Выбрать главу
- 611 -

nachfühlen können, in welche Wut ich geriet, als ich erfuhr, daß Marfa Petrowna damals diese höchst einfältige Schreiber-seele hervorgeholt und beinahe eine Ehe zwischen den beiden zustande gebracht hatte – was letztlich haargenau das gleiche gewesen wäre wie das, was ich ihr vorgeschlagen hatte. Ist's nicht so? Ist's nicht so? Ich habe doch recht? Ich stelle fest, daß Sie mir inzwischen sehr aufmerksam zuhören ... Sie in-teressanter junger Mann ...«

Voll Ungeduld schlug Swidrigailow mit der Faust auf den Tisch. Er war krebsrot im Gesicht. Raskolnikow merkte deut-lich, daß das eine Glas oder die anderthalb Gläser, die Swidri-gailow mit unmerklichen Schlucken allmählich getrunken hatte, ihn in krankhafter Weise verändert hatten, und be-schloß, die Gelegenheit auszunutzen. Swidrigailow war ihm sehr verdächtig.

»Nun, nach all dem bin ich völlig davon überzeugt, daß Sie nur meiner Schwester wegen hierhergereist sind«, sagte er geradeheraus und ohne jedes weitere Versteckspiel, um Swidri-gailow noch mehr zu reizen.

»Ach, lassen Sie das«, rief Swidrigailow plötzlich, als käme er zur Besinnung. »Ich habe Ihnen doch gesagt ... und außer-dem kann Ihre Schwester mich nicht ausstehen.«

»Davon bin ich fest überzeugt, daß sie Sie nicht ausstehen kann, aber darum geht es jetzt gar nicht.«

»Sie sind also davon überzeugt?« Swidrigailow kniff die Augen zusammen und lächelte spöttisch. »Sie haben recht, sie liebt mich nicht; aber verbürgen Sie sich niemals für Dinge, die sich zwischen Mann und Frau oder zwischen Liebhaber und Geliebter abspielen. Da gibt es immer ein Winkelchen, das der ganzen Welt unbekannt bleibt und von dem nur die beiden etwas wissen. Sie verbürgen sich also dafür, daß Awdotja Romanowna mich verabscheut?«

»An einigen Worten und Andeutungen, die Sie während Ihrer Erzählung fallen ließen, habe ich erkannt, daß Sie nach wie vor Ihre eigenen Absichten im Hinblick auf Dunja ver-folgen ... selbstverständlich schmutzige Absichten. Sie haben Ihre Pläne nicht aufgegeben.«

»Wie? Mir wären solche Worte und Andeutungen ent-

- 612 -

schlüpft?« entsetzte sich Swidrigailow mit einemmal naiv, ohne dem Epitheton, das seinen Absichten beigelegt worden war, auch nur die geringste Beachtung zu schenken.

»Ja, und sie entschlüpfen Ihnen auch jetzt. Wovor haben Sie zum Beispiel solche Angst? Warum sind Sie jetzt so plötz-lich erschrocken?«

»Ich hätte Angst, und ich wäre erschrocken? Erschrocken vor Ihnen? Eher müßten Sie mich fürchten, eher ami. Ach, was ist das für ein Unsinn ... Übrigens bin ich betrunken; das merke ich ... beinahe hätte ich wieder Dinge gesagt, die ich nicht sagen will. Zum Teufel mit dem Wein! He, Wasser!«

Er nahm die Flasche und warf sie ohne viel Umstände durchs Fenster. Filipp brachte Wasser.

»Das ist alles Unsinn«, wiederholte Swidrigailow, während er ein Tuch feucht machte und es sich auf den Kopf legte; »ich kann Sie mit einem einzigen Wort beruhigen und alle Ihre Verdächtigungen gegenstandslos machen. Wissen Sie zum Beispiel, daß ich heiraten werde?«

»Sie haben mir das schon einmal gesagt!«

»So? Das hatte ich ganz vergessen. Doch damals konnte ich noch nichts Positives sagen, weil ich meine Braut noch nicht einmal gesehen hatte; ich hatte nur die Absicht, zu heiraten. Aber inzwischen habe ich sogar schon eine Braut, und die Sache ist abgemacht; und wenn ich nicht unaufschiebbare Ge-schäfte zu erledigen hätte, würde ich Sie ganz gewiß jetzt zu den Leuten mitnehmen; denn ich möchte Ihren Rat erbitten. Ach, zum Teufel! Es bleiben mir höchstens noch zehn Minuten. Da, schauen Sie auf die Uhr; übrigens will ich es Ihnen er-zählen, weil es eine interessante Sache ist, meine Heirat meine ich ... das heißt, in ihrer Art interessant – wohin wollen Sie denn? Wollen Sie schon wieder weg?«

»Nein, jetzt gehe ich nicht mehr weg.«

»Überhaupt nicht mehr weg? Wir werden ja sehen! Ich will Sie dorthin mitnehmen, das ist wahr, um Ihnen meine Braut zu zeigen, aber nur nicht jetzt; denn jetzt ist Ihre Zeit bald um. Sie gehen dann nach rechts, ich nach links. Kennen Sie diese Röslich? Madame Röslich, bei der ich wohne? Wie? Hören Sie? Nein, wo denken Sie denn hin, das ist jene Frau,

