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und zog ein finsteres Gesicht. Er erwartete etwas, das ihn sichtlich erregte und beunruhigte. Er hatte Raskolnikow ge-genüber in den letzten Minuten plötzlich einen ganz neuen Ton angeschlagen und wurde gröber und spöttischer. Raskol-nikow fiel das auf, und er war ebenfalls beunruhigt. Swidri-gailow war ihm sehr verdächtig geworden, und darum be-schloß er, ihm zu folgen.

Sie betraten den Gehsteig.

»Sie gehen jetzt nach rechts und ich nach links oder umge-kehrt, nur – adieu mon plaisir, auf frohes Wiedersehen!«

Und er begab sich nach rechts zum Heumarkt.

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Raskolnikow folgte ihm.

»Was soll das?« rief Swidrigailow und wandte sich um. »Ich habe Ihnen doch, scheint mir, gesagt ...«

»Das soll heißen, daß ich jetzt nicht von Ihrer Seite weiche.«

»Was? Wie?«

Beide waren stehengeblieben, und beide blickten sich eine Weile an, als wollten sie ihre Kräfte messen.

»Aus all Ihren halbbesoffenen Erzählungen«, sprach Ras-kolnikow schroff, »habe ich positiv den Schluß gezogen, daß Sie Ihre niederträchtigen Absichten auf meine Schwester nicht nur nicht aufgegeben haben, sondern sich noch mehr denn je damit beschäftigen. Mir ist bekannt, daß meine Schwester heute vormittag einen Brief erhalten hat. Sie konnten ja die ganze Zeit über kaum ruhig auf Ihrem Stuhl sitzen ... Neh-men wir sogar an, daß Sie unterwegs irgendeine Frau für sich aufgegabelt haben, aber das hat nichts zu besagen. Ich will mich persönlich vergewissern ...«

Raskolnikow wäre wohl kaum imstande gewesen, genau anzugeben, was er eigentlich wollte und wessen er sich per-sönlich zu vergewissern wünschte.

»So ist das also! Wollen Sie, daß ich gleich die Polizei rufe?«

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»Rufen Sie sie!«

Wieder standen sie etwa eine Minute einander gegenüber. Endlich nahm Swidrigailows Gesicht einen anderen Ausdruck an. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß Raskolnikow seine Drohung nicht fürchtete, setzte er plötzlich die fröhlichste und freundschaftlichste Miene auf.

»Was für ein Mensch Sie bloß sind! Ich habe absichtlich nicht über Ihre Angelegenheit mit Ihnen gesprochen, obwohl mich die Neugier plagt ... das versteht sich ja von selbst. Eine phantastische Geschichte! Ich wollte das auf ein andermal verschieben, aber Sie sind wahrhaftig fähig, selbst einen To-ten in Harnisch zu bringen ... Gehen wir also, doch das sage ich Ihnen im voraus: ich gehe nur für einen Sprung nach Hause, um mir Geld einzustecken; dann schließe ich meine Wohnung zu, nehme eine Droschke und fahre für den ganzen Abend auf die Inseln. Wozu wollen Sie mir da nachgehen?«

»Ich komme vorläufig mit zu Ihnen, gehe aber nicht in Ihre Wohnung, sondern zu Sofja Semjonowna, um mich zu entschuldigen, daß ich nicht an dem Begräbnis teilgenommen habe.«

»Das können Sie halten, wie es Ihnen beliebt; aber Sofja Semjonowna ist nicht zu Hause. Sie hat ihre drei Geschwister zu einer Dame gebracht, zu einer angesehenen alten Dame, einer Bekannten von mir aus früheren Zeiten, die in irgend-welchen Waisenhäusern eine führende Stellung einnimmt. Ich habe diese Dame völlig bezaubert, indem ich ihr für alle drei Kinder Katerina Iwanownas Geld brachte und außerdem noch für die Waisenhäuser Geld stiftete; schließlich habe ich ihr noch von Sofja Semjonowna erzählt, sogar mit allen Einzelheiten, ohne etwas zu verheimlichen. Das hat einen unbeschreiblichen Erfolg gehabt. Und darum wurde Sofja Semjonowna aufgefordert, heute unverzüglich im Hotel N. vorzusprechen, wo meine Dame, die aus der Sommerfrische kommt, ihren vorläufigen Aufenthalt genommen hat.«

„Macht nichts, ich gehe trotzdem hin.«

»Wie Sie wollen, nur kann ich Ihnen nicht Gesellschaft lei-sten; aber was kümmert mich das! Wir sind gleich da. Sa-gen Sie, ich bin überzeugt, daß Sie mich nur deshalb mit so

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großem Mißtrauen betrachten, weil ich selber so zartfühlend war und Sie bis jetzt nicht mit Fragen belästigte ... Sie ver-stehen? Das kam Ihnen ungewöhnlich vor; ich möchte dar-auf wetten, daß es sich so verhält. Und da soll man noch taktvoll sein!«

