Swidrigailow saß schon im Wagen. Raskolnikow war zu
- 622 -
der Überzeugung gekommen, daß sein Verdacht, wenigstens in diesem Augenblick, nicht gerechtfertigt war. Ohne ein Wort zu antworten, drehte er sich um und ging in Richtung des Heumarktes zurück. Hätte er sich unterwegs auch nur ein ein-ziges Mal umgeblickt, er hätte sehen können, wie Swidrigailow, nachdem er höchstens hundert Schritt weit gefahren war, den Kutscher bezahlte, ausstieg und schon wieder auf dem Bür-gersteig stand. Doch Raskolnikow konnte nichts mehr sehen und war schon um die Ecke gebogen. Tiefer Abscheu trieb ihn von Swidrigailow weg. »Wie konnte ich auch nur einen Augenblick lang irgend etwas von diesem brutalen Kerl er-warten, von diesem lüsternen Wüstling und Schurken!« rief er unwillkürlich aus. Freilich war Raskolnikows Urteil allzu vorschnell und leichtfertig. Im ganzen Wesen Swidrigai-lows lag etwas, das diesem Mann zumindest eine gewisse Ori-ginalität, wenn nicht sogar etwas Geheimnisvolles verlieh. Was aber Awdotja Romanowna betraf, so hegte Raskolnikow dennoch die feste Überzeugung, daß Swidrigailow sie nicht in Ruhe lassen werde. Doch es ging über seine Kräfte, immer und immer wieder die gleichen Überlegungen anzustellen.
Nach seiner Gewohnheit verfiel er, sobald er allein war, schon nach zwanzig Schritt in tiefes Grübeln. Als er auf eine Brücke kam, blieb er am Geländer stehen und starrte ins Wasser hinunter. Plötzlich stand Awdotja Romanowna hin-ter ihm.
Er war ihr schon am Anfang der Brücke begegnet, aber an ihr vorübergegangen, ohne sie zu bemerken. Dunjetschka hatte ihn noch nie in diesem Zustand auf der Straße erblickt und war zutiefst, bis zum Entsetzen, erschüttert. Sie blieb stehen und wußte nicht, ob sie ihn anreden sollte oder nicht. Plötzlich bemerkte sie Swidrigailow, der vom Heumarkt her eilig auf sie zusteuerte.
Aber es sah so aus, als näherte er sich ihr nur heimlich und unter Beobachtung größter Vorsicht. Er betrat die Brücke gar nicht erst, sondern blieb an der Seite auf dem Gehsteig stehen und gab sich die größte Mühe, von Raskolnikow nicht gesehen zu werden. Er hatte Dunja schon längst bemerkt und machte ihr Zeichen. Sie hatte den Eindruck, als wollte er sie
- 623 -
bitten, den Bruder in Ruhe zu lassen und nicht anzusprechen, und als riefe er sie zu sich.
Dunja folgte ihm. Leise ging sie an Raskolnikow vorbei und kam auf Swidrigailow zu.
»Gehen wir rasch weiter«, flüsterte Swidrigailow. »Ich möchte nicht, daß Rodion Romanytsch uns beisammen sieht. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich hier in der Nähe mit ihm in einem Wirtshaus gesessen habe, wo er mich selbst aufgesucht hatte, und daß ich ihn nur mit Mühe loswerden konnte. Er hat irgendwie von dem Brief erfahren, den ich Ihnen geschrieben habe, und steckt voller Mißtrauen. Sie ha-ben es ihm natürlich nicht verraten? Aber wenn nicht Sie es waren, wer war es dann?«
»Jetzt sind wir um die Ecke«, unterbrach ihn Dunja. »Mein Bruder kann uns nicht mehr sehen. Weiter gehe ich nicht mit Ihnen. Erklären Sie mir hier, was Sie mir zu sagen haben; Sie können das ohne weiteres auf der Straße tun.«
»Erstens kann ich das keinesfalls auf der Straße tun; zwei-tens müssen Sie auch Sofja Semjonowna anhören; und drit-tens möchte ich Ihnen einige dokumentarische Unterlagen zei-gen ... Freilich, wenn Sie es ablehnen, zu mir zu kommen, verzichte ich auf alle Aufklärungen und lasse Sie sofort al-lein. Aber ich bitte Sie, nicht zu vergessen, daß das höchst interessante Geheimnis Ihres geliebten Bruders völlig in mei-nen Händen ruht.«
Dunja blieb unschlüssig stehen und musterte Swidrigailow mit einem durchdringenden Blick.
