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»Sehen Sie hierher in dieses zweite große Zimmer. Achten Sie auf die Tür dort; sie ist zugesperrt. Neben der Tür steht ein Stuhl, ein einziger Stuhl in zwei Zimmern. Den habe ich aus meiner Wohnung herübergetragen, um bequemer zuhören zu können. Denn gleich hinter der Tür steht Sofja Semjonownas Tisch; dort saß sie und redete mit Rodion Romanytsch. Und ich hörte hier zu, auf diesem Stuhl, zwei Abende hinterein-ander, jedesmal etwa zwei Stunden lang – da konnte ich natürlich so manches in Erfahrung bringen, meinen Sie nicht?«

»Sie lauschten?«

»Ja, ich lauschte; gehen wir jetzt wieder zu mir hinüber; hier kann man ja nirgends sitzen.«

Er führte Awdotja Romanowna in das erste Zimmer zu-rück, das ihm als Wohnzimmer diente, und bot ihr einen Stuhl an. Er selbst setzte sich an das andere Ende des Tisches, zumindest einen Klafter von ihr entfernt, aber wahrschein-lich brannte in seinen Augen schon jene Flamme, die Du-njetschka einst so erschreckt hatte. Sie fing zu zittern an und blickte sich noch einmal mißtrauisch um. Diese Bewegung geschah ganz unwillkürlich; Dunja wollte offenbar ihr Miß-trauen nicht zeigen. Aber die abgeschiedene Lage der Woh-nung war ihr endlich doch aufgefallen. Sie wollte schon fra-gen, ob wenigstens Swidrigailows Wirtin zu Hause sei, doch sie unterließ es ... aus Stolz. Außerdem war ihr Herz von

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einem anderen, unvergleichlich größeren Leid erfüllt als von der Angst um sich selbst. Sie litt unerträgliche Qualen.

»Hier ist Ihr Brief«, sagte sie und legte das Schreiben auf den Tisch. »Ist das denn möglich, was Sie darin ausführen? Sie spielen auf ein Verbrechen an, das mein Bruder begangen haben soll. Diese Anspielungen sind allzu deutlich, als daß Sie es wagen könnten, sich jetzt herauszureden. Aber Sie müssen wissen, daß ich schon vorher von diesem dummen Märchen gehört habe und kein einziges Wort davon glaube! Das ist ein abscheulicher und zugleich lächerlicher Verdacht. Ich kenne die Geschichte und weiß, woher diese Verleumdung stammt und wie sie entstanden ist. Sie können keine Beweise haben. Aber Sie haben versprochen, mir Beweise zu liefern – also reden Sie! Aber Sie sollen im voraus wissen, daß ich Ihnen nicht glaube! Ich glaube Ihnen nicht! ...«

Dunjetschka hatte das alles hastig hervorgesprudelt, und für einen Augenblick war ihr das Blut ins Gesicht ge-stiegen.

»Wenn Sie mir nicht bereits geglaubt hätten, wie hätten Sie es dann gewagt, allein zu mir zu kommen? Weshalb sind sie gekommen? Nur aus Neugier?«

»Quälen Sie mich nicht, sprechen Sie, sprechen Sie!«

»Ich muß schon sagen, Sie sind ein mutiges Mädchen. Bei Gott, ich dachte, Sie würden Herrn Rasumichin bitten, Sie zu begleiten. Aber er war weder bei Ihnen noch irgendwo in Ihrer Nähe; ich habe genau geschaut ... Das ist kühn von Ihnen; Sie wollten also Rodion Romanytsch schonen. Ach, alles an Ihnen ist göttlich ... Was aber Ihren Bruder angeht, was soll ich Ihnen da sagen? Sie haben ihn ja eben selbst ge-sehen ... Was halten Sie davon?«

»Sie stützen sich doch nicht etwa allein darauf?«

»Nein, nicht darauf, sondern auf seine eigenen Worte. Sehen Sie, er kam zwei Abende hintereinander zu Sofja Semjonowna. Ich habe Ihnen gezeigt, wo die beiden saßen. Er legte ihr eine vollständige Beichte ab. Er ist der Mörder. Er hat die alte Beamtenwitwe erschlagen, die Wucherin, bei der er selbst Sachen verpfändet hatte; er erschlug auch ihre Schwester, eine Händlerin namens Lisaweta, die zufällig zur

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Zeit des Mordes in die Wohnung kam. Er erschlug sie beide mit einem Beil, das er mitgebracht hatte. Er tötete sie, um sie zu berauben, und er beraubte sie auch – er nahm Geld und einige Wertsachen an sich ... Er selbst hat das alles Wort für Wort Sofja Semjonowna erzählt, die allein um dieses Geheim-nis weiß, aber an dem Mord weder mit Worten noch mit Taten beteiligt ist; im Gegenteil, sie entsetzte sich damals ebenso, wie jetzt Sie sich entsetzen. Seien Sie unbesorgt: sie wird ihn nicht verraten.«