»Und an den Türen horchen!«

»Ach, davon sprechen Sie!« rief Swidrigailow lachend. »Weiß Gott, ich wäre erstaunt gewesen, wenn Sie schließlich

-nicht doch eine Bemerkung darüber gemacht hätten. Ha-

ha! Ich habe zwar einiges von dem verstanden, was Sie da-

mals ... dort ... angestellt haben und was Sie dann selber

Sofja Semjonowna erzählten, aber was hat das letzten Endes

zu bedeuten? Ich bin vielleicht ein ganz rückständiger Mensch

und kann nichts mehr verstehen. Erklären Sie es mir, mein

Teuerster, um des Himmels willen! Erleuchten Sie mich mit

den neuesten Prinzipien!«

»Sie konnten ja gar nichts hören; Sie haben alles nur ge-logen!«

»Aber davon rede ich ja gar nicht, davon rede ich gar nicht

-obwohl ich natürlich doch einiges gehört habe! Nein, ich

meine, daß Sie jetzt so ächzen und stöhnen! Der Schiller in

Ihnen gerät ja jeden Augenblick in Wallung! Jetzt soll man

plötzlich nicht einmal mehr an den Türen horchen! Wenn Sie

dieser Ansicht sind, dann gehen Sie doch hin und melden Sie

der Polizei, die Sache sei die und die, es habe sich dieser und

jener Fall ereignet, in Ihrer Theorie sei Ihnen ein kleiner Irr-

tum unterlaufen. Wenn Sie überzeugt sind, daß man zwar

nicht an Türen horchen, wohl aber alte Weiber mit dem, was

man gerade zur Hand hat, nach Herzenslust totschlagen darf,

dann fahren Sie nur lieber irgendwohin nach Amerika! Flie-

hen Sie, junger Mann! Vielleicht ist noch Zeit dazu. Ich

meine es aufrichtig mit Ihnen. Haben Sie vielleicht kein Geld?

Ich gebe es Ihnen!«

»Ich denke gar nicht daran«, fiel ihm Raskolnikow an-geekelt ins Wort.

»Ich verstehe – übrigens brauchen Sie sich meinetwegen keine Mühe zu geben; wenn Sie nicht wollen, brauchen Sie gar nicht viel zu reden ... Ich verstehe, was für Probleme jetzt in

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Ihnen umgehen – moralische Probleme, nicht wahr? Die Frage, was Sie als Staatsbürger und Mensch für Pflichten haben? Lassen Sie das lieber; was nützen Ihnen jetzt solche Über-legungen? Hehe! Weil Sie noch immer ein Staatsbürger und Mensch sind? Wenn dem so ist, dann hätten Sie die Finger davon lassen sollen; wozu sich in fremde Angelegenheiten mischen? Erschießen Sie sich doch; oder haben Sie keine Lust dazu?«

»Mir scheint, Sie wollen mich absichtlich reizen, nur damit ich Sie jetzt allein lasse ...«

»Sie sind ein sonderbarer Mensch ... aber da sind wir schon; darf ich Sie bitten, sich die Treppe hinaufzubemühen? Sehen Sie, hier ist die Tür zu Sofja Semjonownas Zimmer; schauen Sie nach: niemand zu Hause! Sie glauben es nicht? Fragen Sie Herrn Kapernaumow; sie gibt ihren Schlüssel im-mer bei ihm ab. Aber da ist ja Madame de Kapernaumow persönlich ... Was? – Sie ist ein wenig taub! – Weggegan-gen? Wohin? Nun, haben Sie's jetzt gehört? Sie ist nicht da und kommt sicher vor dem späten Abend nicht zurück. Na, gehen wir also zu mir. Sie wollten doch auch zu mir? Da sind wir schon. Madame Röslich ist nicht zu Hause. Diese Frau hat ewig irgend etwas vor, aber sie ist eine gute Frau, ganz bestimmt ... vielleicht könnte sie auch für Sie von Nutzen sein, wenn Sie ein wenig vernünftiger wären. So, nun passen Sie gefälligst auf: hier nehme ich dieses fünfpro-zentige Wertpapier aus dem Schreibtisch – sehen Sie, wie viele ich noch habe? –, und das geht jetzt zur Bank. Haben Sie es gesehen? Ich kann leider nicht noch mehr Zeit verlieren. Der Schreibtisch wird verschlossen; die Wohnung wird zugeschlos-sen, und jetzt sind wir wieder auf der Treppe. Wenn Sie wollen, nehmen wir eine Droschke. Ich will ja auf die Inseln. Möchten Sie nicht auch eine Spazierfahrt machen? Sehen Sie, ich nehme jetzt diesen Wagen zur Jelagin-Insel – was meinen Sie zu meinem Vorschlag? Sie lehnen ab? Sie haben die Geduld verloren? Fahren wir doch spazieren; es ist nichts dabei. Es scheint Regen zu kommen, aber das macht nichts, wir lassen einfach das Verdeck hochschlagen ...«