»Was fürchten Sie denn?« bemerkte dieser ruhig. »In der Stadt ist es doch etwas ganz anderes als auf dem Lande. Zu-dem haben Sie mir auf dem Lande mehr geschadet als ich Ihnen, und hier ...«
»Ist Sofja Semjonowna verständigt?«
»Nein, ich habe ihr kein Wort gesagt und bin nicht einmal ganz sicher, ob sie jetzt zu Hause ist. Übrigens wird sie wahr-scheinlich doch dasein. Sie hat heute ihre Stiefmutter begra-ben, und an einem solchen Tag macht man keine Besuche. Vorläufig will ich übrigens niemanden in diese Sache einwei-hen, und ich bereue schon, daß ich Ihnen etwas davon gesagt
habe. Die kleinste Unvorsichtigkeit kann in diesem Falle bereits einer Denunziation gleichkommen. Ich wohne hier, sehen Sie, in diesem Haus; da sind wir schon. Das ist unser Hausknecht; er kennt mich sehr gut; sehen Sie, er grüßt mich sogar; er sieht, daß ich mit einer Dame komme, und hat sich natürlich Ihr Gesicht gleich gemerkt ... Das kann Ihnen ja nur lieb sein, wenn Sie so große Angst vor mir haben und mich verdächtigen. Entschuldigen Sie, daß ich so unverblümt rede. Ich lebe in Untermiete; Sofja Semjonowna wohnt Wand an Wand neben mir, ebenfalls in Untermiete. Das ganze Stockwerk ist vermietet. Weshalb fürchten Sie sich also wie ein Kind? Bin ich wirklich so schrecklich?«
Das Gesicht Swidrigailows hatte sich zu einem herab-lassenden Lächeln verzogen; doch es war ihm gar nicht nach Lächeln zumute. Sein Herz hämmerte, und der Atem stockte ihm. Mit Absicht sprach er recht laut, um seine wachsende Erregung zu verbergen, aber Dunja hatte diese besondere Erregung gar nicht bemerkt; seine Worte, sie fürchte ihn wie ein Kind, und ob er für sie wirklich so schrecklich sei, hatten sie allzusehr aufgebracht.
»Obwohl ich weiß, daß Sie ein Mensch ... ohne Ehre sind, fürchte ich Sie doch nicht im geringsten. Gehen Sie voran«, sagte sie scheinbar gefaßt; aber ihr Gesicht war sehr blaß.
Swidrigailow blieb vor Sonjas Tür stehen.
»Erlauben Sie, daß ich frage, ob sie zu Hause ist ... Nein? Welches Pech! Aber ich bin sicher, daß sie bald zurück-kommt. Wenn sie fortgegangen ist, ist sie gewiß nur bei einer Dame, der Kinder wegen. Deren Mutter ist doch gestorben. Ich habe ihr etwas unter die Arme gegriffen und einige Ver-fügungen getroffen. Wenn Sofja Semjonowna in zehn Mi-nuten nicht zurück ist, schicke ich sie selbst zu Ihnen; wenn Sie wollen, noch heute; nun, sehen Sie, das ist meine Tür. Und hier sind meine zwei Zimmer. Hinter dieser Tür wohnt meine Hauswirtin, Frau Röslich. Jetzt schauen Sie hierher! Ich will Ihnen meine wichtigsten Beweisstücke zeigen: aus meinem Schlafzimmer führt diese Tür zu zwei völlig leeren Räumen, die vermietet werden. Hier ... das müssen Sie sich etwas aufmerksamer ansehen ...«
Swidrigailow bewohnte zwei ziemlich geräumige möblierte Zimmer. Dunjetschka hielt mißtrauisch Umschau, ihr fiel aber weder an der Einrichtung noch an der Lage der Zimmer irgend etwas Besonderes auf, obwohl sie schon etwas hätte entdecken können, zum Beispiel, daß Swidrigailows Woh-nung zwischen zwei völlig leerstehenden Wohnungen lag. Man konnte vom Korridor aus nicht unmittelbar in seine Räume gelangen, sondern mußte zunächst durch zwei Zimmer, die der Hauswirtin gehörten und fast leerstanden. Und nachdem er eine verschlossene Tür aufgesperrt hatte, zeigte ihr Swidri-gailow die andere ebenfalls leere Wohnung, die vermietet werden sollte. Dunjetschka blieb an der Schwelle stehen und begriff nicht, weshalb sie sich das ansehen sollte; doch Swidri-gailow beeilte sich, es ihr zu erklären.