie da! Das ist seltsam!«

»Warum sagen Sie nicht geradeheraus: das ist ein Wunder?«

»Weil es vielleicht nur ein Zufall ist!«

»So sind diese Leute!« lachte Swidrigailow auf. »Selbst wenn sie im Innersten an ein Wunder glauben, geben sie es doch nie zu! Und dabei räumen Sie doch selbst ein, daß es ,vielleicht' nur ein Zufall sei! Sie können sich gar nicht vor-stellen, wie feige die Leute hier hinsichtlich ihrer eigenen Mei-nung sind, Rodion Romanytsch! Ich spreche natürlich nicht von Ihnen. Sie haben eine eigene Meinung, und Sie haben auch keine Angst davor, eine Meinung zu haben. Eben da-durch haben Sie ja auch meine Neugier erweckt.«

»Sonst durch nichts?«

»Das genügt doch!«

Swidrigailow war offensichtlich gehobener Stimmung, wenn auch nicht übermäßig angeregt; er hatte nicht mehr als ein halbes Glas Champagner getrunken.

»Mir scheint, Sie sind zu mir gekommen, noch ehe Sie erfahren hatten, daß ich fähig bin, das, was Sie eine eigene Meinung nennen, zu haben«, bemerkte Raskolnikow.

»Nun, damals war das etwas anderes. Jeder hat seine höchst persönlichen Methoden. Und was das Wunder betrifft, so muß ich Ihnen sagen, daß Sie die letzten zwei, drei Tage anscheinend verschlafen haben. Ich selbst habe Ihnen dieses Gasthaus angegeben, und es war kein Wunder dabei, daß Sie geradewegs hierherkamen; ich selbst habe Ihnen den Weg er-klärt, habe Ihnen das Gasthaus beschrieben und die Stunde genannt, zu der man mich hier finden kann. Erinnern Sie sich?«

»Ich hatte es vergessen«, antwortete Raskolnikow erstaunt.

»Das glaube ich. Zweimal habe ich es Ihnen gesagt. Die Adresse hat sich anscheinend mechanisch Ihrem Gedächtnis eingeprägt. Sie bogen auch mechanisch hierher ab, schlugen aber genau den richtigen Weg ein, ohne es selbst zu wissen. Als ich Ihnen das damals sagte, hoffte ich gar nicht, daß Sie mich verstanden hätten. Sie verraten sich zu sehr, Rodion Romanytsch. Und noch etwas: ich bin überzeugt, daß in

- 597 -

Petersburg sehr viele Leute im Gehen mit sich selbst sprechen. Petersburg ist eine Stadt der Halbverrückten. Wenn wir mehr Sinn für die Wissenschaften hätten, könnten Ärzte, Juristen und Philosophen, jeder in seinem Fach, über Petersburg die wertvollsten Untersuchungen anstellen. Nur mit Mühe dürfte man einen andern Ort finden, wo die Menschenseele so vielen düsteren, schroffen und seltsamen Einflüssen preis-gegeben ist wie hier in Petersburg. Was allein schon das Klima ausmacht! Dabei ist die Stadt das Verwaltungszentrum ganz Rußlands, und ihr Wesen muß sich in allem niederschla-gen ... Doch darum handelt es sich jetzt nicht; es handelt sich vielmehr darum, daß ich Sie schon einige Male beobachtet habe. Sie verlassen Ihr Haus – da halten Sie den Kopf noch gerade. Nach zwanzig Schritt lassen Sie ihn schon hängen und legen die Hände auf den Rücken. Sie haben zwar die Augen offen, aber anscheinend sehen Sie weder vor sich noch neben sich irgend etwas. Schließlich bewegen Sie die Lippen und spre-chen mit sich selbst, wobei Sie manchmal eine Hand frei-machen und deklamieren, und schließlich bleiben Sie mitten auf der Straße für längere Zeit stehen. Das ist gar nicht gut, mein Lieber. Vielleicht könnte Sie außer mir auch sonst jemand beobachten, und das wäre keineswegs vorteilhaft für Sie. Mir kann das freilich gleichgültig sein, und ich will Sie auch gar nicht kurieren – aber Sie verstehen mich natürlich.«

»Und wissen Sie, daß man mich verfolgt?« fragte Raskol-nikow und blickte ihn forschend an.

»Nein, davon weiß ich nichts«, erwiderte Swidrigailow. Er war offenbar erstaunt.

»Nun, dann lassen wir meine Person aus dem Spiel«, mur-melte Raskolnikow mit finsterem Gesicht.

