»Das tat ich aus Gemeinheit ... Meine Mutter muß selber beinahe um Almosen betteln ... Und ich log, damit ich in der Wohnung bleiben konnte und ... etwas zu essen bekam«, sprach Raskolnikow laut und deutlich.
»Ja, das war sehr vernünftig von dir. Nur war der eine Haken bei der Sache, daß dieser Herr Tschebarow auftauchte, ein Hofrat und geschäftstüchtiger Mann. Ohne ihn wäre Pa-schenka niemals auf solche Gedanken gekommen; dazu ist sie ja viel zu schüchtern. Aber dieser geschäftstüchtige Mann war
nicht schüchtern und stellte zuallererst natürlich die Frage: Besteht überhaupt die Hoffnung, daß der Wechsel eingelöst wird? Die Antwort lautete: Ja, denn da ist seine Mama, die mit ihren hundertzwanzig Rubel Pension ihrem Rodjenka sicher beispringen wird, selbst wenn sie nichts zu essen haben sollte, und dann ist da auch noch eine Schwester, die sich für ihren lieben Bruder in die Sklaverei verkaufen ließe. Und darauf baute er seinen Plan ... Was fährst du denn so auf? Ich kenne jetzt alle deine tiefsten Geheimnisse, mein Lieber; das kommt davon, daß du zu Paschenka so offenherzig warst, als du mit ihr noch auf familiärem Fuße lebtest. Und ich spreche jetzt davon, weil ich dich gern habe ... Das ist eben so: ein ehrlicher, gefühlvoller Mensch ist offenherzig, und ein geschäftstüchtiger Mensch hört zu und frißt, und zuletzt frißt er auch dich auf. Sie gab diesen Wechsel jedenfalls, angeblich an Zahlungs Statt, an Tschebarow weiter, und der machte ohne viel Federlesens die Forderung auf gesetzlichem Wege geltend. Ich wollte ihm, sobald ich das alles erfahren hatte, nur so, zur Beruhigung meines Gewissens, ebenfalls ein Bein stellen, aber zu dieser Zeit bestand zwischen Paschenka und mir schon eine Harmonie der Seelen, und ich befahl ihr, die ganze Sache niederzuschlagen, sie gleich im Keim zu ersticken, und verbürgte mich dafür, daß du zahlen würdest. Ich habe mich für dich verbürgt, mein Lieber, hörst du? Wir zitierten Tschebarow her, warfen ihm zehn Silberrubel in den Rachen und bekamen das Papier zurück. Und hiermit habe ich die Ehre, es Ihnen zu überreichen – jetzt glaubt man Ihnen aufs Wort –, da, nehmen Sie; ich habe es schon durchgerissen, wie es sich gehört.«
Rasumichin legte den Wechsel auf den Tisch; Raskolnikow starrte ihn an und drehte sich, ohne ein Wort zu sprechen, zur Wand. Sogar Rasumichin war beleidigt.
»Ich sehe, lieber Freund«, sagte er nach einer Weile, »daß ich mich schon wieder idiotisch benommen habe. Ich hatte geglaubt, dich abzulenken und durch mein Geschwätz zu zerstreuen, aber mir scheint, es hat nur deine Galle auf-geregt.«
»Warst du das, den ich im Fieber nicht erkannte?« fragte
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Raskolnikow, nachdem er ebenfalls eine Weile geschwiegen hatte, ohne den Kopf zu wenden.
»Ja, und du wurdest deshalb sogar ganz toll vor Wut, besonders als ich einmal Sametow mitbrachte.«
»Sametow? ... den Schriftführer? ... Wozu?«
Raskolnikow wandte sich rasch um und maß Rasumichin mit starrem Blick.
»Was hast du denn ... warum regst du dich auf? Er wollte dich näher kennenlernen; er selbst äußerte den Wunsch, weil wir beide viel über dich gesprochen hatten ... Von wem hätte ich denn sonst soviel über dich in Erfahrung gebracht? Er ist ein prächtiger Junge, mein Lieber, ein wundervoller Mensch ... natürlich in seiner Art. Wir haben uns miteinander an-gefreundet und kommen fast täglich zusammen. Ich bin näm-lich auch in diese Gegend übergesiedelt. Das weißt du noch nicht? Eben jetzt erst. Zweimal war ich mit ihm schon bei Lawisa. Du erinnerst dich doch an Lawisa, Lawisa Iwa-nowna?«
»Habe ich im Fieber gesprochen?«
»Ei freilich! Du warst ja ganz durcheinander.«
»Wovon habe ich denn gesprochen?«
»Ach Gott! Wovon du gesprochen hast? Man weiß ja, was Fieberkranke reden ... Jetzt aber an die Arbeit, mein Lieber, damit wir keine Zeit mehr verlieren.«
Er stand auf und griff nach seiner Mütze.
