»Ach, diese heiklen Leute! Diese Prinzipienreiter! ... Und du ruhst auf deinen Prinzipien aus wie auf Sprungfedern: du getraust dich überhaupt nicht mehr, dich aus eigenem An-trieb auch nur zu rühren. Ich halte ihn jedenfalls für einen
guten Kerl – da hast du mein Prinzip, und sonst will ich nichts wissen. Sametow ist ein ganz prächtiger Mensch.«
»Aber Bestechungsgelder steckt er ein!«
»Nun, meinetwegen, ich pfeife drauf! Und wenn er es tut!« rief Rasumichin plötzlich in seltsam unnatürlicher Gereizt-heit. »Habe ich denn gebilligt, daß er sich bestechen läßt? Ich habe nur gesagt, daß er auf seine Art ein prächtiger Kerl ist! Und aufrichtig gesprochen: wenn man überall so genau hinschaut, bleiben dann viele gute Menschen übrig? Ich bin überzeugt davon, daß man in dem Fall für mich samt allen meinen Eingeweiden höchstens eine gebratene Zwiebel gäbe, und das auch nur mit dir als Draufgabe ...!«
»Das ist zu wenig; ich gäbe für dich sogar zwei Zwie-beln ...«
»Aber ich für dich nur eine! Mach nur Witze! Sametow ist ja noch ein grüner Junge; ich werde ihn schon am Haar zupfen, denn ihn muß man anziehen, nicht abstoßen. Dadurch, daß man einen Menschen abstößt, bessert man ihn nicht, schon gar nicht, wenn er noch sehr jung ist. Mit einem Knaben heißt es doppelt vorsichtig umgehen. Aber davon versteht ihr stumpfen Fortschrittler ja nichts. Ihr achtet den Menschen nicht und setzt euch selber herab ... Und wenn du es genau wissen willst: vielleicht haben er und ich gemeinsam etwas vor.«
»Das wäre interessant zu erfahren!«
»Es handelt sich um die Geschichte mit dem Maler, das heißt mit dem Anstreicher ... Wir werden ihn schon heraus-reißen! Übrigens ist die Sache nur noch halb so schlimm. Der Fall liegt klar, ganz klar. Wir wollen nur ein bißchen nachhelfen.«
»Was für ein Anstreicher ist denn das?«
»Wie, habe ich dir das nicht erzählt? wirklich nicht? Rich-tig, ich habe dir ja nur den Anfang berichtet ... von der Er-mordung der alten Wucherin, der Beamtenwitwe ... Nun, und jetzt ist ein Anstreicher in die Sache verwickelt ...«
»Von dem Mord wußte ich schon vorher; und ich inter-essiere mich sogar dafür ... in gewissem Sinne ... aus einem bestimmten Grund . . . ich habe die Zeitungsberichte darüber verfolgt. Und da ...«
»Auch Lisaweta haben sie umgebracht!« schnatterte Na-stasja plötzlich dazwischen, indem sie sich an Raskolnikow wandte.
Sie war die ganze Zeit über im Zimmer geblieben, hatte sich an der Tür klein gemacht und zugehört.
»Lisaweta?« murmelte Raskolnikow, und seine Stimme war kaum zu vernehmen.
»Hast du denn Lisaweta, die Händlerin, nicht gekannt? Sie kam manchmal zu uns in die Wohnung. Sie hat dir noch ein Hemd ausgebessert.«
Raskolnikow drehte sich zur Wand um, wo er sich auf der schmutzigen gelben Tapete mit den weißen Blumen eine plum-pe weiße, mit braunen Strichen gezeichnete Blume aussuchte und anzustarren begann. Er zählte, wieviel Blütenblätter sie hatte, betrachtete die Zacken an den Blättern und zählte die Striche. Er fühlte seine Hände und Füße taub werden, als würden sie gelähmt, aber er versuchte gar nicht, sich zu rüh-ren, sondern starrte nur hartnäckig die Blume an.
»Also was ist mit dem Anstreicher?« unterbrach Sosimow mit einem seltsamen, geradezu besonderen Ärger das Ge-schwätz Nastasjas. Sie verstummte seufzend.
»Den halten sie eben für den Mörder!« erwiderte Rasumi-chin hitzig.
»Was für Beweise liegen denn vor?«
»Zum Teufel mit Beweisen! Natürlich haben sie einen Hinweis, aber der ist kein Beweis, und das müssen wir klar-stellen! Es ist haargenauso wie zu Anfang, als sie diese bei-den festnahmen und verdächtigten, wie hießen sie doch gleich ... ja, Koch und Pestrjakow. Pfui! Die ganze Sache wird ja so dumm angefaßt, daß sogar einem Außenstehenden grauen kann! Pestrjakow kommt übrigens heute vielleicht ebenfalls zu mir ... Nebenbei bemerkt, Rodja, erinnerst du dich an den Fall? Er hat sich vor deiner Erkrankung abge-spielt, gerade einen Tag, ehe du bei der Polizei in Ohnmacht fielst. Man sprach dort gerade darüber ...«
Sosimow sah Raskolnikow neugierig an, aber der rührte sich nicht.
»Weißt du was, Rasumichin? Wenn ich dich so aus der
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Nähe betrachte ... du bist doch wirklich ein unruhiger Geist«, bemerkte Sosimow.
