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Wenn es nur rasch vorüber wäre! ...

Auf der Staße herrschte wieder unerträgliche Hitze; wäre nur in all diesen Tagen ein einziger Tropfen Regen gefallen! Wieder gab es Staub, Ziegel und Kalk; wieder drang der Gestank aus Kaufläden und Gasthäusern ins Freie; wieder be-gegneten ihm jeden Augenblick Betrunkene, finnische Lauf-burschen und ramponierte Droschken. Die Sonne stach ihm grell in die Augen, so daß es ihn schmerzte, und der Kopf drehte sich ihm um und um – die gewöhnlichen Beschwerden eines Fiebernden, der plötzlich an einem hellen, sonnigen Tag auf die Straße tritt.

Als er an die Ecke der Straße von gestern kam, blickte er in qualvoller Unruhe hin auf jenes Haus ... und wandte den Blick sofort ab.

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Wenn sie mich danach fragen, sage ich ihnen vielleicht al-les, dachte er, als er auf das Revier zuschritt.

Das Revier lag etwa eine Viertelwerst weit. Es war erst kürzlich in neuen Räumen im vierten Stock eines neuen Hau-ses untergebracht worden. In den früheren Räumlichkeiten war er einmal ganz kurz gewesen, doch war das schon sehr lange her. Als er durch das Tor trat, sah er rechts eine Treppe, auf der ein Mann herunterkam, ein Meldebuch in Händen. Offenbar ist das ein Hausknecht, und offenbar befindet sich hier auch das Revier, dachte er und stieg aufs Geratewohl hinauf. Er wollte an niemanden auch nur eine einzige Frage richten.

Ich will hineingehen, auf die Knie sinken und alles ge-stehen ... sagte er sich, während er den vierten Treppenabsatz hinaufstieg ...

Die Treppe war schmal, steil und naß von Spülwasser. Die Küchen der Wohnungen in allen vier Stockwerken gin-gen auf diese Treppe und standen fast den ganzen Tag offen. Daher rührte die drückende Schwüle. Hausknechte mit ihren Büchern unter dem Arm, Amtsboten und verschiedene Leute, Männer und Frauen, gingen da aus und ein — alles Besucher des Amtes. Auch die Tür zur Kanzlei stand weit offen. Ras-kolnikow trat ein und blieb im ersten Raum stehen. Außer ihm standen noch einige Männer da und warteten. Auch in diesem Zimmer war es ungemein schwül, und zudem schlug einem von dem stinkenden Firnis der neugetünchten Zimmer ein Geruch frischer, noch nicht ganz getrockneter Farbe ent-gegen, der fast einen Brechreiz verursachte. Nachdem er ein wenig gewartet hatte, hielt er es für besser, in das nächste Zimmer weiterzugehen. Alle Räume waren winzig klein und niedrig. Schreckliche Ungeduld trieb ihn weiter, immer wei-ter. Niemand achtete auf ihn. Im zweiten Raum saßen Schrei-ber und kritzelten; sie waren vielleicht ein wenig besser ge-kleidet als er, sahen aber recht merkwürdig aus. Er wandte sich an einen von ihnen.

»Was willst du?« fragte der Mann

Raskolnikow zeigte ihm seine Vorladung.

»Sie sind Student?« fragte der andere, nachdem er auf das Schreiben geblickt hatte.

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»Ja, ehemaliger Student.«

Der Schreiber musterte ihn, übrigens ohne jegliche Neu-gier. Er war besonders abgerissen und hatte einen ganz star-ren Blick.

Von dem erfahre ich nichts, weil ihm alles gleichgültig ist, dachte Raskolnikow.

»Gehen Sie dorthin, zum Schriftführer«, fuhr der Schreiber fort und zeigte mit dem Finger auf das letzte Zimmer.

Raskolnikow betrat diesen Raum – es war der vierte –, der eng war und vollgepfercht mit Leuten; sie waren jedoch etwas besser angezogen als die in den drei andern Räumen. Unter den Besuchern waren auch zwei Damen. Die eine, ärm-lich gekleidet und in Trauer, saß an einem Tisch, dem Schrift-führer gegenüber, und schrieb etwas, das er ihr diktierte. Die andere Dame, sehr üppig und krebsrot, mit Flecken im Ge-sicht, eine stattliche Frau, ein wenig allzu auffallend geklei-det, mit einer Brosche, so groß wie eine Untertasse, stand ab-seits und wartete auf etwas. Raskolnikow reichte dem Schriftführer seine Vorladung. Der Mann blickte flüchtig auf, sagte: »Warten Sie!« und befaßte sich weiterhin mit der Dame in Trauer.

