Raskolnikow war aufgestanden. Er fühlte sich bedrückt und beengt, und es war ihm irgendwie peinlich, hierherge-kommen zu sein. Er hielt Swidrigailow nachgerade für den ödesten und belanglosesten Halunken der Welt.
»Ach, ach! Bleiben Sie doch sitzen, gehen Sie noch nicht«, bat Swidrigailow, »und bestellen Sie sich wenigstens Tee. Na, bleiben Sie sitzen, ich werde keinen Unsinn mehr schwat-zen, das heißt, ich werde nichts mehr über mich sagen. Ich will Ihnen etwas erzählen. Wenn Sie mögen, erzähle ich Ihnen, wie mich eine Frau, um in Ihrem Stil zu sprechen, ,retten' wollte. Das wäre sogar eine Antwort auf Ihre erste Frage, denn diese Frau war Ihre Schwester. Darf ich es er-zählen? Wir bringen damit wenigstens die Zeit herum.«
»Erzählen Sie, aber ich hoffe, daß Sie ...«
»Oh, seien Sie unbesorgt! Außerdem kann Awdotja Romanowna einem so abscheulichen, nichtswürdigen Men-schen wie mir nur tiefsten Respekt einflößen.«
4
»Sie wissen vielleicht – übrigens habe ich Ihnen das selbst erzählt«, fuhr Swidrigailow fort –, »daß ich hier im Schuld-gefängnis gesessen habe, wegen eines sehr hohen Betrages und ohne die geringsten Mittel, diese Schuld begleichen zu können. Es ist unnötig, im einzelnen zu berichten, wie Marfa Petrowna mich damals losgekauft hat; Sie wissen ja, bis zu welchem Grad von Blindheit eine Frau unter Umständen zu lieben vermag.
Marfa Petrowna war eine ehrenhafte Frau und keineswegs dumm, allerdings war sie völlig ungebildet. Nun stellen Sie sich vor, daß diese eifersüchtige, ehrenhafte Frau sich nach vielen entsetzlichen Wutanfällen und Vorwürfen zu einer Art Kontrakt mit mir herbeiließ und ihn während der ganzen Dauer unserer Ehe auch einhielt. Die Sache war die, daß sie weit älter war als ich und außerdem ständig Gewürznelken kaute. Ich war gemein, aber andererseits auch ehrlich genug, um ihr geradeheraus zu erklären, daß ich ihr nicht ganz treu bleiben könne. Dieses Geständnis versetzte sie in Wut, aber meine brutale Aufrichtigkeit schien ihr gewissermaßen zu ge-fallen. Also will er mich gar nicht betrügen, wenn er das selbst im voraus ankündigt, wird sie sich wohl gedacht haben, nun, und für eine eifersüchtige Frau ist das ja das Wichtigste. Nach vielen Tränen einigten wir uns endlich auf folgenden mündlichen Vertrag: erstens durfte ich Marfa Petrowna nie-mals verlassen und mußte für immer ihr Gatte bleiben; zwei-tens durfte ich ohne ihre Erlaubnis nicht wegfahren; drittens durfte ich mir keine ständige Geliebte anschaffen; viertens gestattete mir Marfa Petrowna dafür, daß ich mir gelegent-lich eines von den Stubenmädchen aussuchte, aber nur mit ihrem geheimen Einverständnis; fünftens durfte ich mich nicht in eine Frau unseres Standes verlieben, Gott bewahre; sechstens mußte ich für den Fall, daß mich – was der Herr verhüten mochte! – irgendeine große, ernste Leidenschaft packte, versprechen, es Marfa Petrowna zu offenbaren ... Was den letzten Punkt betraf, so fühlte sich Marfa Petrowna übrigens während der ganzen Zeit ziemlich beruhigt; sie war
