»Nichts!«
Der Diener verschwand sehr enttäuscht.
Das muß ja ein nettes Lokal sein, dachte Swidrigailow. Wieso habe ich das nicht gekannt? Ich sehe wahrscheinlich so aus, als käme ich aus irgendeinem Café chantant und hätte unterwegs schon einiges erlebt. Es wäre übrigens interessant zu wissen, wer hier absteigt und übernachtet.
Er zündete die Kerze an und untersuchte eingehend das Zimmer. Es war ein so kleines Käfigchen, daß Swidrigailow beinahe mit dem Kopf gegen die Decke stieß; es hatte nur ein einziges Fenster; das sehr schmutzige Bett nahm mit einem einfachen, gestrichenen Tisch und einem Stuhl fast den gan-zen Raum ein. Die Wände sahen so aus, als wären sie ein-fach aus Brettern zusammengehämmert; die Tapeten waren zerkratzt und schon so staubig und zerfetzt, daß man ihre Farbe – einst waren sie gelb gewesen – zwar ahnen, aber das Muster nicht mehr erkennen konnte. Die halbe Wand und die Decke waren schräg, wie es in Mansarden üblich ist, aber hier befand sich über der schrägen Fläche die Treppe. Swidrigailow stellte die Kerze hin, setzte sich auf das Bett und begann nachzudenken. Aber ein seltsames, unablässiges Flüstern im Nebenraum, das sich manchmal bis zum Schreien steigerte, zog schließlich seine Aufmerksamkeit auf sich. Seit er eingetreten war, war dieses Flüstern noch nicht verstummt. Er lauschte: jemand beschimpfte einen andern und machte ihm beinahe unter Tränen Vorwürfe; aber man vernahm im-mer nur dieselbe Stimme. Swidrigailow stand auf, schirmte mit der Hand das Licht der Kerze ab, und sogleich entdeckte er eine Ritze in der Wand; er trat hinzu und schaute. In dem Nachbarzimmer, das ein wenig größer war als sein eigenes, hielten sich zwei Gäste auf. Der eine von ihnen – er hatte ungewöhnlich krauses Haar und ein gerötetes, entzündetes Gesicht – stand ohne Jacke in Rednerpose da, hatte die Beine gespreizt, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, schlug sich gegen die Brust und warf dem anderen pathetisch
vor, daß dieser ein Bettler sei und nicht einmal eine Beam-tenstelle bekleide; er, der Sprecher, habe ihn aus dem Schmutz gezogen, und wenn er wolle, könne er ihn davon-jagen, ohne daß das jemand sehe außer dem »Finger Gottes«. Der gescholtene Freund saß auf seinem Stuhl und hatte das Aussehen eines Menschen, der außerordentlich gern niesen möchte, dem das aber nicht gelingt. Von Zeit zu Zeit blickte er den Redner aus trüben Hammelaugen an, hatte aber offen-bar keinerlei Begriff davon, worüber der andere sprach; er hörte wohl auch kaum etwas. Auf dem Tisch brannte ein Ker-zenstummel; daneben standen eine fast geleerte Schnapsflasche, Gläser, Brot, Gurken und das leere Geschirr für den längst ausgetrunkenen Tee. Nachdem Swidrigailow dieses Bild auf-merksam betrachtet hatte, ging er teilnahmslos von der Ritze weg und setzte sich wieder auf das Bett.
Der zerlumpte Hausdiener, der mit dem Tee und dem Kalbfleisch zurückgekommen war, konnte sich nicht enthal-ten, ihn noch einmal zu fragen, ob er »nicht noch etwas brauche«, und nachdem er wieder eine verneinende Antwort erhalten hatte, entfernte er sich endgültig. Swidrigailow stürzte sich auf den Tee, um sich zu wärmen, und trank ein Glas voll, doch konnte er keinen Bissen essen, weil er völlig den Appetit verloren hatte. Er begann zu fiebern. Er zog sich den Mantel und die Jacke aus, hüllte sich in die Decke und legte sich auf das Bett. Er ärgerte sich ... Es wäre besser, wenn ich diesmal gesund wäre, dachte er und grinste. In dem Zimmer war es stickig; die Kerze brannte trübe; draußen lärmte der Wind; irgendwo in einer Ecke raschelte eine Maus - überhaupt roch es im ganzen Zimmer nach Mäusen und nach Leder. Er lag da und begann zu phantasieren: ein Gedanke wurde vom andern abgelöst. Trotzdem verlangte ihn danach, sich an irgendetwas Bestimmtes mit seiner Phan-tasie festzuklammern, was es auch sein mochte. Unter dem Fenster ist sicher ein Garten, dachte er, Bäume rauschen; wie ich doch das Rauschen der Bäume bei Nacht, im Sturm und im Dunkel verabscheue! Ein ekelhaftes Gefühl! Und er erinnerte sich, wie er vorhin am Petrowskij-Park vorüber-gekommen war und geradezu Widerwillen davor empfunden
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hatte. Darauf fielen ihm die N.-Brücke und die Kleine Newa ein, und ihm wurde abermals irgendwie kalt, so wie vor kurzem, als er über dem Wasser gestanden hatte. Nie im Le-ben habe ich das Wasser geliebt, nicht einmal auf Landschafts-bildern, dachte er weiter und lächelte plötzlich über einen seltsamen Gedanken. Jetzt sollte das alles für mich doch ganz gleichgültig sein, diese ganze Ästhetik und der Kom-fort, und auf einmal werde ich wählerisch ... wie ein wildes Tier, das sich ebenfalls unbedingt seinen Platz aussucht ... in einer ähnlichen Lage. Ich hätte in den Petrowskij-Park gehen sollen! Vielleicht war es mir dort zu finster und zu kalt? Hehehe! Suchte ich etwa angenehme Empfindungen? ... Warum lösche ich übrigens die Kerze nicht? Er blies das Licht aus. Die Nachbarn haben sich schlafen gelegt, dachte er dann, als er durch die Ritze kein Licht mehr schimmern sah. Sehen Sie, Marfa Petrowna, nun könnten Sie mich ja mit Ihrem Besuch beehren; es ist finster, die örtlichkeit paßt wunderbar, und der Augenblick ist originell. Und doch kom-men Sie gerade jetzt nicht ...