»Mag sein, aber trotzdem werden wir ihn herausreißen!« schrie Rasumichin und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Und weißt du, was das Empörendste daran ist? Nicht daß die Leute lügen. Lügen kann man immer verzeihen; lügen ist etwas Hübsches, weil es zur Wahrheit führt. Nein, ärgerlich ist, daß sie lügen und sich noch vor den eigenen Lügen ver-beugen. Ich achte Porfirij, aber ... höre bloß, was sie zu-allererst aus der Fassung brachte. Die Tür war verschlossen; als man dann aber mit dem Hausknecht kam, war sie offen – folglich mußten Koch und Pestrjakow die Mörder gewesen sein! So sieht die Logik dieser Leute aus!«
»Reg dich nicht auf; man hat sie doch nur festgenommen; man konnte ja gar nicht anders ... Übrigens habe ich diesen Koch kennengelernt; es hat sich herausgestellt, daß er der Alten verfallene Pfandstücke abkaufte! Was sagst du dazu?«
»Ja, er ist ein Gauner! Er kauft auch Wechsel auf. Er macht höchst anrüchige Geschäfte. Aber hol ihn der Teufel! Verstehst du, worüber ich so zornig bin? Ihre altersschwache, dumme, klapprige Routine erbost mich ... Dabei müßte man, allein schon um diesen einen Fall zu klären, einen ganz neuen Weg einschlagen. Nur auf Grund der psychologischen Tat-sachen ließe sich die richtige Spur finden. ,Wir haben Fak-ten!' sagen sie. Aber Tatsachen sind nicht alles; mindestens die halbe Arbeit liegt darin, wie man mit den Tatsachen um-zugehen versteht!«
»Und verstehst du mit den Tatsachen umzugehen?«
»Ja; und ich kann doch nicht schweigen, wenn ich fühle, wenn ich geradezu mit dem Tastsinn spüre, daß ich hier hel-fen kann ... Wenn ... ach! Kennst du den Fall genau?«
»Ich warte noch immer auf den Anstreicher.«
»Ach ja! Hör zu: Genau am dritten Tag nach dem Mord, am Morgen, als sie sich noch mit Koch und Pestrjakow ab-gaben – obgleich diese über jeden ihrer Schritte Rechenschaft ablegen konnten und die Sache völlig eindeutig war! –, kam plötzlich eine höchst unerwartete Tatsache ans Licht. Ein Bauer namens Duschkin, der eine Schenke gerade gegenüber
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jenem Haus besitzt, meldet sich im Revier, bringt ein Schmuck-etui mit goldenen Ohrringen und erzählt einen ganzen Roman dazu: ,Vorgestern, etwas nach acht Uhr abends' -der Tag und die Stunde, merkst du etwas? - ,kommt ein Arbeiter zu mir, ein Anstreicher, der auch vorher schon unter-tags ein paarmal bei mir war, er heißt Nikolaj, und zeigt mir die Schachtel hier mit den goldenen Ohrringen und den Stein-chen und bittet mich, ihm darauf zwei Rubel zu borgen. Auf meine Frage, woher er das habe, erwidert er, er habe es auf dem Gehsteig gefunden. Weitere Fragen stellte ich ihm nicht', sagte Duschkin, ,sondern ich gab ihm ein Schein-chen' - also einen Rubel -, ,weil ich glaubte, wenn ich das Zeug nicht nehme, versetzt er es bei einem andern; er versäuft es ohnedies, und da soll es lieber bei mir liegen. Wenn irgend etwas aufkommt oder ein Gerede entsteht, kann ich es noch immer melden.' Natürlich war das alles nur Ge-schwätz; er lügt wie gedruckt, ich kenne diesen Duschkin; er ist selber ein Wucherer und kauft gestohlenes Gut auf; und dieses Schmuckstück im Wert von dreißig Rubel hat er dem armen Nikolaj nicht abgelistet, um dann den Fall zu melden. Er bekam einfach Angst. Nun ja, zum Teufel mit ihm, hör also, was er weiter sagte: ,Und diesen Bauern Nikolaj De-mentjew kenne ich seit meiner Kindheit; er kommt aus dem gleichen Kreis unseres Gouvernements wie ich, aus Sarajsk, wir sind beide Rjasaner. Nikolaj ist zwar kein Säufer, aber er trinkt; und mir war bekannt, daß er in ebendiesem Haus gemeinsam mit Dmitrij arbeitete und die Zimmer ausmalte ... auch Dmitrij ist aus derselben Gegend. Er bekam also einen Rubel, ließ ihn gleich wechseln, trank hintereinander zwei Gläschen, steckte das Wechselgeld ein und ging weg; Dmitrij aber war nicht bei ihm. Und am nächsten Tag hörten wir, daß Aljona Iwanowna und ihre Schwester Lisaweta Iwanow-na mit dem Beil erschlagen worden waren. Ich kannte die beiden Frauen, und da kamen mir Zweifel wegen der Ohr-ringe - denn mir war bekannt, daß die Gottselige Wertsachen belieh. Da ging ich hinüber in ihr Haus und hielt vorsichtig und behutsam Umschau, und zuallererst fragte ich: >Ist Nikolaj hier?< Da erzählte mir Dmitrij, daß Nikolaj die Nacht