eine kluge Frau und konnte mich folglich nur für einen laster-haften, liederlichen Menschen halten, der nicht imstande war, ernsthaft zu lieben. Aber eine kluge Frau und eine eifersüch-tige Frau sind zwei verschiedene Dinge, und das war unser ganzer Jammer. Übrigens muß man, wenn man leidenschafts-los über manche Menschen urteilen will, im voraus auf ge-wisse vorgefaßte Meinungen und auf die Gewöhnung an Leute und Gegenstände, die uns Tag für Tag umgeben, ver-zichten. Ich habe das Recht, Ihrem Urteil mehr zu vertrauen als dem irgendeines anderen Menschen. Ihnen ist vielleicht schon sehr viel Komisches und Albernes über Marfa Petrowna zu Ohren gekommen – und sie hatte wirklich einige höchst lächerliche Angewohnheiten –; aber ich will Ihnen ganz offen sagen, daß ich ihre zahllosen Kümmernisse, deren Ur-sache ich war, aufrichtig bedauere. Nun, das dürfte für eine anständige oraison funèbre, die ein überaus zärtlicher Mann seiner überaus zärtlichen Frau hält, genügen. Wenn wir strit-ten, schwieg ich zumeist und ärgerte mich nicht, und dieses Gentleman-Getue brachte mich fast immer ans Ziel; es machte Eindruck auf sie und gefiel ihr sogar; es gab Fälle, da sie auf mich geradezu stolz war. Aber Ihre Schwester war zuviel für sie. Wie hatte es nur dazu kommen können, daß sie eine so auffallende Schönheit als Gouvernante ins Haus zu nehmen wagte? Ich kann es mir nur so erklären, daß sich Marfa Petrowna, die eine leidenschaftliche, leicht zu beeindruckende Frau war, einfach in Ihre Schwester verliebte – buchstäblich verliebte. Nun ja, Awdotja Romanowna! Ich erkannte schon auf den ersten Blick, daß die Sache schiefgehen würde, und meinen Sie wohl? – ich beschloß sofort, sie überhaupt nicht anzusehen. Aber Awdotja Romanowna tat selbst den ersten Schritt, ob Sie es glauben oder nicht. Und auch das kön-nen Sie mir glauben oder nicht: Marfa Petrowna ging so weit, daß sie anfangs sogar böse auf mich war, weil ich über Ihre Schwester nie ein Wort verlor und weil ich auf ihre ständi-gen verliebten Äußerungen über Awdotja Romanowna über-haupt nicht einging. Ich verstehe selbst nicht, was sie eigent-lich wollte! Natürlich erzählte sie Awdotja Romanowna bis in die kleinsten Einzelheiten alles über mich; sie hatte die un-
glückliche Neigung, alle unsere Familiengeheimnisse vor jedem Menschen auszukramen und sich bei jedermann unauf-hörlich über mich zu beschweren – wie hätte sie da eine so neue, herrliche Freundin übergehen können? Ich vermute, daß die beiden keinen anderen Gesprächsstoff hatten als mich, und ganz gewiß kannte Awdotja Romanowna alle die düsteren, geheimnisvollen Märchen, die über mich in Umlauf sind ... Ich möchte wetten, daß auch Sie von solchen Dingen gehört haben?«
»Ja, Luschin beschuldigte Sie sogar, Sie sollen am Tod eines Kindes schuld gewesen sein. Ist das wahr?«
»Tun Sie mir den Gefallen und verschonen Sie mich mit diesen Albernheiten«, wehrte Swidrigailow angeekelt und mürrisch ab. »Wenn Sie diesen ganzen Unsinn hören wollen, erzähle ich Ihnen ein andermal davon; jetzt ...«
„Man berichtete auch von einem Ihrer Diener auf dem Lande ... daß Sie da gleichfalls an irgend etwas schuld seien.«
»Bitte, Schluß damit!« unterbrach ihn Swidrigailow aber-mals mit deutlicher Ungeduld.