»Schön, lassen wir Sie aus dem Spiel.«

»Erklären Sie mir lieber folgendes: wenn Sie öfters hier-herkommen, um zu trinken, und wenn Sie mir selbst zweimal gesagt haben, ich solle Sie hier aufsuchen, warum haben Sie sich dann jetzt versteckt, als ich von der Straße zu Ihrem Fenster aufsah, und warum wollten Sie weggehen? Ich habe das sehr genau bemerkt.«

- 598 -

»Hehe! Und warum haben Sie, als ich damals in Ihrer Zimmertür stand, mit geschlossenen Augen auf Ihrem Diwan gelegen und so getan, als ob Sie schliefen, obwohl Sie gar nicht schliefen? Ich habe das sehr genau bemerkt!«

»Ich kann ... meine ... Gründe gehabt haben ... Sie wis-sen das ja selbst.«

»Ich kann ebenfalls meine Gründe gehabt haben, wenn Sie sie auch nicht kennen.«

Raskolnikow setzte den rechten Ellbogen auf den Tisch, legte sein Kinn auf die Finger der rechten Hand und starrte Swidrigailow unverwandt an. Eine ganze Weile lang betrach-tete er das Gesicht des anderen, das ihn auch schon früher immer stutzig gemacht hatte. Es war ein irgendwie merkwür-diges Gesicht und sah aus wie maskiert: weiß und rot, mit roten, tiefroten Lippen, einem hellblonden Bart und noch ziemlich dichtem blondem Haar. Die Augen wirkten irgend-wie zu blau, und ihr Blick war bedrückend und starr. Etwas höchst Unangenehmes lag in diesem schönen und für Swidri-gailows Jahre außerordentlich jugendlichen Gesicht. Swidri-gailows Kleidung war elegant und sommerlich leicht; beson-deren Wert legte er auf feine Wäsche. Am Finger trug er einen großen Ring mit einem kostbaren Stein.

»Ja, muß ich mich denn wirklich auch noch mit Ihnen her-umschlagen?« sagte Raskolnikow plötzlich. Er konnte seine Ungeduld nicht länger bezwingen und ging zum offenen An-griff über. »Obgleich Sie vielleicht sehr gefährlich sind, wenn Sie einem schaden wollen, habe ich doch keine Lust mehr, länger Komödie vor Ihnen zu spielen. Ich werde Ihnen jetzt zeigen, daß ich nicht so großen Wert auf mich selbst lege, wie Sie wahrscheinlich annehmen. Hören Sie also: ich bin ge-kommen, um Ihnen unumwunden zu erklären, daß ich Sie umbringen werde – und zwar noch ehe Sie mich ins Ge-fängnis bringen könnten –, falls Sie noch immer Ihre frühe-ren Absichten hinsichtlich meiner Schwester haben sollten und falls Sie zu diesem Zweck irgend etwas, das Ihnen in letzter Zeit bekannt geworden ist, auszunutzen gedächten. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, und Sie wissen, daß ich fähig bin, es zu halten. Und zweitens möche ich Ihnen sagen: sofern Sie

- 599 -

mir etwas mitteilen wollen – und die ganze Zeit über schien es mir, als wollten Sie mir etwas sagen –, so tun Sie das möglichst rasch; denn die Zeit ist kostbar, und vielleicht wird es schon sehr bald zu spät dazu sein.«

»Ja, warum denn solche Eile?« fragte Swidrigailow, wäh-rend er Raskolnikow neugierig musterte.

»Jeder hat eben seine höchst persönlichen Methoden«, er-widerte Raskolnikow mürrisch und ungeduldig.

»Sie selbst haben mich gerade aufgefordert, aufrichtig zu sein, und gleich auf die erste Frage verweigern Sie mir die Antwort«, bemerkte Swidrigailow lächelnd. »Ständig glauben Sie, ich verfolgte irgendwelche dunklen Absichten, und darum betrachten Sie mich mit solchem Mißtrauen. Nun ja, das ist in Ihrer Lage völlig verständlich. Aber sosehr ich mich mit Ihnen zu einigen wünsche, so wenig will ich doch die Mühe auf mich nehmen, Sie vom Gegenteil zu überzeugen. Bei Gott, das lohnte sich nicht, und zudem hatte ich gar nicht die Ab-sicht, mit Ihnen über so spezielle Dinge zu sprechen.«

»Wozu brauchten Sie mich dann? Sie machten mir doch geradezu den Hof?«

»Einfach deshalb, weil Sie mich als Studienobjekt inter-essierten. Sie gefielen mir, weil ich Ihre Lage so phantastisch fand – das war's! Außerdem sind Sie der Bruder einer Person, die mich sehr interessiert hat, und schließlich habe ich von dieser Person selbst seinerzeit furchtbar viel über Sie ge-hört, woraus ich eben den Schluß zog, daß Sie großen Ein-fluß auf sie hätten; ist Ihnen das etwa zu wenig? Hehehe! Übrigens muß ich gestehen, daß Ihre Frage für mich sehr kompliziert ist und daß es mir schwerfällt, sie zu beantwor-ten. So sind Sie doch jetzt zum Beispiel keineswegs wegen irgendeiner sachlichen Angelegenheit zu mir gekommen, son-dern um etwas Neues zu erfahren? Ist's nicht so? Ist's nicht so?« beharrte Swidrigailow mit verschlagenem Lächeln auf seiner Frage. »Ja, und nun stellen Sie sich vor, daß ich gleich-falls, als ich hierherreiste, in der Eisenbahn, auf Sie rechnete; daß ich damit rechnete, auch Sie würden mir etwas Neues sagen, und es werde mir gelingen, bei Ihnen eine Anleihe zu machen! Da sehen Sie, wie reich wir sind!«