Выбрать главу
- 176 -

durchgebummelt habe, beim Morgengrauen betrunken nach Hause gekommen, ungefähr zehn Minuten geblieben und dann wieder weggegangen sei. Dmitrij hatte ihn seither nicht mehr gesehen und machte die Arbeit allein fertig. Sie arbei-ten nämlich im Treppenhaus der Ermordeten im zweiten Stock. Ich hörte mir das alles an, sagte aber niemandem et-was', erzählte Duschkin weiter, ,und suchte nur soviel wie möglich über den Mord herauszubekommen. Dann ging ich heim; noch immer war ich im Zweifel. Und heute mor-gen um acht Uhr' - das heißt am dritten Tag, verstehst du? - ,sah ich, wie Nikolaj zu mir hereinkam, nicht nüch-tern, aber auch nicht sehr betrunken, so daß er verstehen konnte, was man zu ihm sagte. Er setzte sich auf die Bank und sprach kein Wort. Außer ihm war zu der Zeit nur noch ein Fremder in der Schenke, und ein zweiter Mann, ein Be-kannter von mir, schlief auf der Bank, und ferner waren noch zwei von meinen Jungen da. >Hast du Dmitrij gesehen?< fragte ich. >Nein<, antwortete er, >ich habe ihn nicht gesehen.< - >Und wo hast du heute übernachtet?< - >Im Peskij-Viertels sagte er, >bei den Leuten aus Kolomna. < - >Und wo hast du damals die Ohrringe gefunden?< - >Auf dem Gehsteig.< Und er sagte das so, als schämte er sich, und sah mir nicht in die Augen. - >Und hast du gehört<, fragte ich weiter, >was an demselben Abend zu derselben Stunde in demselben Treppenhaus geschehen ist?< - >Nein<, sagte er, >ich habe es nicht ge-hört.« Ich erzählte es ihm, und er riß die Augen auf und wurde plötzlich weiß wie Kreide. Während ich erzählte, sah ich ihn an, und auf einmal nahm er seine Mütze und stand auf. Da wollte ich ihn zurückhalten. >Warte, Nikolaj<, sagte ich, >willst du denn nichts trinken?« Und ich blinzelte meinem Burschen zu, er solle die Tür zuhalten, und kam selber hinter dem Schanktisch hervor; doch da rannte er plötzlich aus der Schenke und auf die Straße hinaus und lief Hals über Kopf in eine Seitengasse, so daß ich ihn aus den Augen verlor. Da hatte ich keinen Zweifel mehr; er ist der Schuldige, es kann nicht anders sein ...'«

»Freilich! ...« meinte Sosimow.

»Halt! hör doch bis zu Ende! Natürlich suchte man jetzt

- 177 -

eifrig nach Nikolaj; Duschkin wurde festgenommen, und sie veranstalteten eine Haussuchung bei ihm. Auch Dmitrij nahmen sie fest; sie prüften die Leute aus Kolomna auf Herz und Nieren – und erst vorgestern machten sie plötzlich Nikolaj ausfindig; sie nahmen ihn beim N.-Schlagbaum in einem Gasthof fest. Er war dorthin gekommen, hatte ein sil-bernes Kreuz von seinem Hals genommen und gebeten, daß man ihm ein Glas Schnaps dafür gebe. Er bekam es. Wenige Minuten darauf ging ein Weib in den Kuhstall und sah durch einen Spalt, wie er nebenan in der Scheune seinen Gürtel an einen Balken geknüpft und eine Schlinge gemacht hatte; er stieg auf einen Holzklotz und wollte sich die Schlinge um den Hals legen; das Weib erhob ein Zetergeschrei, und da lie-fen die Leute zusammen. ,So einer bist du also!' – ,Führt mich in das und das Revier', sagte er, ,ich will alles ge-stehen.' Man brachte ihn also mit den gebührenden Ehren in jenes Revier, das heißt in unseres. Da nahm man ihn ins Kreuzverhör, wer er sei, wie alt – zweiundzwanzig – und so weiter und so fort. Man fragte: ,Als ihr, du und Dmi-trij, bei der Arbeit wart, habt ihr da zu dieser und jener Stunde jemanden auf der Treppe gesehen?' Die Antwort lautete: ,Natürlich sind Leute vorbeigekommen, aber wir haben nicht darauf geachtet.' – ,Und habt ihr nichts gehört, Lärm oder dergleichen?' – ,Wir haben nichts Besonderes ge-hört.' – ,Und wußtest du, Nikolaj, daß an ebendiesem Tag und zu ebendieser Stunde eine Witwe namens Soundso und ihre Schwester ermordet und beraubt worden sind?' – ,Ich weiß von nichts; ich weiß überhaupt nichts. Zum erstenmal hörte ich drei Tage später von Afanasij Pawlytsch in der Schenke davon.' – ,Und woher hast du die Ohrringe?' – ,Auf dem Gehsteig gefunden.' – ,Warum bist du am nächsten Tag nicht zur Arbeit gekommen?' – ,Weil ich die Nacht über ge-bummelt habe.' – ,Und wo hast du gebummelt?' – ,Dort und dort.' – ,Warum bist du vor Duschkin davongelaufen?' – ,Weil ich damals große Angst hatte.' – ,Wovor hattest du Angst?' – ,Daß man mich einsperren würde.' – ,Wie konntest du davor Angst haben, wenn du dich ganz unschuldig fühl-test?' ... Tatsächlich, ob du es mir glaubst oder nicht, Sosi-