Raskolnikow atmete freier. Es ist sicherlich nicht das! All-mählich faßte er Mut; mit allen Kräften redete er sich zu, Mut zu haben und klaren Kopf zu bewahren.

Irgendeine Dummheit, eine ganz nichtige Unvorsichtig-keit, und ich liefere mich selbst ans Messer. Hm ... Schade, daß hier so wenig frische Luft ist, dachte er weiter, diese Schwüle! ... Mein Schwindelgefühl wird noch stärker wer-den ... Und meine Gedanken verwirren sich noch mehr ...

Er fühlte in seinem Inneren ein furchtbares Durchein-ander und hatte Angst, die Beherrschung zu verlieren. Er bemühte sich, sich an etwas festzuklammern und an irgend etwas zu denken, an etwas ganz am Rande Liegendes, doch das gelang ihm nicht. Übrigens interessierte ihn der Schriftführer sehr, und es verlangte ihn, aus dem Gesicht dieses Mannes irgend etwas herauszulesen, ihn zu durch-schauen. Er war noch ziemlich jung, vielleicht zweiundzwan-zig Jahre alt, und hatte ein lebhaftes, dunkles Gesicht, das

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ein wenig älter wirkte, als er war; er trug sich nach der letz-ten Mode, stutzerhaft, hatte einen Scheitel bis zum Nacken, war gut frisiert und pomadisiert, hatte eine Menge Ringe an den weißen, wohlgepflegten Fingern und goldene Ketten über der Weste. Mit einem Ausländer, der ebenfalls da war, wechselte er sogar einige französische Worte, und zwar in recht gutem Französisch.

»Luisa Iwanowna, setzen Sie sich doch«, sagte er nebenbei zu der herausgeputzten krebsroten Dame, die noch immer dastand, als wagte sie nicht, sich unaufgefordert niederzu-setzen, obwohl neben ihr ein Stuhl frei war.

»Ich danke«, erwiderte sie leise auf deutsch und ließ sich unter dem Rauschen ihres Seidenkleides auf den Stuhl sin-ken. Ihr hellblaues Kleid mit der weißen Spitzengarnitur blähte sich wie ein Luftballon rings um den Stuhl und nahm beinahe das halbe Zimmer ein. Parfümgeruch wehte her-über. Ihr war es jedoch sichtlich peinlich, daß sie soviel Platz beanspruchte und so stark nach Parfüm roch; sie lächelte feige und zugleich frech, auf jeden Fall aber in deutlicher Unruhe.

Die Dame in Trauer war nun endlich fertig und erhob sich. Plötzlich trat ziemlich lärmend ein Offizier ein, der bei jedem Schritt herausfordernd und irgendwie eigenartig die Schultern bewegte; er warf seine Mütze mit der Kokarde auf einen Tisch und setzte sich in den Lehnsessel. Die üppige Dame hüpfte, als sie ihn sah, nur so von ihrem Platz und begann mit einem komischen Entzücken zu knicksen; der Offizier jedoch schenkte ihr keine Beachtung, und sie wagte sich in seiner Gegenwart nicht mehr zu setzen. Es war der Stellver-treter des Revierinspektors; er hatte einen horizontal nach beiden Seiten abstehenden rötlichen Schnurrbart und unge-mein feine Gesichtszüge, die allerdings außer einiger An-maßung nichts ausdrückten. Scheel und ein wenig empört be-trachtete er Raskolnikow; der trug einen allzu abscheulichen Anzug, und trotz aller Erniedrigung stimmte seine Haltung ganz und gar nicht mit seiner Kleidung überein; unvor-sichtigerweise starrte Raskolnikow ihn allzu lange an, so daß der andere geradezu beleidigt war.

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»Was willst du?« fragte er, offenbar erstaunt darüber, daß ein so zerlumpter Kerl gar nicht daran dachte, sich vor sei-nem blitzenden Blick in nichts aufzulösen.

»Ich bin ... vorgeladen ...« antwortete Raskolnikow mühsam.

»Das ist die Sache mit der Geldforderung an den Herrn Studenten«, erklärte der Schriftführer eilig und blickte von seinen Akten auf. »Hier!« Und er schob Raskolnikow ein Heft hin und zeigte auf eine Stelle. »Lesen Sie!«

Geldforderung? Was für Geld? dachte Raskolnikow. Aber jedenfalls ist es nicht das! und er zitterte vor Freude. Plötz-lich wurde ihm furchtbar leicht zumute, unsagbar leicht. Die ganze Last war ihm von der Seele genommen.

»Und um wieviel Uhr hätten Sie laut Vorladung kommen sollen, geehrter Herr?« rief der Leutnant, der aus Gott weiß welchen Gründen immer verdrießlicher wurde. »Hier steht neun Uhr, und jetzt ist es schon zwölf!«