»Wovon habe ich gesprochen?«
»Es läßt dir keine Ruhe! Hast du denn Angst um irgendein Geheimnis? Sei ganz ohne Sorge: von der Gräfin war mit keinem Sterbenswörtchen die Rede, aber von einer Bulldogge, von Ohrringen und Ketten, dann noch von der Krestowskij-Insel und von irgendeinem Hausknecht und viel von Niko-dim Fomitsch und Ilja Petrowitsch, dem Stellvertreter des Inspektors. Und außerdem beliebten der Herr sich geradezu außerordentlich für den eigenen Socken zu interessieren, sehr sogar! Sie jammerten: Gebt mir den Socken her! Immer wieder, immer wieder! Sametow persönlich suchte in allen Winkeln nach Ihrem Socken, fand ihn und gab Ihnen den Lumpen mit eigener, parfümierter, beringter Hand. Dann
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erst waren Sie beruhigt; Sie hielten den Socken volle vierund-zwanzig Stunden fest, und man konnte ihn Ihnen nicht weg-nehmen. Gewiß liegt er jetzt irgendwo noch immer unter deiner Decke. Und dann batest du noch um Hosenfransen, batest ganz weinerlich und kläglich darum! Wir fragten dich, was für Fransen du meintest, doch es war nichts aus dir herauszubekommen ... Nun also, zur Sache! Hier liegen fünfunddreißig Rubel; ich nehme zehn davon und werde in etwa zwei Stündchen mit dir darüber abrechnen. Gleichzeitig will ich auch Sosimow verständigen, obwohl er schon längst hier sein müßte, denn es ist zwölf. Und Sie, Nastenka, schauen in meiner Abwesenheit möglichst oft herein, ob er etwas zu trinken braucht oder sonst welche Wünsche hat ... Und Paschenka will ich gleich selber alles sagen, was nötig ist. Auf Wiedersehen!«
»Er nennt sie Paschenka! Ach, du durchtriebenes Manns-bild!« rief ihm Nastasja nach; dann öffnete sie die Tür und lauschte, doch sie hielt es nicht aus und lief ebenfalls hinab. Es interessierte sie zu brennend, worüber er mit der Hausfrau sprach; überhaupt war es nicht zu verheimlichen, daß sie von Rasumichin ganz bezaubert war.
Kaum hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen, als der Kranke schon die Decke abwarf und wie ein Besessener aus dem Bett sprang. Mit brennender, schmerzhafter Unge-duld hatte er gewartet, daß die beiden möglichst rasch weg-gingen, damit er sich in ihrer Abwesenheit gleich ans Werk machen könnte. Aber was, was hatte er tun wollen? Das schien er, als müßte es so sein, völlig vergessen zu haben.
O Herr und Gott! Sag mir nur das eine: wissen sie schon alles oder nicht? Wie aber, wenn sie es schon wissen und sich nur verstellen und Komödie spielen, solange ich krank liege, und dann plötzlich hereinkommen und mir sagen, daß alles schon längst bekannt sei und daß sie bisher nur so .. . Was wollte ich jetzt bloß machen? Ich habe es vergessen, plötz-lich vergessen – und eben wußte ich es noch! ...
Er stand mitten im Zimmer und blickte in qualvollem Zweifel rings um sich; er ging zur Tür, öffnete sie und lausch-te; aber das war es nicht gewesen. Plötzlich schien es ihm
wieder eingefallen zu sein; er stürzte zu der Ecke hin, wo das Loch unter der Tapete war, besichtigte alles, griff in das Loch, wühlte darin, aber auch das war es nicht gewesen. Er ging zum Ofen, öffnete die Klappe und stöberte in der Asche: dort lagen die abgeschnittenen Hosenfransen und die Fetzen der herausgerissenen Tasche, so wie er sie damals hineinge-worfen hatte; also war niemand hier gewesen, um nachzu-sehen! Jetzt entsann er sich des Sockens, von dem Rasum-ichin gesprochen hatte. Richtig, da lag er auf dem Diwan, unter der Decke, aber er war schon so kaputt und schmut-zig, daß Sametow natürlich nichts mehr hatte entdecken können.