- 613 -

von der man sich erzählt, daß dieses Mädchen ... im Wasser ... im Winter ... hören Sie zu? Hören Sie zu? Nun, die hat mir das also eingefädelt ... ,Du langweilst dich so', sagte sie, ,zerstreue dich eine Zeitlang.' Ich bin tatsächlich ein mür-rischer, langweiliger Mensch. Sie meinen, ich sei fröhlich? Nein, ich bin mürrisch; ich füge niemandem Schaden zu und sitze in der Ecke; manchmal rede ich drei Tage lang nicht. Diese Röslich ist jedoch ein schlaues Weib, das kann ich Ihnen versichern; sie hat sich das so gedacht: Ich werde mich lang-weilen, verlasse meine Gattin und fahre weg, und die Frau bleibt in ihren Händen zurück, so daß sie, die Röslich, sie verschachern kann, in unseren Kreisen und noch höher hin-auf. ,Da gibt es einen gelähmten Vater', sagte sie also zu mir, ,einen Beamten im Ruhestand; er sitzt in seinem Lehn-sessel und kann schon das dritte Jahr die Beine nicht be-wegen. Es ist auch eine Mutter da', sagte sie, ,eine vernünf-tige Frau, diese Mama. Der Sohn dient irgendwo in der Provinz und kann ihnen nicht helfen. Die eine Tochter hat geheiratet und kommt nicht auf Besuch, und sie haben zwei kleine Neffen auf dem Halse' – als ob sie nicht genug eigene Sorgen hätten! –, ,und da haben sie die jüngste Tochter vor Beendigung ihrer Studien aus dem Gymnasium genommen; in einem Monat wird sie sechzehn Jahre alt, also kann man sie in einem Monat verheiraten.' Mit mir nämlich. Wir fuhren also hin; es war sehr komisch bei diesen Leuten. Ich stelle mich vor, als Gutsbesitzer und Witwer, aus guter Familie, mit diesen und jenen Verbindungen und mit Kapital - nun, und was macht es da aus, daß ich schon fünfzig bin, sie aber noch nicht einmal sechzehn? Wer wird denn auf so etwas sehen? Nun, es ist doch verlockend, wie? Nicht wahr, es ist verlockend, haha! Sie hätten nur sehen sollen, wie ich mit dem lieben Papa und der lieben Mama ins Gespräch kam! Man hätte bezahlen müssen, einzig dafür, mich damals sehen zu können. Dann kam das Mädchen herein, knickste – können Sie sich das vorstellen: noch im kurzen Kleidchen, eine geschlossene Knospe; sie wurde rot, erglühte wie die Morgenröte ... natürlich hatten sie es ihr gesagt. Ich weiß nicht, wie Sie über Frauengesichter denken, aber meiner An-

- 614 -

sieht nach sind diese sechzehn Jahre, diese noch kindlichen Augen, diese Schüchternheit und diese Tränen der Verschämt-heit – meiner Ansicht nach ist das der Schönheit vorzuziehen, und zudem ist das Mädel wirklich bildhübsch: helles Haar, Locken, zu Korkziehern gedreht, üppige, dunkelrote Lippen, und die Beine – eine Pracht ... Nun, wir wurden mitein-ander bekannt; ich erklärte, ich müsse wegen häuslicher An-gelegenheiten bald wegfahren, und am nächsten Tag, das heißt vorgestern, gaben die Eltern uns ihren Segen zur Verlobung. Seither nehme ich sie, sobald ich zu ihnen komme, sofort auf die Knie und lasse sie nicht mehr weg ... Sie erglüht wie das Morgenrot, und ich küsse sie jeden Augenblick; die Frau Mama bleut ihr natürlich ein, daß ich ihr künftiger Gatte sei und daß sich das so gehöre – mit einem Wort, es ist das reine Vergnügen! Mein jetziger Zustand als Bräutigam ist vielleicht noch angenehmer als der Ehestand. Da findet man sozusagen la nature et la vé'rité! Haha! Ich habe zweimal mit der Kleinen gesprochen – das Mädchen ist keineswegs dumm; manchmal sieht sie mich heimlich in einer Weise an, daß es mich geradezu verbrennt. Und wissen Sie, ihr Gesicht-chen ist wie das einer Madonna Raffaels. Die Sixtinische Madonna hat ein phantastisches Gesicht, das Gesicht einer be-trübten Gottesnärrin, ist Ihnen das noch nicht aufgefallen? Nun, so ähnlich sieht sie aus. Schon am nächsten Tag, nach-dem man uns den Segen gegeben hatte, brachte ich ihr Ge-schenke für anderthalbtausend Rubeclass="underline" einen Brillantschmuck, einen mit Perlen und ein Toilettenetui aus Silber – sehen Sie, so groß ... mit allen möglichen Dingen darin, so daß sie, diese Madonna, ganz rot wurde. Gestern nahm ich sie wieder auf die Knie, habe aber wahrscheinlich zu wenig Umstände gemacht – sie wurde über und über rot, und die Tränen kamen ihr; sie brannte lichterloh, nur wollte sie es nicht verraten. Für eine Minute waren alle weggegangen, und wir waren allein; plötzlich warf sie sich mir an den Hals – zum erstenmal von selbst –, umfing mich mit beiden Armen, küßte mich und gelobte, sie werde mir eine gehorsame, treue und gute Gattin sein; sie wolle mich glücklich machen, sie wolle diesem Ziel ihr ganzes Leben weihen, jede Minute ihres