»Wer ist das, Nastasja?« fragte er und zeigte auf den Burschen.
»Du bist ja wieder zu dir gekommen!« antwortete sie.
»Der Herr ist wieder bei sich«, bestätigte der Fremde.
Als die Hauswirtin hörte, daß er zu sich gekommen sei, schloß sie sofort die Tür und verschwand. Sie war seit jeher schüchtern gewesen und beteiligte sich an Gesprächen und Er-klärungen nur sehr ungern; sie zählte etwa vierzig Jahre und
war dick und fett, hatte schwarze Augen und schwarzes Haar, war vor Fett und Trägheit gutmütig und zudem recht hübsch. Sie war außerordentlich und mehr als nötig verschämt.
»Wer sind Sie?« fragte Raskolnikow noch einmal den frem-den Mann.
In diesem Augenblick wurde die Tür abermals weit ge-öffnet, und ein wenig gebückt, weil er ja so groß war, trat Rasumichin ein.
»Die reinste Schiffskajüte«, rief er im Hereinkommen. »Jedesmal renne ich mir die Stirn an; und so etwas nennt sich eine Wohnung! Du bist also wieder bei dir, mein Lieber? Ich habe es gerade von Paschenka gehört.«
»Eben erst ist er zu Bewußtsein gekommen«, erwiderte Nastasja.
»Der Herr ist eben erst zu Bewußtsein gekommen«, be-stätigte der fremde Mann und lächelte erneut.
»Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?« wandte sich Rasumichin plötzlich an ihn. »Ich heiße Rasumichin, wenn's gefällig ist, bin Student, Sohn aus adligem Hause, und er ist mein Freund. So, und wer sind Sie?«
»Ich bin Angestellter in unserem Büro, beim Kaufmann Schelopajew, und bin in Geschäften hier.«
»Belieben Sie, auf diesem Stuhl Platz zu nehmen.« Rasu-michin selbst setzte sich auf den zweiten Stuhl, der auf der anderen Seite des Tischchens stand. »Das war klug von dir, mein Lieber, daß du zu dir gekommen bist«, fuhr er, zu Raskolnikow gewandt, fort. »Schon den vierten Tag ißt und trinkst du kaum. Allerdings haben wir dir mit dem Löffel Tee eingeflößt. Ich habe zweimal Sosimow mit hergebracht. Erinnerst du dich an Sosimow? Er hat dich gründlich unter-sucht und gleich gesagt, daß das alles ungefährlich sei; irgend etwas sei dir zu Kopf gestiegen. Irgendeine dumme Ge-schichte mit den Nerven; du habest zu schlecht gegessen, be-hauptete er; man habe dir zu wenig Bier und Meerrettich gegeben, und die Krankheit rühre daher. Es sei aber nichts weiter; es vergehe bald, und du spürtest dann überhaupt nichts mehr davon. Sosimow ist ein tüchtiger Bursche; er hat dich geschickt behandelt. – Na also, ich will Sie nicht länger
aufhalten«, wandte er sich dann wieder an den Fremden. »Erklären Sie bitte, was Sie wollen. Du mußt wissen, Rodja, daß schon zum zweitenmal jemand aus diesem Büro hier ist; nur ist das erstemal nicht dieser Mann gekommen, sondern ein anderer, und ich habe ihm die Sachlage erklärt. Wer war denn das erstemal von euch da?«
»Das war wohl vorgestern, nicht wahr? Da muß es Alexej Semjonowitsch gewesen sein; der arbeitet auch bei uns im Büro.«
»Der ist wohl gescheiter als Sie – was meinen Sie?«
»Ja, er ist schon tüchtiger als ich, mein Herr.«
»Das lobe ich mir; sprechen Sie weiter.«
»Von Afanasij Iwanowitsch Wachruschin, von dem Sie wohl schon öfter gehört haben werden, ist auf Bitten Ihrer Frau Mama an unser Büro Geld für Sie überwiesen worden«, begann der Mann, indem er sich direkt an Raskolnikow wandte. »Falls Sie schon bei vollem Bewußtsein sind, soll ich Ihnen fünfunddreißig Rubel aushändigen, die von Afanasij Iwanowitsch an Semjon Semjonowitsch auf Bitten Ihrer Frau Mama so wie früher überwiesen worden sind. Sie erinnern sich gewiß, mein Herr?«
»Ja ... ich entsinne mich ... Wachruschin ...« sagte Ras-kolnikow nachdenklich.
