Lebens, sie werde alles, alles opfern, und als Dank dafür wünsche sie nur meine Achtung, und sonst brauche sie ,nichts, nichts, keine Geschenke'! Sie müssen zugeben, daß ein sol-ches Geständnis unter vier Augen von diesem sechzehn-jährigen Engelchen im Tüllkleid, mit den gedrehten Locken, mit der Röte mädchenhafter Scham im Gesicht und mit Tränen der Begeisterung in den Augen – Sie müssen zugeben, daß das ziemlich verlockend ist. Es ist doch verlockend? Das ist doch etwas wert, wie? Nun, das ist doch etwas wert? Hören Sie ... hören Sie ... fahren wir zu meiner Braut ... aber nicht jetzt!«
»Mit einem Wort, dieser ungeheuerliche Unterschied im Alter und in der Entwicklung erweckt Ihnen Wollust! Wol-len Sie wirklich und wahrhaftig eine solche Ehe eingehen?«
»Warum denn nicht? Unbedingt. Jeder sorge für sich selbst, und am fröhlichsten lebt der, der sich selber am besten be-trügen kann. Haha! Aber warum steuern Sie wieder mit vol-len Segeln auf die Tugend zu? Verschonen Sie mich damit, mein Lieber, ich bin ein sündiger Mensch. Hehehe!«
»Und dabei haben Sie für die Kinder Katerina Iwanownas gesorgt. Übrigens ... übrigens hatten Sie Ihre Gründe da-für ... Jetzt verstehe ich alles.«
»Ich liebe Kinder überhaupt; ich liebe Kinder sehr«, lachte Swidrigailow. »In dieser Hinsicht kann ich Ihnen sogar eine höchst interessante Episode erzählen, die noch immer weiter-geht. Am ersten Tag, als ich eben hier angekommen war, be-suchte ich gleich die verschiedensten Spelunken; nach den ver-gangenen sieben Jahren stürzte ich mich nur so darauf. Sie werden wahrscheinlich bemerkt haben, daß ich mich nicht beeile, mit meinen früheren Bekannten zusammenzukommen, mit den einstigen Gefährten und Freunden. Nun ja, und ich möchte auch ohne sie auskommen, solange ich kann. Wissen Sie, bei Marfa Petrowna auf dem Lande quälten mich die Erinnerungen an alle diese geheimnisvollen großen und klei-nen Lokale zu Tode, wo jemand, der Bescheid weiß, soviel Reizvolles finden kann. Hol's der Teufel! Das Volk säuft; die gebildete Jugend verbrennt vor Untätigkeit in unerfüll-baren Träumen und Wahnvorstellungen; sie verliert sich in
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Theorien; von irgendwoher sind die Juden gekommen und raffen das Geld zusammen, und alle übrigen frönen dem Laster. Und so wehte mich diese Stadt schon in den ersten Stunden mit ihrem vertrauten Geruch an. Ich geriet auf einen sogenannten Tanzabend – eine schreckliche Kloake, aber ich liebe gerade diese dreckigen Kloaken. Natürlich wurde Cancan getanzt wie sonst nirgends, und wie es ihn zu meiner Zeit nicht gegeben hat. Ja, mein Herr, darin liegt Fortschritt! Plötzlich entdeckte ich ein Mädchen von etwa dreizehn Jah-ren, sehr lieb angezogen, das mit einem Virtuosen in diesem Fach tanzte; einen zweiten hatte sie als Visavis. An der Wand saß ihre Mutter auf einem Stuhl. Nun, Sie können sich ja vorstellen, wie dieser Cancan aussah! Das Mädchen wurde verlegen, wurde rot, schließlich war es beleidigt und begann zu weinen. Der Virtuose packte sie und begann sie herumzu-wirbeln und alle seine Künste zu zeigen; alles ringsum grölte vor Lachen – ich liebe in solchen Augenblicken das Peters-burger Publikum, wäre es auch nur