Plötzlich erinnerte er sich aus irgendeinem Grund, daß er vorhin, eine Stunde, ehe er seinen Anschlag auf Dunjetschka verübte, Raskolnikow empfohlen hatte, sie dem Schutz Ra-sumichins anzuvertrauen. Das habe ich wohl vor allem aus Trotz gesagt, was Raskolnikow auch geahnt haben mag. Übrigens ist dieser Raskolnikow ein gerissener Kerl. Viel hat er zu schleppen. Mit der Zeit, wenn ihm die Flausen verge-hen, kann er noch ein großer Spitzbube werden, aber jetzt verlangt ihn allzusehr nach dem Leben. Solche Leute sind, was diesen Punkt betrifft, alle nichts wert. Nun, hol ihn der Teufel; mag er tun, was er will; was geht es mich an!
Er konnte noch immer nicht einschlafen. Allmählich tauchte die Gestalt Dunjetschkas, so wie sie heute gewesen war, vor ihm auf, und plötzlich lief ein Zittern über seinen Körper. Nein, das muß ich jetzt aufgeben, dachte er, als er wieder zu klarer Besinnung kam, ich habe an andres zu denken. Es ist sonderbar und eigentlich komisch: niemals habe ich je-manden ausgesprochen gehaßt; nicht einmal mich zu rächen hat mich jemals besonders heftig verlangt, und das ist ein
schlimmes Zeichen! Ich habe es auch nicht geliebt, herumzu-streiten, und konnte nie in Hitze geraten – ebenfalls ein schlimmes Zeichen! Und was ich ihr alles versprochen habe – ach, zum Teufel! Sie hätte mich bestimmt gänzlich umgekrempelt ... Er unterbrach seine Überlegungen und biß die Zähne zusammen; wieder tauchte die Gestalt Du-njetschkas vor ihm auf, haargenauso wie sie gewesen war, als sie zum erstenmal geschossen hatte: sie war entsetzlich er-schrocken, senkte den Revolver und blickte ihn totenblaß an, so daß er sie zweimal hätte packen können, ehe sie auch nur die Hand zu ihrem Schutz erhoben hätte, wenn er sie nicht selbst daran erinnert hätte. Er entsann sich, wie sie ihm in jenem Augenblick beinahe leid getan, wie es ihm das Herz bedrückt hatte ... Ach, zum Teufel! Schon wieder diese Ge-danken; das alles muß ich aufgeben, aufgeben! ...
Er verlor nach und nach das Bewußtsein; die Fieberschauer ließen nach; plötzlich war ihm, als liefe unter der Decke etwas über seine Hand und über seinen Fuß. Er fuhr zusammen. Pfui Teufel, das ist ja womöglich eine Maus! dachte er. Weil ich das Kalbfleisch auf dem Tisch habe stehen lassen ... Er scheute sich, die Decke zurückzuschlagen, aufzustehen und zu frieren, aber plötzlich huschte ihm wieder etwas unan-genehm über das Bein; er riß die Decke weg und machte Licht. Zitternd vor Schüttelfrost, bückte er sich, um das Bett zu untersuchen – da war nichts; er schüttelte die Decke aus, und plötzlich sprang eine Maus auf das Laken. Er stürzte sich auf sie, um sie zu fangen; aber die Maus lief, ohne vom Bett zu springen, im Zickzack hierhin und dorthin, schlüpfte ihm durch die Finger, huschte ihm über die Hand und ver-schwand plötzlich unter dem Kissen; er warf das Kissen auf den Boden, doch im selben Augenblick fühlte er, wie ihm etwas in die Hemdbrust sprang, über seinen Körper jagte und unter dem Hemd schon auf seinen Rücken gekommen war. Nervös schrak er zusammen und erwachte. Im Zimmer war es finster; er lag auf dem Bett, nach wie vor in die Decke gehüllt; draußen heulte der Wind. Wie ekelhaft! dachte er zornig.