»Hören Sie: er kennt den Kaufmann Wachruschin!« rief Rasumichin aus. »Wie soll er da nicht bei Bewußtsein sein? Übrigens merke ich jetzt, daß auch Sie ein kluger Mensch sind. Nun ja! gescheite Leute hört man gern reden.«
»Ja, der ist es, Wachruschin, Afanasij Iwanowitsch; und auf Bitten Ihrer Frau Mama, die Ihnen durch ihn auf dieselbe Art schon einmal Geld geschickt hat, hat er sich auch diesmal dazu bereit erklärt und von seinem Wohnsitz aus Semjon Semjonowitsch dieser Tage verständigt, daß Ihnen in Erwar-tung von Besserem fünfunddreißig Rubel auszuzahlen sind.«
»,In Erwartung von Besserem' haben Sie wirklich schön gesagt; auch ,Ihre Frau Mama' klang nicht übel. Nun, was meinen Sie: ist er bei vollem Bewußtsein oder nicht?«
»Wie kann ich das wissen? Es handelt sich nur um seine Unterschrift.«
»Die wird er Ihnen schon hinkritzeln. Haben Sie ein Zu-stellbuch da?«
»Ja, mein Herr, hier.«
»Geben Sie her. Na, steh auf, Rodja. Ich werde dich halten; schreibe ihm dein Raskolnikow' hinein; nimm die Feder, denn Geld, mein Lieber, schmeckt uns jetzt besser als Honig-seim.«
»Es ist nicht nötig«, sagte Raskolnikow und schob die Feder beiseite.
»Was ist nicht nötig?«
»Ich unterschreibe nicht.«
»Ach, zum Teufel, wie willst du denn das Geld ohne Quit-tung kriegen?«
»Ich brauche ... kein Geld ...«
»So, du brauchst kein Geld! Na, das stimmt wohl nicht, mein Lieber; ich kann das bezeugen! – Machen Sie sich keine Sorgen, bitte sehr, das sagt er nur so ... er phantasiert schon wieder. Übrigens passiert ihm das auch im wachen Zustand ... Sie sind ein vernünftiger Mensch, und wir werden ihn an-leiten, das heißt, ihm einfach die Hand führen; dann unter-schreibt er schon. Also los ...«
»Ich kann ja auch ein andermal wiederkommen, mein Herr.«
»Nein, nein; wozu sollen Sie sich die Mühe machen! Sie sind ein vernünftiger Mensch ... Also halte unseren Besuch nicht auf, Rodja ... du siehst doch, daß er wartet.« Und er schickte sich ernstlich an, seinem Freund die Hand zu führen.
»Laß das, ich kann es schon selber ...« erwiderte Raskolni-kow, nahm die Feder und bestätigte in dem Buch den Emp-fang des Betrages. Der Bürodiener zählte das Geld auf den Tisch und ging.
»Bravo! Willst du jetzt essen, mein Lieber?«
»Ja«, antwortete Raskolnikow.
»Haben Sie Suppe?«
»Von gestern«, antwortete Nastasja, die die ganze Zeit da-beigestanden hatte.
»Mit Kartoffeln und Reis?«
»Ja, mit Kartoffeln und Reis.«
»Das kenne ich schon auswendig! Bring die Suppe und bring auch Tee!«
»Gleich.«
Raskolnikow betrachtete das alles mit tiefem Staunen und mit stumpfer, sinnloser Angst. Er beschloß, zu schweigen und abzuwarten, was weiter geschehen werde. Offenbar phanta-siere ich nicht mehr, dachte er; offenbar ist das alles Wirk-lichkeit ...
Nach zwei Minuten kam Nastasja mit der Suppe zurück und erklärte, der Tee werde gleich fertig sein. Zu der Suppe brachte sie zwei Löffel, zwei Teller und alles, was dazuge-hörte: das Salzfaß, ein Pfefferfäßchen, Senf für das Rind-fleisch und alles übrige, was es in solcher Ordnung schon lange nicht mehr gegeben hatte. Das Tischtuch war sauber.
»Es wäre nicht schlecht, Nastasjuschka, wenn Praskowja Pawlowna zwei Flaschen Bier spendierte. Wir möchten gern trinken.«
»Na, das auch noch!« murrte Nastasja und ging, den Auf-trag auszuführen.
Wirr und mit Anspannung beobachtete Raskolnikow die weitere Entwicklung der Dinge. Indes hatte sich Rasumichin plump wie ein Bär zu ihm auf den Diwan gesetzt. Er nahm mit der linken Hand den Kopf des Freundes, obwohl Raskol-nikow ihn selbst heben konnte, und führte ihm mit der Rech-ten einen Löffel Suppe an die Lippen, nachdem er mehrere Male daraufgeblasen hatte, damit Raskolnikow sich nicht den Mund verbrenne. Die Suppe war kaum noch warm. Gierig schluckte Raskolnikow, dann nahm er ein zweitesmal, ein drittesmal einen Löffel voll. Doch nachdem Rasumichin ihm einige Löffel eingeflößt hatte, hielt er plötzlich inne und erklärte, der weiteren Löffel wegen müsse er Sosimow zu Rate ziehen.