- 178 -

mow, diese Frage wurde ihm gestellt, wortwörtlich, ich weiß das ganz sicher; man hat es mir genau wiedererzählt! Was sagst du dazu? Was sagst du dazu?«

»Aber es liegen doch immerhin Beweise vor.« »Ich spreche jetzt nicht von den Beweisen; ich spreche von dieser Frage, davon, wie die Leute von der Polizei ihre Arbeit auffassen! Ach, der Teufel soll sie holen! ... Und sie bedrängten ihn, nahmen ihn in die Zange und kniffen ihn, und da gestand er, daß er die Ohrringe nicht auf dem Geh-steig gefunden habe, sondern in der Wohnung, in der er und Dmitrij die Wände strichen. ,Wie das?' – ,Das war so: wir beide malten den ganzen Tag bis acht Uhr und wollten schon weggehen, und da nahm Dmitrij den Pinsel und schmierte mir rote Farbe ins Gesicht. Er bemalte mir also die Fresse mit roter Farbe und lief davon, und ich rannte ihm nach. Und da rannte ich ihm nach und schrie aus Leibeskräften, und als ich von der Treppe in die Toreinfahrt lief, prallte ich mit vollem Schwung auf den Hausknecht und auf ein paar Her-ren, aber wie viele Herren es waren, weiß ich nicht mehr. Der Hausknecht beschimpfte mich, und auch ein anderer Hausknecht schimpfte, und die Frau des Hausknechts kam heraus und beschimpfte mich ebenfalls, und ein Herr trat gerade mit einer Dame durchs Tor und beschimpfte uns gleich-falls, denn Mitka und ich lagen quer über dem Weg; ich hatte Mitka bei den Haaren gepackt und zu Boden gerissen und bearbeitete ihn mit den Fäusten, und auch Mitka, der unter mir lag, zog mich an den Haaren und drosch mit den Fäusten auf mich ein, aber wir taten das nicht im Bösen, sondern in aller Freundschaft, nur so zum Spaß. Und dann machte sich Mitka frei und lief auf die Straße, und ich rannte hinter ihm her, aber ich holte ihn nicht ein und ging allein in die Wohnung zurück, weil ich dort unsere Sachen noch wegräumen mußte. Ich räumte also auf und wartete, ob Dmitrij vielleicht zurückkäme. Aber hinter der Wand im Flur, fast in der Ecke, fand ich dieses Kästchen. Ich sah hin, und da lag es, in Papier eingewickelt. Ich wickelte es aus und sah zwei winzige Häkchen, und diese Häkchen schob ich zurück – und da lagen Ohrringe in dem Kästchen.'«

- 179 -

»Hinter der Tür? Hinter der Tür lagen sie? Hinter der Tür?« rief Raskolnikow plötzlich, blickte mit trüben, er-schreckten Augen zu Rasumichin hin und richtete sich halb auf, indem er sich mit dem Arm aufstützte.

»Ja ... und? Was hast du denn? was willst du?« Auch Rasumichin hatte sich ein wenig von seinem Platz erhoben.

»Ach, nichts! ...« antwortete Raskolnikow leise, sank zu-rück auf das Kissen und drehte sich abermals zur Wand. Alle schwiegen eine Weile.