»War das nicht jener Diener, der nach seinem Tode zu Ihnen kam, um Ihnen die Pfeife zu stopfen? Sie haben mir das doch selbst erzählt«, fragte Raskolnikow, dessen Gereizt-heit immer größer wurde.
Swidrigailow sah Raskolnikow aufmerksam an, und es kam diesem vor, als funkelte in den Augen des anderen jäh wie ein Blitz ein tückisches Lächeln auf; aber Swidrigailow bezwang sich und antwortete sehr höflich: »Es war derselbe. Ich merke, daß das alles auch Sie außerordentlich interes-siert, und ich werde es für meine Pflicht halten, Ihre Wißbe-gier bei der ersten passenden Gelegenheit in allen Punkten zu befriedigen. Hol's der Teufel, ich sehe, daß man mich ab und zu wirklich für eine romantische Persönlichkeit hält. Beur-teilen Sie nun selbst, bis zu welchem Grade ich nach all dem der gottseligen Marfa Petrowna dafür dankbar sein muß, daß sie Ihrer Schwester soviel Geheimnisvolles und Inter-essantes über mich mitgeteilt hat! Was für einen Eindruck das auf sie gemacht hat, das wage ich nicht zu entscheiden, doch jedenfalls war es für mich günstig. Bei allem natürlichen
Abscheu, den Awdotja Romanowna vor mir hegte, und trotz meiner ständig finsteren, abweisenden Miene begann sie end-lich Mitleid mit mir zu bekommen, jenes Mitleid, das man mit einem verlorenen Menschen hat. Und wenn das Herz eines Mädchens Mitleid empfindet, ist das selbstverständlich für sie das Allergefährlichste. Da möchte sie einen dann unbedingt ,retten', zur Vernunft bringen, zu neuem Leben erwecken, zu edleren Zielen begeistern, zu einem neuen Leben und Wir-ken anspornen – nun, man weiß ja, wie derartige Träume aussehen. Ich erkannte sofort, daß der Vogel von selbst ins Netz fliegen würde, und machte mich meinerseits bereit. Mir scheint, Sie runzeln die Stirn, Rodion Romanytsch, aber Sie haben keinen Grund dazu; wie Sie wissen, war das Ganze nur eine Bagatelle. – Hol's der Teufel, wieviel Wein ich trinke! - Wissen Sie, ich bedauerte immer, gleich von Anfang an, daß das Schicksal Ihre Schwester nicht im zweiten oder drit-ten Jahrhundert unserer Zeitrechnung zur Welt kommen ließ, irgendwo als Tochter eines regierenden Fürsten oder Statthalters oder Prokonsuls in Kleinasien. Ohne Zweifel wäre sie eine von jenen Frauen gewesen, die den Märtyrertod erduldeten, und sie hätte natürlich gelächelt, wenn man ihr die Brust mit glühenden Zangen verbrannt hätte. Sie hätte dieses Schicksal absichtlich auf sich genommen, und im vier-ten oder fünften Jahrhundert wäre sie in die ägyptische Wüste gezogen und hätte dort dreißig Jahre gelebt und sich von Wurzeln, Ekstasen und Visionen genährt. Sie sehnt sich ja nur nach einem: für irgend jemanden möglichst schnell irgend-eine Qual auf sich zu nehmen; wenn man ihr diese Qual vor-enthält, springt sie einmal vielleicht noch zum Fenster hin-aus. Ich habe etwas von einem gewissen Herrn Rasumichin erzählen hören. Er soll ein vernünftiger Bursche sein — worauf auch sein Name hinweist; offenbar stammt er aus einer Seminaristenfamilie; nun, mag er auf Ihre Schwester nur auf-passen! Mit einem Wort, es scheint, daß ich Awdotja Ro-manowna durchschaut habe, was ich mir zur Ehre anrechne. Doch damals ... Zu Beginn einer Bekanntschaft ist man ja immer, wie Sie wissen, ziemlich leichtfertig und dumm; man betrachtet die Dinge falsch und sieht nichts richtig. Hol's der