»Es kann nicht sein!« murmelte Dunjetschka mit blut-leeren Lippen; sie keuchte. »Es kann nicht sein; er hatte nicht den geringsten Grund dazu, nicht den geringsten Grund, nicht den kleinsten Anlaß ... Sie lügen! Sie lügen!«

»Er beraubte sie, das ist der ganze Grund. Er nahm Geld und einige Wertsachen. Freilich machte er nach seinem eige-nen Geständnis weder von dem Geld noch von den Sachen Gebrauch, sondern versteckte sie irgendwo unter einem Stein, wo sie auch jetzt noch liegen. Aber das tat er nur, weil er es nicht wagte, davon Gebrauch zu machen.«

»Ist es denn überhaupt vorstellbar, daß er stehlen, daß er rauben konnte? Daß er daran auch nur zu denken fähig war?« rief Dunja und sprang auf. »Sie kennen ihn doch, Sie haben ihn doch gesehen! Sieht so ein Mörder aus?«

Es war, als wollte sie Swidrigailow beschwören; sie hatte alle Angst vergessen.

»Hier gibt es Tausende und Millionen von Kombinationen und Unterschieden, Awdotja Romanowna. Ein gewöhnlicher Dieb stiehlt und weiß dabei ganz genau, daß er ein Schurke ist; aber ich habe auch einmal von einem vornehmen Mann gehört, der die Post überfallen hat ... Wer weiß, vielleicht glaubte er wahrhaftig, etwas Anständiges zu tun! Selbstver-ständlich hätte auch ich es nicht für möglich gehalten, ebenso-wenig wie Sie, wenn ich es von einem Dritten gehört hätte. Meinen eigenen Ohren jedoch glaubte ich. Er hat Sofja Semjo-nowna auch alle seine Motive auseinandergesetzt; sie wollte anfangs nicht einmal ihren Ohren trauen, doch glaubte sie schließlich ihren Augen, ihren eigenen Augen. Er hat ihr ja alles selbst erzählt.«

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»Was waren das für ... Motive?«

»Das ist eine lange Geschichte, Awdotja Romanowna. Es steckt, wie soll ich mich nur ausdrücken, eine eigenartige Theo-rie dahinter; jene Theorie, der im Grunde auch ich anhänge, daß nämlich zum Beispiel eine einzelne Missetat erlaubt sein kann, wenn nur der Zweck gut ist. Ein einziges Verbrechen gegen hundert gute Taten! Und natürlich ist es für einen jungen talentierten Mann, der außerdem an übermäßiger Selbsteinschätzung leidet, kränkend zu wissen, daß sich seine ganze Karriere, seine Zukunft und das Ziel seines Lebens anders gestalten würden, wenn er zum Beispiel nur dreitau-send Rubel besäße, welche dreitausend Rubel aber nicht da sind. Nehmen Sie noch dazu, daß er durch den Hunger gereizt ist, durch seine enge Behausung, durch seine zerlumpte Klei-dung und durch die allzu klare Einsicht, wie rosig seine so-ziale Lage aussieht, von der Situation seiner Schwester und Mutter ganz zu schweigen. Aber am meisten peinigt der Ehrgeiz, der Stolz und der Ehrgeiz, freilich – Gott mag das wissen –, bei guten Neigungen vielleicht ... Ich verurteile ihn ja nicht, glauben Sie bitte nur das nicht, das ist ja auch nicht meine Sache. Außerdem hatte er noch eine höchst per-sönliche kleine Theorie – eine recht hübsche Theorie –, nach der die Menschen in sogenanntes Material und in Menschen im eigentlichen Sinne eingeteilt werden, das heißt in solche Menschen, für die zufolge ihrer hohen Stellung kein Gesetz gilt und die im Gegenteil selbst die Gesetze für die übrigen verfassen, für das Material nämlich, für den Kehricht. Da-gegen läßt sich nichts einwenden, es ist eine wirklich hübsche kleine Theorie ... une théorie comme une autre. Besonders Napoleon hat es ihm angetan; das heißt, eigentlich lockte ihn die Tatsache, daß viele Genies eine vereinzelte böse Tat für nichts achteten und bedenkenlos darüber hinwegschritten. Er scheint sich eingebildet zu haben, daß auch er ein genialer Mensch sei – zumindest war er eine Zeitlang davon über-zeugt. Er litt und leidet auch jetzt noch sehr unter dem Ge-danken, daß er zwar diese Theorie aufstellen konnte, aber nicht das Zeug dazu hatte, bedenkenlos ein Verbrechen zu be-gehen, daß er mithin kein genialer Mensch sei. Nun, und das