bei einem Cancan –; die Leute lachten und schrien: ,So ist's recht! Warum bringt man auch Kinder hierher!' Nun, ich brauchte mich ja nicht darum zu kümmern, und es ging mich auch nichts an, ob sie sich logisch oder nicht logisch unterhielten! Ich wußte gleich, was ich zu tun hatte, setzte mich zu der Mutter und begann damit, daß auch ich hier fremd sei, daß die Leute hier un-geschliffene Kerle seien und daß sie es nicht verstünden, wahre Würde zu erkennen und den gebührenden Respekt zu zeigen; ich gab ihr zu verstehen, daß ich viel Geld hätte, lud sie in meinen Wagen ein, brachte sie nach Hause, und die Be-kanntschaft war geschlossen. Sie wohnen in einem Kämmer-chen in Untermiete und sind eben erst hier angekommen. Die Mutter erklärte mir, daß sowohl sie wie ihre Tochter die Bekanntschaft mit mir nicht anders betrachten könnten denn als Ehre; ich erfuhr, daß sie keinen roten Heller be-sitzen und hierhergekommen sind, um bei irgendeiner Be-hörde irgendeine Angelegenheit zu betreiben; ich bot ihnen meine Dienste und mein Geld an; ich hörte, daß sie aus Ver-sehen zu diesem Abend gegangen waren, weil sie geglaubt hatten, dort werde wirklich Unterricht im Tanzen gegeben;
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ich machte mich meinerseits erbötig, die Ausbildung des jun-gen Mädchens in Französisch und im Tanzen zu fördern. Sie nahmen mein Angebot begeistert an; sie halten es für eine Ehre, und unsere Bekanntschaft dauert noch immer fort ... Wenn Sie wollen, können wir hinfahren, aber nur nicht jetzt.«
»Lassen Sie das doch, lassen Sie doch Ihre ekelhaften, niedrigen Geschichten, Sie lasterhafter, gemeiner, lüsterner Mensch!«
»Der reinste Schiller, unser Schiller, ein Schiller! Où-va-t-elle la vertu se nicher? Wissen Sie, ich werde Ihnen absichtlich noch mehr solche Dinge erzählen, nur um Sie schreien zu hören. Das macht Spaß!«
»Das will ich meinen! Ich komme mir ja selber in diesem Augenblick lächerlich vor!« murmelte Raskolnikow böse.
Swidrigailow lachte aus vollem Halse; schließlich rief er Filipp, bezahlte und stand auf.
»Jetzt bin ich richtig betrunken ... assez causé!« sagte er. »Das macht Spaß!«
»Natürlich haben Sie Spaß daran«, rief Raskolnikow, der sich ebenfalls erhob. »Macht es einem ausgepichten Wüstling etwa keinen Spaß, wenn er sich mit irgendeiner ungeheuer-lichen Absicht dieser Art trägt, von solchen Abenteuern zu erzählen, noch dazu unter solchen Umständen und einem Menschen wie mir? ... Das regt an!«
»Na, wenn dem so ist«, erwiderte Swidrigailow geradezu mit einigem Staunen, während er Raskolnikow musterte, »wenn dem so ist, dann sind Sie ja auch ein recht ordentlicher Zyniker. Jedenfalls haben Sie das richtige Zeug dazu. Sie können vieles verstehen, sehr vieles ... aber Sie können auch viel tun. Nun aber Schluß! Ich bedauere aufrichtig, daß ich mich so wenig mit Ihnen unterhalten konnte, aber Sie laufen mir ja nicht davon ... Warten Sie doch ...«
Swidrigailow verließ das Gasthaus. Raskolnikow folgte ihm. Swidrigailow war übrigens nicht sehr betrunken; der Wein war ihm nur für einen Augenblick zu Kopf gestiegen; sein Rausch verflüchtigte sich von Minute zu Minute. Er hatte irgend etwas vor, eine außerordentlich wichtige Sache,